34. von Brattvoll nach Furuheim – Teil 1

Tag 28 – wie im Kino

von Ole

Zuerst einmal danke für all Eure aufmunternden Kommentare. Das hat uns richtig gut getan. Und von der geschickten Sonne ist auch einiges angekommen.

Um 10:15 Uhr holte uns der Taxifahrer ab. Der Himmel war aufgelockert und zeigte einige blaue Stellen. Die Hütte war wieder in einen ordentlichen Zustand versetzt.

Die Fahrt dauerte eine gute Dreiviertelstunde, dann standen wir am Beginn des Forstweges nach Berg. Die Sonne schien! Wir verpackten die Regensachen und schulterten die schweren Rucksäcke. Das war durch die Ruhewoche nicht besser geworden. Der Weg zog sich den Hang empor und dann gemächlich aufwärts gehend im Wald entlang. Es war angenehm, nicht bei jedem Schritt genau auf den Boden achten zu müssen. Leider fing nach einer halben Stunde der Nieselregen an, so dass wir zumindest die Regenjacken wieder auspacken und anziehen durften. Zum Glück blieb es bei ein paar Tropfen. An einem kleinen Bach gab es eine kurze Pause. Das Wasser war etwas moorig, schmeckte aber trotzdem und hatte keine Nebenwirkungen. Wir waren froh, nach 9 km endlich Berg zu erreichen, einen alten Bauernhof, der mittlerweile nicht mehr bewohnt wird. Die Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr, und insbesondere die jungen Leute suchen anderswo Arbeit.

Ein großer Hund kam neugierig auf uns zu, er gehörte zu einer Norwegerin namens Mina, die am 1. Mai in Kap Lindesnes losgelaufen war und “norge på langs” ging. Das ist Norwegen vom südlichsten zum nördlichsten Punkt, eine gut 3.000 km lange Wandertour. Mittlerweile Kult in Norwegen, jeder träumt da irgendwie davon, aber laut Mina nehmen es jedes Jahr nur 30 bis 40 Leute in Angriff. Cool, eine von denen zu treffen. Wir waren nicht die einzigen Verrückten hier. Mina freute sich genauso, sie hatte auch noch kaum andere Wanderer getroffen. Sie hatte in Berg im Zelt übernachtet und wollte gerade losgehen. Wir beschlossen, zusammen mit ihr und ihrem Hund Rappo weiter zu gehen.

Der Weg begann dann gut markiert und sogar ausgetreten und mit nicht zu viel Matsch. Eine positive Überraschung. Das ganze sogar im T-Shirt, nachdem die Sonne wieder herausgekommen war. Wir lernten von Mina, dass die Region, in der wir gerade unterwegs waren, Trondelag, für ihren Matsch berühmt war. Na dann. War das immerhin berühmter Matsch hier.

Es war schön, sich mit Mina zu unterhalten, sie war gerade am Anfang durch die Einsamkeit schon stark an ihre Grenze gekommen und wir konnten unsere Erfahrungen austauschen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir waren froh, dass sie sich auf unser Tempo einließ, mit vier Wochen mehr Training und knapp 20 Jahren weniger auf dem Buckel war sie deutlich schneller als wir. Angeblich merkte sie auch das Gewicht des Rucksacks nicht mehr… ob wir da auch noch hinkommen? Ich war jedenfalls froh, dass wir die Rucksäcke an einem kleinen Fluss mal absetzen mussten, um in die Sandalen zu steigen. Nur Rappo wunderte sich, warum die Zweibeiner so lange brauchten, da konnte hund doch einfach durch gehen. Das klare Wasser tat dann auch zum Trinken noch gut.

Kurze Zeit später ließen wir den Wald hinter uns. Das Fjäll lag in  seiner ganzen Schönheit im Sonnenschein vor uns. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Ich blieb immer wieder für ein Foto stehen. Erst kamen wir an einer Reihe von Seen vorbei, dann zog sich der Weg weiter den Hang hinauf. Nachdem wir einen kleinen Bach trockenen Fußes überquert hatten, genossen wir eine sonnige Pause, bei der sogar die T-Shirts trocknen konnten. Wir unterhielten uns angeregt und freuten uns über das Wetter und den Ausblick.

