36. von Brattvoll nach Furuheim – Teil 2 

Fakten

  • 6 Wandertage von Brattvoll nach Furuheim, sowie eine Tagestour auf Gottes Insel
  • Ca. 115 km zu Fuß
  • Ca. 22 km bis Røyrvik, 15 km bis zum Bootsanleger und 10 km bis Furuheim im Auto dank hilfsbereiter Norweger
  • Drei Tage durch den Børgefjell Nationalpark, ohne einer Menschenseele zu begegnen
  • Ein Elch
  • Tolle Menschen getroffen
  • Höhenmeter … keine Ahnung … viele!

 

Tag 33

von Ole

Es begann mit Regen. Die ganze Nacht hindurch hörten wir das Prasseln des Regens auf dem Dach. Motivation sah anders aus. Der Regen hörte auch nicht auf, als wir zum Frühstück gingen. Da tat die große Platte mit 6 Spiegeleiern auf Brot und Bergen von gebratenem Speck erst einmal richtig gut. Wir waren die einzigen Gäste und bekamen daher Sonderration (“You need a lot of energy.”) statt Standardbuffet.

Unser Wäschebeutel stand vor der Tür, Hilde war großartig. So konnten wir zügig packen und waren um 10:00 Uhr fertig. Im Regen fuhr Hilde uns die 15 km zum Namsvatnet, wo uns um 11:00 Uhr ein Boot über den See bringen sollte. Es regnete. Der Himmel sah überall dunkel aus. Echt übel. Die Hilfsbereitschaft der Norweger war aber wieder bewundernswert und half über das Wetter hinweg. Hilde knuddelte uns zum Abschied und drückte uns die Daumen, dass wir durchkommen mögen.

Beim Warten konnten wir uns dann beide wieder Gedanken machen. Würde das gehen? In unmarkiertem Gelände 40 km durch Norwegens letzte Wildnis? Wir waren skeptisch. Der graue Himmel bot diesmal keine wirkliche Unterstützung, auch wenn es während des Wartens tatsächlich aufgehört hatte zu regnen. Grau und bedrohlich. Dazu schneebedeckte Berge. Es wäre echt toll, dieses Mal zu Fuß zur nächsten Paket-Station nach Furuheim zu kommen.

Am See ging erst einmal nichts weiter. Ein Mann kam und schöpfte das Wasser aus einem kleinen Boot. Ein größeres Boot kam, legte an, ein Mann und eine Frau stiegen aus und trugen Kisten zu einem bereit stehenden Wagen. Der Mann fragte, ob wir zur Viermahytta am Anfang des Nationalparks wollten, reagierte aber nicht auf unsere bejahende Antwort. Ein kleines Boot kam und legte an, der Fahrer unterhielt sich dann mit dem Kapitän des größeren Bootes. Nur mit uns sprach keiner. Norwegisch zu können hätte bestimmt geholfen.

Der erste Mann hatte sein Boot leer geschöpft und fuhr wieder weg. Das Boot war uns auch etwas zu klein für die 15 km Fahrt über den offenen See. Endlich sagte der Mann mit dem größeren Boot, das es gleich los ginge. Aufatmen einerseits, andererseits wurde das flaue Gefühl in der Magengegend wieder stärker. Wir hatten keine Ahnung, ob wir es schaffen würden. Richtig geglaubt haben wir insbesondere ob der Verhältnisse mit viel Schnee und Flüssen voller Schmelzwasser nicht daran. Aber jetzt ging es los, einen Schritt nach dem anderen. Immerhin bestätigte der Kapitän, dass wir ihn von der anderen Anlegestelle aus anrufen könnten, da wäre noch ein Netz vorhanden, im Nationalpark dann nicht mehr. Der Rückweg über den See wäre also möglich.

Mit 40 Knoten ging es dann in einer guten Viertelstunde über den See. Kurz vor dem Anleger ‘begrüßte’ uns ein donnernder Wasserfall. “Das ist mal bestimmt keine Watstelle”, dachten wir uns leicht eingeschüchtert. Da kam verdammt viel Wasser raus. Wir fragten den Kapitän unseres Bootes, ob er wisse, ob es dieses Jahr schon Wanderer durch den Børgefjell Nationalpark geschafft hatten. Er nickte, überlegte und meinte dann, es seien 18 gewesen. Wir vermuteten, dass er 18 Personen am Anleger an der Viermahytta abgesetzt hatte und diese nicht wieder abgeholt hatte. Ob die wirklich durchgkommen oder im Nationalpark verloren gegangen waren, konnte er eigentlich nicht wissen. Aber darüber dachten wir lieber nicht zu lange nach.

