42. von Saltfjellet nach Sulitjelma 

Fakten:

  • Wandertage: 4
  • Zeitplan: 2 Tage Vorsprung dank einiger Abkürzungen
  • Strecke: ca. 78 km
  • Höhenmeter: dazu sagen wir nix, sondern schweigen beleidigt
  • wolkenlose Tage mit Sonne: 4!!!
  • Tage mit Regenkleidung: 0!!!
  • Matschlöcher: trotz Sonne und Wärme noch zu viele
  • Mücken: mehr als teilweise auszuhalten waren und Mückenstiche mehr als man noch zählen will
  • andere Wanderer: 7 und damit absoluter Rekord

Tag 53

von Ole

Toller lichter Wald und fieser Dschungel.

Wir genossen erneut das leckere Frühstücksbuffet im Saltfjellet Hotel. Ich glaube, ich hatte nach Broten mit Ei und Sild noch vier Waffeln mit Marmelade.

Gegen 10:30 Uhr kamen wir los. Die Beine und Füße konnten es irgendwie noch nicht glauben, dass es schon wieder weiter ging. Sie waren ziemlich lahm. Wir kreuzten die E6, für den Fluss dahinter gab es eine Brücke. So fangen gute Tage an, auch wenn diese Brücke echt wackelig war. Noch bessere Tage gehen dann mit Planken weiter, sobald es sumpfig wird. Dies war ein solcher Tag. Durch tollen lichten Kiefernwald auf felsigen Kuppen ging es dann bergauf. Am Abfluss eines Sees hatten wir eine weitere Brücke. Das ganze bei mehr als 20°C und blauem Himmel. Wir blieben immer wieder stehen und freuten uns über die Landschaft und das Wetter. Ein sehr schöner Wiedereinstieg nach dem Ruhetag. Mit überraschend vielen Leuten. Wir begegneten insgesamt sieben Tagesausflüglern (eine davon sehr mitteilsam) und drei Weitwanderern.

Nach weiterem Aufstieg erreichten wir den höchsten Punkt. Wieder waren es brutto deutlich mehr Höhenmeter als netto. Immer wieder ging es auf und ab. Nach dem höchsten Punkt ein bisschen mehr ab als auf, davor war es anders herum gewesen. In der Ferne beeindruckte uns ein Berg, der aussah wie ein abtauchender Orca, sein schmaler felsiger Gipfelgrat ragte wie dessen Rückenflosse in den Himmel.

Wir hatten uns entschieden, den Weg über das Junkerdal Turistsenter zu gehen, statt über die Graddis Fjellstue. Unser Ziel war die DNT Hütte Trygvebu. Ein alter, aufgelassener Fahrweg, der in der Karte noch als Traktorweg eingezeichnet war, sollte vom Junkerdal Turistsenter dorthin führen. Damit würden wir einige Kilometer und Höhenmeter sparen. Zudem bestand die leise Hoffnung, im Turistsenter Mittagessen zu bekommen, denn laut Google gab es dort ein Café.

Als wir den langen Abstieg geschafft hatten, wurden wir enttäuscht, das Turistsenter war geschlossen. Wir setzen uns dann auf dem Campingplatz auf die Bank vor einer unbewohnten Hütte. Die Toilettenräume waren zum Glück nur prinzipiell geschlossen, eine gute Seele hatte die Tür mit einem Stein offen gehalten. Das verhalf uns zu frischem Wasser und einem  Toilettengang nach der Pause. Munter verputzten wir Brot und Aufschnitt. Ich trocknete gleichzeitig meine Socken in der Sonne. Bis dahin war alles gut gegangen, noch keine Überschwemmung im Schuh, trotz einiger feuchter Stellen ohne Planken.

Den nächsten Fluss überquerten wir dann wieder auf einer Brücke, den Traktorweg danach fanden wir auch ohne Probleme, er sah gut aus und wir kamen zügig voran. Dann teilte er sich jedoch, der bessere Teil endete nach wenigen hundert Metern auf einem Platz mit Lavvu und Feuerstelle. Also zurück und auf dem weniger guten Weg weiter.

Anfangs kein Problem. Allerdings teilweise nahe am reißenden Fluss entlang und wir fragten uns beide schon im Stillen, ob nicht irgendwo ein Stück der Straße weggebrochen sein würde. Und so kam es dann leider auch. Und das nicht nur einmal. Die erste vom Fluss fortgerissene Passage konnten wir noch nahe am Wasser umgehen. Ich sah auch Trittspuren in die Gegenrichtung, es war schon jemand aus der anderen Richtung (durch-?) gekommen. Und der Weg war zwischendurch auch mal wieder ausgetreten. Also gingen wir weiter.

