40. von Umbukta nach Saltfjellet

Fakten:

  • 6 Wandertage mit 114 Kilometern
  • Alles gemeinsam mit Mina und Rappo
  • Endlich wieder Hütten – vier schöne Abende
  • Immer noch keine anderen Wanderer – wo sind die alle?
  • Tatsächlich zwei Tage ohne Regenkleidung

Tag 46 – halber Ruhetag

von Ole

Um 9:00 Uhr gab es Frühstück mit Mina. Gegen 11:30 Uhr hatten wir die letzten Sachen wieder in den Rucksäcken verpackt, ich klemmte noch die letzten Chips unter einen Riemen, dann ging es los.

Tage, die mit Brücken beginnen, beginnen schon mal gut. Der leichte Regen störte uns wenig, am Ende wartete eine DNT Hütte auf uns. Den ersten größeren Bach schafften wir auch trockenen Fußes. Nach matschigem Aufstieg (man kann nicht alles haben) boten sich uns wieder tolle Aussichten auf das Fjell. Dazwischen immer mal wieder ein bisschen quatschen mit Mina, das tat gut. Wir kamen zügig voran, obwohl die Rucksäcke wieder deutlich schwerer waren. Spannend, wie anders Dinge bei etwas anderem Wetter und etwas anderen Wegen und netter Gesellschaft aussehen können.

Andrea freute sich den ganzen Tag über trockene Füße dank neuer Schuhe. Diese Freude wurde nur kurz durch das erste Waten getrübt. Anders ging es bei dem Fluss definitiv nicht. Mina beeindruckte uns mit ihrer Technik, sich Schuhe und Strümpfe auszuziehen und hinter dem Fluss wieder anzuziehen, ohne dafür den Rucksack abzusetzen. Da sie die Steine im Fluss sehen konnte, ging sie barfuß. Da konnten wir nicht mithalten und sie musste leider auf uns warten. Irgendwann ging sie dann zur Hütte vor, um schonmal den Ofen an zu machen.

Für uns ging es weiter nach oben. Auf den Seen war wieder Eis. Andrea konnte sich wieder über die Landschaft freuen. Es ging uns gut mit der Entscheidung weiter zu gehen. Ein Fluss nervte dann noch kurz vor der Hütte. Etwas abenteuerlich lagen zwei T-Träger und eine Holzkonstruktion im Wasser, leider mit zwei Metern Abstand und tieferem Wasser dazwischen. Waten wäre auch etwas weiter oben am Fluss irgendwie gegangen, aber das Wasser war schon recht tief. Also zogen wir die Watsandalen an und balancierten über die T-Träger. Gaaanz laaangsam. Die paar Schritte dazwischen gingen auch, waren für Wanderschuhe allerdings wirklich zu tief.

Am Ende ging es dann ein tolles Tal hinauf. Nur mit ein paar Bächen zu viel, da galt es immer wieder, eine Stelle zum Balancieren zu finden. Mit Hilfe von ein paar Schneeresten gelang das zum Glück immer. Nach einem letzten steilen Anstieg über ein Schneefeld erreichten wir die Sauvashytta nach gut 12 km, grandios am Talende gelegen und sehr gemütlich eingerichtet. Unsere schönste Hütte bisher.

Mina hatte schon eingeheizt, ich holte noch Holz, dann ließen wir den Ruhetag gemächlich ausklingen. Ich fing keinen Fisch mehr, die eisfreie Wasserfläche des Sees war zu klein und das Wasser zu flach. Es blieb bei Fertiggerichten. Dazu frisches Brot und schöne Unterhaltungen. Genau der richtige Tag für einen Wiedereinstieg. Und die nassen Schuhe werden auch noch trockener werden.

Tag 47

von Ole

Pfannkuchen zum Frühstück! Was für ein Auftakt. Dann noch etwas Müsli und gegen 10:30 Uhr kamen wir los. Ich in Regenhose und Fleece, ich hatte die Sonne schon gesehen und es regnete gerade nicht. Das erste Mal seit Steikvasselv! Es folgte eine Stunde wie im Traum. Langsam stiegen wir höher, querten viele Schneefelder und genossen die Ausblicke in alle Himmelsrichtungen. An einigen Stellen blauer Himmel, an anderen drohten die Wolken schon wieder mit Regen. Höhepunkt war der Blick auf das schon weit entfernte Okstindan Massiv in seiner ganzen Pracht. Ein Geschenk.