Ein letzter Blick auf das abfahrende Boot, dann standen wir alleine am Steg. Wir sollten im ganzen Nationalpark keinen Menschen treffen, aber das wussten wir zum Glück noch nicht.

Ich füllte die Besucherumfrage aus: Ja, ich finde Planken großartig, klare Wege auch und eine richtige Hütte zwischendurch wäre auch nicht schlecht. Vielleicht hilft es ja nach uns folgenden Wanderern. Die aktuell auf dem E1 beschriebene Unterkunft im Nationalpark besteht leider nur aus ein paar übereinander geschichteten Steinen. Wildnis pur sozusagen.

Mit gemischten Gefühlen machten wir uns auf den Weg. Es sollte erst sumpfig am Fluss Virmaelva entlang gehen, dann sollte ein größerer Zufluss (Gaukarelva) überquert werden und dann ging es zu einem See, immer noch an der Virmaaelva entlang. Nach 100 m erreichten wir die Viermahytta, 500 m weiter begann der Børgefjell Nationalpark. Nach weiteren 500 m erreichten wir die Virmaelva. Der Fluss war zwar etwas kleiner, als sein großer Bruder, aber nach einer Watstelle musste man hier noch nicht einmal suchen. Einschüchternd.

Das Suchen eines Weges zwischen Matsch, Moor und kleinen Birkengruppen machte tatsächlich irgendwie Spaß. Pfadfinder. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schuhe hielten das viele Wasser noch gut ab. Der Fluss rauschte zu unserer Rechten. Mal gingen wir sehr nahe am Ufer, mal etwas den Hang hoch, je nachdem, was uns gerade geeigneter erschien. Die Regenkleidung half gut gegen den kalten Wind, Regen gab es zum Glück kaum noch. Einziger Nachteil des Pfadfindens, wir kamen nicht gerade schnell voran. Immer wieder mussten wir stehen bleiben und nach der trockensten und begehbarsten Stelle suchen  (nicht zu eng stehende Bäume, nicht ständig auf und ab, kleine Bäche überquerbar, …).

Eine kurze Pause nach knapp 4 km tat dann echt gut, Nüsse waren ja Nervennahrung und warmer Tee half draußen fast immer. Uns trieb die Sorge, ob wir über den großen Zufluss kommen würden, den Gaukarelva. Diesen erreichten wir 2 km später. Auch das war keine Watstelle! Und es sah auch nicht so aus, als ob eine Ecke weiter alles gut wäre. Der Fluss führte richtig viel Wasser, kein Wunder bei dem Regen seit 36 Stunden. Wir legten erst einmal die schweren Rucksäcke ab.

Da wir die Mündung in die Virmaelva sehen konnten und es da keine Watstelle gab, gingen wir langsam flussaufwärts. Vielleicht ging es ja irgendwo. Hier sicher nicht, vielleicht ein Stück weiter oben? Auch nicht. Noch ein Stück weiter oben? Wasserfall. Nicht hilfreich. Noch ein Stück? Stromschnelle. Wir versuchten es weiter, genossen die Landschaft des Nationalparks und das fehlende Gewicht auf den Schultern. Selbst wenn wir hier rüber kämen, kamen noch genug andere Ungewissheiten.

“Guck mal, weiter oben wird der Fluss laut Karte breiter, vielleicht geht es da.” Also noch ein Stück weiter. Und ja, das sah ok aus. Also die knapp 2 km zurück und die Rucksäcke holen. Deutlich schwieriger, mit dem Gepäck bergauf zu gehen. Endlich an der angepeilten Stelle angekommen, entschieden wir uns für die Methode, die uns in Island schon gute Dienste geleistet hatte. Gamaschen fest an den Schuh binden und hoffen, dass aufgrund der Regenhose kein Wasser durchkommt. Gibt mit den festen Schuhen deutlich mehr Halt auf den Steinen und geht schneller als in Sandalen.

Ging leider ab und zu mal schief. So diesmal bei mir. Auf den letzten paar Schritten schwappte es in jeden Schuh 1 bis 2 mal kräftig rein. Doof. Unnötig. Ich ärgerte mich über mich selbst. Hier draußen bekam ich die Schuhe nicht wieder trocken, schon gar nicht bei dem Wetter. Ich wechselte schnell zumindest die Socken und wir gingen weiter. Die Pause musste noch ein wenig warten, erst einmal mussten die Füße wieder warm werden. Es war mittlerweile 18:00 Uhr geworden. Erst zweieinhalb Stunden nachdem wir den Fluss erreicht hatten, standen wir auf der anderen Seite.