Über einen kleinen Erdrutsch, der dem sehr steilen Hang über uns zu verdanken war, mussten wir dann drüber klettern. Dann war die alte Straße wieder weg, vor uns nur der steile Hang, neben uns der reißende Fluss. Wir folgten den Trittspuren, die sich im steilen Gelände bald verliefen. Mühsam überquerten wir ein Steilstück und standen wieder am Flussufer. Was tun? Würden wir hier wirklich die nächsten knapp 2 km durchkommen? Das Gelände war uns nicht wirklich geheuer, wir wollten nicht plötzlich irgendwo feststecken.

Wir legten die Rucksäcke ab und gingen vorsichtig weiter. Wieder fanden wir einen Trampelpfad. Nur Wildwechsel oder mehr? Wir gingen weiter. Wir wollten nicht wieder mit den Rucksäcken an eine schwierige oder gar unpassierbare Stelle kommen, daher wollten wir jetzt ohne Rucksäcke herausfinden, ob es überhaupt ein Durchkommen gab. Das Unterholz des Waldes wuchs uns fast bis an die Schultern. Ein echter Dschungel. Wir kämpften uns bergauf, kamen nur sehr langsam voran. Weiter ging es durch das Dickicht.

Mittlerweile waren wir deutlich oberhalb des Flusses, der Hang fiel zum Fluss steil ab, was auch nicht immer beruhigend war. Ab und zu war dann plötzlich der Traktorweg wieder zu erkennen, doch dann war er wieder völlig überwuchert. Weiter durch den Dschungel. Wir prüften mit dem GPS unsere Position, weit war es nicht mehr. Endlich erreichten wir die kleine Straße, die wir auf der Karte gesehen hatten und zu der wir uns hatten durchschlagen wollen. Uff. Es würde also gehen. Nur unsere Rucksäcke lagen jetzt weit hinter uns.

Also zurück in den Dschungel. Ich ging vorweg, sammelte Andreas Rucksack auf und ging ihr schon entgegen. Wir tauschten und ich ging wieder zurück, auch meinen Rucksack zu holen. Dann machte ich mich auf die Verfolgung. Wir waren beide im survival Modus. Nur irgendwie aus diesem Dschungel im steilen Gelände wieder raus. Vergessen waren schmerzende Knie und Füße, der Kopf hatte komplett übernommen.

Ich holte und holte Andrea nicht ein. Sollte sie wirklich so schnell sein, dass ich die vielleicht 350 m Vorsprung nicht aufholen konnte? Endlich sah ich sie vor mir. Erleichterung. Gemeinsam schafften wir auch die letzten paar hundert Meter bis zu der kleinen Straße noch. Dort gab es erstmal für uns beide eine feste Umarmung. Uff. Das war nicht einfach gewesen. Gut, dass wir es ohne Rucksäcke probiert hatten, sonst wären wir vermutlich umgekehrt. Und dann hätten wir es an dem Tag nicht mehr bis zur Hütte Trygvebu geschafft, in der wir übernachten wollten.

Diese erreichten wir gegen 19:15 Uhr nach mit der dreifachen Dschungelstrecke ca. 22 km. Leider waren wir nicht die einzigen Gäste. Leider waren die anderen Gäste nicht so nett wie Mina, deren Gesellschaft wir vermissten. Ein Belgier war von Kilpisjärvi auf dem E1 nach Süden unterwegs, eine schwedische Familie (Vater, Mutter, fast erwachsener Sohn) war im Auto nach Bodø unterwegs. Leute im Auto sind irgendwie in einem anderen Film und daher keine sonderlich angenehme Gesellschaft in einer Hütte.

Wir tauschten uns beim Essen mit dem Belgier über die weitere Route aus. Immer wieder unterbrochen von schwedischen Kommentaren, die leider gerade gar nicht gefragt waren. Nach ein paar Stück Schokolade verzogen wir uns daher zum Schreiben, Lesen und Musikhören in unser kleines, warmes Zweibettzimmer.

