10. Zoll-Drama

von Andrea

Eine unserer Päckchen-Stationen in Norwegen hatte uns darum gebeten sicherzustellen, dass wir den Zoll für das an sie gesendete Päckchen bezahlen, weil sie das nicht für uns übernehmen wollten. „Danke für die Warnung“, konnten wir da nur sagen. Das Thema hatten wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht auf dem Zettel gehabt. Und natürlich wollten wir nicht, dass jemand anderes mögliche Zahlungen für uns auslegen muss. Das ließ sich in unserer globalisierten Welt doch bestimmt leicht organisieren, oder?!

Ganze zwei Monate haben wir – allein bisher – mit diesem hübschen Thema gekämpft. Und dabei festgestellt, dass es nicht nur um das Bezahlen von Zoll geht. Vielmehr wurde das Thema quasi täglich vielfältiger und bunter.

Eine erste Recherche beim norwegischen Zoll selber ergab zunächst mal, dass unser Fall natürlich nirgends beschrieben ist. Warum sollte er auch? Wer schickt schon etwas an Dritte in ein anderes Land, was aber doch für ihn selber bestimmt ist?

Also, wenn ich nach Norwegen einreise, darf ich insgesamt 10 Kilogramm Fleisch und Fleischwaren, Käse und Futtermittel mitbringen, sofern diese aus Staaten des EWR stammen. Auch darf ich persönliche Gegenstände und Reiseartikel einführen, die ich vorher bei der Ausreise aus Norwegen mitgenommen habe. Hhhmmm, und wenn ich vorher gar nicht aus Norwegen ausgereist bin?

Falls ich außerhalb von Norwegen gelebt habe und nach Norwegen umziehe, darf ich den größten Teil meines Umzugsgutes zollfrei einführen. Klingt gut, hilft uns aber auch nicht. Für ein Geschenk an jemanden in Norwegen bräuchten wir bis zu einem Betrag von 1.000 NOK ebenfalls keinen Zoll zu bezahlen. Bei einem Kurs zum Euro von ganz grob 1 zu 10 kommen wir damit nur leider nicht weit. Und außerdem ist es ja auch kein Geschenk an jemand anderen.

Da habe ich dann einfach mal an den norwegischen Zoll geschrieben und gefragt, wie das so ist in unserem Fall und was wir machen müssen, damit möglicher Zoll auf jeden Fall von uns bezahlt wird und nicht vom Empfänger eines Päckchens. Ich habe auch eine sehr nette Antwort bekommen. Diese enthielt den Hinweis, dass die Zollgrenze für Online-Shopping bei 350 NOK liegt (nein, auch dieser Fall passt nicht für uns). Darüber hinaus verwies der norwegische Zoll uns auf unseren „shipping service“ um zu klären, ob Absender oder Empfänger den Zoll bezahlt. Guter Punkt, vielleicht sollten wir mal bei DHL und Co. nachfragen.

Die Suche im Internet bei DHL und Co. brachte mal rein gar keine Erkenntnisse. Wir mussten mit jemandem sprechen. Irgendeiner Intuition folgend riefen wir nicht zuerst bei DHL an, sondern bei UPS. Nachdem wir alle Hürden des Sprachcomputers erfolgreich gemeistert hatten, sagte uns eine freundliche Dame, dass Kunden von UPS mit entsprechender Kundennummer beim Versand eines Paketes angeben können, dass der Absender alle Kosten inklusive Zoll tragen soll. Ha! War doch gar nicht so schwierig … dachten wir.

Eine telefonische Nachfrage bei DHL ergab die unwirsche Antwort, dass den Zoll immer der Empfänger zahle, etwas anderes sei gar nicht möglich. Auf unseren Einwand hin, dass das bei UPS aber möglich sei, durften wir eine Weile netter Musik lauschen, um dann – weiterhin unwirsch – informiert zu werden, dass sie noch mal nachgefragt habe und dass es nicht möglich sei, dass der Absender den Zoll zahle – PUNKT. Aha. Sie hätte uns ja noch als möglichen künftigen DHL Kunden halten können, wenn sie wenigstens offen zugegeben hätte, dass das lediglich bei DHL nicht möglich ist, aber gut. Konnte uns ja egal sein, denn dank UPS hatten wir ja eine Lösung … dachten wir.