Doch irgendetwas war anders. Ab und zu kam die Sonne durch und verzauberte die Landschaft. Da wurden die Füße schnell wieder warm. Nach einer halben Stunde gab es eine wohlverdiente Pause. Wir beschlossen, noch in Richtung des Virmavatnets zu gehen, und dort oder kurz davor einen Zeltplatz zu suchen. Ohne Modder ging es dem Fluss weiter folgend stetig bergauf. Immer wieder genossen wir tolle Blicke. Die aufgerissene Wolkendecke sorgte für Farbenspiele. Wir waren glücklich. Gegen 20:00 Uhr bauten wir das Zelt auf. Wasser war etwas weiter weg, windig war es auch, aber dieser Ausblick: Unbezahlbar!

Ich zog schnell trockene Sachen an und machte dann im kalten Wind Abendessen. Zwei Gerichte! Und die Tüten waren wieder kleiner. Zum Glück gab es noch Schokolade als Nachtisch. Leider mussten wir dann zum Zähneputzen noch einmal kurz in den kalten Wind raus. Kuschelnd im Schlafsack wurde uns dann aber schnell wieder warm. Mit Gedanken an den folgenden Tag schliefen wir ein.

Tag 34

von Andrea

Die Nacht war trotz des heftigen kalten Windes etwas wärmer gewesen als erwartet (das Thermometer an meiner Uhr zeigte nachts 3 °C im Innenzelt). Was jetzt nicht etwa hieß, dass wir die Daunenjacken hätten ausziehen oder die Mützen abnehmen können. Aber immerhin hatten wir die Schlafsäcke nicht entkoppeln und uns jeweils einzeln als “Daunenmumien” verpacken müssen, um ausreichend warm zu bleiben. Nur viel Lärm hatte uns der Wind beschert, so dass wir uns irgendwann Ohrstöpsel genommen hatten – dabei hoffend, dass wir einen Bären am Zelt trotzdem hören würden. Nicht dass wir gewusst hätten, was wir dann getan hätten …

Der Morgen kam, der Bär war ausgeblieben (oder zu leise gewesen), die Sonne schien ab und zu mal auf unser Zelt und ließ die Temperatur auf wohlige 15 °C im Innenzelt steigen – was mit Daunenjacke und Mütze im Schlafsack tatsächlich schnell zu warm wurde. Luxus, Sonne am Morgen nach einer kalten Nacht.

Nur leider waren mit der Sonne und dem Tag bei uns beiden auch Anspannung und Nervosität wieder da. Was würde der Tag bringen? Wie viel Schnee würde uns oberhalb von 800 m erwarten? Würde es da überhaupt noch ein Durchkommen geben? Würden wir gefährliche Stellen wie vom Schnee bedeckte Seen und Flüsse in der Landschaft noch ausmachen können? Und würden wir die Flüsse dann ohne zu große Risiken überqueren können?

Und sollten wir der als E1 beschriebenen Route zunächst noch ein ganzes Stück weiter Richtung Osten bis zum  Notunterstand Raentserenmehkie folgen und erst dort nach Norden abbiegen? Immerhin hätten wir dann einen  Notunterstand unterwegs. Der bestand aber laut Fotos im Internet wohl nur aus einigen größeren aneinander gelegten Steinplatten und könnte darüber hinaus auf einer Höhe von 1.000 m so tief eingeschneit sein, dass er eh unzugänglich wäre. Und nach dem Unterstand kämen zwei Flüsse, die sich beide aus teils mehreren bzw. größeren Seen weiter oben speisten und entsprechend größer sein würden. Würden wir da überhaupt rüber kommen? Diese beiden Flüsse waren unsere größte Sorge. Nicht nur wegen des Wasserstandes. Selbst wenn Waten vielleicht grundsätzlich möglich wäre, musste das Flussufer erstmal zugänglich sein und das erschien uns bei den Mengen an Schnee bei Flüssen auf etwa 900 Metern Höhe nahezu ausgeschlossen.

