02. Erste Schritte

von Andrea

Im Februar 2009 stieß ich in einer Zeitschrift zufällig auf einen Artikel über den Fjällräven Classic. Ein so genanntes Trekking Event. Zynisch betrachtet eine als Rennen organisierte Massenveranstaltung im hohen Norden. Also – bis auf den hohen Norden – eigentlich gar nichts für uns. Pragmatisch betrachtet unsere Brücke zu unserer ersten richtigen Weitwanderung mit Zelt und so. Denn mit Checkpoints alle 20 Kilometer (von wegen Rennen und Stempel abholen) und zweitausend Menschen um uns herum konnten auch zwei Stadtkinder wie wir kaum in der „Wildnis“ verloren gehen, oder? Also haben wir uns mal angemeldet für den Sommer.

Und nach der Anmeldung begann die Vorbereitung. Als guter Kopfmensch und eingefleischter Risikomanager quasi gleich am Tag danach zunächst mal mit einem Buch über Outdoor Praxis. Ein Buch könne keine Erfahrung vermitteln, stand dort, die müsse man schon selber sammeln, aber es könne vielleicht verhindern, dass das eigene Sammeln gleich zu Beginn fatal endet. Ach so, na gut.

Dann pilgerten wir wochenlang immer wieder zu unserem Lieblings-Ausrüster in Hamburg. Äh … also zugegeben … ich pilgerte wochenlang immer wieder und Ole kam ab und zu mal mit, um die offensichtlichen Notwendigkeiten zu erstehen. Zum Glück konnten wir uns ein Budget erlauben, bei dem hinsichtlich Rucksack, Zelt, Isomatte, Schlafsack und Regenkleidung kein Wunsch offen bleiben musste. Wir sollten später unterwegs sehr dankbar sein für ein Zelt, das auch bei Regen und Sturm stabil stand und nicht fröhlich das Wasser durch Nähte und Reißverschlüsse hereinließ, für warme und bequeme Isomatten, für Schlafsäcke, in denen an Frieren nicht mal zu denken war und für Regenkleidung, die einen tatsächlich trocken hielt (von wegen Nähte und Reißverschlüsse und so).

Ich habe sogar zum ersten Mal im Leben auf etwas trainiert. Nein, nicht mit einem Rucksack voller Tomatendosen. Dafür mit viel Spaß. Die 30 Kilometer zu Fuß bei starken Wind rund um Nordstrand waren echt nicht ohne. Und auch die 80 Kilometer durch den Harz mit vollem Gepäck in vier Tagen haben uns gut ins Schwitzen gebracht. Allerdings kann man auf den ebenen und gut gepflegten Wanderwegen in Deutschlands Norden nicht ernsthaft für die unebenen Trampelfade in Lappland trainieren. Das sind eher Stolperfallen als Wege. Aber das begriffen wir erst später.

Allein die 6 Monate Vorbereitung haben uns einen solchen Spaß gemacht, dass wir sie nicht missen möchten. Und ein lustiger Nebeneffekt war, das wir das Gefühl hatten, dass wir den Fjällräven Classic als Sicherheitsnetz eigentlich gar nicht mehr brauchten. Mittlerweile wären wir auch allein losgegangen.

Als es im August endlich losging, begriff ich erstmal gar nichts und als ich es dann begriff, musste ich am Start erstmal weinen.

Danach konnte ich genießen.

holz15_2009-08-lappland-03

Und fluchen. Und die Mücken hassen, jede einzelne. Panisch den ersten Zeltplatz suchen. „Meinst Du, das geht hier?“ „Oder doch eher da drüben?“ „Oder vielleicht …?“ Mit zunehmender Erschöpfung über jeden zweiten Stein stolpern und sie alle einzeln zum Teufel wünschen. Über meine Füße, Hüften und Schultern jammern. Mich anfangs furchbar anstellen angesichts der Tatsache, dass es da draußen nun mal kein WC gibt. Und jeden Abend mit einem Gefühl tiefen Glücks im Schlafsack liegen um dann zu schlafen wie ein Stein.

Nach viereinhalb Tagen standen wir unter dem hölzernen Tor des Kungsleden in Abisko. Äußerlich eher fertig als freudestrahlend. Innerlich voll Zufriedenheit.

cimg0626

Und als wir die Fjellstation erreichten, an der gerade die Fjällräven Classic Party gefeiert wurd und alle klatschten als wir ankamen, flossen bei uns beiden Tränen. Nach einer Dusche klatschten wir den Rest des Abends ebenfalls enthusiastisch für jeden weiteren Ankömmling. Dabei gehörten wir eher zu den Schnecken. Die schnellsten hatten für die etwa 110 Kilometer weniger als 12 Stunden gebraucht, sehr viele immerhin noch weniger als 24 Stunden. Aber darauf kam es uns nicht an. Wir hatten es geschafft und platzten vor Stolz.

Dann widmeten wir uns 24 Stunden lang ausführlich den Themen Essen und Schlafen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s