35. Refreshments

von Andrea

Wir setzten mit einigen Druckstellen und Blasen an den Füßen aber trotzdem guter Dinge auf der wenig befahrenen Landstraße einen müden Fuß vor den anderen. Die letzte Pause lag noch nicht lange zurück. Etwa 2 Stunden wollten wir noch gehen, dann irgendwo neben der Straße nach einem Zeltplatz schauen. Am nächsten Tag müssten wir es dann bis Røyrvik schaffen können. So war zumindest der Plan.

Wir näherten uns einem alten Hof. Zuerst sahen wir die große alte Scheune, dann ein kleines Holzhaus. Auf der Terrasse des Hauses saßen einige Leute und genossen die Abendsonne. Sie blickten in unsere Richtung, beschirmten die Augen mit den Händen, um uns gegen die Sonne besser sehen zu können. Ole rief ein freundliches “hej hej”, wir winkten beide. Da rief einer der Männer: “Norge på langs?” Lustig, dass diese (Kult-) Tour der Länge nach durch Norwegen so vielen Norwegern ein Begriff ist, obwohl sie nur von sehr wenigen Verrückten jedes Jahr angegangen wird (und von noch weniger tatsächlich bewältigt wird). Ole antwortete “no, but two thirds of it”. Darauf fragte der Mann: “Do you want some refreshments?”. Ich rief zurück “Always!” und schon lehnten unsere Rucksäcke an der Hauswand und wir saßen mit jeweils einer Bierdose in der Hand auf der Terrasse.

Wir stellten uns vor und erfuhren, wer uns so nett von der Straße gefischt hatte. Angesprochen hatte uns Peter, ein Schwede, der in Norwegen lebt und dem der alte Hof gehört. Von seiner norwegischen Frau Hege wird er liebevoll als Osteuropäer bezeichnet. Als sie das letzte Mal auf eine Karte geschaut hat, habe Schweden im Osten von Norwegen gelegen, meinte sie, aber immerhin gerade noch in Europa. Ebenfalls dabei waren Heges Schwester Bente sowie deren Mann Tor Morten. Dazu gab es noch den 8-jährigen Sohn Per Erik von Peter und Hege, und den 17-jährigen Sohn Espen von Bente und Tor Morten.

Es dauerte gar nicht lange, dann bekamen wir auch einen Schnaps, genau genommen ein Gläschen Jägermeister. Das gehöre dazu. Aha. Die Gesellschaft war so nett und der Platz auf der Terrasse so gemütlich … nicht nachdenken, trinken. Wir würden schon irgendwie noch zu einem Zeltplatz kommen. Als nächstes wurden wir gefragt, ob wir etwas essen wollten. Essen? Essen wollten wir immer! Sie hätten zwar schon gegessen, aber es gäbe noch Reste der Thaisuppe mit Garnelen. Wir hatten gerade ganz glücklich und vermutlich etwas dämlich grinsend genickt, als wir auch schon Teller sowie einen Topf mit dampfender Suppe vor der Nase hatten. Was für Refreshments! Dazu eine total nette Unterhaltung auf Englisch mit einigen dummen Sprüchen von allen Seiten und noch mehr Gelächter. Äh, konnte mich bitte mal jemand kneifen?

Von der Terrasse blickte man auf eine Insel. Sie erhebt sich aus dem großen See Tunnsjøen, an dessen Ufer der Hof liegt. Sie war uns schon zu Hause in München auf der Wanderkarte aufgefallen, weil sie sich mit vielen Höhenlinien, die viele fast konzentrische Kreise bilden, etwas über 400 m aus dem See erhebt. Auf der Karte sah die Insel fast aus wie ein Vulkan, was sie aber natürlich nicht war. Peter erzählte, dass für die Ureinwohner Nordskandinaviens, die Sami, die Insel immer heilig gewesen sei. Die Form der Insel sei so speziell, dass sie aus Sicht der Sami nicht natürlich entstanden sein konnte. Es musste ein Sitz der Götter sein. Entsprechend hieß die Insel auch TunnsjøGUDEN, was auch so auf unserer Wanderkarte vermerkt war. Nur hatten wir natürlich nicht kapiert, was GUDEN bedeutete.

