32. Zweifel

von Andrea

Regen. Jeden Tag immer wieder dasselbe. Regen über Regen. Das Prasseln auf dem Dach unserer gemütlichen Hütte in Brattvoll setzte mal kurze Zeit aus, vielleicht sogar mal für 2 bis 3 Stunden, dann ging es unweigerlich wieder los. Dazu etwa 8 °C. Total kuschelig also.

Der Wetterbericht hier war eher als Seelsorge zu verstehen denn als ernst gemeinte Vorhersage. Gestern hatte es fast den ganzen Tag regnen sollen. Hatte es auch! Passte also. Am späten Nachmittag hatte es aufhören sollen. Und – juhuuuu – sogar das hatte gestimmt. Wir hatten die Regenpause zum Angeln genutzt. Für etwa 2 Stunden. Aber das hatte auch gereicht, um bei den kuscheligen Temperaturen plus Wind einmal komplett durchzufrieren. Die Nacht über und heute sollte es trocken bleiben. Das war aber natürlich nicht ernst gemeint, das war von wegen der Seelsorge. Damit die Menschen nicht ihre gute Laune verlieren, Pläne für den nächsten Tag schmieden, ihre Hoffnung auf einen Sommer nähren.

Das Prasseln auf dem Dach setzte irgendwann in der Nacht wieder ein. Und hält seitdem nahezu ununterbrochen an. Der nun aktualisierte Wetterbericht zeigte für den ganzen Tag Regen an. Und für den nächsten Tag auch. Wie jetzt? Was war nun mit der Seelsorge? Wie sollte es da mit der Stimmung zweier leicht deprimierter Wanderer wieder bergauf gehen?

Ach so, der Blick auf den Wetterbericht für den Rest der Woche zeigte, dass die Seelsorge etwas weiter in die Zukunft verlagert wurde. In zwei Tagen sollte es trocken sein. Natürlich bewölkt, aber trocken. Sag bloß. Für Mittwoch Donnerstag und Freitag zeigten die Bildchen sogar kleine Sonnen. Schau mal einer an. Jetzt wurde die Seelsorge aber übertrieben. War das nicht zu viel des Guten?

Allerdings funktionierte diese Seelsorge bei uns eh nicht mehr so richtig. Die Bildchen mit der Sonne hatten wir im Wetterbericht schon einige Mal gesehen. Deutlich häufiger als die Sonne selber. Und nicht selten waren die Bildchen der Sonne begleitet von so einem komischen prasselnden Geräusch auf der Kleidung, der Zeltplane, dem Hüttendach …

Also, nicht dass jetzt jemand denkt, wir hätten ein Problem mit schlechtem Wetter oder so. Gibt es ja angeblich eh nicht. Muss ja nur die Kleidung passen. Wissen wir ja alle. Nur trocknet leider bei tagelangen Regen kein einziger Quadratzentimeter des völlig durchweichten Bodens da draußen. Und auch der Wasserstand der vielen Bäche und Flüsse, die noch vor uns liegen, sinkt nicht. Wie auch.

Und ja, ich gebe es zu, ich habe auf die Dauer auch ein Problem mit schlechtem Wetter. Mit Regen, der mir auf Bergpässen waagerecht ins Gesicht schlägt. Mit Pausen, die ich nicht machen kann, weil ich sofort anfange zu frieren. Mit einem nassen und kalten Popo plus Oberschenkeln, nur weil ich kurz pieseln muss. Mit klammen Klamotten und nassen Füssen. Mit triefenden Zeltplanen. Mit den dunklen, tief hängenden Wolken, die uns zu erdrücken scheinen.

Wir sind ja stets bemüht. Von wegen positiv denken und „singing in the rain“ und so. Aber so langsam aber sicher brauchen wir dafür was Stärkeres als das Bier, dass man in Norwegen im Supermarkt kaufen kann.

Natürlich ist es schön, in einer gemütlichen Hütte auf der Couch abzuhängen, dem Knistern des Holzes im Ofen zu lauschen, Chips zu essen und Bier zu trinken, ein Buch nach dem anderen zu lesen und überhaupt die gemeinsame Zeit zu genießen und nicht arbeiten zu gehen. Nur war die Idee mal ‘ne andere, glaube ich.

Wie realitätsfern war die Idee, im Juni schon im norwegischen Fjäll unterwegs zu sein? Waren wir komplett blöd? Oder würde es gehen, wenn der Winter nicht so viel Schnee gehabt hätte und es in den letzten 3 Wochen vielleicht mal etwas weniger geregnet hätte? Oder wenn wir einfach keine städtischen Weicheier wären?

Und wie wird es weitergehen? Wird irgendwann noch etwas aus unserer Idee, auf dem E1 bis zum Nordkap zu kommen? Oder werden wir immer wieder auf Zug, Bus und Taxi zurückgreifen? Wie weit werden wir nach unserem Aufbruch in Brattvoll zu Fuß kommen, bevor wir wieder nach Alternativen suchen müssen?

Zwischen Brattvoll und unserer nächsten Paket-Station liegen mindestens 9 Tage. Die Nächte werden wir überwiegend im Zelt verbringen müssen, egal wie das Wetter ist, da es unterwegs keine DNT-Hütten gibt. Kurz vor dem Ziel liegt dann noch der Børgefjell Nationalpark. Wild, unberührt, ohne Wege oder Hütten, mit diversen recht hohen Gipfeln, vielen Seen und Flüssen und  vermutlich noch viel, viel Schnee. Mindestens 2, eher 3 Tage dürften wir brauchen, uns mit Karte, Kompass und GPS da hindurch einen Weg zu bahnen. Übernachten müssen wir im Zelt auf etwa 1.000 Meter Höhe, weiter runter geht es kaum. Das klingt im Vergleich zu den Alpen nicht hoch, ist aber zu den Alpen leider nicht vergleichbar. Hier in Norwegen gibt es die ersten Gletscher bereits ab einer Höhe von 1.500 Metern. Haben wir überhaupt eine Chance? Erwarten uns wieder nur riesige Schneefelder? Sturmböen und Regen? Reißende Flüsse? Sollten wir es besser gleich lassen?

Unsere Vorfreude auf diese Tour war so groß gewesen. Vielleicht zu groß. Vielleicht war unser Traum von Anfang an wenig realistisch gewesen. Trotzdem wollen wir unsere Vorfreude noch festhalten. Zumindest die Reste davon. Wollen uns wieder auf das Fjäll freuen. Dass so wunderschön sein kann. In dem wir uns schon so wohl gefühlt haben auf früheren Touren … auch wenn es mal geregnet hat. Das die Macht hat, einem Herz und Seele weit zu öffnen und es als pures Glück zu empfinden, ein Teil dieser Welt sein zu dürfen.

Das ewige Prasseln auf dem Dach der Hütte kann einen wirklich wahnsinnig machen. Und das Bier reicht auch nicht mehr ewig.

4 Gedanken zu “32. Zweifel

  1. Hei, Ihr zwei, haltet durch!!! Auch in Hamburg geht seit 5 Tagen ununterbrochen die Welt unter aufgrund von Dauerregen non-stop!! Georgia und ich senden Euch ganz viel gute Laune, Energie und Sonnenstrahlen!!!!

    Hold on tight to your dreams!!

    Liebe Grüße,

    Stephan

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s