30. Motorschaden

Tage 18 und 19

von Andrea

Mit einer Reifenpanne hatten wir nach dem Reifenwechsel beide gerechnet. Mit Blasen an den Fersen in der Größe von Hühnereiern oder mit großen Druckstellen an jedem einzelnen Zeh. Aber nicht ein Reifenschaden bewegte uns dazu, schon einen Tag nach dem Aufbruch in Meråker wieder umzukehren, sondern eher so eine Art Motorschaden.
Dabei hatte es ganz gut angefangen. Der Sonntagvormittag im Hotel in Meråker hatte sehr gemütlich mit Lesen begonnen. Das Taxi kam erst um 12 Uhr und fuhr uns nach Teveltunet, wo der E1 weiterging, bzw. sogar nach Teveldal Station, womit wir ein Stück Schotterstraße und einige Höhenmeter sparten. Der Regen sollte laut Wetterbericht gegen Mittag aufhören und es sollte nur schwach windig sein.

Und tatsächlich gingen wir zwar unter tief hängenden Wolken aber ohne Regen los. Es ging gleich steil bergauf und der Weg war unglaublich nass und matschig. Trotz der sehr schweren Rucksäcke (mit Lebensmitteln für 11 Tage dürften wir zusammen über 45 kg gehabt haben) und der neuen Schuhe fiel uns der Aufstieg erstaunlich leicht. Die neuen Reifen hielten was sie versprachen, der tiefe Matsch blieb außerhalb der Schuhe, die Füße blieben trocken. Blasen an den Fersen gab es keine. Nur dass ich zwischendurch immer mal wieder sehr kurzatmig war, beunruhigte mich. Aber das lag ja wohl an dem schweren Gepäck in Verbindung mit dem steilen Aufstieg?

Die erste negative Überraschung waren die Sturmböen, die uns oberhalb der Baumgrenze empfingen. Das sollte schwach windig sein? Wenn mir so eine Bö seitlich in den schweren Rucksack fuhr, brauchte ich die Wanderstöcke, um das Gleichgewicht zu halten.

Der erste Fluss bzw. Ablauf des großen Sees war mit einer Brücke noch gut zu überqueren. Der zweite Ablauf hatte einen Damm und der war überspült. Immerhin war der Damm recht breit und mit einer Art Geländer gesichert. Er war wohl häufiger überspült? Dank des sehr hohen Schaftes meiner neuen Schuhe kam ich trockenen Fußes hinüber. Ole stieg in die Sandalen um und stieß einige Schreie angesichts des eisigen Wassers aus.

Es blieb auch danach matschig und es wurde immer windiger. Der Himmel wurde immer dunkler. Bald prasselte wieder Regen. Und dann standen wir an dem nächsten Fluss. Der markierte Weg führte mitten hindurch, war aber angesichts des hohen Wasserstandes nicht nutzbar. Die Suche nach Alternativen begann. An einer besonders breiten Stelle floss das Wasser sehr ruhig und man hätte sicherlich problemlos hindurchwaten können, auch wenn das Wasser an einigen Stellen recht tief aussah und vermutlich bis übers Knie gegangen wäre.

Die Sturmböen peitschten den Regen gegen unsere Regenkleidung. Der Himmel war dunkelgrau. Auf der anderen Seite des Flusses ging es noch mal 100 Meter rauf, dort wären wir dem Wetter noch mehr ausgesetzt gewesen. Und es würde sicher nicht der letzte Fluss bleiben. Ich starrte auf die mögliche Watstelle. Ich wollte dort nicht rüber. Ich hatte kein gutes Argument, hätte es kaum erklären können. Die Situation war nicht so viel anders als einige andere zuvor. Aber in mir sträubte sich etwas. Manchmal denke ich, Ole kann in mich hineinschauen. “Sollen wir hier das Zelt aufbauen?”, fragte er mich, ohne dass ich etwas gesagt hätte. Dankbar nickte ich.

Bald waren wir im Zelt immerhin vor dem Regen und dem starken Wind geschützt. Regen und starker Wind sind eine üble Kombination, bei der man auch mit guter Regenkleidung schnell auskühlt. Ohne gute Regenkleidung ist die Kombination lebensgefährlich.

Appetit hatten wir beide kaum und aßen nur ein wenig Brot. In der Nacht bekam ich Bauchschmerzen. Die Bauchdecke war hart und pochte mit einem fast flatternden Puls. Was hatte ich mir eingefangen? Und wo? War das Wasser irgendwo nicht in Ordnung gewesen? Oder war es ein simpler Magen-Darm-Virus? Oder noch etwas anderes?

Draußen peitschten die Sturmböen einen Regenschauer nach dem anderen gegen das Zelt. Drinnen lasen wir uns zur Ablenkung gegenseitig aus einem Roman vor, konnten aber bei dem Lärm der schlagenden Zeltplane und des prasselnden Regens manchmal kaum die Stimme des anderen verstehen. In Regenpausen kontrollierten wir die Abspannleinen des Zeltes. Eine Leine löste sich zweimal, weil unter dem Druck der Sturmböen der Hering aus dem lockeren Boden brach.