Bei ein wenig Herumsuchen auf der Internetseite von UPS wurde schnell klar, dass es mit einer Kundennummer und der Angabe, dass wir alle Kosten inklusive Zoll zahlen wollten, nicht getan sein würde. Es mussten umfangreiche Zollpapiere ausgefüllt werden. Eigentlich auch nicht wirklich überraschend, da der Zoll ja sonst gar nicht wissen kann, ob ein Paket Lebensmittel enthält, ob diese aus dem EWR stammen und was der ganze Kram so wert ist.

Ich war trotzdem verschreckt und als guter Kopfmensch wollte ich dazu bitte so eine Art Ausfüllhilfe. Also schrieb ich an den Kundenservice von UPS, erklärte kurz unser Vorhaben und was wir verschicken wollen und dass wir damit nicht in den Standard passen und fragte, wie die Unterlagen denn in unserem Fall auszufüllen seien.

Zuversichtlich warteten wir auf die Antwort, die dann schlicht lautete, die Einfuhr von Lebensmitteln nach Norwegen sei für Privatpersonen verboten. Ich muss ziemlich doof aus der Wäsche geschaut haben. Ich habe sicher auch weiter als bis 20 gezählt, bevor ich der Dame von UPS den Link zu den norwegischen Zollbestimmungen geschickt habe, laut denen die Einfuhr von Lebensmitteln aus dem EWR für Privatpersonen nicht verboten ist, und um Erklärung gebeten habe. Nach der nun folgenden Antwort – auf die wir mehrere Tage warten durften – landete auch UPS auf meiner persönlichen schwarzen Liste. Die Antwort lautete nämlich, dass es wegen Kontrollen der Gesundheitsbehörden bei der Einfuhr von Lebensmitteln zu Verzögerungen kommen könne – also jetzt kein Wort mehr von Verbot – und dass darüber hinaus aber die Einfuhr von persönlichen Gegenständen nach Norwegen gar nicht erlaubt sei. Wie genau sind denn nun bitte persönliche Gegenstände im Sinne des Zolls definiert? Einreise nach Norwegen nur noch nackt? Dazu stand in der E-Mail von UPS natürlich nichts.

Ich durfte dann noch an einer Kundenbefragung von UPS teilnehmen, ob ich denn mit dem Kundenservice zufrieden sei. Äh, welcher Kundenservice? Schwerer Fehler von UPS, mich das zu fragen.

Von irgendjemandem kam der Vorschlag, wir könnten unsere Trekking-Gerichte doch direkt vom Online-Shop, bei dem wir sie bestellten, an die Päckchen-Stationen nach Norwegen schicken lassen. Äh, und die Wanderkarten, die bei uns zu Hause liegen und auch in die Päckchen müssen? Schokolade? Teebeutel? Mal neue Zahncreme und so? Egal. Eine Lösung für die wesentlichen Lebensmittel zu haben, wäre schon ein großer Schritt.

Also bei allen möglichen Online-Shops, die auch Trekking-Gerichte anbieten, ausprobiert, ob man eine Lieferadresse in Norwegen eingeben kann. Überwiegend eher mal nicht. In der Regel muss die Lieferadresse in Deutschland liegen bzw. in dem Land, in dem der Besteller lebt. Zwei mal schöpften wir Hoffnung. Einmal davon konnten wir bei den Waren sogar eine Gaskartusche auswählen und immer noch eine Lieferadresse in Norwegen angeben. Aber mittlerweile waren wir ja misstrauisch. Eine Nachfrage bei den Shops direkt ergab dann auch, dass in dem einen Fall eine Lieferung nach Norwegen gar nicht möglich war und dass dies in dem anderen Fall – zumindest ohne die Gaskartusche – zwar möglich wäre, dass dann aber der Empfänger den Zoll bezahlen müsste. Grmpf.

So langsam aber sicher kratzte das Thema an unserer guten Laune und an unserer Vorfreude. Nach Oslo fliegen, alles dort kaufen, die Päckchen dort packen und dann innerhalb Norwegens verschicken? Das würde unser letzter Notfallplan sein. Angenehm wäre das sicher nicht, mehr Ruhe hätten wir, wenn wir die Päckchen zu Hause packen könnten. Aber auch eine Kollegin von Ole in Oslo schlug nach einem längeren Telefonat zu dem Thema eine Reise nach Norwegen und die Versendung der Päckchen innerhalb des Landes als den sichersten Weg vor … was uns wenig Mut machte.

Es musste doch irgendwie anders gehen in einer angeblich globalisierten Welt … verdammt noch mal!

