45. von Ritsem nach Abisko 

Fakten bisher gesamt

  • 51 Wandertage mit 976 km (oder 49 Wandertage mit 954 km, wenn man die zwei halben Tage hinter Meråker vor unserem Boxenstop nicht berücksichtig)
  • 12 Ruhetage und eine Woche Urlaub in Brattvoll
  • In Abisko neuntes Paket eingesammelt (bzw 12. Paket, da es in Teveltunet, Ritsem und Abisko jeweils zwei Pakete waren)
  • Kurz vor unserem Zeitplan: wenn wir am 13. August weiter gehen, wie aktuell geplant, genau 3 Tage
  • Sehr oft gefragt worden, warum wir das machen, was wir hier so machen und oft keine gute Antwort gehabt
  • Viele Erlebnisse, die uns aufgrund ihrer Intensität lange in Erinnerung bleiben werden
  • Luftlinie 750 km von Grövelsjön entfernt, 410 km vom Nordkap

Fakten Ritsem nach Abisko

  • 7 Wandertage mit 125 km
  • Ein abgebrochener Zahn
  • Ein gedetschter Zeigefinger
  • Zwei Körper, die mit Nachdruck Ruhetage einfordern
  • Tatsächlich zu Fuß bis Abisko gekommen und können es selbst kaum glauben
  • Markus getroffen und einen sehr schönen Abend in Abisko gemeinsam verbracht

Tag 64

von Ole

Wir hatten uns für den etwas kürzeren Weg nach Abisko entschieden, wollten also vom „offiziellen“ E1 abweichen. Passte besser zu unserer Fitness und unserem Bedürfnis nach etwas mehr Ruhe. Die “Ruhetage” sind ja doch immer mit viel Aktivität gefüllt, da bleibt nicht viel Ruhe übrig. Die wollten wir uns in Abisko oder Kiruna gönnen, darauf freuten wir uns schon .

Somit würde es noch zwei Tage auf schwedischer Seite weitergehen, dann drei Tage nach Norwegen zurück und dann wieder zwei Tage in Schweden, wobei wir am Ende des dritten Tages an der Gautelishytta  wieder auf dem E1 wären. Wir planten schon die jeweiligen Übernachtungen und wollten schon die Reservierungen in Abisko und Kiruna per E-Mail vornehmen.

Doch am Ende des Ruhetages in Ritsem war die ganze Planung erst einmal für die Katz. Andrea brach ein Stück Backenzahn aus. Sie hatte zwar (noch) keine Schmerzen, aber mögliche spätere Zahnschmerzen irgendwo in der Wildnis mussten wirklich nicht sein. Wir waren beide stimmungsmäßig am Boden. Gerade hatten wir uns noch über die Aussicht auf echte Ruhetage in einer Woche gefreut, dann mussten wir überlegen, wie und wo wir einen Zahnarzt finden konnten. Der nächste Ort Gällivare war vier Stunden Busfahrt entfernt. Dort gab es laut Internet einen Zahnarzt. Mit solchen Gedanken gingen wir ins Bett. Es war zu spät am Abend, um noch etwas zu klären.

Nach einem frühen Frühstück half uns die sehr nette STF Mitarbeiterin Linnea bei dem Versuch, einen Zahnarzt in Gällivare zu erreichen, aber dort ging niemand ans Telefon. Der Bus nach Gällivare sollte um 10:15 Uhr fahren, bis dahin wollten wir eine Lösung haben, sonst machte die lange Fahrt nach Gällivare wenig Sinn. Bei einem Arzttermin erst in einigen Tagen könnten wir auch direkt weitergehen, denn nach sieben Tagen wären wir fast in Kiruna. Bei einem zweiten Zahnarzt in Gällivare konnte Andrea nur eine Rückrufbitte hinterlegen. Wir warteten. Beim ersten Zahnarzt ging weiterhin niemand ans Telefon. Wir packten und checkten aus. Andrea erreichte ihren Zahnarzt in München und bekam telefonisch die Auskunft, dass es auch ein paar Tage gut gehen könnte, und sie nicht unbedingt sofort zu einem Zahnarzt gehen müsste, wenn sie keine Schmerzen hätte. Half ein bißchen, nahm uns aber die Entscheidung nicht ab.

Wir gaben Tipps für Padjelanta-Einsteiger aus Deutschland, die sich über einige unserer Lebensmittel gefreut hatten, die wir aufgrund der drei Wandertage weniger bis Abisko nicht mitschleppen wollten und in die dafür in Ritsem bereit stehende Box gepackt hatten. Andrea ging dann zum Nachdenken nach draußen. Weitergehen mit dem Risiko stärkerer Zahnschmerzen und einem höheren Risiko für den Erhalt des Zahns oder vier Stunden Busfahrt nach Gällivare mit dem Risiko, dort keinen Termin bei einem Zahnarzt zu bekommen? Ich konnte ihr dabei nur zur Seite stehen. Keine einfache Entscheidung.

Als dann der Bus nach Gällivare vorfuhr, fiel die Entscheidung schnell. “Da steige ich jetzt nicht ein!” Andreas Bauch sprach deutliche Worte. Daran änderte dann auch der Rückruf des zweiten Zahnarztes nichts mehr, denn erstens sprach die Person so gut wie kein englisch und zweitens war für Andrea die Entscheidung gefallen, nicht in den Bus zu steigen.

Wir schickten dann noch E-Mails für Reservierungen nach Abisko und an das Hotel in Kiruna und brachen mit einem mulmigem Gefühl auf.

