03. Grundstein für den E1

von Andrea

Im August 2009, gleich nach dem Fjällräven Classic, wurde der Grundstein für unsere jetzt in 2017 geplante Tour auf dem E1 in Skandinavien gelegt. Die Geschichte ist ein kleines bisschen länger …

Wir mussten ja ab und zu mal übertreiben, das war nix Neues. Da wir das schon wussten, hatten wir uns vorgenommen, wachsam zu bleiben. „Lass uns das wirklich abwägen.“ „Ja.“ „Und die Entscheidung explizit treffen, nicht so reinrutschen.“ „Ja.“ „Der Nordkalottleden ist eine andere Hausnummer als der Fjällräven Classic.“ „Ja.“ Wir waren uns einig. Nichts überstürzen. Wir konnten auch ein anderes Mal wiederkommen.

Von unseren drei Wochen Urlaub waren nach dem Fjällräven Classic noch zwei Wochen übrig. Wir hatten vorher bewusst noch nicht entschieden, was wir mit diesen zwei Wochen machen würden. Zur Auswahl stand, gemütlich mit einem Mietwagen herumzukurven. Oder Reha in einem Verwöhn-Hotel. Oder 180 Kilometer auf dem Nordkalottleden von Kilpisjärvi nach Abisko laufen. Kilpisjärvi lag in Finnland, der überwiegende Teil des Weges in Norwegen, erst die letzten Kilometer kurz vor Abisko lagen wieder in Schweden. Entschieden war nur, dass wir die Entscheidung bitte bewusst treffen und nicht blauäugig Richtung Nordkalottleden stolpern wollten. So viel zur Theorie.

Schon am ersten Tag nach dem Fjällräven Classic flog beim Blick auf den Torneträsk – den großen See bei Abisko – alle Theorie über Bord. Es gab nichts abzuwägen und nichts zu entscheiden. Nach dem Frühstück begannen wir mit der Recherche, wie wir von Abisko nach Kilpisjärvi kommen würden.

Das gestaltete sich allerdings schwieriger als erwartet. Niemand in der Abisko Fjällstation konnte uns zu dem speziellen Abschnitt des Nordkalottleden etwas sagen. Schon gar nicht zur Anreise nach Kilpisjärvi. Und entweder waren wir zu blöd, die Fahrpläne der Busse zu verstehen, oder die Fahrt mit dem Bus hätte für die 300 Kilometer 2 Tage gedauert, weil man beim Umsteigen einmal übernachten musste. Am Ende lösten wir das Problem mit roher Gewalt, wir fuhren mit dem Taxi. Wir beruhigten uns damit, dass Reha in einem Verwöhn-Hotel noch deutlich teurer gewesen wäre.

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Dass die Strecke von Kilpisjärvi nach Abisko tatsächlich eine ganz andere Hausnummer werden würde als der Fjällräven Classic, wurde schon beim Packen der Rucksäcke klar. Wir rechneten mit 10 bis 11 Wandertagen. Bei gut einem Kilogramm Lebensmittel pro Tag für uns beide standen wir vor der Aufgabe, zusätzlich zwölf Kilogramm Lebensmittel in unseren eigentlich schon recht vollen Rucksäcken unterzubringen. Ole schulterte am ersten Tag 25 Kilogramm, ich immerhin noch 20. Als ich gleich zu Beginn auf einer nassen Holzplanke ausrutschte und in den Matsch kippte, blieb ich wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. Ich konnte mich weder allein von dem Monstrum auf meinem Rücken befreien noch aus eigener Kraft aufstehen. Zum Glück rettete Ole mich sofort und dachte erst danach daran, wie cool ein Foto gewesen wäre.

Wir hatten mehrere kleinere Pässe zu überqueren und dadurch viel mehr Höhenmeter zu überwinden als beim Fjällräven Classic. Das waren zwar immer noch weniger Höhenmeter als bei einer durchschnittlichen Tagestour in den Alpen, aber da habe ich auch nicht 20 Kilogramm auf dem Buckel. Weiterhin hatte auf dem Nordkalottleden bei weitem nicht jeder Fluss eine Brücke. Das Suchen einer gangbaren Furt und das Durchqueren von etwa 4 Grad kaltem Wasser in Sandalen wird nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören. Es dauerte manchmal Stunden, bis die Füße hinterher wieder warm waren. Darüber hinaus hatten wir Mitte August eine Art Wintereinbruch. Hatten wir am Anfang des Fjällräven Classic tagsüber noch 20 Grad gehabt, waren wir jetzt bei 5 Grad angekommen. Eine Nacht und einen halben Tag lang schneite es.

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Einerseits mussten wir angesichts des schweren Gepäcks regelmäßig Pausen machen, andererseits fingen wir bei jeder Pause schnell an zu frieren.

Ole erkältete sich und verbrachte einen halben Tag mit glühendem Kopf und tropfender Nase im Zelt, bevor er sich zur nächsten Hütte schleppte. Die Hütten waren zwar urgemütlich, aber komplette Selbstversorgerhütten, die man mit einem Standardschlüssel, den wir in Abisko bekommen hatten, selber aufschließen musste. Einen solarbetriebenen Notfallfunk wie auf den schwedischen Hütten gab es dort nicht. Ein Handynetz gab es unterwegs natürlich erstrecht nicht.

Wir fühlten uns sehr klein. Mehr als einmal dachten wir darüber ab, die Tour abzubrechen, uns irgendwie quer zur nächsten Straße durchzuschlagen. Wir hatten mal wieder übertrieben, das war zu groß für uns. Und doch durften wir noch an vielen Abenden in unseren kuscheligen Schlafsäcken ein tiefes Glücksgefühl genießen. So wurden wir unterwegs mit jedem Tag ein bisschen größer und gingen immer weiter.

Ungefähr auf der Hälfte der Strecke trafen wir ein älteres norwegisches Paar. Da wir jetzt nicht mehr zusammen mit zweitausend anderen Verrückten unterwegs waren, sondern vielleicht mal alle 24 Stunden andere Wanderer trafen, freuten wir uns über jede Begegnung und tauschten uns sofort über die Länge und Beschaffenheit des Weges bis zur nächsten Hütte und die zu überquerenden Flüsse aus. Da erfuhren wir, dass die beiden seit 13 Wochen unterwegs waren. Sie waren am Kap Lindesnes gestartet und durchquerten Norwegen der Länge nach … bis zum Nordkapp. Sie hätten so viele Flüsse durchwatet, dass es ihnen mittlerweile egal sei, ob es eine Brücke gebe oder nicht und Etappen bis zu 35 Kilometer am Tag seien gar kein Problem mehr.

In Gedanken verbeugten wir uns tief vor den beiden. Mehrmals. Als wir weitergingen sagte ich zu Ole, dass ich das in meinem Leben auch mal machen wolle. Er nickte. Damit fing es an …

Nach 10 Tage erreichten wir die Nordseite des Torneträsk.

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Am 11. Tag mittags kamen wir schließlich wieder in Abisko an.

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