Tag 54

von Andrea

Die Nacht war leider sehr unruhig gewesen. Die schwedische Familie hatte noch lange so viel Lärm gemacht, dass ich dachte, die hätten die Hütte umgebaut. (Hatten sie nicht. Als ich zur Toilette ging, sah die Hütte so aus wie vorher. Was hatten die also gemacht?) Und morgens um 7:00 Uhr ging es wieder los. Unterhaltungen wurden in normaler Lautstärke geführt, jede Tür wurde mit Schwung geschlossen – bamm. In welchem Film waren die denn? Nehmt doch bitte das nächste Mal ein Hotel, wenn Ihr schon mit dem Auto unterwegs seid und keine Lust habt, auf andere Rücksicht zu nehmen.

Zum Glück verschwanden sie dann schon gegen 8:30 Uhr und wir hatten unsere Ruhe. Den Belgier nahmen sie mit dem Auto mit nach Bodø; er wollte sich dort neue Schuhe kaufen, weil er ständig nasse Füße hatte …

Wir brachen um kurz vor 10:00 Uhr auf. Wir waren beide müde nach der unruhigen und für uns zu kurzen Nacht. Das waren keine guten Voraussetzungen für den Tag. Und der sollte in der Tat übel werden. Warum? Blauer Himmel, schätzungsweise 24 °C und windstill.

Jetzt rollt Ihr bestimmt die Augen. Oh männo, denkt Ihr, jetzt haben die endlich Sommer und jammern schon wieder rum. Nie kann man denen etwas recht machen! Ja, das stimmt wohl leider. Uns war ja klar, dass mit dem Sommer die Mücken kommen würden. Nur was das für Ausmaße annehmen kann, wenn es windstill ist und wieviel Nerven es uns kosten würde, wenn wir an so einem Tag dreimal einen Strip Tease machen müssen, um mit Sandalen durch einen Fluss zu kommen, das war uns nicht klar gewesen. Wenig ehrenhafte Bilanz des Tages: Pro Nase etwa 20 neue Mückenstiche trotz langärmeliger Kleidung und Verkleisterung aller freien Stellen und zum Teil sogar der Kleidung mit Mückengift. Und angesichts dessen auch ungefähr ähnlich viele Wutausbrüche mit wüsten Flüchen pro Nase.

Als erstes durften wir mal den Dschungel-Trip vom Vortag fortsetzen. Zum Glück nur bezüglich der Vegetation, die teilweise so dicht war, dass wir den Boden nicht sehen konnten, womit nicht stolpern und nicht hinfallen irgendwie Glückssache wurde – der Weg war aber immerhin vorhanden und nicht vom Fluss weggerissen. Das ganze wurde ergänzt durch eine Zutat, die in keinem guten Dschungel fehlen darf … genau: Wasser und Matsch. Etwa eine halbe Stunde nach unseren Aufbruch meldete Ole Land unter im ersten Schuh. Ich meinte noch tapfer, es könnte noch schlimmer sein und zusätzlich die ganze Zeit anstrengend rauf und runter gehen. Das hat sich das Gelände dann schnellstens zu Herzen genommen. Konnte ja nicht angehen, dass ich da etwas vermisste.

Nach 3 Stunden hatten wir die 8 km bis zur Argaladhytta geschafft und waren reichlich entnervt. Die Länge unserer Lunten war schon morgens nicht berauschend gewesen, nun reichte sie kaum noch, um in Deckung zu gehen. Immerhin machten wir in der winzig kleinen und sehr liebevoll eingerichteten Hütte eine erholsame Pause, bevor wir uns an die 11 km zur nächsten DNT-Hütte machten.

Nach 1 km sollte es einen Fluss zu queren geben und dann sollte auch die Waldgrenze erreicht sein. Der Belgier hatte am Abend zuvor gemeint, der Fluss sei harmlos, das Wasser gehe nicht mal bis zum Knie. Wir machten uns also keine Sorgen. Und Waldgrenze bedeutete, aus dem Gestrüpp raus zu sein. Sehr gut. Und unsere Wegbeschreibung sprach von einfachem, fast flachem Gelände. Noch besser. Trotz der beknackten ersten 8 km waren wir also guter Dinge. Doch es sollte anders kommen.