Welche Kürzel stehen denn noch so auf all den Lieferwagen, die ständig mit Warnblinker unsere Straßen blockieren? FedEx? Die hatten wir noch nicht, oder? (Und bei einem Absturz des Fliegers könnte sich Tom Hanks auf seiner einsamen Insel mit dem Inhalt unserer Päckchen wenigstens eine Weile ernähren.)

Ein Anruf bei FedEx brachte dieselbe Antwort wie der erste Anruf bei UPS: Mit einer Kundennummer von FedEx könnten wir angeben, dass wir als Absender alle Kosten inklusive Zoll zahlen würden. Im Unterschied zu UPS war bei FedEx – zumindest gemäß telefonischer Auskunft – zum Glück weder die Einfuhr von Lebensmitteln noch von persönlichen Gegenständen nach Norwegen verboten. Hoffnung?

Also bei FedEx eine Kundennummer beantragt und mal probeweise versucht, im Internet die notwendigen Papiere für einen Versand auszufüllen. Dabei auf verschiedene Fragen gestoßen und auf Angaben, die wir (noch) nicht hatten, wie zum Beispiel das Herstellungsland aller Waren sowie die jeweilige Zolltarifnummer. Parallel einen großen Schwung Trekking-Gerichte im Internet bestellt (vorerst mal 194 Stück) und nach Hause liefern lassen. Und die verschiedenen Hersteller der Trekking-Gerichte angeschrieben und nach Herstellungsland sowie Zolltarifnummer gefragt. Alle weiteren Dinge für das erste Päckchen besorgt wie Teebeutel, Schokolade, Mehl für das Backen von Fladenbrot unterwegs, haltbaren Brotaufstrich, Trockenobst, Nüsse, kleine Tuben Zahncreme, Outdoor-Seife und noch sehr, sehr viel mehr.

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Der Plan war, am ersten Wochenende im März ein einziges Päckchen zu packen und abzuschicken. Sozusagen als Test. Danach würden wir weitersehen.

Am Mittwoch vor der geplanten Aktion habe ich noch mal bei FedEx angerufen, weil ich Fragen zum Ausfüllen der Unterlagen hatte. Was ich zum Beispiel machen muss, wenn ich eine Adresse ohne Straßennamen habe, da der Straßenname im Formular im Internet zwingend ausgefüllt werden muss. Die Dame bei FedEx meinte, einen solchen Fall hätte sie noch nie gehabt, schließlich enthalte ja wohl jede Adresse auch einen Straßennamen. Auf meine Erläuterung hin, dass einige Adressaten so einsam lägen, dass sie als Adresse eben nur eine Postleitzahl und einen Ort hätten, ließ sie mich mit ihrer Antwort langsam von meinem Stuhl rutschen. Sie sagte, dass in einem solchen Fall erstmal geprüft werden müsse, ob FedEx dorthin überhaupt liefere, denn FedEx würde ja nun schließlich nicht überallhin liefern. Zu mehr als Schweigen war ich daraufhin nicht in der Lage. Als sie fragte, ob ich noch dran sei, konnte ich immerhin zwischen zusammengepressten Zähnen die Frage hervorbringen, wie man das denn prüfen könne. Daraufhin schickte ich dann die Postleitzahlen unserer Päckchen-Stationen an FedEx. Die immerhin schnelle Antwort ergab, dass FedEx nur an eine unserer Station nicht liefern würde. Was die nun ausgerechnet gegen Umbukta haben, ist mir allerdings nicht klar, da liegen andere eher noch einsamer. Aber es war immerhin nur eine Station, die FedEx nicht anfahren würde. Puh … na für die eine Station würden wir irgendwie noch eine andere Lösung finden.

Und dann verbrachten wir am 5. März sieben (!) Stunden damit, das eine einzelne Päckchen vorzubereiten.

Es begann damit, dass wir zunächst alle Waren einzeln wiegen durften (Trekking-Gerichte, Trockenobst, Nüsse, Teebeutel, Tüten mit heißer Schokolade, Zahncreme, Taschentücher, Toilettenpapier, …). Dann versuchten wir noch, das jeweilige Herstellungsland in Erfahrung zu bringen. Auf mehreren Packungen stand das gleich mal gar nicht drauf. Und wo sind Pistazien hergestellt? Cashewnüsse? Getrocknete Mangos? In dem Land, in dem sie angebaut werden oder dort, wo sie verpackt werden? Iran, Vietnam, Burkina Faso? Oder Deutschland? Hhhmm, Iran sieht auf einer Liste beim Zoll vermutlich ziemlich blöd aus – ist zumindest mal nicht EWR. Auch wenn es ja andererseits weder um Fleisch noch um ein Milchprodukt geht. Und wie glaubwürdig wären Pistazien, Cashewnüsse und Mangos aus Deutschland?