Wir stiegen in das nächste Tal ab, erst über Schnee, dann über Matsch. Dann wieder sehr feucht an einem Berghang entlang. Die Mücken waren wieder da. Nur Mina störten sie nicht, es wären doch noch so wenige. Wenige? Also wenn ich mit einem Schlag drei erwischen konnte, waren das für mich schon viele. Mal sehen, wo das noch hinführt.

Nach einer sehr sumpfigen Strecke, die uns furchtbar auf den Geist ging, gab es eine wohlverdiente Pause, die uns allen gut tat. Wir ließen die Mücken Mücken sein, jetzt gab es etwas zu Essen. Mit dem Fernglas konnten wir die Hütte schon sehen.

Bergab in den Wald (mehr Mücken), über einen Rentierzaun, über einen Fluss (schon blöde, hier in die Watschuhe rein zu müssen – das Buffet für die Mücken war eröffnet), bergauf und dann wieder übers Fjell  (weniger Mücken). Mina rannte voraus – später sagte sie, das sei ihre Reaktion, wenn sie müde wurde … wir schleppten uns hinterher. Das Fjell zog sich, die Hütte entzog sich. Ein letzter Abstieg, ein bisschen Sumpf, dann hatten wir es geschafft und nach 17 km die Hütte erreicht.

Die Kvidsteindalstunet Hütte war deutlich kleiner, älter, verwarzter als die Hütte am Vortag, an der neuen Hütte wurde noch gebaut. Trotzdem gemütlich, drei von vier Betten belegten wir. Gut, dass noch so wenige Wanderer unterwegs waren. Beim Essen wieder schöne Gespräche, sehr offen und vertraut. Es half uns und insbesondere Andrea sehr, dass auch Mina vier Tage zuvor über einen Abbruch der Tour nachgedacht hatte, weil sie kaputt und von den Bedingungen genervt war und dass auch sie viele Momente erlebt hatte, in denen sie sehr geflucht hatte … ja, dass diese Momente wohl gegenüber den schönen Momenten sogar in der Überzahl gewesen waren.

Am Ende gab es noch ein tolles Kompliment von Mina: “When I met you in Umbukta and I saw that they had burgers on the menu I was really happy.” Vor den Burgern in der Aufzählung zu stehen, will echt etwas heißen. Wir freuten uns auf einen weiteren gemeinsamen Tag, leider mit deutlich mehr Kilometern, es sollten 23 km werden.

Tag 48

von Ole

Der Wecker klingelte um 8:00 Uhr. Ich zuckte zuerst und durfte damit Wasser holen. Dann gab es Müsli, wir packten die Rucksäcke, was in der kleinen Hütte zu dritt gleichzeitig gar nicht so einfach war. Gegen kurz vor 10:00 Uhr kamen wir los. Zuerst fanden wir den Weg nicht, dann fanden wir die Brücke nicht, es dauerte alles etwas länger. Hinter der Brücke wurden die Markierungen zum Glück wieder besser.

Es ging bergauf, ein tolles Tal entlang. Nach gut 8 km erreichten wir eine Rasthütte. Schnell war ein Feuer angemacht, die Schuhe wärmten und wir kochten uns eine Suppe. Das tat echt gut, die letzten Höhenmeter waren schon ziemlich mühsam gewesen. Den heftigsten Regenschauer konnten wir noch in der Hütte abwarten, bevor es das Tal weiter hinauf ging. Der Himmel hatte sich mal wieder in viele Grautöne gehüllt, ab und zu schien allerdings auch die Sonne und zeichnete schöne Farben auf die Berghänge.

Wir erreichten den Pass und sahen eine neue Welt mit viel runderen Bergkuppen. Das Saltfjellet lag vor uns. Wir freuten uns schon auf die nächste Pause und stiefelten zügig den beiden Flüssen entgegen, die es vorher zu queren galt. Der erste ging mit einem mutigen Schritt knapp oberhalb eines kleinen Wasserfalls. Der T-Träger, der das normalerweise erleichtert hätte, lag fünf Meter tiefer im Wasser, von der Schneeschmelze hinweg gefegt.

