44. Täglicher Wahnsinn

von Ole und Andrea

Wie sieht so ein normaler Tagesablauf hier draußen aus, wenn wir zelten? Oder: Über welche Dinge haben wir bislang geschwiegen?

Kein Wecker klingelt. Wer zuerst zuckt, verliert und darf Frühstück machen. Das geht gut, wenn die Sonne das Innenzelt zur Sauna macht oder die Blase eh schon drückt. Das ist blöd, wenn der Regen auf das Dach prasselt und der Wind die Zeltwand flattern lässt. Verhandlungstrainings können helfen, müssen aber nicht.
Dann heisst es, an alles zu denken und die benötigten Dinge im Vorzelt zu finden: Kocher, Gas, Fertigfrühstück (2x, außer bei Expedition Food), Feuerstahl zum Anzünden des Gaskochers, Feuerzeug als Backup, Wasser, Teebeutel, Thermoskanne, Löffel zum Umrühren des Frühstücks, Zucker, theoretisch auch Müllbeutel, der bleibt häufig aber im Zelt).

Typischerweise geht man den Weg zur Kochstelle – windgeschützt, mit Sitzgelegenheit, weit genug vom Zelt weg, um dieses nicht abzufackeln – zwischen zwei- und fünfmal hin und her, je nach Wachheitsgrad. Schlechtes Wetter ist übrigens gut für die Gehirntätigkeit, man will einfach weniger laufen und denkt gleich nach. Das Wetter legt natürlich auch den Grad der Bekleidung fest, am schlimmsten ist vollständige Regenkleidung. Das dauert einfach.

Im Zelt kann man nämlich nicht stehen. Und draußen regnet es. Also legt euch mal ins Bett und zieht euch an, indem ihr euch maximal aufsetzt. Dabei den Schatz neben sich nicht mit dem Ellbogen ausknocken. Gedulds- und Gelenkigkeitsspiel, zum Glück nicht mit Anzug und Hemd. Wenn dann noch die Regenhose dazu kommt, mehr Geduld mitbringen.

Kocher aufbauen und knapp 2 Liter Wasser zum Kochen bringen, zuerst für das Porridge, dann für den Tee. Je kälter das Wasser und je älter und leerer die Gaskartusche, desto länger dauert das. Bei schlechtem Wetter und mehr Wind also auf viel Druck in neuer Kartusche hoffen. Zwischendurch die fertigen Produkte zum Zelt tragen, am Ende Kocher wieder auseinander bauen und zusammen packen, kleines Steckspiel für klamme Finger.

Parallel war der oder die Liegengebliebene nicht untätig. Schlafsäcke in Kompressionsbeutel packen, Luft aus den Luftmatratzen lassen und diese aufrollen, sich dabei möglichst nur einmal an dem harten Stein stoßen, der garantiert darunter liegt. Luft aus den Kopfkissen lassen, alles schön zusammen packen, die eigenen Sachen schon in die vier bis sechs Beutel stopfen (am Anfang noch müffelnde und nicht müffelnde Wäsche getrennt, nach ein paar Tagen ist das egal, da gibt es keine nicht müffelnde Wäsche mehr). Frühstück gibt es dann gemeinsam draußen oder im Zelt je nach Wetter und Mückenaufkommen, also bei „unserem“ Wetter meistens bisher im Zelt. Danach wird der Innenraum geputzt, Achtung auf den harten Stein, und das Innenzelt geschlossen.

Dann kann nach Zähneputzen und evtl. Toilettengängen Andrea ihren Rucksack packen. Ach übrigens, die Toilettengänge: Lage der Toilette weit vom Wasser (See oder Bach) entfernt wählen; Loch buddeln, hier hilft das große Messer; gut zielen, dabei den Hintern gegen Mücken und Knotts verteidigen, hier hilft Wind; Toilettenpapier verbrennen, ohne das Fjell abzufackeln, hierbei ist Wind blöde; Loch wieder schließen.