Es ging 22 km entlang einer Straße zur Sitasjaurehütte. Die Straße verdankten wir dem Staudamm, an dem die Hütte lag. Wir gingen zügig und kamen trotz zweier kurzer Pausen – zu viele Mücken, mit Kopfnetz war das Essen deutlich schwieriger – nach nur sechs Stunden um 17:00 Uhr an der Hütte an. Der Staudamm war zum Glück nur klein, die Hütte lag sehr nett davor. Auf einem großen Parkplatz standen viele Autos. Am See entlang erstreckte sich eine Samisiedlung. Geregnet hat es unterwegs zum Glück nur ein bisschen, so dass wir nur die Rucksäcke in „Regenklamotten“ gepackt hatten, uns nicht.

Wir hatten unterwegs drei Wanderer getroffen, die Dichte nahm also wie erwartet wieder ab. Verlässliche Informationen über den Pegelstand der Flüsse auf dem norwegischen Teilstück erhielten wir leider nicht. Der Hüttenwart wusste auch nicht mehr, es seien aber schon Leute den Weg gekommen und hätten von viel Schnee und vielen Steinen berichtet und dass es wunderschön gewesen sei. Immerhin sind sie durchgekommen.

Wir bauten das Zelt auf und bezahlten unseren Tribut an die Mücken und Knotts. Wenn beim Holen von Wasser das Gift abgewaschen wird, wird das von den Blutsaugern sofort genutzt. Auch wenn seit dem letzten Auftragen des Gifts schon etwas zu viel Zelt vergangen ist, wird das sofort bestraft. Wir verzogen uns ins Zelt und genossen die Ruhe vor den Insekten. Wir aßen erst einmal das unterwegs nicht angetastete Brot als Vorspeise. Dann ärgerten wir uns über eine E-Mail der Abisko Turiststation. In Abisko waren die Flexibilität und die Hilfsbereitschaft von früher echt abhanden gekommen. “Reservierungen nur über die Website oder die Buchungshotline ….” Grmpf! Klar, wir hatten auch gerade eine echt gute Netzverbindung, war doch kein Problem. Waren Wanderer wie wir in Abisko nicht mehr willkommen?

Kiruna war da besser, das Scandic Hotel war flexibel und man hatte uns auch zwei Telefonnummern von Zahnärzten in Kiruna geschickt, nur anrufen müssten wir dort leider selber. Man kann nicht alles haben, vielleicht ist das Netz unterwegs ja irgendwo mal stabil genug.

Wir aßen dann noch in der Hütte mit nur wenigen Mücken und zogen uns schnell ins Zelt zurück, um weiter zur Ruhe zu kommen.

Tag 65

von Andrea

Ein rundum schöner Tag, der uns daran erinnert hat, warum wir dort draußen waren und warum wir taten, was wir taten.

Die Nacht an der Sitashütte im Zelt war ziemlich kalt gewesen. Lustig, wie sehr die Temperaturen schwankten. Ich hatte schon Nächte im Zelt im T-Shirt geschlafen. An der Sitashütte waren wieder mal lange Unterwäsche und Fleecejacke im Schlafsack notwendig gewesen. Geschlafen haben wir trotzdem beide gut.

Die Anzahl der Mücken im Vorzelt am nächsten Morgen war wieder zum Fürchten, daran gewöhnen wir uns wohl nicht mehr. Also noch im Zelt die erste Schicht Gift auflegen und sich auf dem Weg zur Toilette tapfer den Rüsseltieren stellen. Dann zum Hüttenwart und bezahlen. Der reagierte grummelig, als ich die Gebühr von 200 SEK mit einem Schein über 500 SEK bezahlte, weil ich es nicht kleiner hatte. Fast fühlte ich mich an einen Hamburger Taxifahrer erinnert, der sich weigert, einen Schein über 50 Euro zu wechseln. Ich gebe zu, dass mich das unflexible System der Barzahlung in Schweden eh schon nervt. Wer dann noch erwartet, dass ich das Geld passend habe, hat selber noch keine längere Tour gemacht. Die letzte schwedische Bank hatten wir am 31. Mai gesehen!

Ole hatte derweil schon das Schlafzimmer aufgeräumt. Ich schaffte gefühlte 100 Einzelteile in die Hütte, wo wir gemütlich frühstückten. Dann bauten wir das Zelt ab, das in der Zwischenzeit noch etwas getrocknet war. Schließlich stopften wir die 100 Einzelteile in die Rucksäcke. Das war in der Hütte deutlich entspannter als draußen, wo die Rüsseltiere auf ihr Frühstück warteten. Von uns sollten sie das aber nicht bekommen, oh nein.