Der Fluss teilte sich in diverse Arme auf. Der erste hatte eine Brücke. Wir dachten, damit sei der Drops gelutscht und stiefelten zufrieden weiter. Die Arme Nummer 2, 3 und 4 konnten wir irgendwie mittels großer Steine überqueren. An Arm Nummer 5 machten wir dicke Backen. T’schuldigung, wie wäre es hier mit einer zweiten Brücke? Nicht breit, aber tief und reißend das Ding. Die Suche nach einer besseren Stelle für eine Querung blieb erfolglos. Als wir dann unseren Strip Tease starteten – wir mussten leider auch komplett aus den Hosen raus, weil das Wasser so tief war – konnten wir weder schnell genug die Mücken an unseren Beinen totschlagen, noch schnell genug unsere Beine mit Gift einreiben. Das Buffet für die Mücken war eröffnet. Es schwirrten so dermaßen viele Mücken um uns herum, dass sicher in jeder Sekunde 5 Stück irgendwo an unseren Beinen landeten. Wir wurden hektisch, wollten schnell über den Fluss, aber der war echt übel, ein Fehler auf Grund unserer Hektik wäre da auch keine gute Idee.

Ole stieg zuerst hinein. Der erste Schritt war am schlimmsten. Das Wasser war tief und floss so schnell, dass es einem das Bein wegzog, noch bevor der Fuß den Grund erreicht hatte. Als Ole sicher stand, half er mir ins Wasser. Dann untergehakt und mit voller Konzentration die vielleicht 10 Schritte durch das reißende Wasser und drüben wieder raus. Uff. Und was hatten wir nun? Genau, frisch gewaschene Beine, nix mehr mit Schutz durch Mückengift. Wieder Hektik, Beine gar nicht abtrocknen, nur irgendwie schnell in die Hose, dann Socken über die nassen Füße und schnellstmöglich in die Schuhe damit. Stress pur.

Diese Geschichte sollte sich auf den folgenden Kilometern noch zweimal wiederholen. Immerhin waren die anderen beiden Flüsse nicht so reißend und daher harmloser. Ole zog beim zweiten Fluss auch wieder tapfer die Hose aus und schlug dann schreiend um sich. Ich krempelte die Hose nur hoch – weniger Stress – riskierte damit nasse Hosenbeine und bekam sie auch. Beim dritten Fluss krempelten wir dann beide nur noch und kassierten nasse Hosen. Dafür hatten wir etwas weniger Stress. Aber entspannt wäre trotzdem anders. Auch beim Hochkrempeln der Hose kann man nicht so schnell schlagen wie die Mücken auf den nackten Unterschenkeln und Füßen landen und den Rüssel ausfahren.

Hinzu kam noch, dass aus meiner Sicht das Gelände alles andere als einfach war. Es gab zwar netto keine großen Steigungen, aber es ging trotzdem ausgesprochen anstrengend ständig rauf und runter und es gab regelmäßig hübsche ausgedehnte Matschflächen zu umrunden oder Ringkämpfe mit dichtem knie- bis hüfthohem Gestrüpp auszufechten. Es ging an unsere Substanz.

Pausen machen? Lebensmüde? Wenn wir stehen blieben, schwirrten binnen Sekunden locker 50 Mücken allein um unsere Beine. Pro Person, versteht sich. Nur einmal verschnauften wir kurz auf einer kleinen Anhöhe, auf der zumindest ein leichter Windhauch zu spüren war.

Dabei stolperten wir den ganzen Tag durch ein wirklich beeindruckend schönes Tal. Majestätische Felsen über uns, rauschende Wasserfälle. Später vor uns Weite mit hohen Bergen am Horizont. Es fiel uns schwer, das zu genießen. Dafür müsste man stehen bleiben und schauen, weil man sonst sofort stolperte und auf der Nase lag. Wenn man aber stehen blieb, schlug man sofort nur noch um sich und konnte gar nicht schauen. Wie Ole es geschafft hat, zwischendurch noch Fotos zu machen ohne durchzudrehen, war mir ein Rätsel.

Immerhin waren wir endlich nicht mehr die einzigen Verrückten. Wir waren an dem Tag vier anderen Wanderern begegnet. Das war absoluter Rekord!

Gegen 18:30 erreichten wir völlig entnervt die kleine Balvasshytta mit nur 4 Betten. Wir hatten Glück, es war niemand dort und es kam auch niemand mehr. Und die paar Mücken, die mit uns in die Hütte gelangt waren, hatten wir schnell erlegt.

Eigentlich hatten wir ja überlegt, bei dem schönen Sommerwetter mal wieder zu zelten. Und das Gelände an dem großen See, an dem auch die Hütte lag, hatte schon auf der Karte dafür einladend ausgesehen. Aber wir haben ja immer etwas zu jammern und stellen uns wegen ein paar Mücken so an.