Ole kämpfte derweil schon tapfer mit der Eingabemaske von FedEx im Internet. Für jeden einzelnen Artikel möchte das System Gewicht, Preis, Herkunftsland und Anzahl wissen. Und gern auch die Zolltarifnummer, was aber immerhin kein Pflichtfeld ist. Nach einem bereits mehrstündigen Kampf mit dem System verkündete uns dieses gleichgültig in schnöder roter Schrift, dass die Eingabe auf 20 Waren beschränkt sei. (In der Erläuterung steht 99!) Da hatten wir von den um uns herum verstreuten Dingen vielleicht gerade mal ein Drittel eingegeben.

Schnaps? Viel Schnaps? Am Sonntagmittag? Wir beschränkten uns auf Cappuccino und Kuchen zur Beruhigung der Nerven.

Nach einer Runde Verzweiflung fassten wir die Waren in Gruppen zusammen. Das löste auch das „Iran-Problem“. In der Liste standen jetzt schlicht Nüsse und Trockenobst und die kamen bitte aus Deutschland. Was zumindest für die getrockneten Äpfel ja auch stimmte. So ganz korrekt war einiges nun aber leider nicht mehr ausgefüllt.

Nach sieben Stunde klebten wir das Paket endlich zu und druckten die Zollpapiere in dreifacher Ausfertigung aus. Na ja, “zukleben” ist vielleicht etwas untertrieben. Vielmehr verwandelten wir das Paket in eine Klebeband-Mumie. Es musste schließlich unbedingt verhindert werden, dass das Paket möglicher Weise unbeschadet alle Tücken der Bürokratie am Flughafen überstand, um sich dann beim weiteren Transport in Norwegen irgendwie aufzulösen und seinen für uns so wertvollen Inhalt über halb Norwegen zu verstreuen.

Sehr schön war auch die mangelnde Kompatibilität zwischen den für das Paket gedruckten Dokumenten und der Versandtasche, die ich stolz bei Staples ergattert hatte (natürlich gleich 100 Stück, weniger gab es nicht). So eine Versandtasche braucht man, um all die Dokumente mit Absender, Adressat und Zollpapieren auf dem Paket zu befestigen. Diese Versandtasche hatte ein Sichtfenster. Und das Layout der gedruckten FedEx-Dokumente war derart, dass das Adressfeld natürlich genau nicht im Sichtfenster landete. Dafür hätte man schon fortgeschrittene Origami-Fertigkeiten beim Falten der Dokumente benötigt. Aber uns fehlte zum Aufregen mittlerweile schlicht die Energie …

Die Mumie wog am Ende knapp zwölf Kilogramm und hatte einen Warenwert von knapp 400 Euro. Und wir hatten massiv schlechte Laune.

Am Montag bekam ich am Telefon von einem sehr gut gelaunten FedEx-Mitarbeiter die Auskunft, dass die Anzahl der Waren im System in der Tat auf 20 begrenzt sei, was doch aber gar kein Problem sei, weil das ja nur für das System von FedEx gelte, wir ja aber alternativ auch unsere eigene Liste bzw. Proforma-Rechnung in beliebiger Länge erstellen und beilegen könnten, sofern diese alle notwendigen Angaben enthalte. Grmpf. Leider hatten wir das nicht gewusst. Und bei FedEx war am Sonntag niemand zu erreichen gewesen.

Am Montagnachmittag wurde das Paket dann von einem ebenfalls sehr gut gelaunten Fahrer von FedEx abgeholt. Der auch gleich lachend eine passende Versandtasche zückte und auf das Paket klebte und mir darüber hinaus noch zehn weitere Versandtaschen für die folgenden Päckchen in die Hand drückte. (Braucht irgendjemand vielleicht 99 Versandtaschen von Staples?)

Seitdem können wir nur noch die Daumen drücken. Bitte FedEx, gib Dir Mühe! Und bitte, bitte, Ihr norwegischen Zollbeamten, habt Mitleid!

Übrigens sind alle EU-Gegner sehr herzlich eingeladen, uns beim Versenden der übrigen Pakete nach Norwegen tatkräftig zu unterstützen!

Ach ja, für die Gaskartuschen haben wir immer noch keine Lösung. Aber ganz in Ruhe … ein Schritt nach dem anderen … ommm.

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