Dann versuchte ich, einen Zahnarzt in Kiruna zu erreichen, um für unseren geplanten Aufenthalt in Kiruna möglichst schon einen Termin zu vereinbaren. An der Sitashütte hatte ich an dem Morgen immerhin ein Minimum an Handynetz. Der “private” Zahnarzt hatte einen Ansagetext auf Schwedisch, den ich nicht wirklich verstanden habe. Ich konnte raten, dass dort vielleicht ab 10:30 Uhr jemand wäre. Es war kurz nach 10:00 Uhr. Also warten. Beim “öffentlichen” Zahnarzt kam wieder die Ansage vom Band – nach Drücken der Ziffer 2 immerhin auch auf Englisch – die ich vom Anruf beim “öffentlichen” Zahnarzt in Gällivare schon kannte. Ich konnte aber – wie bei Gällivare auch – nur einen Rückruf anfordern, was witzlos war, sofern ich nicht so lange an der Hütte warten wollte, bis der Rückruf kam. Also wieder aufgelegt. Dann um kurz nach 10:30 Uhr tatsächlich den privaten Zahnarzt erreicht. Nein, sie würden keine neuen Patienten nehmen. Ich habe mit mühsam unterdrückter Frustration versucht zu erklären, dass ich kein neuer Patient war, sondern in einer Art Zahnnotfall Hilfe brauchte. Nein, sie könnten mir trotzdem keinen Termin geben. Da konne ich mir die Frage nicht verkneifen, ob man als Urlauber in Schweden grundsätzlich nach Hause fliegen müsste, wenn man eine ärztlich Behandlung bräuchte. Darauf war die Antwort, ich müsste halt in Kiruna im Krankenhaus in die Notaufnahme gehen. Ich war echt bedient und stocksauer.

Wir schulterten die Rucksäcke und stiefelten los. Ich mit hunderten Flüchen auf das schwedische Gesundheitssystem im Kopf. Da kam uns im Anstieg eine Frau mit ihrem Sohn entgegen. Beide hatten trotz der Mücken kurze Hosen und jeweils einen pinken und einen weißen Turnschuh an, was mir in meiner Grunmelstimmung gar nicht auffiel, aber Ole sprach die Frau schmunzelnd darauf an. So kamen wir ins Quatschen. Sie wohnte mit ihrer Familie im Sommer dort am Stausee, war also vermutlich Samin. Sie meinte, wir sollten auch kurze Hosen anziehen, es sei doch Sommer. Als wir meinten, wir hätten in kurzen Hosen aber ein Problem mit den Mücken, meinte sie, es seien doch kaum Mücken da, zerrieb einige an ihren nackten Beinen und meinte, es seien doch bloß drei Stück gewesen. Sie fragte nach unserem woher und wohin und wir erzählten, wann wir wo losgelaufen waren und dass wir bis zum Nordkap wollten, aber natürlich nicht wussten, ob wir das schaffen würden. Da sagte sie: “No stress, no timetable, just take the day as it is. It is all about being outside in the nature.”

Wie recht sie doch hatte und wie sehr sie damit ein wenig unseren wunden Punkt getroffen hatte. Manchmal war es gut, von einem Fremden mit der Nase darauf gestoßen zu werden. Wir gingen tatsächlich entspannter weiter, freuten uns mehr über den aufgelockerten Himmel, nahmen die Landschaft intensiver wahr und dachten weniger über die 19 km nach, die vor uns lagen. Der Zahnarzt war auch vergessen (zum Glück hatte ich noch immer keine Zahnschmerzen). Als dann noch mit jedem Höhenmeter der Wind zunahm und die Mücken vertrieb, konnten wir uns wirklich sehr am Fjell um uns herum erfreuen.

Ja, die Rucksäcke waren immer noch zu schwer, die Beine immer noch etwas lahm, die Knie immer noch müde und leicht maulig. Aber wir hatten es nicht mehr eilig. Wir konnten genießen und taten das auch.

Der Weg war über weite Strecken einfach zu gehen. Vermutlich wegen der Samisiedlungen dort oben gab es viele Spuren von Quads, die an einigen Stellen den Boden sehr zerfurcht hatten, was dann manchmal zu großen Matschlöchern führte. Aber die ließen sich immer gut umgehen. Ansonsten war der Untergrund erstaunlich trocken.

Ebenfalls in unsere Richtung ging eine Familie mit zwei Söhnen im Teenager-Alter (Respekt!) und ein einzelner Wanderer kam uns entgegen. Mehr Menschen sahen wir nicht. Der Massenandrang war also vorerst mal vorbei. Sehr schön.

An einer Brücke nach etwa 7 km machten wir eine längere Mittagspause. Der Wind war zwar etwas kühl, auch zogen langsam dunklere Wolken auf, aber es ließ sich dort hervorragend aushalten. Ausreichend Wind = keine Mücken. Großartig. Wir ließen die Seele baumeln. Wann hatten wir die letzte entspannte Pause draußen genießen können, ohne Blutsauger und ohne Regen?

Dann weiter durch eine weit offene Landschaft, leichtes auf und ab, keine üblen Steigungen. Unsere Beine wurden zwar immer lahmer und die Rucksäcke wurden immer schwerer, aber wir waren trotzdem zufrieden. Das Schild, das dann ankündigte, dass es noch 8 km bis zur Hukejaurehütte seien, war dann eher eine positive Überraschung, wir hatten beide noch mir mehr Kilometern gerechnet.

Eine weitere Pause an einem Bach fiel kurz aus. Dort war es windgeschützt, wir hatten unsere Plagegeister wieder und die hatten wir wahrlich nicht vermisst. Also nur schnell etwas getrunken, Rucksäcke wieder auf die schmerzenden Schultern gewuchtet, den nächsten Anstieg erklommen, oben im Wind die Rucksäcke wieder fallen gelassen und zufrieden ohne Plagegeister eine Pause genossen.

Übel waren dann nur die letzten 3 km zur Hütte. Plötzlich steiles auf und ab, dazu grobes Felsgelände. Da brauchte ich dann noch mal eine kurze Pause. Meine Schultern und Knie waren zu maulig und auch der Kopf konnte sich nicht mehr ausreichend auf den plötzlich und unerwartet schwierigen Untergrund konzentrieren.