In der Nähe des Gipfels von “Gottes Insel” gäbe es eine tiefen Spalt und es würde Glück bringen, Gold und Silber dort hinein zu werfen. Und dort in der Nähe gäbe es auch einen Opferplatz der Sami. Die Insel hatte im Gipfelbereich eine sehr steile Flanke und die Sami hätten vor vielen Jahren sehr alte Menschen, die nicht mehr mithalten konnten, dort hinunter gestoßen, was aber von allen – inklusive der Opfer – akzeptiert gewesen sei. (Es war vermutlich ein angenehmerer weil schnellerer Tod, als irgendwann von einem damals noch nomadisch lebenden Volk zwangsläufig zurückgelassen zu werden.) Spannende Geschichte. Ole und ich starrten noch neugieriger auf den Berg, der dort vor uns aus dem See ragte.

Und da sagte Peter, sie würden am nächsten Tag mit seinem Boot zur Insel rüber fahren und gemeinsam auf den Gipfel gehen. Das hätten sie sowieso geplant und wir könnten gern mitkommen, wenn wir wollten. Äh, meinte er das jetzt ernst? So richtig, meine ich? Wir würden zwar dadurch einen Tag “verlieren”, aber sie könnten uns ja hinterher nach Røyrvik fahren. Ich zweifelte ernsthaft an meinen Ohren. Hatten mich nach der vielen Sonne und Wärme an dem Tag das Bier und der Schnaps schon in das Reich der Träume versetzt? So viel Freundlichkeit und Herzlichkeit gegenüber völlig Fremden ist für mich Großstadtmenschen unglaublich.

Ole und ich schauten uns an. Wir konnten jeweils das Staunen in den Augen des anderen sehen. Wie hätten wir uns das entgehen lassen können? Noch bevor wir antworten konnten, lief das Gespräch allerdings erstmal weiter, es sagte jemand noch etwas zu der Insel, darauf gab es eine Erwiderung, der Augenblick um “ja” zu dem Angebot zu sagen, war erstmal vorbei.

Bald hatten wir dann Weingläser vor der Nase und noch bevor ich protestieren konnte, war meines mit Rotwein gefüllt. Ole hielt noch schnell genug eine Hand über sein Weinglas und meinte, er hätte ja noch Bier, das er zunächst noch austrinken wolle. Ich meinte dann, dass ich ja sehr gern Wein trinken würde, dass ich aber Schwierigkeiten hätte, nach Bier, Schnaps UND Wein noch wieder den Rucksack aufzusetzen. Das müssten wir ja eh nicht tun, kam als Antwort, weil wir ja eh am nächsten Tag mit zur Insel kommen sollten.

Noch einmal schauten Ole und ich uns an, dann nickten wir. Ich fühlte mich wie in einem Film und Ole ging es vermutlich ähnlich. Schlafen könnten wir in der Scheune. Die sei als Scheune nicht mehr in Betrieb, werde nur von den Kindern als großer Spielplatz genutzt. Das gesamte Gelände sei überall so abschüssig Richtung See, dass man nirgends Ball spielen könne, außer eben in der Scheune. Entsprechend könne man leider auch nirgends zelten. Aber in der Scheune stehe auch ein großes Trampolin, darauf könne man sicher ganz gut schlafen. Und natürlich könnten wir das Badezimmer im Haus benutzen. Ole ließ sich die Scheune zeigen, ich durfte mir das Badezimmer anschauen. Wir fragten noch, ob wir in der offenen Scheune nachts mit Mücken rechnen müssten, was verneint wurde, es sei in letzter Zeit noch zu kalt gewesen.

Glücklich und zufrieden widmete ich mich daraufhin meinem Rotwein, während Ole sich noch zu einem Linie Aquavit überreden ließ.

Schließlich räumten wir Frauen den Tisch ab, während die Männer gemeinsam auf das Boot stiegen und sechs Netze im See auslegten. Am nächsten Tag sollte es Fisch geben.