Und was war die Alternative? Größeren Flüssen kann man in den Bergen nach oben ausweichen, wenn das Gelände es zulässt. Je weiter oben, desto kleiner der Fluss, weil er dort noch weniger Wasser aus unzähligen kleinen Bächen und schmelzenden Schneefeldern aufgesammelt hat. Auch einen See, der einen Fluss speist, kann man weiter oben vielleicht umgehen und damit einen Fluss komplett vermeiden. Ole hatte entsprechend dieser Logik auf der Wanderkarte eine Route ausgemacht, auf der sich die Flüsse vermeiden ließen. Diese Route bog deutlich früher nach Norden ab als der E1 und führte deutlich weiter rauf, bis auf eine Höhe von fast 1.200 m. Sie blieb auch für viele Kilometer auf einer Höhe zwischen 1.000 m und 1.100 m, wo wir also nicht zu hoffen brauchten, dass es dort einen Zeltplatz geben könnte, außer eben auf Schnee, womit wir aber keinerlei Erfahrung hatten. Dafür vermied diese Route die beiden Flüsse, die uns Sorgen machten, komplett. Kürzer wäre diese Route auch. Aber 1.200 m? Würde das überhaupt gehen bei dem Schnee? Zum Glück mussten wir uns keine Gedanken um Lawinen machen, weil die Hänge alle vergleichsweise sanft waren. Aber wie würde es mit Temperatur und Wind da oben aussehen? Wie anstrengend wäre es, stundenlang über Schnee zu stapfen? Und wäre das Gelände wirklich so “freundlich”, wie es auf der Karte aussah? Bei einer Karte mit einem Abstand zwischen den Höhenlinien von 20 m kann man Steilstufen mit einer Höhe von weniger als 20 m nun mal leider meistens nicht erkennen. Und es gab doch bestimmt auch einen Grund, warum der E1 so verlief, wie er beschrieben war (nur dass wir den leider nicht kannten). Wer waren wir denn zu meinen, wir könnten uns als “Greenhorns” mal eben etwas Neues ausdenken und damit durchkommen?!

Die einzige andere Alternative war dann irgendwann umzukehren. Zurück zum Boot, zurück nach Røyrvik und dann mit Bus, Zug, Taxi zu unserer nächsten Paket-Station. Ich rechnete zwar fest damit, dass wir genau das irgendwann würden tun müssen, aber noch war es nicht so weit. Wir waren in einer grandiosen Landschaft, wir hatten noch für mehrere Tage etwas zu essen, wir waren ganz gut erholt (will sagen, es tat gerade mal nix weh), wir wollten herausfinden, wie weit wir kommen konnten. Wir durften nur den richtigen Augenblick für eine Entscheidung umzukehren nicht verpassen. Aber sofort aufgeben mussten wir ja nun auch nicht.

Ole stellte sich tapfer dem eisigen Wind draußen und machte Frühstück. Dann alles packen, das Zelt beim Abbauen sehr gut festhalten und um kurz vor 10 Uhr waren wir marschbereit.

Die Landschaft war ein Traum, das Wetter einigermaßen friedlich. Nach wenigen Kilometern gönnten wir uns eine erste Pause mit etwas Brot. Dann weiter. Wir steuerten einen kleinen See an („See Nummer 905“ oder besser den See auf der Höhe 905 m bzw. laut Beschreibung des E1 “vatnet 905”). Dort mussten wir entscheiden, ob wir weiter der Beschreibung des E1 folgen oder nach Norden abbiegen wollten.

Doch ganz kurz vorher wartete noch ein etwas größerer Fluss mit drei Armen auf uns. Der Fluss an sich war harmlos. Die drei Arme des Flusses waren alle sehr breit, flach und steinig, so dass wir in unseren Schuhen hindurchwaten konnten. Nur das Ufer war zum Teil nicht witzig wegen höherer Abbruchkanten im Schnee, die wir heil runter und wieder rauf mussten. Aber bald war auch das geschafft.

Obwohl wir eigentlich beide keine Ruhe hatten, machten wir am “See Nr. 905” nochmal eine Pause und etwas Warmes zu essen. Erstens wollten wir die Entscheidung bzgl. der Routenwahl in Ruhe treffen und zweitens ging es danach auf beiden Routen weiter rauf, was eine entspannte Pause schwieriger machen würde.

Wir entschieden uns für die alternative Route. Höher rauf, keine größeren Flüsse, kürzer. Wir wählten die uns vertrauteren Probleme von größerer Höhe und mehr Schnee. Die Flüsse machten uns mehr Angst.

Es war etwa 14 Uhr als wir weitergingen. Grob geschätzt waren es gute 15 km, bis wir wieder unter 900 m gelangen würden und damit Chancen auf einen Zeltplatz haben würden. Wenn wir weiterhin 2 km pro Stunde schafften, wären das weitere 7 bis 8 Stunden. Das wäre hart, aber das konnte gehen. Wir schalteten das GPS-Gerät ein und starteten die Tracking-Funktion, um auch bei schlechter Sicht im Notfall den Rückweg finden zu können.