Um ca. 18:15 kamen wir dann an der Hütte an. Das war mal gar nicht schlecht, knappe 8 Stunden für 19 km. Die letzten 15 Minuten war ein wenig Regen gefallen. Ansonsten war es ein perfekter Tag gewesen.

Empfangen wurden wir von einem urigen sehr alten Hüttenwart mit Schalk im Nacken. Er zeigte uns einen guten Zeltplatz in der Nähe der Hütte. Zwar lag die Hütte so hoch und war es so windig, dass sie vermutlich nicht mit Mücken verseucht war, aber unser schwedisches Bargeld (wir hatten in Ritsem zum Glück 500 SEK Bargeld bekommen und hatten damit wieder in Summe etwa 1.000 SEK) würde bis Abisko jeweils nur für die “tent fee” an den schwedischen Hütten ausreichen, nicht für eine Übernachtung in einer Hütte. Dabei mussten wir den Hüttenwart noch davon überzeugen, uns die “tent fee” überhaupt zu berechnen. Er meinte zunächst, das sei für STF-Mitglieder wie uns doch kostenlos. Das hatte er aber mit der “day fee” verwechselt, die STF-Mitglieder in STF-Hütten tatsächlich nicht bezahlen mussten.

Wir stellten das Zelt auf. Der Hüttenwart schaute zu und fragte, was es für ein Zelt sei. Wir meinten grinsend, es sei natürlich ein schwedisches Zelt. “Hilleberg?”, fragte er sofort. “Of course”, antworteten wir mit erhobenem Daumen. “Hilleberg is the best”, rief er. Dem hatten wir nichts hinzuzufügen. Er wollte noch genau wissen, welches Zeltmodell von Hilleberg es war, dann zog er zufrieden von dannen.

Wir kochten und aßen dann in der Hütte. Dort quatschten wir länger mit einem jungen Mann aus Schwaben, der vor dem Beginn des Studiums eine längere Tour auf dem Nordkalottleden machte. Er kam von der norwegischen Seite, wohin wir wollten, also fragten wir ihn nach den Bedingungen. Felsig und nass seien die Wege. Ok, geschenkt, ist halt Norwegen, Holzplanken adé. Dummer Weise auch Brücken adé, also was war mit den Flüssen? Er war nicht genau den Weg gekommen, den wir gehen wollten, aber ihm hatte jemand erzählt, dass einer der Flüsse auf unserer Strecke in der Tat kritisch sei. Grmpf. Das hatten wir allein auf Grund der Wanderkarte schon befürchtet. Der Fluss kam aus größeren Seen und hatte keine Brücke. Er meinte aber, über einen Umweg könne man den Fluss umgehen und zeigte uns das auf der Karte. Damit würden zwar aus etwa 15 km dann über 20 km, aber wir waren trotzdem sehr zufrieden, denn falls wir am Fluss umkehren müssten, wäre das noch deutlich übler und der Umweg deutlich länger.

Damit kuschelten wir uns zufrieden in die Schlafsäcke.

Tag 66

von Ole

Es war nachts wieder kalt geworden. Meine Daunenjacke half im dünnen Schlafsack. Gut, dass im Paket in Abisko der dickere und wärmere Schlafsack wartet.

Wir packten alles ein und gingen in die Hütte, wo wir unser Frühstück in Ruhe genießen konnten, die anderen waren schon aufgebrochen. Nach einer netten Unterhaltung mit dem Hüttenwart brachen wir gegen 10:40 Uhr auf. Nach 10 Minuten wunderte ich mich über den vielen Platz in meinen Schuhen und kehrte um, um meine Einlegesohlen zu holen, die auf dem Gestell über dem Ofen getrocknet waren. Um 11:00 Uhr kam ich das zweite mal an der Hütte los.

Der Weg führte um den See, an dem die Hütte lag, herum und stieg kontinuierlich an. Die Landschaft war mal wieder beeindruckend, viel Fels, viel Grün und das ganze unter nur teilweise bewölktem Himmel. Wir fanden nach 2 km die Abzweigung nach Norwegen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir eine Stunde unterwegs gewesen, so langsam kamen wir in dem felsigen Gelände voran. Jetzt zogen wir auch die Fleecejacken aus und gifteten uns ein, es gab mehr Sonne und mehr Mücken.

In leichtem Auf und Ab ging es weiter. Leider war das „Auf“ für uns nicht immer leicht. Die schroffe Landschaft beeindruckte uns. Hätten wir knapp 15 km querab zum dort in weiten Tälern verlaufenden Kungsleden nicht erwartet. Dazu war der Tag von größeren und kleineren Seen geprägt.

Nach zweieinhalb Stunden gab es eine sehr nette Pause auf einem Stein in dieser Umgebung. Die Mücken hielten sich zum Glück etwas zurück. Kurz darauf erreichten wir zur Halbzeit die Grenze zu Norwegen und waren wieder auf mehr Wasser gefasst. Das kam dann auch. Immer noch Schneeschmelze bedeutete an vielen Stellen „Land unter“. Aber Andrea hatte immer noch trockene Füße und ich trennte mit meinen Plastiktüten in den Schuhen gewissenhaft Schweiß und Schmelzwasser.