Bevor Ole und ich unser Nachtlager einrichteten und bezogen, bekamen wir noch die Warnung, dass der 8-jährige Sohn uns am nächsten Morgen sicher einen Becher Kaffee bringen würde, das würde er bei Gästen immer tun (nur dass diese normaler Weise nicht in der Scheune schlafen würden) und die Ansage, nicht auf die Idee zu kommen, in der Scheune alleine zu frühstücken, denn Frühstück gäbe es gemeinsam auf der Terrasse mit Spiegeleiern und Speck. Yes, Sir. Nur zu gerne.

Was man in Norwegen so als “refreshments” bezeichnet, gefiel uns ganz hervorragend!

Als wir gegen Mitternacht auf dem Trampolin in unsere Schlafsäcke krochen, musste ich Ole bitten, mich mal zu kneifen. Auch danach waren die Scheune und das Trampolin noch da. Mit immer noch ungläubiger aber dafür nicht weniger breiter Grinse rollten wir uns zum Schlafen zusammen.

Als am nächsten Morgen gegen 8:30 Uhr tatsächlich Per Erik mit 2 Bechern Kaffee kam (den Vater zur Sicherheit im Schlepptau), waren wir sogar einigermaßen erholt. Wir hatten uns nachts immer sehr vorsichtig umgedreht, damit unser lustiges Bett nicht zu sehr wackelte. Das war mal mehr und mal weniger gut geglückt. Aber weiterschlafen war nicht. Draußen lachte die Sonne, es warteten die Netze im See, die Ole natürlich auch wieder mit einholen wollte, Spiegeleier und Speck zum Frühstück würden wir uns sicher nicht entgehen lassen und “Gottes Insel” erst recht nicht.

In den Netzen steckten 9 Fische. Wir schauten neugierig zu, wie sie mühsam aus ihrer tödlichen Falle befreit wurden. Dann fielen wir wie die Geier über das Frühstück her. Ole verputzte ganze 3 Spiegeleier. Die Stimmung war sehr herzlich, wir wurden rundherum verwöhnt. Ich grinste die ganze Zeit nur glücklich vor mich hin.

Dann packten wir meinen Rucksack für eine Tagestour und schon ging es runter zum Boot. Meine Füße maulten zwar ziemlich und zumindest am Anfang ging ich noch ziemlich unrund, aber den Ausflug würde ich mir nicht entgehen lassen.

Peter fuhr zunächst mit Bente, Tor Morten und Espen hinüber und holte dann Ole und mich ab. Hege und Per Erik kamen nicht mit, da Per Erik lieber mit Freunden spielen wollte und Hege ihn nicht allein lassen wollte.

Auf der Insel angekommen wurden wir – wie nicht anders zu erwarten – von den Norwegern verheizt. Ole gab alles und kam noch einigermaßen mit, ich stolperte mit Schnappatmung und einem immer größer werdenden Abstand hinterher. Nur Bente tat mir den Gefallen, noch hinter mir zu bleiben und etwas lauter zu atmen. Wie machen die Norweger das? Kommen die schon mit mehr PS zur Welt? Zum Glück warteten die Männer immer wieder mal auf Bente und mich.

Als wir die Baumgrenze hinter uns ließen, waren wir in einem kleinen Paradies. Ein von der Sonne beschienenes felsiges Fjäll mit diversen kleinen Bächen und einem traumhaften Ausblick auf die Berge und Seen ringsum. Da hatte Gott sich wirklich eine besonders schöne Insel ausgesucht.

Über der Baumgrenze war es nicht mehr so steil, meine Schnappatmung konnte in Schnaufen übergehen. Außerdem bot die grandiose Aussicht ausreichend Entschuldigung, um immer wieder stehen zu bleiben und Fotos zu machen. Ganz nebenbei konnte ich dann versuchen, meine Atmung weiter zu normalisieren.

