19. Seele schon unterwegs!

von Andrea

Man sagt ja manchmal, dass die Seele zu Fuß geht, wenn man sich nach einer Fernreise für ein paar Tage verloren und fehl am Platz fühlt.

Wir sind noch nicht mal aufgebrochen. Und trotzdem – oder deswegen? – weiß ich zunehmend weniger mit mir selber anzufangen. Ich hangele mich planlos durch meine Tage, bin mit meinen Gedanken irgendwo auf einem anderen Planeten, verzettel mich bei fast allem, was ich tue und bin so voller Unruhe, dass viele Nächte morgens zwischen drei und vier Uhr für mich erstmal zu Ende sind.

Die Stunden der Nacht sind ja auch ideal geeignet, um sich die vor der Abreise noch offenen TO DOs auf unserer Liste ausführlich durch den Kopf gehen zu lassen (dabei sind es wirklich nicht mehr viele), dazu noch ein paar neue zu erfinden (die Liste müsste doch eigentlich länger sein) und so grundlegende Fragen zu wälzen, wie die, ob ich nicht statt des blauen Fleeces aus Merinowolle doch lieber das rote Fleece aus Polartec mitnehmen sollte, weil das Material mehr aushält … aber ob das dann nicht gruselig zu dem lila T-Shirt aussieht, dass als Ersatz in einem der Pakete irgendwo auf mich wartet? … in welchem Paket ist doch gleich das lila T-Shirt?

Ob vielleicht meine Seele schon mal vorausgegangen ist? Hätte sie mich da nicht warnen können? Oder noch besser uns beide gleich mitnehmen?

Den Rest von heute plus zwei Tage haben wir noch vor uns. Das schaffen wir jetzt auch noch. Am 31. Mai morgens um 6:10 Uhr geht der Flug nach Stockholm. Nach einer Bahn- und einer Busfahrt sind wir dann hoffentlich abends gegen halb sechs in dem Ort Idre in Schweden, wo wir übernachten. Am 1. Juni fahren wir dann nach dem Frühstück mit dem Taxi zu unserem Startpunkt in Grövelsjön. Soweit der Plan.

Aber eigentlich bin ich schon jetzt nicht mehr hier. Zumindest ist meine Seele schon unterwegs. Die lässt sich irgendwo in der Weite des Fjälls den Wind um die Nase wehen, streift mit den Rentieren umher und schaut den Wolken zu. Hoffentlich wartet sie dort auf mich.

Und gleichzeitig kann ich immer noch nicht glauben, dass es wirklich passieren wird. Trotz der fertig gepackten Rucksäcke. Trotz der immer kürzer werdenden TO DO Liste. Trotz unserer schönen kleinen Abschiedsfeier mit den vielen guten Wünschen und dem tollen Ohrwurm gestern. Ich schaue ungläubig auf das im Kalender immer näher rückende Datum. Das Datum, dass so lange so weit weg und so abstrakt war. Wird es wirklich passieren? Werden wir tatsächlich vier Monate lang unterwegs sein?

Und sind wir bereit? Bereit für die schweren Rucksäcke? Bereit für schmerzende Hüftknochen, Schultern, Knie, Füße? Bereit zu frieren? Bereit für den tiefen Matsch in den vielen moorigen Gebieten? Bereit für tagelang nasse Schuhe? Bereit für Milliarden von Mücken? Meine Seele ist offensichtlich bereit, die ist ja schon mal losmarschiert. Aber die muss ja auch das Gepäck nicht schleppen. Im Gegenteil, sie darf ihren virtuellen Rucksack ablegen.

Seit Weihnachten bereiten wir unseren Tripp jetzt intensiv vor. Freie Wochenenden gab es in der Zeit kaum. Aber auch wenn wir mal nicht Listen geschrieben, Lebensmittel eingekauft, Pakete gepackt haben, sind unsere Gedanken und Gespräche nahezu immer um den E1 gekreist. Nutzen wir digitale Wanderkarten oder welche aus Papier? Nehmen wir ein kleines Tablet mit oder ein Lesegerät für e-books oder beides? Wollen wir ein Gerät für Notfallkommunikation? Welche Medikamente brauchen wir? Welche Bekleidung nehmen wir mit? Ab wann brauchen wir wohl die Ersatzschuhe? Wird Oles Knie durchhalten? Wollen wir unterwegs versuchen zu angeln und was brauchen wir dafür dann noch? Woher bekommen wir Gas zum Kochen? Wer muss informiert werden, dass wir eine Weile nicht zu erreichen sind? Was machen wir mit unserer Post? Schalten wir zu Hause den Kühlschrank aus? Drehen wir das Wasser in unserer Wohnung ab? Wie viel Geld sollte für die laufenden Ausgaben auf dem Konto sein? Springt das Auto nach vier Monaten noch an oder ist die Batterie dann leer? Es waren soooooo viele Fragen.

Und diese Vorbereitung fiel in eine Zeit, die sowohl beruflich als auch privat bei uns beiden nicht immer leicht war.

Und jetzt ist es einfach mal gut. Wir sind beide müde. Vermutlich will meine Seele mir sagen: Wir haben jetzt bitte fertig und gehen jetzt bitte los. — Jawohl, machen wir, wir sind bereit.

 

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