Immer wieder gab es tolle Ausblicke über große Seen. Die Windstille brachte zwar tolle Fotos aufgrund der Spiegelungen in den Seen, brachte aber leider auch mehr Mücken. Wir liefen beide wieder mit unserem eigenen Schwarm. Der Abfluss eines großen Sees war dann dreigeteilt. Da der Wasserstand zu hoch war, war der Abfluss quasi übergelaufen. Den ersten Teil konnten wir gerade noch in den Wanderdchuhen überqueren. Für den zweiten – normalen – Teil gab es eine Brücke. Der dritte Teil war harmlos. Im einsetzenden Regen gab es dann eine kleine Pause, wir waren noch gute 4 km von der Hütte entfernt.

Diese 4 km hatten es dann leider – wie so oft – noch einmal in sich; vor allem da bei Andrea der Kopf genug davon hatte, wirklich bei jedem Schritt überlegen zu müssen, wohin man denn jetzt nun wieder den blöden Fuß setzen könnte. Zusätzlich kam die Sonne wieder heraus und dünstete uns in unseren Regensachen. Dafür sahen wir das erste mal seit längerer Zeit wieder Rentiere. Wir machten nach weiteren 2 km noch eine kleine Pause, tranken den letzten Tee und lüfteten den Kopf einmal durch. Das half ein wenig.

Mit unseren Mückenschwärmen schafften wir dann die letzten Meter zur toll gelegenen Gautelishütte. Am Ende waren es sieben Stunden für 17 felsige Kilometer gewesen. Zum Glück gab es in der Hütte nur sehr wenige Mücken. Außerdem waren wir wieder in Norwegen und konnten so wieder im Nachhinein bezahlen, also blieben wir in der Hütte. Ich machte heiße Schokolade und Essen, während Andrea sich etwas ausruhte.

Nach dem Essen tauschten wir uns mit einem Schweden aus, der die Etappen gegangen war, die wir als nächstes gehen wollten. Am nächsten Tag ginge es für uns sehr steinig zu, hoch bis auf 1.200 Meter zu einem Pass. Dort war bei ihm der Regen auf den Steinen gefroren. Klang super. Danach hätte der eine Fluss schon viel Wasser bei viel Strömung. Mal sehen, ob wir nicht direkt den etwas größeren Umweg gehen, um dem auszuweichen. Aber das waren Sorgen von Übermorgen.

Ich aß dann noch viele Nüsse und viel Schokolade. Selbst die mit Olivenöl aufgepeppten Fertiggerichte machten gerade nicht mehr satt. Gegen 21:00 Uhr gingen wir zum Lesen und Schreiben ins Bett.

Tag 67

von Ole

Keine Mücke in der Hütte. Wir hatten gut geschlafen und bekamen zur Feier des Tages Erdbeerpfannkuchen zum Frühstück. Das war fast so gut wie Tage, die mit Brücken und Planken anfangen. Danach noch ein geteiltes Müsli, es sollten viele Höhenmeter werden.

Unser schwedischer Mitbewohner wollte von uns am Morgen noch wissen, welchen Umweg wir denn machen wollten, um den einen möglicher Weise kritischen Fluss zu umgehen. Wir hatten das am Vorabend ihm gegenübet erwähnt. Wir zeigten es ihm auf der Karte. Die Ernüchterung folgte prompt. Die eine Brücke, die uns gerettet hätte, existiere nicht mehr, hatten ihm Wanderer erzählt. Wohl ein Opfer der Schneeschmelze. Die Querung flussaufwärts erfordere einen Umweg und sei heikel. Na super. Immerhin war es gut, das zu wissen, auch wenn es nicht für gute Laune sorgte.

Dann ging es um 10:30 Uhr los . Mir tat der Rücken etwas weh, ich hatte mich wohl verhoben. Entsprechend vorsichtig ging ich mit dem schweren Rucksack um. Dafür ging es dem rechten Knie besser. Andrea hatte lahme Beine und Knie, dafür einen ruhigen Zahn.

Nach 100 Höhenmetern Aufstieg tat sich ein großartiges Bergpanorama auf. Wir staunten und fotografierten – das gab mir immer wieder eine kleine Verschnaufpause.

Sehr felsig ging es dann weiter. Wir genossen die Landschaft. Lustig, dass die Tage, bei denen wir gedacht hatten, es ginge nur noch um das Ankommen in Abisko, bislang mit die intensivsten waren. Schön. Das wollten wir erleben.

In alpiner Landschaft ging es dann weiter. Wir schafften ca. 2 km pro Stunde, so schwierig war das Gelände. Es entschädigte aber auch immer wieder. Für so viel Schönheit der Landschaft darf man schon mal ein bisschen leiden. Sehr nah sahen wir wieder Rentiere, die sich zum Glück auch kaum von uns stören ließen.

Dann litten wir noch mehr, der Weg ging immer wieder über große Blockfelder. Bei normaler Steingröße waren die ja schon echt unangenehm, besonders mit dem schweren Rucksack, aber wenn die Steine fast so groß waren wie wir, wurde das eine elende Kraxelei. Mit dem Rucksack musste halt jeder Schritt sitzen, sonst schmiss es einen zwischen die Steine. Wir wappneten uns vor dem schlimmsten Stück mit einer netten Pause nach ca. 5 km. Dafür war die alpine Landschaft um uns herum zum Sterben schön.

Danach stiegen wir die letzten 200 Höhenmeter zum Pass auf. Das dauerte fast noch einmal zwei Stunden. Entschädigt mit genialen Ausblicken. Immer und immer wieder. Ab und zu half mal ein Schneefeld über ein paar Blöcke hinweg, aber auch die waren mittlerweile mit viel Vorsicht zu genießen.