Wenn die Böen besonders heftig wurden und die Zeltplane besonders laut schlug und teilweise knallte, fragte ich mich ängstlich, wie viel so ein Zelt wohl wirklich aushielt. Es ist eine Sache, abstrakt zu wissen, dass man ein sehr gutes, so genanntes “expeditionstaugliches” Zelt von einem der angeblich besten Zelthersteller hat und etwas anderes, darauf in so einer Nacht auch aus vollem Herzen zu vertrauen und entsprechen ruhig zu schlafen (was aber eh wegen des Lärms eigentlich schon fast unmöglich war).

Am nächsten Morgen waren wir beide gerädert. Die Entscheidung, die wir zu treffen hatten, tat weh, aber sie war klar. Ole hatte nachts mehrfach eine Hand auf meinen Bauch gelegt und die harte Bauchdecke und das flatternde Pochen gespürt. Es gab keine Diskussion und nur einen Weg: wieder runter.

Wir ließen uns Zeit, schliefen erst noch wieder ein, lasen noch. Eine längere Regenpause nutzen wir dann zum Packen und zum Abbau des Zeltes. Als wir fertig waren und uns auf den Rückweg machten, setzten Sturmböen und Regen wieder ein.

Es fühlte sich völlig bescheuert an, den nassen und matschigen Weg vom Vortag wieder zurück zu gehen. Aber bei jedem Stück, dass es unterwegs mal etwas steiler bergauf ging, wurde ich kurzatmig. Das machte dann wieder sehr klar, dass es richtig war, was wir taten. Mit einem Motorschaden sollte man sich nicht 11 Tage mit schweren Gepäck und bei übelstem Wetter durch das Fjäll schlagen. Und in einem hinteren Winkel war ich wohl auch ein wenig erleichtert. Ich fürchtete mich vor der langen Etappe auf unmarkierten Wegen. Bei dem Wetter noch umso mehr.

Der Wasserspiegel des Sees war weiter gestiegen, der Damm war höher überspült als am Nachmittag des Vortages. Dieses Mal mussten wir beide in die Sandalen wechseln. Bei peitschendem Regen alles andere als ein Vergnügen. Hose und Socken wurden beim Umziehen nass und auch die besten Schuhe sind nur so lange wasserdicht, wie es nicht von oben hinein regnet.

Um 15:15 Uhr waren wir wieder an der Teveldal Station. Beeindruckend, was man trotz Krankheit leisten kann, wenn es seim muss – dank unseres wichtigsten Muskels. Um 16 Uhr holte uns ein Taxi ab, dass wir unterwegs telefonisch hatten bestellen können, als wir ein Mobilfunknetz hatten. Für viel Geld ließen wir uns eine Stunde nach Stjørdal kutschieren. Wie gut, dass wir schon eine ganze Weile Geld für diese Tour auf die Seite gelegt hatten, so dass uns solche zusätzlichen Ausgaben möglich waren. Wie es weitergehen würde, wussten wir noch nicht. Zunächst mal auskurieren, was auch immer ich mir da eingefangen hatte, dann weitersehen. Die meisten Optionen für das “weitersehen” hätten wir in Stjørdal. Dort bezogen wir ein Hotelzimmer.

Nur das Umkehren hatte uns belastet. Wir waren beide etwas traurig. Zwar hatten wir immer gesagt, dass wir nicht dogmatisch jeden Meter laufen müssen, auch umkehren können und auch mal Bus oder Zug fahren können. Aber dann tatsächlich umzukehren und sich gedanklich schon mal darauf einzustellen, dass wir den Abschnitt ab Teveltunet bis zur nächsten Paket-Station Brattvoll wohl nicht laufen würden, war dann doch irgendwie noch mal anders und machte uns traurig. Wohl ein bisschen auch, weil es nun schon so früh passiert war. Wir fühlten uns, als hätten wir eigentlich noch gar nichts geschafft.

Wieder gilt: Einen Schritt nach dem anderen. Erst wieder fit werden. Dann weitersehen. Und so lange die Ohren steif halten.

Der Weg war unglaublich nass und matschig – man beachte an der Birke hinten im Bild den roten Punkt der Wegmarkierung

Der Damm war überspült und Ole musste in die Sandalen wechseln

Der Weg führte gemäß Markierung mitten durch den Fluss, war aber bei dem Wasserstand nicht passierbar

Ein windiger Zeltplatz

4 Gedanken zu “30. Motorschaden

  1. Hej ihr beiden tapferen Nordlichter!

    Es muss tatsächlich der Tag eurer Entscheidung zurück zu gehen gewesen sein, als ich selbst wach im Bett lag und mir dachte, dass der grösste Schritt, den ihr auf eurem weg machen werdet, der allererste war und ist! Jeder weitere ist ein Gewinn für euer Leben, aber auf keinen Fall ein Verlust. Und so verzagt nicht lange bei dem Gedanken, so manche Strecke auf der Strasse zurück zu legen. Lasst euch lenken von der Natur und den Rahmenbedingungen, die sie euch vorgibt.

    Kleiner Pilates Tipp:
    Bei kurzatmigkeit tief ins zwerchfell und den seitlichen Brustkorb atmen. Eventuell unterstützen mit einer Rotationsbewegung in Rückenlage und Streckübung im stehen!

    Fühlt euch umarmt.
    Katy

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