Danach ging es weiter bergauf. Dabei waren wir doch schon in Berg gewesen, allerdings nicht auf dem Berg. Je höher wir kamen, desto besser wurde der Ausblick. Mina sah sogar einen Elch, als Jägerin hatte sie da das deutlich bessere Auge. Wir waren leider zu blind. An einem kleinen Pass angekommen, änderte sich die Landschaft, im Hintergrund blaue Berge, der Blåfjella Nationalpark , und wieder Schnee. Wir beschlossen, noch ca. 3 km bzw. eine Stunde zu gehen und dann einen Zeltplatz zu suchen. Ach ja, wie war das noch, rauf auf den Berg und über den Berg und wieder runter nicht unter zwei Stunden? Vielleicht lernen wir es ja noch.

Anstrengend war es. Immer wieder rauf und runter, die Schneefelder wurden größer, die Landschaft rauher. Die Seen zugefroren, der Winter hatte uns wieder. Gut, dass die Sonne schien, die nahm der Landschaft das Bedrohliche. Unsere Trinkpausen (und Schulter und Hüften Erholpausen) nutzte Mina gerne für eine Zigarette. Rappo nutzte die kurze Leinenfreiheit, um die nahe Umgebung zu erkunden. Wir fanden dann gegen 21:00 Uhr nach einigem Suchen einen schönen Zeltplatz. Etwas uneben, dafür mit toller Aussicht, auf ca. 750 m Höhe, knapp unter der Schneegrenze. Nur das der See 50 m unter uns immer noch mit Eis bedeckt war, irritierte ein wenig.

Mina holte Wasser, ich packte die Küche aus und kochte, parallel wurden zwei Zelte aufgebaut. Gemütlich klönend genossen wir die Weite und Einsamkeit. Mina erzählte von den Wochen in Südnorwegen, wir von unserem Start. Einfach schön. Bis es uns zu kalt wurde und wir uns in die Schlafsäcke verkrochen.

Für solche Momente waren wir dort draußen. Es gab sie noch, an diesem Tag gleich mehrfach.

Tag 29

von Ole

Die Nacht unter klarem Himmel war kalt. Der gefrorene See hätte uns ja schon warnen können. Die Schlafsäcke hielten zwar warm, aber rausgucken durfte nicht viel und Daunenjacke und Mütze halfen sehr. Um 5:00 Uhr linste die Sonne über den Berg, um 05:30 Uhr zog Andrea die Daunenjacke aus und schälte sich allmählich aus dem Schlafsack. Es wurde warm im Zelt. Wir genossen die steigenden Temperaturen und standen erst gegen 08:20 Uhr auf, nachdem Rappo – an langer Leine – sich mehrfach bemerkbar gemacht hatte. War ja ganz spannend mit Gesellschaft, aber jetzt könnte man sich doch mal wieder bewegen.

Gemütliches Frühstück, Zeltabbau und dann ging es runter zum See. Tolle Bilder in weiss und blau. Etwas mühsam ging es dann um den See herum, immer wieder kleine Flüsse unter den letzten Schneeresten. Mit 6 Augen fanden wir immer gute Lösungen, Minas Erfahrungen aus der Hardangervidda zahlten sich auch für uns echt aus. Wieder gab es Trink- und Zigarettenpausen, dann wurde der Weg zur Hütte am Midre Nesavatnet echt beschwerlich. Weg? Markierungen waren vorhanden, dazwischen war es wegloses Gelände. Wir unkten schon, dass die hier irgendwo Kameras aufgestellt hatten, um zu prüfen, ob wirklich jemand so blöde war, diesen Markierungen zu folgen. Uns beruhigte, dass auch Mina das schwer fand, es schien zumindest in Südnorwegen einfachere Wege zu geben. Das machte etwas Hoffnung für den Norden.

Zwei Brücken (!) erleichterten dann die letzten Meter zum See, an dem wir an einer privaten Hütte eine längere Mittagspause einlegten. Ca. ein Drittel der Strecke hatten wir zu diesem Zeitpunkt geschafft. Wenn der Weg nicht einfacher werden würde, kämen wir nicht bis Skorovatn zur DNT Hütte und zum Pub, von dem Gunn Anita uns erzählt hatte. Doch einen Schritt nach dem anderen.

