27. Matsch

von Andrea

Auf den Wanderkarten kommen sie ganz harmlos daher, die Moorflächen. Sie sind mit dünnen blauen Linien schraffiert. Und sie sind fast überall. Unten in einem Tal rund um einen Bach ebenso wie oben am Berg kurz vorm Gipfel.

Mal sind es unschuldig aussehende Wiesen, auf denen man bei jedem Schritt einige Zentimeter tief im Wasser verschwindet. Mal sieht man zwischen den oft etwas bräunlichen Halmen schon das schwarze Wasser stehen. Gern gibt es dazwischen auch größere Flecken reinsten schwarzen Modders.

Gerät man auf eine solche Fläche – und das tut man zwangsläufig mehrmals täglich, denn sie sind ÜBERALL – gibt es eine besonders wichtige Regel: NICHT STEHEN BLEIBEN. Man kann dem Wasserpegel an den Schuhen beim Steigen zuschauen, wenn man vor dem nächsten Schritt auch nur kurz zögert, weil man sich nicht entscheiden kann, in welches Matschloch man gerne treten würde. Wir haben bisher lieber noch nicht ausprobiert, wie hoch das Wasser wohl steigen würde, wenn man länger stehen bliebe, aber wir tippen mal auf etwa die Höhe der Ohrläppchen.

Also, nicht stehen bleiben! Aber … was dann? Am besten mit schnellen patschenden und quatschenden Schritten wie eine Elfe schweben. Und hoffen, dass Wasser und Modder bis zum rettenden anderen Ende des Elends nicht noch tiefer werden. Und wenn die Elfe und die Hoffnung versagen, den Frust über die vermodderten Schuhe und die nassen Füße laut hinausschreien. Unsere Schreie hallten regelmäßig über das Fjell.

Wie rettende Inseln locken einen unterwegs manchmal aus dem Elend herausschauende Buckel aus grün-rotem Moos. Dabei gibt es kaum Hinterhältigeres als diese Buckel. Hat man voller Hoffnung einen großen Schritt auf einen solchen Buckel gemacht, von dem aus man in Ruhe die Lage vor sich sondieren will, so sinkt man wie auf dem weichen Sofakissen erstmal gleich 20 cm tiefer. Das wird untermalt von einem hübschen saugenden Geräusch. Man sieht zwar das Wasser nicht steigen, weil das Moos den Schuh liebevoll umschließt und kein Wasser offen sichtbar wird, aber das langsame weitere Einsinken und das schmatzende Geräusch dazu lassen nichts Gutes ahnen. Und will man dann – doch lieber möglichst schnell wieder die Nummer mit der Elfe probierend – den nächsten Schritt machen, hält das Moos den Schuh fest, den man erst mit einem Ruck befreien muss, wobei man dann unbeholfen vorwärts stolpert und mit ziemlicher Sicherheit nicht an der Stelle landet, die man für den nächsten Schritt auserkoren hatte. PLATSCH!

Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wie groß das Elend vor einem ungefähr ist und ob man es durch einen kleineren oder größeren Umweg nach rechts oder links vielleicht ein wenig mindern kann. Manchmal hilft das, weil man dadurch einen besseren Weg findet. Manchmal nicht, weil man gleich sieht, dass wieder nur das Schreien bleibt.

Manchmal hat man Glück und tief in den Weg getreten finden sich einige größere Steine. Diese sind dann erstaunlich stabil und man hangelt sich mit langen Schritten von Stein zu Stein über das Elend hinweg. Die Geschichte geht dann und nur dann gut aus, wenn man es schafft, das Abrutschen von den natürlich glitschigen Rettern zu vermeiden. Mal klappt das, mal nicht.

Richtig gut wird das Leben, wenn nette Menschen Holzplanken über das Moor gelegt haben. Die Dinger sind zwar auch manchmal bereits etwas versunken und oft zumindest nass und in beiden Fällen ausgesprochen glatt, aber auf Holzplanken klappt das mit der Elfe fast immer … wenn man nicht ausrutscht.

Die beste Zeit, um eine besonders intensive Liebe zum Moor auszubilden, ist übrigens die Zeit der Schneeschmelze. Also ungefähr Juni. Es ist so schön viel überschüssiges Wasser vorhanden, das so schnell gar nirgends hin abfließen kann und das Moor erst in ein wahres Vergnügen verwandelt.

Jörg hat uns bei unserer Abschiedsfeier gefragt, wovor uns bei unserer Tour am meisten graut. Meine Antwort war “Matsch” gewesen. Jörg hatte im ersten Moment etwas ratlos drein geschaut. “Matsch?” Ja, lieber Jörg, Matsch. Die Antwort stimmt immer noch. Ich konnte sie die letzten Tage wieder verifizieren. Wenn ich den ganzen Tag das Gefühl habe, dass mein Fuß im Schuh in einer nasskalten Fangopackung steckt, schlägt mir das echt auf die Stimmung. Leider. Das Moor und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

Sieht eigentlich harmlos aus, aber das Wasser auf dem Trampelpfad verrät das Elend … der gesamte Boden ist dank Schneeschmelze durchnässt

Das Wasser weist den Weg bzw. den Trampelpfad. Rechts oder links ausweichen?

Noch offensichtlicher geht es kaum.

Aber auch hier zeigen die schwarzen Flächen das Elend deutlich an.

Die Einheimischen haben wohl nix gegen Matsch.

Vorsichtig mit großen Schritten

Was für ein Luxus – Planken!

Cool, ’ne Autobahn!

Ein Gedanke zu “27. Matsch

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