Der zweite Fluss musste dann durchwatet werden, aber immerhin strömte er friedlich vor sich hin, war nur am Ende etwas tiefer als erwartet. Da er zusätzlich nicht ganz so kalt war wie viele andere zuvor, blieb Zeit für ein paar Fotos. Mina rief dann, dass doch noch ein weiterer Fluss käme, wir latschten also erstmal in den Sandalen weiter – ganz schön pieksig dieses Gestrüpp, fast wie ein Reibeisen an den nackten Schienbeinen. Zum Glück war es nur ein kleiner See, den sie gesehen hatte, wir lachten und zogen die Wanderschuhe wieder an.

Ich hatte mittlerweile das dritte Paar Socken an, zwei Paar waren schon klitschnass. Das Wechseln der Socken half dann jeweils eine knappe Stunde, besser als gar nichts. Andrea erfreute sich weiterhin trockener Füße. An einem Lavvu (ein einem samischen Zelt nachempfundener Unterstand) gab es eine weitere Pause, gute 7 km vor dem Ziel. Diese hatten es dann leider noch einmal in sich.

Leicht bergauf gehend wechselten sich Gestrüpp und Modder ab. Bei Andrea war die Geduld zu Ende, sie kämpfte sich da nur noch irgendwie durch. Bei mir waren die letzten Socken auch nass, so dass ich nicht mehr nach dem trockensten Weg suchen musste, mittendurch ging auch, Füße wurden nicht mehr feuchter – nur kälter, wie ich lernen sollte. Mina war zu diesem Zeitpunkt vorgegangen, sie nahm uns auf den letzten zwei Stunden eine halbe Stunde ab. Genial, wenn dann die Hütte schon etwas wärmer war, weil der Ofen schon brannte.

Um 19:00 Uhr hatten auch wir es geschafft. Uff. Ein langer Tag mit 23 km. Schnell gab es Abendessen, dann klang der Tag mit Lesen und Schreiben in einer großen und schönen Virvashytta aus, die wir wieder für uns alleine hatten. Seit Umbukta hatten wir keinen Menschen getroffen.

Tag 49

von Ole

Wieder klingelte der Wecker um 8:00 Uhr, es lagen 25 km vor uns. In kompletter Regenmontur ging es in leichtem Nieselregen los. Bergauf. Bergauf. Und weiter bergauf. Nach 6 km hatten wir netto 400 Höhenmeter geschafft, brutto waren das mindestens 550 Höhenmeter. Entsprechend kaputt waren wir, als wir endlich die Rasthütte erreichten. Andrea extrapolierte kurz und meinte nur, dass sie keine 2.000 Höhenmeter an dem Tag schaffen würde – ich glaube, sie meinte nur mit dem schweren Gepäck.

Bei heißer Schokolade, warmem Mineraldrink und viel Brot, Obst, Nüssen und Schokolade erholten wir uns gut genug, um direkt danach einen eiskalten, schnell fließenden und für unseren Geschmack etwas zu tiefen Fluss zu durchwaten – besonderer Dank galt Mina, die noch einmal bis zur Flussmitte zurückkam, um uns den besten Weg zu zeigen. Ich half dann Andrea auf der anderen Seite das sehr steile Flussufer hinauf und stieg noch einmal nach unten, um auch ihren Rucksack zu holen. Beim folgenden weiteren Aufstieg im Fjell wurden wir dann schnell wieder warm.

In langen Wellen ging es dann weiter, rauf und runter, zum Glück jetzt mehr runter als rauf, so dass Andreas Extrapolation mit den Höhenmetern nicht zutraf, am Ende waren es vielleicht 800.

Dafür bekamen wir wieder mehr Moor, was doch stark an den Nerven zehrte. Die Lunten wurden kürzer. Anstrengend. Wir stiefelten tapfer Mina hinterher, die mal wieder einen Zwischenspurt einlegte. An einem weiteren Fluss wartete sie auf uns, um uns den besten Weg zu zeigen. Nach 16 km erreichten wir endlich den größten Fluss und die Straße. Doch hier war keine Brücke. Der reißende Fluss verschwand fast komplett an einem Damm. Unheimlich, hinter dem Damm auf großen Steinen durch das fast trockene Flussbett zu kraxeln.

Die nächste Rasthütte fanden wir nicht, Pause gab es bei ein paar Sonnenstrahlen trotzdem. Ich machte den Fehler, Socken und Sohlen ein wenig zu trocknen, bezahlte dafür mit einer Viertelstunde kalter Füße und langsamen hinterher humpeln, als es weiter ging. Danach flogen wir quasi die Straße entlang. Das tat gut. Leider waren unsere Energiereserven alle, als es 5 km vor dem Ziel noch einmal querfeldein ging. Mina flog schon mal Richtung Hütte, wir schleppten uns Schritt für Schritt durch Moor und Gestrüpp.