In der Nacht hatten wir ausreichend Gelegenheit, eine Bestandsaufnahme zu machen, denn alle neuen Mückenstiche fingen eifrig an zu jucken. Ich habe bei 20 aufgehört zu zählen und Ole ging es ähnlich. Bei ihm waren dank der Flussquerungen vor allem die Beine zerstochen, bei mir war es der Rücken, den mir die Biester durch mein Shirt hindurch zerstochen hatten.

Außer dem Jucken der Stiche weckte mich nachts noch Getrappel neben mir in der Wand. Da ich ja nun mal wach war, ging ich zur Toilette und laß dann auf dem Rückweg das handgeschriebene Schild, auf dem stand, dass man die Tür zwischen Vorraum und Wohnraum geschlossen halten sollte, um die Mäuse aus dem Wohnraum draußen zu halten. Ach so, na dann. Dann wusste ich ja nun wenigstens, wer der Verursacher des Getrappels war und hoffte nur, dass die Tierchen auf ihrer Seite der Wand bleiben würden

Für den nächsten Tag hatten wir zwei Wünsche. Bitte etwas Wind! Und längere Lunten.

Tag 55

von Ole

Wir schliefen gut in der kleinen Hütte. Keine Autofahrer.

Am nächsten Morgen schien draußen die Sonne. Es war windstill. Ab und zu tanzte eine Mücke draußen an der Fensterscheibe während wir frühstückten. Sie warteten. Wir aßen nach dem Expedition Food (800 kcal) noch ein Schokoladenmüsli. Viel Ruhe würden wir den Tag über vermutlich nicht haben, also schon mal Kalorien bunkern.

Wir packten, setzten die Rucksäcke auf und nahmen jeder unseren Mückenschwarm vom Vortag wieder mit.

Es galt, den See Balvatnet halb zu umrunden. Den ersten Kilometer kannten wir schon, der war über Nacht leider nicht einfacher geworden. Der Weg verlief danach leicht oberhalb des Seeufers, durch viel Gestrüpp, ab und zu durch etwas Matsch und immer wieder leicht auf und ab. Dabei gab es immer wieder tolle Bilder von großen Bergen mit großem See im Vordergrund.

Dann kamen die ersten Bäche. Teilweise schon ziemlich breit, aber irgendwie schafften wir es immer, die Hosen und die Schuhe nicht auszuziehen. Wir wollten nicht wieder ein Buffet für die Mücken sein.

Andrea lief den ganzen Tag im Fleece, um nicht so zerstochen zu werden wie am Vortag. Alternativ hätte sie auch die Regenjacke nehmen können. Beides bei über 20°C kein Spaß. Mein Shirt mit Lichtschutzfaktor 50 hatte ungefähr auch Mückenschutzfaktor 50, d.h. jede 50ste Mücke kam durch. Das waren dann am Ende auch ein paar, aber deutlich weniger als mit einem Wollhemd. Andreas Fleece kam ungefähr auf den gleichen Faktor, dummerweise war es viel zu warm. Wind, wir brauchen Wind! Nichts. Nur ab und zu mal ein laues Lüftchen.

Bevor es zum größten Fluss ohne Brücke ging, gab es noch einmal Moor pur. Nachdem ich beim Vorgehen einige Male bis zur Oberkante der Gamasche – also fast bis zum Knie – versunken war und meine Schuhe dementsprechend klitschnass waren, war mir das mit den Flüssen fast schon egal, tiefer sind die normalerweise auch nicht. Ich war schwer genervt.

Den Fluss schafften wir dann mit unserer auf Island erprobten Methode: Gamaschen mittels Spanngurten fest an die Schuhe binden und dann los. Andrea behielt ihre trockene Füße, ich meine nassen, insofern alles in Ordnung.

Die erste Pause danach besserte unsere Statistik im Kampf gegen die Mücken, bestach vor allem aber durch den tollen Ausblick. Wir konnten es bei Nüssen und Obst sogar ein wenig genießen.

Weiter ging es, die nächsten Moore und Flüsse warteten. Gleiches Spiel, Andrea behielt ihre trockenen Füße, ich meine nassen. Kurz vor der Halbzeit machten wir die zweite Pause mit genialem Ausblick. Wir besserten die Statistik, genossen Brot und tranken viel. Das war auch nötig, besonders Andrea merkte die Temperatur sehr. Kein Wunder. Für mich war es eine Wanderung bei etwas zu warmen 24°C, für Andrea im Fleece waren es sicherlich gefühlte 35°C.