Ich muss noch auf das Zelt warten, das jetzt abgebaut werden kann. Ab und zu müssen wir es von innen (Kondenswasser) oder außen (Regenwasser) dazu noch trocken wischen. Heringe raus, Stangen raus, aufpassen, dass das Zelt bei zu starkem Wind nicht abhebt, Zelt vom Fußende einrollen und dann kann auch ich mit dem Stopfen im Rucksack beginnen. Typischerweise sind bis hierhin anderthalb bis zwei Stunden vergangen. Und typischerweise vergisst man immer etwas beim Packen des Rucksacks, ist stolz, es endlich geschafft zu haben und dann liegt da etwas (Müllbeutel, Gaskartusche, Sandalen, Wassersack, …) noch arglos in der Gegend rum

Das Gehen ist dann von im Laufe des Tages immer häufiger werdenden Pausen unterbrochen. Dabei versuchen wir, bei Bedarf aus dem Wind heraus zu kommen und etwas Warmes anzuziehen, um nicht auszukühlen. Bei vielen Mücken sind dagegen Stellen mit Wind erwünscht. Die erste Pause ist meistens kurz, Nüsse und Obst. Bei der zweiten gibt es häufig unser Fladenbrot mit Aufschnitt. Dazu gerne einen heißen Tee aus der Thermoskanne. Die dritte Pause hat häufig ein warmes Gericht, das Aufbauen des Kochers wird später beschrieben. Zwischendurch gibt es an geeigneten Bächen auch gerne noch einen Schluck Wasser. Dafür hängt außen am Rucksack ein kleiner Becher, dann muss man sich nur noch bücken. Wenn wir schon sehr kaputt sind, setzen wir dafür auch kurz die Rucksäcke ab. Nach jeder Pause sind die Rucksäcke wieder schwerer und die ersten Schritte sind unrund.

Abends beginnt dann die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Ist der gefunden, wird das Zelt ausgerollt – immer vom Kopfende. Die Zeltstangen werden eingeschoben, dann wird das Zelt an einer Seite befestigt und mit Schwung aufgebauscht, damit es gut gespannt ist, dann können die Heringe an der zweiten Seite befestigt werden. Danach werden die Spannseile mit Heringen befestigt und das Zelt abgespannt. Bis hierher haben wir einige Male den Beutel mit den Heringen gesucht und gefunden. Wichtig ist dabei, die Beutel für das Zelt und die Zeltstangen nicht wegfliegen zu lassen.

Ab jetzt laufen Innenausstattung und Kochen parallel. Aufteilung spontan, wer kaputter ist oder mehr friert, geht schneller ins Zelt. Vorher sind wir beide froh, aus den Schuhen zu kommen, es sei denn, das Wasser ist weiter weg oder nur feucht zu erreichen. Da wir dann die Watsandalen anziehen, freuen wir uns sehr, wenn diese trocken sind, wir also an dem Tag keinen Fluss durchwaten mussten.

Innenausstattung beginnt mit dem Aufblasen der Luftmatratzen und Kopfkissen, dem Auspacken und Koppeln der Schlafsäcke – dabei nicht über die Reißverschlüsse aufregen, die sind kleiner als ein Meter. Danach werden die verschiedenen Beutel auf die beiden Seiten verteilt, dabei kann man gleich in trockene Wäsche schlüpfen, in der man dann auch schläft. Daunenjacken machen zu diesem Zeitpunkt bei Kälte wirklich glücklich.

Dann wird das Vorzelt, die Apsis, in ein geordnetes Chaos verwandelt:
Rucksäcke auf den Boden legen, Regenschutz darüber, falls es Kondenswasser gibt, Schuhe aus dem Weg stellen, Gamaschen rüber, falls es Kondenswasser gibt, Angel und Stöcke aus dem Weg legen, Platz für Kocher, Gas, Wasserbeutel lassen. Im Innenzelt nicht benötigte Beutel sind entweder in den Rucksäcken oder liegen irgendwo griffbereit.