Die Pause hatte uns allen gut getan. Der immer wieder schlammige Aufstieg danach ging am Anfang gut voran. Der Blick zurück war genial. Wie gemalt. Leider rächten sich langsam die neuen Schuhe. Ich hatte an der rechten Hacke Blasen, Andrea kämpfte mit beiden großen Zehen und dem rechten kleinen. Dafür hatten wir keine nassen Füße. Nach den ersten 200 m Aufstieg gab es wieder tolle Aussichten. Leider auch auf die nächsten 200 m Aufstieg. 8 km sollten es noch bis Skorovatn sein, es war allerdings auch schon 17:00 Uhr.

“Wie gut, dass wir keine Anfänger dabei haben.” Unser geflügeltes Wort passte wieder perfekt, als der Aufstieg steil den Hang hoch ging. Serpentinen kennen sie hier nicht. Und in dem lockeren Boden hielt nicht jeder Tritt. Das wurde besser, als der Fels begann. Dafür waren die Tritte dann deutlich schmaler, teilweise nur noch fußbreit. Von oben kam das Schmelzwasser, wir überquerten mehrere kleine Bäche trockenen Fußes und ich fotografierte und fotografierte. Das half auch, wieder zu Atem zu kommen, das war allerdings wirklich nur der Nebeneffekt. Die Landschaft sah einfach toll aus. Wieder nahm die Sonne den großen Schneefeldern das Bedrohliche. Mina war uns weit voraus, wartete dann auf uns und fragte, ob wir noch einem letzten Anstieg schaffen würden, bevor wir Pause machten. Klar. Es wurden dann gefühlte vier letzte Anstiege. Andrea kämpfte. Mir ging der Brennstoff aus. Wir schafften es und als Belohnung gab es einen ersten Blick auf die Berge des Børgefjell Nationalparks.

Ich holte Wasser von einem nah gelegenen Bach und freute mich dann, die Schuhe kurz auszuziehen und etwas zu essen. Andrea setzte sich nur hin, mochte noch nicht einmal die Schuhe ausziehen, aus Angst, sie nicht wieder anziehen zu können, so weh taten ihr die Füße. Ich löffelte die mittlwerweile geschmolzene Butter mit Brot und Wurst in mich hinein und schaffte es, auch Andrea noch zu dem einen oder anderen Happen zu bewegen. Dazu gab es wie üblich getrocknetes Obst, Nüsse und Schokolade, auch die verdächtig weich.

Es blieb noch die endlose Querung am Hang und der Abstieg nach Skorovatn. Schneefelder zählten wir nicht mehr, ein Schritt nach dem anderen, mühsam kamen wir voran. Ich fotografierte immer wieder, das beginnende Abendlicht sorgte für eine schöne Stimmung. Endlich begann der steile Abstieg. Andrea hatte schon gedacht, nie mehr von diesem Berg herunter zu kommen. Wir erreichten die Straße und nach endlosen Serpentinen den Ort Skorovatn, eine ehemalige Minensiedlung. Ein Schild wies uns den Weg zur DNT Hütte, die wir um 21:00 Uhr endlich erreichten.

Diese war ziemlich untypisch, es handelte sich um ein umgebautes Wohnhaus. Dafür gab es fließendes Wasser und sogar eine Dusche! Mit Minas Hilfe gelang es, auch diese mit Wasser zu versorgen, dann gab es drei schnelle Duschgänge, um die Kombination aus Schweiß, Sonnenschutz und Mückenmittel abzuwaschen. Einfach herrlich.

Die Tatsache, dass der Pub geschlossen hatte, traf uns danach nicht mehr so hart. So gab es Turmat in der Hütte und eine weitere nette Unterhaltung, bevor wir kaputt ins Bett fielen. Auch für Mina war der Tag ziemlich anstrengend gewesen, so schwere Etappen hatte sie selten gehabt.

Tag 30

von Ole

Spät gab es Frühstück nach den Strapazen des Vortags. Wir putzten die Hütte und verabschiedeten uns von Mina, die noch im Laden einkaufen wollte, der erst mittags aufmachte. Wir erwarteten, dass sie uns bald einholen würde, aber das sollte nicht so sein. Wir hatten uns für die Straße nach Røyrvik entschieden, statt nach gut 13 km wieder unmarkiert querfeldein zu gehen. Es sollte sich auszahlen.