Am Morgen wäre das noch ein guter Weg gewesen, da es zwischendurch auch mal auf gutem Trampelpfad geradeaus ging, jetzt waren wir einfach zu müde. Der Kopf wollte zwar noch, konnte aber irgendwie nicht mehr schnell genug schalten, wo denn jetzt der nächste Schritt hin musste. Wir machten noch eine kleine Pause, atmeten durch, aßen die letzten drei Stücke Schokolade und tranken den letzten Becher Tee. Das war gut, danach mussten wir noch durch zwei tief ausgewaschene Flussbetten – steil runter, wackelig rüber und noch steiler wieder rauf. Die letzten 40 Höhenmeter ging es dann ganz steil bergab. Mir taten schon die Zehen weh, da ich in den nassen Socken nicht mehr so gut Halt im Schuh hatte.

Eine letzte, abenteuerliche Brücke und kurz danach standen wir an der E6, der Hauptverkehrsader im Norden Norwegens. 50 m weiter dann an der Bolnastua. Endlich. Andrea setzte sich erst einmal auf die Stufen, unfähig, die Schuhe auszuziehen oder den Rucksack in die Hütte zu bringen.

Ich hängte meine Schuhe über den schon bullernden Ofen – danke Mina! – trug Andreas Rucksack hinein und machte schnell Essen. Danach ging es auch Andrea wieder besser. Wir schauten uns noch gemeinsam die Fotos der letzten Tage an, lasen und klönten dann noch lange über unsere Erfahrungen auf dieser Wanderung und was sich für uns und in uns schon verändert hatte oder noch verändern könnte. Es machte einfach Spaß, das mit Mina zu teilen. Und wir genossen den gemeinsamen Hüttenabend sehr. Wir verstanden uns einfach gut, auch wenn gerade alle ihren Gedanken nachhingen und niemand redete.

Tag 50

von Ole

Der Tag begann entspannt. Wir hatten uns entschieden, mit Mina entlang der Landstraße E6 in zwei Tagen die ca. 35 km bis nach Lønsdal zu gehen, statt dem Wanderweg E1 drei Tagen und 56 km weit zu folgen. Nach warmem Porridge gingen wir die E6 entlang, das Arctic Circle Center für die Mittagspause war zentrales Thema der Gespräche. Was haben die wohl zu essen? Würden wir die vielen Touristen aushalten? „Zweimal das Essen, bitte.“ „Für mich auch zwei!“

Nach 2 km bogen wir auf eine Nebenstraße ab und ließen den Verkehr hinter uns. Es ging mal wieder bergauf, aber trocken und nicht matschig. Das Saltfjellet mit seinen sanft geschwungenen Bergkuppen breitete sich wieder vor uns aus. Dadurch sahen wir das Center schon von weitem. Lustig. Wie ein Ufo wirkte es etwas fehl am Platz in dieser Landschaft. Je näher wir kamen, desto mehr erkannten wir die PKW, Caravans und Busse auf dem Parkplatz. Wir schlossen Wetten ab, wie lange Andrea sich wohl beherrschen würde, bevor sie ausrasten und einen Touristen beißen würde. In Massen waren andere Menschen ja manchmal etwas zu viel, vor allem, wenn sie so einen völlig anderen Hintergrund hatten und mit Benzin dorthin gekommen waren und nicht auf Schusters Rappen.

Aber zuerst erreichten wir den Polarkreis. Ein geniales Gefühl, das zu Fuß geschafft zu haben. Wir genossen den Moment in aller Ruhe, machten ein paar Fotos und freuten uns zu dritt.

Auf kaputten Füßen verließen wir dann unsere Nebenstraße und erreichten unsere Pause. Rappo durfte leider nicht mit rein in das Center, benahm sich aber in dem Gewusel draußen so gut, dass Mina sich entschied, ihn allein  draußen zu lassen und mit uns gemeinsam drinnen zu essen. Dafür bekam er am Ende ein doppeltes Hotdog als Belohnung. Es gab leider im wesentlichen Fastfood, das noch dazu ohne Pommes, weil die Fritteuse kaputt war. Also gab es für uns zweimal das Tagesgericht (Rentierfleisch mit Kartoffelpüree) und danach noch zwei Burger als Nachtisch. Und die anderen Menschen waren friedlich, Andrea biss niemanden. Der Shop war total uninteressant, es gab nichts darin, was Kalorien hatte.