Dann stiefelten wir den Hang hinauf. Es tat gut, die Entscheidung getroffen zu haben. Umkehren konnten wir immer noch. Aber jetzt war erstmal Schluss mit Grübeln. Grübeln kostete zu viel Energie. Jetzt konnten wir erstmal machen und das tat gut.

Wir stiegen langsam, um uns nicht zu platt zu machen. Wir glichen alle paar hundert Meter die Wanderkarte mit der Landschaft ab, oft auch mit der GPS-Position. Auf der Basis peilten wir jeweils den nächsten Punkt in der Landschaft an, auf den wir dann zuhielten, wie einen besonders großen Stein, einen kleinen Buckel oder Ähnliches. Bald stapften wir zu etwa 90 Prozent über Schnee, was uns aber nicht störte, weil der gerade eben so weich war, dass wir guten Halt hatten und gleichzeitig hart genug, dass wir nicht tief einsackten. Ole ging fast immer voran und trat die Spur. Wie er diese Anstrengung die ganze Zeit durchhielt ist mir ein Rätsel. Das war eine großartige Leistung.

Immer wieder gut schauen, wo es weitergehen sollte. Zunächst rechts an den kleinen Seen vorbei. „Die liegen da unten in der Senke. Siehst Du das Eis blau durchschimmern?“ „Ja, ok, Richtung passt, vielleicht noch etwas weiter nach rechts, damit wir dem nächsten See nicht zu nahe kommen, weil wir ja nicht genau erkennen können, wo das Ufer ist.“ Dann eine lange Zeit dem Hang folgen, immer etwa auf der 1.000 m Höhenlinie. Passt das? Was sagt der Höhenmesser der Uhr? Welche Höhe zeigt das GPS an? Ok, passt, weiter. Schau mal die Gipfel da hinten, ist das nicht grandios? Wann müssen wir denn weiter rauf, ist das nicht schon an dem kleinen Buckel da vorn? Sind wir schon so weit? Zeig mal die Karte. Wie ist denn gerade unsere GPS-Koordinate? Nein, doch noch weiter am Hang entlang. Und noch dreimal geprüft. Kurze Pause, Trockenobst, Nüsse und Tee. Dann aber waren wir endlich an dem Punkt, an dem wir nach Osten abbiegen wollten.

Zunächst ein Stück runter, um einen See herum und danach rauf bis auf knapp 1.200 Meter und durch einen Einschnitt. Wo ist denn jetzt der nächste See, um den wir rechts herum wollen, ist das der dort? Karte, GPS, nein, das ist noch der kleine See davor. Komisch, der andere See ist doch viel größer, den müsste man doch schon sehen. Ach, da ist er ja. Noch etwas nach rechts. Dann nach links schwenken und am Hang entlang. Zunächst noch auf einer Höhe von 1.100 m bleiben, denn links unter uns haben wir ein unübersichtliches Kuddelmuddel aus kleinen Seen und Bächen, da wollen wir nicht hinein geraten. Ne, wir dürfen immer noch nicht weiter runter, da vorn muss noch ein See kommen, der fast auf unserer Höhe liegt, an dem müssen wir erst noch vorbei. Wo kommt der denn endlich? Mist, immer noch nicht!

Dann ein breiter Fluss. Nicht tief, nicht sehr viel Wasser, aber mit einem Schneedeckel, der stellenweise eingebrochen war und an einigen Stellen intakt schien? Aber würde der auch halten, wenn wir ihn überquerten? Mir war das zu riskant. Etwas weiter oben lag der Fluss nicht in einer Rinne und war daher frei von Schnee, weil vor allem in den Rinnen vom Wind viel Schnee eingeblasen wird und damit der Schnee dort immer deutlich höher liegt. Also ein Umweg, etwas rauf, über den Fluss und wieder runter.

Hast Du auch so lahme Beine? Und die Schultern tun so weh von diesem verdammten Rucksack. Kurze Pause? Eigentlich ist es hier zu kalt und zu windig. Dort hinter dem kleinen Buckel, vielleicht gibt es dort etwas Windschutz? Ok, ganz kurz, ein paar Nüsse und Schokolade, den restlichen Tee und weiter.

Jetzt kalt und immer noch lahme Beine. Verdammt, meine Füße. Tun Deine auch so weh? Aber schau mal die Landschaft. Ist das nicht wunderschön?

Schließlich mussten wir uns mehr und mehr ermahnen, die Füße noch konzentriert zu setzen, weiterhin unsere Sinne wachsam zu halten. Ole legte einen spektakulären Sturz hin, als er stolperte, dann versuchte, sich mit einigen schnellen Schritten zu fangen und dann doch vom Rucksack zu Boden gerissen wurde. Mir blieb hinter ihm fast das Herz stehen vor Schreck. Zum Glück war ihm nichts passiert.

