26. Alternativen

von Ole

Zum Abendessen im Vektarstua Hotel hatten wir Karte und Beschreibung des Weges mitgenommen. Wie geht es weiter? Wie hoch geht es? Welche Flüsse kommen auf uns zu? Wie können wir einschätzen, ob wir darüber kommen?

Die Erfahrungen der letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Noch einmal vor einem überspülten und dadurch unpassierbaren Damm stehen? Oder vor einem Fluss, den wir nicht queren konnten? Das wollte wohlüberlegt sein. Nicht immer wäre es mit einem “kleinen” Umweg von 14 km getan.

Den Weg zur nächsten Hütte könnten wir dank eines nahe gelegenen Wasserkraftwerks auch auf einer Forststraße bewältigen, das war schon einmal eine gute Nachricht. Für den Tag danach hatte die Beschreibung allerdings zwei zu durchwatende Flüsse anzubieten. Wir schauten auf die Karte. Das waren dort keine kleinen blauen Striche mehr, die waren auf der Karte deutlich breiter dargestellt! Wir beschlossen, Alternativen auszuloten.

Wieder auf dem Zimmer breiteten wir die Karten aus und grübelten. Wo sind noch Flüsse auf dem weiteren Weg, wie groß sind sie, welches Einzugsgebiet entwässern sie?

Am dritten Tag hätten wir noch zwei Flüsse, die laut Karte schwieriger aussahen, davon könnten wir einen vermeiden, wenn wir einen anderen Weg nach Teveltunet wählten. Der Weg für den vierten Tag sah ok aus.

Alternativ würde man zur übernächsten Hütte auch per Straße und Forstweg kommen, die 16 km Straße könnte man morgens um kurz vor 8:00 Uhr sogar mit dem Bus fahren. Dieser hätte auch einen Anschluss zu einem Bus nach Trondheim, von da aus gibt es dann einen Bus in die Nähe unserer nächsten Paketstation, Teveltunet.

Es kristallisierten sich für uns damit zwei Alternativen heraus. Da das Wetter am Nachmittag des folgenden Tages viel Regen versprach, planten wir in beiden Fällen einen zusätzlichen Ruhetag ein. Das war für Kopf und Beine (und nasse Schuhe) gut.

Alternative 1 bedeutet, den E1 weiter zu gehen. Einen Tag bis zur Nedalshytta, einen halben Tag bis zum Syndre und Nørdre Fiskaå, den beiden Flüssen, über die wir ggf. nicht kommen würden. Das würde dann anderthalb Tage Rückweg bedeuten. Dann mit dem Bus über Trondheim nach Teveltunet.

Alternative 2 bedeutet mit dem Bus 16 km die Straße entlang, dann noch ein langer Weg nach Storerikvollen, der übernächsten Hütte. Dann sehen, ob die beiden Flüsse auf dem Weiterweg überquerbar sind, der erste ist immerhin nahe bei der Hütte, ggf. auch hier zurück zur Straße und zum Bus.

Wie trifft man so eine Entscheidung? Eigentlich wollen wir nicht in den Bus steigen, wir wollen laufen. Wenn uns einer jetzt sagt, dass wir nicht über die Flüsse kommen, dann wäre Alternative 2 mit dem Bus für uns kein Problem. Aber das sagt uns keiner. Anderthalb Tage gehen, um die Grenzen, die die Natur gerade setzt, herauszufinden? Und dann wieder zurück? Das ist kein “kleiner” Umweg mehr.

Was ist uns wichtig, einen bestimmten Weg zu schaffen oder hier draußen gemeinsam Zeit zu verbringen? Fühlt sich umkehren wie scheitern an? Setzt man sich ob der Konsequenzen unter Druck, die Querung eines Flusses zu riskieren? Was passiert, wenn man den ersten Fluss gerade eben schafft und über den zweiten dann nicht rüber kommt? Dann müsste man über den ersten wieder zurück.

Die Diskussion darüber half uns beiden sehr. Es geht um die gemeinsame Zeit, nicht um den E1. Wenn die Natur Grenzen setzt, können wir diese akzeptieren. Alternativen sind allerdings wichtig. Wir sind am Ende über 1.800 km genauso stolz wie über 2.100 km. Beides erscheint heute eh noch ganz weit weg.

Wir beschlossen, das Durchdachte über Nacht sacken zu lassen.

Am nächsten Morgen waren wir offen für die erste Alternative. Wir schauen uns die Flüsse an. Nach einem Ruhetag!

Der Ruhetag erweiterte unsere Erkenntnisse. Zuerst konnte die Frau an der Information uns zwar nicht mit einer Einschätzung des Wasserpegels weiterhelfen, die aushängende Karte zeigte aber den etwas höher gelegenen Weg als den markierten Standardweg an, nicht den in unserer Beschreibung erwähnten tiefer gelegenen Weg. Das bedeutet zwar mehr Schnee aber etwas weniger Wasser in den Flüssen.

Dann – “det ordner seg“ („das wird schon werden“, danke Simon für das Zitat!) – saß beim Mittagessen am Tisch neben uns ein Guide, der Pferdetouren in der Gegend hier durchführte. Er sprach uns an, ob wir wanderten und wohin wir als nächstes wollten. Ich holte schnell die Karten und er ging mit uns den Weg durch. Im Zweifel den Flüssen bergauf ausweichen, einige Nebenbäche weniger können viel ausmachen und die Schneebrücken könnten auch helfen; bei anderthalb Metern Dicke könne man diese noch mit einem Pferd überqueren. Ansonsten bestätigte er für die folgenden Tage unsere Einschätzungen. Und er sagte nicht, das ginge gar nicht.

In zwei Tagen wissen wir mehr.

Kartenausschnitt mit den zwei Flüssen und dem tiefer und dem höher gelegenen Weg (gestrichelte Linien)

3 Gedanken zu “26. Alternativen

  1. Zum Thema Alternativen habe ich auch eine anzubieten! Diese fiel mir beim strandspaziergang ein, als ich auch nasse Füße bekam, bei etwas angenehmeren Temperaturen wohl bemerkt! 😉

    „COME AND YELL WITH ME
    COME AND YELL WITH ME
    THE WAY I WALK IS DAMN WET.
    WHAT DO I DO HERE?

    COME AND YELL WITH ME
    COME AND YELL WITH ME
    THE WAY I WALK IS DAMN WET!

    HAVING FAITH IN MY MUSCLES
    FEEL MY HEART BEATING STRONG.
    HAVING FAITH IN THE NATURE
    MAY SUNSHINE BE UPON OUR FACE

    COME AND YELL WITH
    COME AND YELL WITH ME
    THE WAY I WALK IS DAMN WET!!!

    Möge der Boden trockener und die Flüsse ruhiger werden auf den weiteren Kilometern!

    Wir denken an euch und singen immer mal wieder das Lied!
    Eure WoKaLeLe

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