Nach ein paar Fotos quälten wir die Füße wieder in die Schuhe und gingen zu unserer einsamen Nebenstraße zurück. Nach weiteren 7 km gab es eine mückige Pause in der Sonne (!). Wir brauchten erstmals seit langer Zeit die Regensachen gar nicht. Leicht querfeldein ging es dann in Sichtweite der E6 weiter, teilweise zügig auf der alten Straße. Diese war nur in der Karte nicht mehr eingezeichnet. Bei den Brücken haben wir es auch gemerkt, hier stand zwar noch das Mauerwerk steil auf beiden Seiten, aber der Deckel fehlte. Irgendwie haben wir es trotzdem immer wieder fast trockenen Fußes über die Flüsse geschafft.

Nach gut 24 km suchten wir uns einen Zeltplatz etwas oberhalb der Straße, wo es etwas windiger und leiser war. Mücken gab es trotzdem noch genug. Wir bewunderten Minas Ruhe angesichts der vielen Mücken und versuchten, uns eine Scheibe abzuschneiden. Nach dem Essen ging es dann schnell in die Zelte, da waren deutlich weniger Blutsauger. Ich verarztete noch meine geschundenen Füße, die nach den vorangegangenen Strapazen erst in der Nässe und dann in der Wärme sehr gelitten hatten. Am Folgetag würde ich mit „Kondomen“ über den großen Zehen laufen.

Tag 51

von Andrea

Die Nacht im Zelt wurde sehr kalt. Man hätte es sich angesichts des fast klaren Himmels denken können, hatten wir aber nicht. Wir hatten statt nachzudenken die Schlafsäcke nur oben gekoppelt, um sie nur als Decke zu benutzen, weil der Abend ja so schön warm gewesen war. Zur Strafe froren wir beide die halbe Nacht. Um die Schlafsäcke doch noch vollständig zu koppeln oder uns vielleicht mal zusätzlich Fleece oder Daunenjacke anzuziehen, waren wir irgendwie zu platt. Wie doof kann man sein. Mina erzählte uns am nächsten Morgen, dass sie auch die halbe Nacht gefroren hatte und auch zu kaputt gewesen war, um sich noch etwas anzuziehen. Da hatten wir zu dritt etwas zu lachen.

Ab ca. 6:30 Uhr schien dann die Sonne auf unser Zelt und verwandelte es langsam in eine Sauna. Sonne, juhuuuu! Endlich Sonne! Bis kurz vor 9:00 Uhr hielten wir es im Zelt trotz der etwas absurden Temperatur noch aus, wir waren einfach zu platt, um aufzustehen. Da draußen warteten Rucksäcke auf müde Schultern und Schuhe auf schmerzende Füße. Ach nöööö. Da kann man sich gut noch mal umdrehen, sooooo warm ist es ja nun auch wieder nicht. Aber irgendwann ging es in unserer Sauna dann wirklich nicht mehr.

Ole wagte sich zuerst zu den Mücken nach draußen und verkündete nach einer Weile, die Luft sei wunderbar klar und die Mücken gar nicht so schlimm. Na dann. Da mir die gar nicht so schlimmen Mücken am Vortag einiges an Blut abgenommen hatten – vor allem an den Ohren und an der Stirn, die Mistviecher – verteilte ich noch großzügig Gift auf meinem Körper, bevor ich mich aus dem Zelt und zum Frühstück traute.

Die Mücken waren wirklich gar nicht so schlimm und so wurde es ein gemütliches Frühstück zu dritt unter einem fast strahlend blauen Himmel. Wir ignorierten die Autos auf der E6 hinter uns, genossen den Blick in die Berge und quatschten wieder ausgiebig. Es war unser (vorerst) letztes gemeinsames Frühstück mit Mina. Sie würde uns fehlen, da waren wir uns sicher.

Irgendwann rafften wir uns auf, packten alles zusammen, zwängten unsere jaulenden Füße in die Schuhe und tappten an der E6 entlang Richtung Norden. Etwa 10 km lagen noch vor uns bis Lønsdal, wo das Saltfjellet Hotel lag, in dem unser nächstes Paket und ein Ruhetag auf uns warteten und wo Mina in den Zug nach Bodø steigen wollte, wo sie das Wochenende mit ihrem Mann und Familie verbringen würde und von wo aus sie dann für einige Tage zu Freunden auf die Lofoten fahren würde.