Da jetzt die größten Flüsse hinter uns lagen, wechselte ich Einlegesohlen und Strümpfe. Letztere konnte ich echt auswringen. Leider blieben die Füße nicht lange trocken. Wir entfernten uns jetzt etwas vom See, stiegen dazu netto auch gute 100 m auf. Wieder andere Ausblicke. Ob es auch andere Mücken waren, kann ich nicht so genau sagen, ich vermute schon, ab und zu blieb halt mal eine auf der Strecke, ohne dass es weniger wurden. Dazu kamen Bienen und allerlei anderes Insektier. Die alle anders summten, sirrten, brummten. Machte einen schon echt nervös.

Wir erreichten eine Brücke über einen ziemlich großen Fluss, der aus einem großen See kam. Später in der Hütte lernten wir aus dem Hüttenbuch, dass 12 Tage zuvor diese Brücke noch in Trümmern gelegen hatte, von der Schneeschmelze erledigt. Zwei Wanderer hatten laut Hüttenbuch dann versucht, den See andersherum zu umwandern, mussten nach viel Schnee und Schmelzwasser am Ende aber kurz vor der Balvasshütte kehrt machen, da sie einen Fluss in einer Schlucht nicht queren konnten. Ätzend. Wir hatten echt Glück, dass die Brücke so schnell wieder aufgebaut worden war. Vielleicht hätten wir etwas oberhalb der Brücke an einer tiefen aber ruhigeren Stelle sogar waten können, aber wir konnten uns gut vorstellen, wie der Fluss nach dem Dauerregen 12 Tage zuvor ausgesehen hatte. Unpassierbar. Dank an die Sektion Sulitjelma des DNT!

Danach ging es weiter bergauf zwischen kleinen Seen – oder besser Mückenzuchtgebieten – entlang. Mit etwas Glück bekam ich aus einem kleinen Rinnsal klares Wasser für die dritte und letzte Pause. Der Blick war nicht schlechter geworden.

Wir überlegten, nicht den Umweg über den Damm zu nehmen, sondern dem markierten Weg bis zur Hütte zu folgen. Wir hielten auch daran fest, als die Abzweigung zum Damm deutlich besser ausgetreten war. Schwerer Fehler. Nächstes Mal einfach der Mehrheit folgen. So war nicht nur der Weg plötzlich kaum noch zu finden, es gab quasi wegloses Gehen zwischen rot markierten Steinen. Viel schlimmer war, dass jetzt wirklich jeder Höhenmeter und jedes Matschloch mitgenommen wurde, den bzw. das es dort gab. Ätzend. Sch… DNT. Warum schildern die nicht den Weg zum Damm aus, auch wenn es ein Umweg ist, statt die Hütte über diesen Horrorweg auszuschildern? Immer wieder fiese 15 m rauf, 15 m runter. Ich fluchte wie ein Rohrspatz. Andrea hatte schon keine Kraft mehr dazu, setzte nur tapfer Schritt für Schritt. Und noch einmal rauf. Und noch einmal. Und noch einmal.

Endlich ging es runter zum Fluss und zur Straße. An einem Schneefeld verloren wir diesen besch… Weg noch einmal kurz, dann erreichten wir die letzte Brücke, die Straße und die Zufahrt zur Coarvihytta des DNT. Die zwei Autos am Anfang der Zufahrt gehörten zum Glück vermutlich Wanderern, deren Zelte wir unterwegs gesehen hatten, jedenfalls nicht zu Hüttengästen. Auch diese Hütte hatte nämlich nur vier Betten, für jeden von uns zwei, wir waren erneut die einzigen Gäste. Platt wie Turnschuhe kamen wir um 19:45 Uhr an.

Ich holte Wasser, dann begann die übliche Routine: Kurz waschen, Wasser kochen, Essen, viel trinken, Zähneputzen und dann ab ins Bett. Ich telefonierte noch mit dem Sulitjelma Turistsenter, um uns anzukündigen, und mit Heike und Bernd, die in unserer Wohnung angekommen waren.

Laut unserer Internetrecherche in der Vorbereitung waren es an dem Tag über 900 Höhenmeter gewesen. Kein Wunder, dass die 20 km so anstrengend gewesen waren und uns in Summe 10 Stunden gekostet hatten. Immerhin schaffen wir das mittlerweile.