Wir kamen gut voran, das Wetter spielte weiterhin mit und der Wind sorgte für die notwendige Abkühlung. Nach 3 km gab es eine kleine Trinkpause. Wir hatten immer wieder tolle Ausblicke, obwohl wir unterhalb der Baumgrenze unterwegs waren. Dafür sorgten die Seen, an denen wir über weite Strecken entlang gingen. Nach weiteren 5 km, die sich am Ende echt zogen, gab es Mittagspause an einem See. Wir tauchten die heißen Füße in das eiskalte Wasser, alles schrie in mir, aber es tat so gut. Ich fing immer bei 21 an zu zählen, einmal kam ich bis 30, bevor die Füße wieder aus dem Wasser mussten. Es war schon fast kitschig, bei der Kulisse so auf den Felsen am Wasser zu sitzen.

Nach weiteren Kilometern gab es Wasser aus einem kleinen Bach. Das Losgehen war bei uns beiden immer etwas eingerostet, es dauerte einige Meter, bis die Bewegungen flüssiger wurden. “Lächeln und nicht humpeln”, hatten wir als Devise gelernt, hier versuchten wir, es uns fair aufzuteilen, einer lächelte, einer humpelte nicht.

Die Nachmittagspause gab es nach 15 km auf einer kleinen Steinfläche an einem Flussufer. Wir beschlossen, noch zwei Stunden zu gehen, dann würden wir es in jedem Fall am nächsten Tag nach Røyrvik schaffen. Doch wieder sollte es anders kommen, siehe separaten Blogbeitrag zu “Refreshments”. Vorher hatte jedoch der Elch noch seinen Auftritt. Andrea hatte ihn gesehen, rechts von der Straße verschwand er dann im Gebüsch. Leider zu schnell für eine Foto.

Tag 31

von Ole

Wir waren tatsächlich nach zwei Tagen in Røyrvik angekommen (http://limingen.no/en/welcome/). Hier nahm uns gleich die nächste freundliche Norwegerin in Empfang, Hilde. Abends verwöhnte sie uns noch mit Essen. Falls wir noch einmal rausgehen wollten, sollten wir den Notausgang nehmen und die Tür offen lassen. Und wenn etwas sei, gerne noch bei ihr anrufen. Alles weitere würden wir am nächsten Tag klären.

Nun Mina hatten wir leider nicht wiedergesehen.

Tag 32 – Ruhetag mit guter Seele und viel Regen

  • Spätes Frühstück
  • Mit Hilde über den Weg durch den Børgefjell Nationalpark gesprochen (halb erfolgreich, es lag noch viel Schnee, aber kein klares Abraten, auch nach telefonischer Nachfrage bei einer Expertin nicht. Ihr Mountain-Guide ist leider nicht da gewesen.)
  • Das Boot organisiert, am nächsten Tag um 11:00 Uhr sollte es über den Namsvatnet in den Børgefjell Nationalpark gehen. (Hilde hat das nicht nur für uns geklärt, sie würde uns auch am nächsten Tag die 15 km kurz hinfahren.)
  • Hilde die Wäsche zum Waschen gegeben (irgendwann zahlen wir Gefahrenzulage, es roch schon etwas merkwürdig, als wir nach dem Abendessen wieder ins Zimmer kamen).
  • Lesen und Schreiben
  • Fotos sortieren
  • Einkauf an der Tanke (der Laden hat Sonntags zu)
  • Mittagessen im Hotel
  • Brot gebacken (wir durften die Küche kurz benutzen!)
  • Uns so gut es ging seelisch auf mehr Wind (10 m/s) und echt kalte Temperaturen (tagsüber 0 bis 1°C und nachts bis -2°C) eingestellt. Immerhin sollte der Regen deutlich weniger werden.
  • Turmat auf dem Zimmer gegessen.

Mal wieder ein Fluss

Wohlverdiente Pause mit angeregter Unterhaltung mit Mina

Wie im Kino

Der Winter hatte uns wieder, zum Glück lugte eine Markierung aus dem Schnee

Gemeinsamer Zeltplatz mit Aussicht

Gemeinsames Kochen und Essen

Und lange Unterhaltung bis es zu kalt wurde

Brücke ist ja gut, aber die war sehr wackelig

Kino, die zweite, an der Hütte gab es Mittag

Findet das Schneehuhn

Schlittenhund?

Kino, die dritte

Ohne Worte

Endlose Schneefelder in der Querung

Gottes Insel

Kitschig

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