Beim Kocher auspacken muss das Steckspiel vom Morgen rückgängig gemacht werden. Dabei sollten die vielen Einzelteile nicht verloren gehen (Teebeutel, Feuerstahl, Griff für den Topf, Zuckerdose, …). Meistens findet man die Dinge nicht sofort, wenn man sie dann braucht. Der Kocher wird zusammengesetzt, die Gaskartusche angeschraubt, falls man schon an diese gedacht hat, sonst zurück zu den Rucksäcken. Mit Glück hat man auch das Wasser schon neben sich liegen, sonst mit Flasche und Wasserbeutel zum kleinen Bach, Wasser in die Flasche füllen und nach und nach die 5 Liter in den Beutel füllen. Klingt einfach, ist bei kaltem Wasser manchmal echt hart und verlangt gutes Zielen. Beutel gut verschließen. Das Ausfüllen von Wasser bleibt immer ein bisschen schwierig, man will ja nur die kleine Öffnung aufdrehen, nicht die große, sonst hat man eine nasse Kochstelle und muss nochmal Wasser holen.

Anzünden des Kochers mit Feuerstahl ist ein bisschen Glückssache. Wenn es nicht schnell funktioniert, lieber einmal einen Moment warten, sonst wird es zu heiß, wenn das gesamte ausgetretene Gas auf einmal entflammt. Die Essensauswahl hat man entweder schon getroffen, sonst zu den Rucksäcken. Mittlerweile habt ihr vermutlich verstanden, dass man auch hier häufiger laufen kann als man möchte, vor allem mit 20 km in den Knochen. Abrisse von den Tüten, ggf. leere Mineraldrink- oder Trinkschokolade-Tüten werden möglichst irgendwo zwischengelagert, bevor sie in die Mülltüte kommen. Bloß nichts wegfliegen lassen, alles wieder mitnehmen.

Der Tag geht dann mit Essen – wieder drinnen oder draußen, je nach Wetter und Mücken – und das Gesehene Revue passieren lassen, Lesen oder Vorlesen zu Ende. Ab und zu kommen wir auch zum Schreiben, das fällt abet häufig eher auf die Ruhetage. Leider dann noch von Zähneputzen und Toilettengang gefolgt, da wird es noch einmal kalt, bevor wir in den Schlafsäcken schnell wieder warm werden.
Luftmatratzen aufpusten – hier bei gutem Wetter und wenig Mücken

Blick in das Innenzelt – gemütliches Schlafzimmer

Geordnetes Chaos in der Apsis

Steckspiel vor dem Auspacken

Bestandteile des Steckspiels

Richtig aufgebaut

Wasserbeutel – echt praktisch, aber bitte nur den kleinen Verschluss öffnen…

Irgendwas fehlt am Ende immer

2 Gedanken zu “44. Täglicher Wahnsinn

  1. Liebe Andrea, lieber Ole,
    Ich lese gerade das Buch „Picknick mit Bären“ und muss dabei ständig an Euch denken. Vieles ähnelt Euren super Reiseberichten.Wandern bei Dauerregen, interessante Übernachtungen und viel Schnee beim längsten Fußweg der Welt, dem Appalachian Trail. Nichts für mich😀. Euch weiterhin viel Spaß!
    Herzliche Grüße von der stürmischen Nordsee Eure Boris und Micha

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Ihr Zwei, na da bin ich jetzt aber schon froh, dass ihr mal wieder was geschrieben habt…..ich hatte mir schon ein paar Sorgen gemaht, was wohl so alles sein würde. Ich fined es total irre, dass ihr so durchhaltet – für mich wäre das nichts. Und ich freu mich, wenn es weiter geht und ihr immer wieder neue Motivation findet…..ihr werdet sooooooo viel zu erzählen haben, wenn ihr wieder hier seid. Viele sonnige Grüße, Simone

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