Kurz hinter dem Pass gab es eine zweite Pause. Wir sahen schon die Blockfelder des Abstiegs vor uns. Nachdem wir den größten Teil davon geschafft hatten, setzte mal wieder der Regen ein. Das machte das Klettern auf den nun rutschig werdenden Blöcken nicht einfacher.

Um einen eisbedeckten See herum durchquerten wir dessen Abfluss halbwegs trockenen Fußes. Weitere 100 m gerölligen Abstiegs folgten, dabei konnten wir die Cainavaggihütten schon sehen. Ein letzter Fluss wollte noch bezwungen werden, auch hier waren wir zu faul für die Watschuhe. Meine Schuhe waren eh schon nass und die Füße in den Tüten mittlerweile auch nassgeschwitzt.

Kurz vor der Hütte trafen wir einen Schweden mit Hund, der noch einen Zeltplatz suchen wolllte. Wir berichteten, dass das die nächsten Kilometer nicht ganz einfach sei und fragten, ob er nicht in der Hütte übernachten wollte. Er drehte „dem Hund zu Liebe“ um und kam mit uns mit. Er wusste nicht, wie das norwegische System funktionierte und hatte keinen Schlüssel und war daher nicht bereits an den Hütten geblieben.

Die Hütten waren toll. Nicht nur die Lage, auch die Ausstattung. Sehr klein, aber mit allem versehen, was man dort draußen erwarten konnte. Dazu noch ein gemütliches Sofa. Luxus! Wir hatten eine ziemlich neue Hütte mit großen Fenstern und einem genialen Blick auf die Bergwelt. Der Schwede bezog mit seinem Hund eine andere kleine Hütte und kam zum Abendessen vorbei, bei dem wir nett plauderten. Er war schwer beeindruckt von uns und hatte draußen bei unserer Begegnung schon den Hut, d.h. die Schirmmütze, vor uns gezogen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er war mal Ultramarathons gelaufen, u.a. im Death Valley und rund um den Mont Blanc. Davon waren wir schwer beeindruckt. Der Blick von außen warf doch immer noch mal ein anderes Licht auf die eigene Leistung.

Mit Blick aus den großen Fenstern lasen und schrieben wir dann noch. Gemütlich. Vielleicht etwas zu warm. Hatten wir etwa den Ofen zu stark eingeheizt?

Am nächsten Tag könnten wir in Unna Allakas sein. Das war mal undenkbar gewesen. Vor 17 Monaten waren wir mit Skiern dort gewesen. Bei einem Schneesturm hatten wir dort als einzige Gäste einen wundervollen Ruhetag verbracht. Eine sehr schöne Erinnerung. Würden wir dort jetzt tatsächlich ankommen? Zu Fuß von Grövelsjön aus?

Die Watstelle auf dem Weg dorthin sollte jedenfalls machbar sein. Das hatte uns der Schwede mit dem Hund berichtet. Wir würden sie uns anschauen.

Mit Glück noch drei Tage bis Abisko. Nur ob wir da ein Zimmer haben, wissen wir nicht, Handyempfang haben wir seit 72 Stunden nicht gehabt.

Tag 68

von Ole

Die Sonne weckte uns. Wir kuschelten noch ein wenig. Dann gab es Frühstück. Zum Porridge von Expedition Foods mit 800 kcal, das wir uns sonst teilten, verputzten wir zusätzlich noch eine Schokoladenmüsli. Dann setzten wir die Hütte wieder in den Zustand, in dem wir sie vorgefunden hatten.

Plötzlich stand Andrea etwas blass in der Tür. Sie hatte beim Kleinholz hacken mit der Axt den linken Zeigefinger erwischt. Der Fingernagel hatte das Schlimmste verhindert, war aber dabei stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Desinfizieren, Pflaster drauf, mit Tape festkleben. Danach mussten wir uns beide von dem Schock erholen und legten uns für ein paar Minuten aufs Sofa.

Es konnte so schnell gehen. Die Toleranz für Fehler war so gering dort draußen. Eine etwas tiefere Wunde, etwas mehr Schwung mit dem Beil, und wir hätten den Notfallknopf an unserem Satellitentracker betätigen müssen. Wahnsinn. Diese ständige Aufmerksamkeit machte uns kirre. Fast immer irgendwie auf der Hut, sei es vor Wind und Wetter, sei es vor Moor oder Blockfeld, sei es vor Flüssen und Mücken. Wir merkten beide, dass wir eine Ruhepause brauchten. Drei Tage noch.

Ich packte dann beide Rucksäcke, um Andreas lädierten Finger zu schonen, und wir brachen kurz nach 10:00 Uhr auf. Der Weg zog sich das Tal hinab zu einem weiteren See, dann weiter hinab durch ein tief eingeschnittenes Tal. Andrea ging mit nur einem Wanderstock, ebenfalls um den Zeigefinger zu schonen, kam sich dabei aber vor wie eine Betrunkene, so ungewohnt war das mit dem Gepäck. Zum Glück war der Weg anfangs deutlich besser als am Vortag.

Den Abzweiger zur Watstelle fanden wir nicht, war nicht kritisch, mit 1,5 km Umweg sollte es eine Brücke geben und nach „weglos“ war uns in dem Gelände mit vielen sumpfigen Stellen schon mal gar nicht. Dafür bekamen wir dann ca. 1.000 Meter unser “Lieblingsgeländes“: Knorrige Büsche, die im Modder am besten gedeihen. Normalerweise nervten die schon, wenn sie nur hüfthoch waren, dort gingen sie uns bis über den Kopf. Und unten? Matsch, Modder und co., vom Feinsten. Ätzend. Andrea nahm den zweiten Stock wieder zur Hilfe, das wäre sonst nicht gegangen. Entsprechend beleidigt war der Zeigefinger und pochte schmerzhaft, als wir endlich die Brücke erreicht hatten und eine kleine Pause machten. Doof.