Tag 56

von Ole

Wir hatten uns entschieden, die Straße nach Sulitjelma zu nehmen. Sie war kürzer, hatte bestimmt weniger Höhenmeter, war einfacher zu gehen als der E1 und mit vielen Autos rechneten wir auch nicht. Die 15 km peilten wir mit einer “ein Stop Strategie“ an und stiefelten kurz nach halb elf los.

Nach zwei Stunden waren die Füße lahm und wir machten nach gut 9 km unsere Pause. Hunger hatten wir beide nicht, nur Durst. Das Wetter war wie am Vortag, warm und windstill. Trotzdem aßen wir einen Nuss- und Obstbeutel relativ schnell leer.

Mit unseren heute mehr von Bienen als von Mücken bestückten Insektenschwärmen ging es dann wieder etwas flotter weiter. Leider gab es noch einige Passagen bergauf, obwohl wir flussabwärts gingen. Da beklagten sich die Beine, die hatten schon etwas von Ruhetag gehört.

Um 14:30 Uhr kamen wir dann am Sulitjelma Turistsenter an (http://www.sulitjelmaturistsenter.no). Das Café hatte bis 16:00 Uhr geöffnet. Bingo! Hütte bekommen, Rucksäcke abgeladen, kurz umgezogen und Mittag gegessen. Ich bestellte zweimal das Rentierfleisch mit Kartoffelpüree, aber Andrea wollte dann doch lieber Hähnchenschenkel mit Tortillachips. Dafür war meine Portion angemessen, die kennen hier Wandererhunger. Ein Eis als Nachtisch rundete das Ganze ab.

Leider bekamen wir in Sulitjelma keine leichtere, mückendichte Oberbekleidung für Andrea, deshalb wollten wir an unserem Ruhetag nach Fauske fahren. Die typischen Ruhetagserledigungen gab es daher schon am Ankunftstag. Bloggen, Wäsche waschen, Paket auspacken und sortieren.

Dabei wieder einmal klasse die Hilfsbereitschaft. Wir bekamen abends etwas zu essen, obwohl das Café eigentlich geschlossen hatte und bei der Wäsche wurde uns auch geholfen. Gut, dass in jedem unserer Pakete eine Packung Merci enthalten war.

Tag 57 – Ruhetag

Wir wollen einen Ausflug nach Fauske machen um:

  • Für Andrea mückendichte, leichte Oberbekleidung zu kaufen
  • Einen Stadtbummel zu machen
  • Ole zum Frisör zu schicken
  • Nett zu Mittag zu essen
  • In einem Cafe abzuhängen
  • Es uns gut gehen zu lassen

Fast wie Urlaub: Schöner Strand am See

Die ersten Kilometer nach dem Saltfjellet Hotel waren schön und ohne Mücken (Gelände sehr trocken) noch sehr entspannt

Wie die Rückenflosse eines Orcas

Hier gab es die alte Straße noch …

Hier nicht mehr

Später nur noch Dschungelpfad

Erdrutsch inklusive

Jeder schöne Wasserfall führt unten zu einem Fluss, der überquert werden will

Das Tal war schon schön, nur das Gemüse zum Teil etwas zu dicht und zu hoch für unseren Geschmack

Von der Wucht einer Lawine geknickt, die vom Hang auf der anderen (!) Seite des Flusses abgegangen war, Reste des Lawinenkegels fanden sich an beiden Ufern

Meckern konnten wir wirklich nicht über die Landschaft

Hier war ein strip tease fällig und das Mückenbuffet war eröffnet

Kurz vor der Balvasshytta … mit praktischer und fotogener Brücke

Das Sirren der Mücken dazu bitte vorstellen

Die Balvasshytta war zwar klein und alt, dafür fast frei von Mücken

Große Berge hinter großem See, den ganzen Tag lang

Uiuiu, da vorne ist der Schnee ausgehöhlt, da mache ich lieber einen Bogen

„Lieblingsgelände“ = nasse Füße für Ole

Schuhe und Hose nicht ausziehen, bloß kein Buffet für die Mücken

Großartige Pausenplätze – trotz Sirren

Und immer wieder ging es rauf

Ohne Worte

Runter, Matsch, rauf – fiese kleine Bodenwellen führen am Ende auch zu 900 Höhenmetern

Die letzten Kilometer vor Sulitjelma

9 Gedanken zu “42. von Saltfjellet nach Sulitjelma 

  1. Hey Andrea, hey Ole,

    wir sitzen gerade in der nomalerweise ja durchaus auch regnerischen Bretagne und lasen die Berichte ab der 4 Wochen und haben quasi mittgelitten – allerdings sehr komfortabel. Insbesondere Julie mit Ihrer Wandererfahrung nach 3 Monaten in Peru und Bolivien bewundert euch sehr! Wir wünschen euch vor allen Dingen gutes Wetter und viel Spaß!