Es waren nur lächerliche 10 km, aber unsere Füße stellten sich etwas an. Wir merkten alle die langen Strecken der letzten Tage. Es waren immerhin an drei Tagen in Folge deutlich über 20 km gewesen. Mir taten die Füße wohl noch am wenigsten weh und das trotz neuer Schuhe. Und wir sind nicht dafür gebaut, auf Asphalt zu laufen, auch wenn es im ersten Moment nach dem Gestolper im Fjell super bequem ist. Irgendwann fangen die Füße unweigerlich an zu maulen. Darüber hinaus nahm der Verkehr mit der Zeit immer mehr zu und es ist einfach nicht schön, wenn ein Wohnmobil oder LKW an einem vorbei rauscht. Wir waren aber trotz allem froh, uns für die Abkürzung entlang der E6 entschieden zu haben. Wir freuten uns SEHR auf Dusche und Ruhetag. Der letzte Ruhetag in Umbukta war ja meinem Schuhkauf zum Opfer gefallen. Dieses Mal wollten wir einen richtigen Ruhetag!

Es zog sich, eh klar, tut es immer und immer glaubt man, dass man den letzten Kilometer jetzt nun wirklich nicht mehr schafft. Aber auch der war irgendwann rum und gegen 13 Uhr stolperten wir in unser Hotel (http://www.deutsch.saltfjellethotell.no). Das Zimmer war noch nicht fertig, das Restaurant hatte mittags nicht geöffnet, aber wir durften uns zu dritt in den Aufenthaltsraum setzen, erstmal Bier und eine Tüte Chips genießen und bekamen dann vom Küchenchef trotz geschlossenem Restaurant jeder ein Sandwich mit Salat, Fleisch und Spiegelei oben drauf. Köstlich. Dann machten wir gemeinsam noch Schokolade und Kekse platt, bis Mina mit Rappo zum Bahnhof aufbrach und wir Richtung Dusche. Wir würden uns wiedersehen, in Norwegen bei ihr zu Hause oder in München bei uns, da waren wir drei uns sicher.

Eine warme Dusche ist großartig! Es ist schön, wie sehr wir wieder lernen, die scheinbar kleinen Dinge zu schätzen. Warmes Wasser aus der Wand ist absolut nicht selbstverständlich. Wir durften sogar unsere Wäsche zum Waschen abgeben. War nicht ganz so einfach wie an einigen anderen Orten bisher, ging aber dann schließlich doch, weil eine nette junge Dame sich bereit erklärte, sich darum zu kümmern. Auch frisch gewaschene Socken, die nicht (mehr) zum Himmel stinken, können manchmal glücklich machen und sind nicht selbstverständlich.

Um 17:00 Uhr durften wir dann sogar noch eine Sauna genießen. Endlich mal wieder. Etwas klein, alt und verwarzt aber es tat trotzdem soooo gut.

Beim Abendessen gab es ein Buffet. Wir verputzten Salat (endlich wieder Grünzeug), Suppe und mehrere Portionen Hauptgericht. Dazu bekam ich mein drittes Bier des Tages. Den Effekt habe ich dann doch irgendwie gemerkt. Und auch die deutsche Reisegruppe, die dann mit dem Bus ankam, konnte uns nicht mehr aus der Ruhe bringen. Wir waren satt und damit sehr zufrieden. Abends satt zu werden ist jetzt seit einigen Tagen nicht mehr selbstverständlich.

Und sich nachts für den Gang zur Toilette nicht Daunenjacke und Regenjacke anziehen zu müssen und/oder auf dem stillen Örtchen jeden Zentimeter Haut gegen Mücken verteidigen zu müssen, ist ebenfalls nicht selbstverständlich. Auch darüber kann man sich freuen.

Insgesamt geht es uns gut damit, dass wir von Umbukta aus weiter gegangen sind und nicht abgebrochen haben. Vor allem waren die 6 Tage mit Mina sehr schön. Und da das Wetter jetzt endlich besser geworden ist, dürfte auch endlich etwas von dem vielen Wasser im Fjäll trocknen, was schon mal sehr hilft. Und darüber hinaus folgen als nächstes erstmal zwei kurze Etappen mit nur 5 Tagen. Erst nach Sulitjelma, was schon lange auf unserer Liste steht, weil uns der Name schon auf vielen Karten und in vielen Routenbeschreibungen begegnet ist, dann nach Ritsem, wo wir 2014 schon waren und was dadurch schon ein kleines bisschen wie “zu Hause” ist. Und dann, ja dann kommt noch eine harte Etappe mit vielen Tagen und sehr schweren Rucksäcken und dann wären wir – wenn wir das schaffen – tatsächlich in Abisko, wo 2009 alles angefangen hat und wo wir seitdem schon so oft waren. Und das ist dann wirklich wie nach Hause kommen. Bis dahin noch durchzuhalten ist für uns eine große Motivation. Das schaffen wir … irgendwie.

