01. Wachsende Sehnsucht

von Andrea

Hätte ich nicht im letzten Moment gekniffen, wäre ich schon nach dem Abitur 1991 mit Zelt in Norwegen und Schweden wandern gegangen. Aber der Freund, der mich mitnehmen wollte, meinte, das Mädel solle doch besser vorher mal trainieren und scheuchte mich mit einem mit Tomatendosen prall gefüllten Rucksack durch den Vorort von Hamburg, in dem wir lebten. Da der Rucksack – der eigentlich seinem Bruder gehörte – mir in keinster Weise passte, hatte ich hinterher blau-rote Hüften, die so sehr schmerzen, dass ich tagelang keine Jeans anziehen konnte. Der Freund fuhr allein nach Norwegen. Meine Sehnsucht wurde gut verpackt und irgendwo in einer Ecke verstaut … für viele Jahre.

Es war im Juni 2007 als Ole und ich im Urlaub mit dem Auto durch Schweden und Norwegen fuhren und mit jedem Kilometer gen Norden die Welt um uns herum mehr genossen. In dem kleinen Ort Abisko – etwa 200 Kilometer nördlich des Polarkreises und kurz bevor es in Schweden nicht mehr weiter nach Norden geht – machten wir uns auf die Suche nach dem wohl bekanntesten Weitwanderweg Skandinaviens, dem Kungsleden, der in Abisko endet. Und stellten uns dabei unvorstellbar dämlich an. Rutschten durch Matsch und stolperten durch Unterholz bei dem Versuch, kleinere Überschwemmungsflächen zu umgehen. Juni ist halt etwas früh im Jahr für den Kungsleden. Da ist der Schnee zwar so gerade eben weg, aber das Wasser, das er dabei zurücklässt, noch lange nicht. Aber das wussten wir noch nicht. Wir wussten so gut wie gar nichts.

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Wir fanden den Weg schließlich, stießen irgendwie quer von der Seite drauf und folgten ihm ganz glücklich ein Stück weit. Schon nach kurzer Zeit überholte (!) uns ein Pärchen. Beide hatten bis über ihre Köpfe gepackte riesige Rucksäcke auf den Rücken. Sie müssten eigentlich gespürt haben, mit welcher Intensität wir ihnen hinterher starrten. Voller Neugier. Und voller Sehnsucht, es ihnen gleichzutun und tagelang durch diese Landschaft zu laufen.

Und als zwei Großstadtkinder waren wir doch viel zu schissig. Das war ja quasi Wildnis. Was da alles passieren konnte! Nicht auszudenken …

Auf dem Weg zurück zum Auto fanden wir dann auch das hölzerne Tor, das das Ende des Kungsleden in Abisko markiert. Und nahmen Bilder mit, die sich in unseren Köpfen einnisteten … von dem Pärchen mit den riesigen Rucksäcken und vom dem hölzernen Tor.

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