Endlich waren wir an dem Punkt, an dem wir etwas absteigen durften. Der nächste Flecken Erde, der sich vom Untergrund her auch nur halbwegs als Zeltplatz eignen würde, etwas aus dem pfeifenden Wind raus wäre und fließendes Wasser in der Nähe hätte, wäre unserer. Zum Glück fanden wir diesem Platz nach nur 15 Minuten. Erleichtert ließen wir die Rucksäcke fallen. Erstmal noch weiter Autopilot, Zelt aufbauen und einrichten, Essen machen.

Gegen 21 Uhr saßen wir dann im Zelt und löffelten unser Essen. Und so langsam sickerte durch, was wir da gemacht hatten. Wir konnten es kaum glauben, dass wir bis dahin gekommen waren. Nach weiteren 2 km müssten wir wieder auf den beschriebenen E1 treffen. Bis zur Nordgrenze des Nationalparks müssten es noch etwa 8 km sein. Bösartige Flüsse (ohne Brücke) waren nicht mehr zu erwarten. Wir schauten uns mit großen Augen an. Völlig fertig und doch auch unglaublich zufrieden. Wir kuschelten uns in die Schlafsäcke, endlich ohne Zweifel und Grübeln, sondern einfach nur zufrieden mit der Welt.

Tag 35

von Ole

Es wurde in der Nacht noch etwas windiger. Und es schneite, als wir am frühen Morgen aufwachten. Umdrehen und wieder in den Schlafsack kuscheln. Nur keine Hektik nach den Strapazen des Vortags. Irgendwann kam sogar die Sonne mal kurz raus und wärmte das Zelt auf. Ich machte Frühstück, wir räumten aber noch nicht das Zelt, zu unbeständig war uns das Wetter. Beim Frühstücken erneuter Schneefall. Gute Entscheidung. Ich las ein bisschen, Andrea ruhte sich aus und gegen 11:00 Uhr nutzen wir eine Schneepause und bauten das Zelt ab. Wir orientierten uns kurz und steuerten den nächsten Orientierungspunkt an. Wir umgingen ein paar Seen, sahen dann den Rentierzaun, der in der Beschreibung des E1 erwähnt wird, und den Fluss, den es noch zu überqueren galt. Nach einigem Suchen fanden wir eine gute Stelle und kamen hinüber. Trockenen Fußes wäre zuviel gesagt, dafür sind die Schuhe nach den Zeltnächten einfach zu feucht.

Wir stiegen auf einem Gewirr kleinerer Seitenmoränen ab, ich dackelte heute lange Zeit hinterher, das tat gut. Wir genossen noch einmal die Landschaft, bevor wir die Baumgrenze erreichten, dann wurde es noch unübersichtlicher und wir sahen auch von der Landschaft weniger. Mühsam über Stock und Stein, zwischen Birken hindurch, an kleinen Bachläufen und über nasse Wiesen fanden wir unseren Weg Richtung Brücke über die Tiplingelva an der Grenze des Nationalparks. Dahinter sollte ein laut Karte ein markierter Weg beginnen, der nach 11 km zu einer Straße führte.

Ein letzter Check der Position mit dem GPS, die Brücke war 150 m schräg vor uns. Das hatten wir echt gut gefunden. Nach wackeliger Überquerung einer weiteren klaren Nicht-Watstelle, legten wir die Rucksäcke ab und fielen uns in die Arme. Wir hatten es geschafft. 40 km querfeldein und hoch hinaus durch Norwegens letzte Wildnis. Auf selbst definierten und den Bedingungen angepassten Wegen. Unglaublich. Wir jedenfalls glaubten es noch nicht. Nur ein bisschen Stolz schlich sich ganz langsam ein.

Die Pause hinter der Brücke tat echt gut, zum Brot gab es alle drei Aufstriche. Wir merkten, wie kaputt wir waren. Alles hatte sich in den letzten drei Tagen darauf fokussiert, diese Brücke zu erreichen. Ab und zu wärmte die Sonne etwas, ansonsten wehte der Wind kälter als die letzten Tage, wir hatten beide keine Lust gehabt, das Fleece unter der Regenjacke auszuziehen. Als wir weiter gingen, merkten wir erst, wie leer unsere Batterien waren. Das sollte sich noch rächen.