Der weitere Weg war dann trockener als erwartet. Zwar mussten wir immer mal wieder durch tiefen Matsch, aber es hätte laut Karte auch schlimmer sein können. Und es gab zur Belohnung tolle Berge mit Gletschern. Als wir dann den Fluss erreichten, vor dem wir uns etwas gefürchtet hatten und über den wir seit drei Tagen gesprochen hatten, war der eher niedlich. Allerdings mochten wir aufgrund der vielen Mücken die Schuhe nicht wirklich ausziehen. Deren Anzahl skalierte schon mit den Feuchtgebieten um uns herum. Also Gamaschen fest gebunden und einfach durch. War leider etwas zu tief und wir bekamen ein bisschen Wasser in die Schuhe. Wir nutzten den Wind auf der anderen Seite für eine kleine Pause ohne Mücken.

Die letzten 5 km zur Cunojávrihütte schafften wir auch, wobei Andreas Kopf gegen Ende Arbeitsverweigerung betrieb, wodurch sie immer langsamer wurde. Kein Wunder bei der Zusatzbelastung durch die Sorge um den Finger und das ständige schmerzhafte Pochen. Um 16:00 Uhr erreichten wir nach 15 km die Hütte und gönnten uns eine längere Pause in der Hütte. Mal die Sensorik runter fahren und etwas durchatmen. Etwas Warmes zu Essen half bei der Regeneration und stärkte uns für die letzten 7 km nach Unna Allakas.

Bei tollem Abendlicht schafften wir die 7 km in zwei Stunden, in denen wir uns trotz Mücken immer wieder über die Landschaft freuen konnten. Norwegen war zwar feucht (ohne Planken und mit viel Wasser), aber die Landschaft war echt grandios. „Unsere“ norwegischen Mücken kamen leider mit nach Schweden und gesellten sich zu den schwedischen dazu, so dass wir die letzten Kilometer echt fluchten. Ein ständiges Sirren um uns herum. Ich glaube, ich habe bislang alleine auf meiner linken Schulter mehr Mücken getötet, als ich insgesamt Stiche bekommen habe.

Unna Allakas war dann eine Enttäuschung. Kaum Zeltplätze, die wenigen sinnvollen schon belegt und die Hütte echt voll. Nach kurzem Toilettengang entschieden wir, noch weiter zu gehen. Wir fanden dann auch 1 km später einen schönen Zeltplatz. Nur das Wasser war diesmal etwas weiter weg. Beim Aufbauen des Zeltes umschwärmten uns dann unzählige Blutsauger. Bis zu zehn Stück gleichzeitig sah ich alleine auf meinem Arm. Ohne Worte. Andrea zog sich das Mückennetz über den Kopf und machte tapfer Abendessen. Ich atmete derweil schon tief durch und räumte das Zelt ein. Nach dem Essen zögerten wir alle weiteren Gänge nach draußen so weit wie möglich hinaus. Zähneputzen fiel aus. Schön, dass wir das Innenzelt immer so schnell mückenfrei bekommen.

Tag 69

von Ole

Wir wollen Ru-he-ta-ge, Ru-he-ta-ge, Ru-he-ta-ge skandierte alles in unseren Körpern.

Im Detail bei Ole:

  • Rechtes Knie: lieber nicht aufhören, weh zu tun
  • Linkes Knie: mal wieder
  • Füße: wir wollen endlich mal wieder richtig trocken werden
  • Linke Hüfte: ich habe keinen Bock mehr auf diesen sch…Rucksack
  • Rechte Hüfte – ne, komisch, die meckert nicht

Im Detail bei Andrea:

  • Linkes Bein und linkes Knie: wir mögen überhaupt nicht mehr
  • Rechtes Bein: ich bin in jedem Fall solidarisch
  • Schultern: ich weiß, nicht immer hochziehen, aber verspannt sind sie und weh tun sie
  • Linker Zeigefinger:  mir geht es zum Glück etwas besser, aber nicht, dass die auf andere Gedanken kommt
  • Zahn: lieber zwischendurch mal mucken, damit es wirklich Ruhetage in Kiruna gibt
  • Füße: bloß nicht den Eindruck erwecken, dass alles in Ordnung ist, irgendwo zwackt es immer

Und unsere Köpfe unterstützten das ganze auch noch. Die mochten auch nicht mehr. So wurde es gefühlt ein endlos langer Tag. 20 km waren es bis Abiskojaure, 8 lange Stunden brauchten wir. Immer leicht auf und ab, bei „auf“ wurde das Gequengel lauter. Jeder mit seinem Mückenschwarm -beim Gehen war das kein Problem, die Pausen waren jeweils eine Geduldsprobe, bei der wir uns gar nicht so schlecht schlugen.

Die Strecke hatten wir nach den Flüssen eingeteilt, die Brücken (wir waren wieder in Schweden) waren bei 3, 6, 10, 14 und 18 km. Dazwischen mehr Matsch und mehr Steine, als uns lieb war. Ab dem vorletzten Fluss dann noch vom Regen begleitet. Irgendwie schafften wir es. Mehr war es nicht. Jetzt noch 15 km bis Abisko.