Tag 52 – Ruhetag

  • Keine Schuhe trocknen, das ist nach 2 Tagen Sonne zum ersten Mal nicht nötig
  • Kein Brot backen, das wird im Hotel gekauft
  • Keine Wäsche waschen … ist schon erledigt
  • Kein Hunger! Es gibt genug … zur Not Chips und Bier
  • Keine Wolke am Himmel
  • Keine Lust, uns zu bewegen
  • Kein Trip in eine Stadt, keine Schuhe kaufen
  • Kein Gas zum Kochen organisieren, haben wir von Mina bekommen

Auch in einem verregneten Winter etwas zu lachen haben

Abenteuerliche „Brücke“ – aber warum fehlt denn da ein Stück?

Grandios gelegene Hütte

Noch viel Wasser auf dem Weg dorthin

Sehr gemütlich!

Entspannung an einem halben Ruhetag

In dem kleinen eisfreien Stück des Sees gab es keine Fische

Mina und Rappo klein wie Ameisen

Rückblick auf Okstindan – traumhaft

Netter Rastplatz auf Boulderblock

Ätzendes Gestrüpp – der Untergrund ist in dem Zeug fast immer nass

Wohl verdiente Pause

Teelicht im Schuh soll angeblich beim Trocknen helfen

Die Rasthütte schon in Sichtweite

Gute Rasthütten sind ein echtes Geschenk

Immer noch kalt und windig

Das Gestrüpp unten in der Senke verheißt nichts Gutes

Entspannte Flussquerung … bis das Wasser tiefer wurde

Hütte in Sicht … auf einer der Halbinseln im See

Gut, dass es keine Fotos mit Geruch gibt

Im Aufstieg wieder tolle Ausblicke

Gute Laune

Schwierige Querung nach netter Pause – Rasthütte lag auf der „falschen“ Seite des Flusses

Immer wieder schön

Weite Landschaft

Mina mal wieder voraus

Endlich in der Bolnastua angekommen

Letzter gemütlicher Hüttenabend zu dritt

Hier würde Andrea gern noch rauf

Polarkreis zu Fuß – unten warteten die Massen

Unterwegs auf der alten Straße

Endlich Sommer

Tagesausklang zu dritt – findet die 100 Mücken auf dem Foto

Entlang der E6

Letzte Pause vor dem Ziel

Bier und Chips als Belohnung

2 Gedanken zu “40. von Umbukta nach Saltfjellet

  1. Hey Andrea, Ole. Wir sind zurück von unserer Woche in Norwegen. Zuerst hatten wir strömenden Regen in Oslo (komplett durchnässt und auch mit falscher Bereifung) und 3 Grad mit eiskaltem Wind auf der Hardangervidda (kurzzeitig fast erfroren). Dadurch haben wir nochmal ein großes Stück mehr Respekt als ohnehin schon, vor eurer Leistung bei widrigsten Bedingungen!!! Danach wurde es jeden Tag besser und Briksdalsbreen, Geiranger und Kvitfjell bei blauem Himmel und Sonne waren schon ein Erlebnis. Es ist toll, dass dieses sonnige Wetter scheinbar auch bei euch angekommen ist! Wir wünschen euch weiterhin viel Spaß und Durchhaltevermögen! Wir freuen uns über jeden neuen Reisebericht! VG aus München, Benni und Melli

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  2. Es ist schön von euch zu lesen, war mir fast sicher, dass ihr nicht aufgebt. Stelle fest, Fernwanderer, auch die, die ich hier so treffe, sind irgendwie ein eigener Schlag. Und aufhören tun die wenigsten, man ist einfach schon zu weit gekommen.
    Ich freue mich nach ein paar Tagen auch immer auf Salat und aich bei mir gab es kürzlich Rentiergeschnetzeltes mit Burger zum Nachtisch.
    Haut rein…

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