Markiert war der weitere Weg nicht wirklich, wenn man von zwei Hinweisschildern absah. Eine in der Beschreibung erwähnte Brücke lag leider neben dem Bach und kostete uns einen kleinen Umweg. Verfehlen konnten wir den Weg trotzdem nicht. Er war gut ausgetreten und es ging immer dem Matsch nach. Ausnahmsweise mal nicht nach oben, wenn der Weg mal unklar wurde, sondern immer auf die matschigste Stelle zu. Sch ….

Die folgenden zwei Stunden waren furchtbar. Wir merkten, dass wir im Kopf ein anderes Ziel gehabt hatten, die Brücke an der Grenze des Nationalparks. Wie der weitere Weg sein würde, hatte uns nicht mehr interessiert, der konnte ja nur besser sein, war ja sogar in der Karte eingezeichnet. Pustekuchen. Schön leicht bergan im Wald. Die Bäume waren echt stabil und zwangen uns immer wieder durch die Matschstellen hindurch. Teilweise versackten wir bis über den Knöchel, irgendwann hatten wir beide das Gefühl, die Schuhe wären auch von innen wieder feucht. Es war zum Kotzen. Ausweichen machte wenig Sinn und war häufig gar nicht möglich aufgrund der stabilen Bäume. Wir fluchten uns den Hang hinauf.

Nach knapp 6 km erreichten wir wieder die Baumgrenze und es wurde endlich besser. Nur der scharfe Wind hielt uns jetzt noch von der lang ersehnten Pause ab. Die gab es dann im Abstieg in das Susendalen. Wir waren noch gut 4 km von der Straße entfernt, Furuheim war dann 10 km die Straße entlang. Tee und Nüsse und Obst halfen ein wenig. Die Schultern taten weh, das war schon die zweite Pause, die an diesem Tage zu spät kam.

Wir überlegten, ob wir in Furuheim anrufen könnten, vielleicht würde uns ja jemand abholen. Doch noch gab es kein Handynetz. Also erst einmal weiter runter. Den Rucksack auf die schmerzenden Schultern und irgendwie weiter. Der Kopf half wieder. Hatte den Matsch irgendwie überstanden und trieb jetzt vorwärts. Es war 18:30 Uhr. Zu spät könnten wir in Furuheim nicht anrufen, wenn wir uns denn trauten zu fragen. Man muss sich das mal vorstellen, in einer kleinen Pension in Deutschland anzurufen und zu fragen, ob die einen von einer kleinen Straße in 10 km Entfernung abholen würden. Allein die Frage klingt absurd. Aber wir hatten hier schon so viel Hilfsbereitschaft erlebt …

Mit solchen Gedanken ging es den Berg hinunter. Erst über trockene Wege, dann über plattigen Fels, dann über gelegte Steinplatten, als es wieder sumpfiger wurde. Fast so gut wie Planken! Manchmal musste man ein wenig mit dem Stock im Schlamm stochern, häufig war dann 3 cm unter der Oberfläche die erwartete Platte. Cool. Noch mehr Matsch wäre echt zuviel geworden.

Nach der Hälfte des Abstiegs bekamen wir eine Handysignal. Ich rief in Furuheim an und fragte ganz freundlich. Die Alternative war eine weitere Nacht im Zelt und dann 10 km Straße, die wir danach auch wieder zurück mussten. Trine ging ran und sagte zu meiner Überraschung und Freude sofort zu, uns in ca. einer Stunde an der Straße aufzusammeln. Sie hatte vollstes Verständnis für unseren Wunsch nach Zivilisation. ICH WÜRDE HEUTE DUSCHEN! Warmes Wasser auf der Schulter. Vielleicht sogar zwei Ruhetage, wenn es ginge und Trine eine Hütte frei hätte. Fast beschwingt gingen wir die letzten Kilometer bergab und erreichten eine halbe Stunde später die Straße, da wir auf einer Hängebrücke die Susna überqueren konnten, und nicht noch eine Stück weiter flussaufwärts zur Straßenbrücke gehen mussten. Auch das wäre keine Watstelle gewesen. Wir kämpften uns die 40 Höhenmeter zur Straße hinauf und gingen Trine dann entgegen, so viel guten Willen wollten wir zeigen.

Als der Wagen vor uns hielt, waren wir den Tränen nahe. Jetzt hatten wir es tatsächlich geschafft. Längs durch den Børgefjell Nationalpark.

Unterwegs im Auto erzählte Trine uns, es sei schon ein spezielles Jahr. Der Winter sei hart gewesen mit sehr viel Schnee, der Frühling spät gekommen und der Sommer noch gar nicht. Sie machte uns trotzdem Mut für unsere weitere Tour.  Der Børgefjell Nationalpark sei wohl bei diesen Bedingungen der härteste Teil gewesen.