Wir folgten den Markierungen und fanden den Spalt, in den aber niemand hinabsteigen wollte, um nach Gold und Silber zu suchen. Wir genossen eine kurze Pause mit ein paar Happen zu essen. Die langsam aufziehenden Wolkenschleier zeigten die angekündigte Wetteränderung an, aber noch war es sonnig und warm.

Schließlich machten wir uns wieder an den Abstieg und … was soll ich sagen … wieder dachte ich mir, dass Norweger irgendwie anders sind. Nomalerweise kann ich bergab echt schnell sein, auch in steilem Gelände, aber hier sah ich nur Rücklichter. Ich kam bei dem halsbrecherischen Tempo gerade eben hinterher. Großartig war, dass Oles Knie den Abstieg in dem Tempo mitgemacht hat, ohne zu mucken.

Dann stiegen wir alle gemeinsam in das kleine Boot. Peter meinte, das würde gehen, die Wellen seien niedriger als am Morgen. Es ging auch. Gleichwohl musste ich mehr als einmal unterwegs daran denken, dass man in dem eisig kalten Wasser auch mit Schwimmweste nicht lange überleben würde.

Wir wurden noch mit Lunch bestehend vor allem aus Brot und gebratenem Fisch verwöhnt. Dazu freute ich mich über ein Bier, wandern musste ich an dem Tag ja nicht mehr. (Wenn das so weitergeht entwickle ich mich auf dieser Tour noch zum Biertrinker!) Dann packten wir die Rucksäcke, wurden herzlich verabschiedet und von Peter zum Gästehaus nach Røyrvik gefahren, wo wir gegen 17 Uhr ankamen.

Die Zeit mit diesen herzlichen Menschen werden wir hoffentlich nie vergessen. Und auch die Frage “do you want some refreshments” nicht. Mit solchen Erlebnissen hatten wir vor unserem Trip nicht im Traum gerechnet. Die “refreshments” und der Ruhetag auf “Gottes Insel” haben uns viel Energie gegeben, von der wir an Regentagen zehren können.

In Røyrvik besorgten wir Chips an der Tankstelle und wurden im Gästehaus von Hilde gefragt, ob wir Wäsche zu waschen hätten, das könnten sie gern für uns übernehmen. Die Hilfsbereitschaft der Norweger kennt scheinbar keine Grenzen.

Aber vermutlich sind Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft keine Frage von Norweger versus Deutsche. Eher eine Frage von Großstadt versus Abgeschiedenheit, in der jeder auf Hilfe von anderen angewiesen ist. Mina hatte gesagt, dass in Oslo jeder nur “sein Ding” mache und dass dort von Hilfsbereitschaft nicht viel zu spüren sei. Hege hatte erzählt, dass die Hilfsbereitschaft in Norwegen Richtung Norden immer weiter zunehme. Und wenn wir unterwegs zum Nordkap jemals in Schwierigkeiten seien, und wenn uns auch nur kalt sei, wenn wir eingeregnet sind, sollten wir einfach irgendwo an eine Tür klopfen, wir würden niemals abgewiesen werden. Ein sehr gutes Gefühl. Ein wunderschönes raues Land mit großartigen Menschen.

Refreshments: Bier, Schnaps, Wein, Thaisuppe. Im Hintergrund „unsere“ Scheune.

Schlafplatz auf dem großen Trampolin in der Scheune

Gar nicht so einfach, an die Fische heranzukommen. Peter mit Espen.

Mit dem Boot auf dem Weg zu Gottes Insel

Ole, Peter, Espen, Tor Morten, Bente

Immer wieder stehen bleiben und staunen

Mittagspause 

Da hat Gott sich wirklich eine schöne Insel ausgesucht 

Mal wieder zusammen auf einem Bild

Hege, Bente, Peter, Tor Morten, Espen, Andrea auf der Terrasse des Hauses

Ein Gedanke zu “35. Refreshments

  1. Hallo Ole, hallo Andrea, bestimmt ein ganz tolles Erlebnis! Mein Mann meinte eben, dass er bei dem Bericht am liebsten auch gleich wieder nach Norwegen fahren möchte… wirklich ganz spannend geschrieben! Viele Grüße aus Hannover von Anne

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