    LG Julie und Sven

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  2. Hej, super Bilder…das ist wirklich schön zu sehen und zu lesen. Sagt mal: Was ist der Trick sich im Jungle / Dickicht zu orientieren? GPS? Oder habt Ihr da noch andere Möglichkeiten? Viele Grüße aus dem kanadischen Sommer. Jörg

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  3. Hej hej!

    Erinnert uns an unsere Sandfly-Erfahrungen auf der NZ-Südinsel – der Nachteil ist, dass jedes dieser Biester pestbeulengroße Entzündungen hinterlässt… Hammerstrecken, Hammerbilder! Genießt es, ist einmalig! Wir genießen den Cornish Summer bei Dauerregen und 13-19 Grad 😉

    Liebe Grüße, Carl, Sandra & Olaf

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  4. Hei!
    Es freut mich immer von euch zu lesen, die Probleme sind so ähnlich. Zu kalt, zu nass, zu windig zu mückig. Ich bin ehrlich, hab immer Mitleid, weil ichs ähnlich kenne, aber auch etwas Schadenfreude, weil das gleiche in Norwegen einen Tick schlimmer ist und ich mir denke, Glück gehabt, könnte wie bei euch sein. Nix für ungut. Ich finde es klasse was ihr so wuchtet.
    Haut rein und viele Grüße aus Schweden

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  5. Hallo Ole, hallo Andrea,

    habe Euren Blog sehr regelmässig gelesen und ab der zweiten Zeile gefühlt neben Euch unterwegs (allerdings ohne nasse Füße, Schmerzen und vor allem ohne Mücken…). Kämpfe hier im schönen warmen Office nur mit einer hartnäckigen schweizer Stubenfliege und mit dem 96. email heute (es ist 15:01).

    Bin sehr gespannt auf Eure weiteren Beschreibungen. Wäre 1000 mal lieber irgendwo bei Euch mit unterwegs und wünsche Euch ganz viel Energie und Spass auf dem weiteren Weg.

    Liebe Grüße

    Martin

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  6. Oh man, da kommen Erinnerungen hoch! Und ich musste dort nicht so kämpfen wie ihr, was für ein wunderschöner Abschnitt eurer Tour! In den Hüttenbüchern gibt es sicher viel zu Lesen NPLern, irgendwann komme ich mal zurück und lese auch mal, was ich damals geschrieben habe! Gute Erholung euch!

    LG Simon

    P.S.: Die Deutsche Wanderin zum Nordkapp die ihr getroffen habt, wie hieß die? Hat sie einen Blog?

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    1. Hei Simon, danke für Deine Kommentare! Warum musstest Du weniger kämpfen? Fitter? Weniger Blutsauger? Packesel? ☺ Die Deutsche heißt Karin, soweit wir uns erinnern und sie läuft von Nord nach Süd. Einen Blog hat sie vermutlich nicht. Die Norwegerin Mina beschreibt ihre Tour auf Facebook, bzw. aktuell macht das noch ihr Mann für sie, später will sie das noch ergänzen. Viele Grüße, A+O

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  7. so, jetzt habe ich auch kapiert, dass ich nicht nur mitlesen, sondern Euch auch was schreiben kann:-). Schön, dass ich Euch mit Euren Berichten ein bisschen in Gedanken begleiten kann. Ihr macht das toll! Weiter so! Liebe Grüße Cornelia

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  8. Also, das mit der Sonne wünschen, hat ja schon mal geklappt…. jetzt also noch mal die volle Kombination: Sonne OHNE Mücken!!! Oder zumindestens neue mückensichere Klamotten…. 😊Ich kann mir ja nicht helfen, aber irgendwie klingt das langsam nach Shoppingtour 😇😁😜. Hier regnet es übrigens noch immer….. ruht Euch schön aus und ladet die Akkus wieder auf – wir freuen uns auf den nächsten Bericht.

    Liebe Grüße, Sonja & Andreas

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