Nach kurzer Fahrt kamen wir in Furuheim an (http://www.furuheimgaard.no/) und bezogen ein wunderschön restauriertes kleines altes Bauernhaus. Wir bedankten uns ganz doll bei Trine, packten kurz das Notwendigste aus und gingen dann unter die Dusche. Ich wollte gar nicht wieder herauskommen. Da wir sogar eine Waschmaschine hatten, stellten wir diese schnell noch an, damit die Wäsche auf jeden Fall trocknen könnte. Danach gab es zwei Gerichte mit in Summe 1.400 kcal. Ich aß noch etwas Brot hinterher und musste mich dann zügeln, nicht die ganze Nacht weiter zu naschen. Es ging uns gut. Und zwischendurch realisierten wir immer mal wieder, was wir geleistet hatten. Dann lächelten wir uns an, zum anstrahlen fehlte die Energie.

Andrea ging dann früher schlafen, ich las und schrieb noch ein wenig. Ob es noch ein  zweiter Ruhetag werden würde und wie es weiter ginge, hatten wir auf den nächsten Tag verschoben. Det ordner seg.

Tag 36 – Ruhetag

  • Ausschlafen
  • Paket auspacken, schwere Entscheidungen bei der Wechselwäsche treffen, welche Kleidungsstücke nicht mitkommen
  • Frühstücken
  • Schreiben
  • Fotos anschauen
  • Von Trine Brot bekommen, dazu frische Eier und Butter – das gab ein leckeres Mittag, diesmal wurden alle 6 Eier vertilgt.
  • Vielleicht noch im Fluss angeln
  • Faul sein und regenerieren
  • Leider nur ein Ruhetag, dafür fährt Trine uns auch wieder zurück
  • Zum Glück reicht das Gas noch für die nächste Etappe, Trine hätte uns sonst sogar noch nach Hattfjelldal mitgenommen, kann so ihren Einkauf einen Tag später machen.

Ausgesetzt in der Wildnis des Børgefjell Nationalparks ☺

Schon schön

Der Gaukarelva macht Ärger … hier geht es nicht

Hier auch nicht, wir suchen weiter

Nöööö

Immer noch nicht

Hier ging es endlich

Test: Socken nass? Ergebnis: Ja …

Vielleicht trocknen die Socken am Regenschutz des Rucksacks

Trotz nasser Füße bessere Stimmung dank einiger Sonnenstrahlen

Wir genossen die Landschaft

Kleinere Bäche gab es ständig zu überqueren 

Blick zurück: An dem See im Hintergrund waren wir gestartet

Oberlauf der Virmaelva

Die Landschaft so weit

Und wir darin so klein

Zimmer mit Aussicht

A bisserl Schnee am noch gefrorenen See Virmavatnet

Die Bäche, die wir auf dem Schnee überqueren mussten, haben sich oft nur durch ihre Spuren im Eis des Sees verraten

Der Fluss mit seinen drei breiten und flachen Armen ging ja noch

Aber die hohen Abbruchkanten im Schnee am Ufer waren nicht witzig

Immer wieder die Position auf dem GPS kontrollieren nach dem Abbiegen von der beschriebenen Route

Stundenlang durch grandiose Natur

Mit viel Schnee

Und wo kein Schnee, da Steine

Einige immerhin groß genug, um als Windschutz zu dienen

Uns fehlten immer wieder die Worte

Was kann man dazu noch sagen?

Endlich ein Zeltplatz

Leider viel zu schwer, um es mitzunehmen

Abstieg Richtung nördliche Grenze des Børgefjell Nationalparks

Unsere Zeit als Gast in der letzten größeren Wildnis Norwegens geht zuende

Diese Brücke bringt uns aus dem Nationalpark raus

Diese Brücke auf dem Weg zur Straße ist mal nicht da, wo sie sein sollte

Mal wieder Matsch … im Abstieg immerhin ab und zu mit Plattenweg

4 Gedanken zu “36. von Brattvoll nach Furuheim – Teil 2 

  1. Moin ihr beiden! Mensch, ich lese die ganze Zeit fleißig mit und freue mich total, dass ihr voran kommt und neben den ganzen Unwägbarkeiten auch so viel Trail Magic erlebt! Man muss es einfach immer auf sich zukommen lassen mit einer gewissen Portion Entspannung,a uch wenn es nicht imme rienfach ist, das kenne ich zur Genüge! Grüßt mir ganz, ganz herzlich den Morten in Furuheim! Es ist so cool dort und die Leute sind so hilfsbereit, einfach klasse! God tur videre og det ordner seg 😉 Simon

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