Ru-he-ta-ge, Ru-he-ta-ge, Ru-he-ta-ge skandierte es, als wir nach gutem Essen, zwei kleinen Tüten Chips und einem Bier (in Abiskojaure gab es einen Shop) wieder im Zelt lagen.

Tag 70

von Ole

Es hatte die ganze Nacht geregnet. Da war nichts mit frühem Aufstehen. Wir aßen dann wieder in der Hütte,  wobei ich erst einmal Wasser holen musste, gar nicht so einfach mit Sandalen auf rutschigen Holzplanken.

Beim Frühstück plauderten wir nett mit einem Schweden, der sehr beeindruckt war, dass wir nach 10 Wochen dort draußen immer noch verheiratet waren. Wir scherzten, wir hätten unterwegs keinen Scheidugsanwalt gefunden. Das gemeinsame Lachen tat gut und hob unsere Stimmung.

Danach hängten wir erstmals das Innenzelt aus, um es separat und damit trocken zu verpacken. Gegen 09:30 Uhr kamen wir los.

Plötzlich rief Andrea: „Ist das nicht Markus?“ Tatsächlich, er war es. Unser virtueller Begleiter, der parallel auf schwedischer Seite den ganzen Kungsleden gewandert war. Wir hatten wechselseitig unsere Blogs gelesen und uns gegenseitig aufgemuntert. Jetzt trafen wir ihn tatsächlich in Abiskojaure. Wir schnackten noch einen Moment, bevor wir losgingen, verabredeten uns zum Abendessen in Abisko, falls wir dort ein Zimmer bekämen.

Bekanntes Gelände, 2009 waren wir beim Fjällräven Classic die Strecke schon gegangen. Seitdem war sie etwas besser ausgebaut worden. Trotzdem gab es häufig nasse Schuhe, überall waren tiefe Pfützen auf dem Weg nach dem Regen der Nacht. Matschloch-Slalom. Dazu viele Steine. Dann entdeckten wir Stellen von unseren Wintertouren wieder. Lustig.

Nach Hause kommen.

Nach der Hälfte der Strecke gab es die obligatorische Pause. Wir aßen alle Aufschnitte auf und wunderten uns, dass die Wanderer, die aus Abisko kommend an uns vorbei kamen, kaum lächelten. „Hey, wandern macht doch Spaß!“

Markus joggte quasi an uns vorbei, wir holten ihn später erst an der Rezeption in Abisko wieder ein.

Wieder hangelten wir uns von Brücke zu Brücke, die Euphorie machte mir Beine und die nassen Füße wollten aus den Schuhen raus. Fotos gab es nur wenige, wir kannten das ja alles schon. Endlich erreichten wir das Kungsleden Tor. Wahnsinn. Zu Fuß von Grövelsjön nach Abisko! Fast 1.000 km.

Nach dem Zielfoto bekamen wir zum Glück noch ein Zweibettzimmer. Tatsächlich fast wie zu Hause. So oft waren wir schon in der großen STF Station gewesen. Einfach schön. Und irre. Dieses Mal komplett zu Fuß!

Mit Markus verabredeten wir uns für 19:30 Uhr zum Abendessen. Dann wurden erst wir gesäubert und im zweiten Schritt unsere Wäsche. Dazwischen gab es ein spätes Mittagessen auf dem Zimmer, danach Bier und Chips, ein Nachmittagsschlaf und zwei Saunagänge.

Das Abendessen mit Markus war lustig. Zu richtig gutem Essen – das ist in Abisko so – lachten wir viel, erzählten viel und tauschten uns lange aus. Wir hatten so viele ähnliche Erfahrungen gemacht. Den geringen Kaloriengehalt der kleinen Portionen kompensierten wir durch Unmengen Brot (mehrfach nachbestellt und von den Nachbarn geklaut, als die weg waren – die waren nicht richtig wandern) und einen Nachschlag leckeren Kartoffelpürees, auf den wir einige Zeit warten mussten, in der wir hartnäckig unsere Teller verteidigten. Gegen 22:30 Uhr wurden wir sehr freundlich gebeten zu zahlen und gingen ins Bett.

Vorher hatten wir noch den Inhalt des kleineren der beiden Pakete, die in Abisko auf uns gewartet hatten, auf die Rucksäcke verteilt.

Viel Straße am ersten Tag, Landschaft war trotzdem schön, das Sirren auf der Tonspur müsst ihr euch vorstellen

Am Ende schöner Zeltplatz, die Autos standen am Hintereingang

Kein Stress und einfach die Landschaft genießen – wie wahr

Weite und dadurch einfaches Gelände

Es wurde steiniger

Zum Genießen

Tolle Spiegelungen bedeuten wenig Wind, bedeutet viele Mücken

Norwegen ist nass – seit zehn Wochen Schneeschmelze

Cooler Poser

Traumhafte Lichtspiele kurz vor der Gautelishütte

Gautelishütte – Lage, Lage, Lage

Seit langer Zeit mal wieder Abendrot, wirklich dunkel wurde es trotzdem nicht

Noch so ein Poser

Schnee, Wasser, Steine und geniale Landschaft

Was ein Ausblick

Coole Pause, danach ging es über den Pass im Hintergrund

Weg????

Auf den Schneefeldern waren wir etwas schneller als im üblen Blockgelände

Eine neue Welt hinter dem Pass

Mal wieder Regen, mal wieder Flussquerung

Cainavaggihütten: Lage, Lage, Lage

Durch tief ausgeschnittenes Tal, am See die nächste Hütte

Wir hassen dieses Kroppzeug. Wächst nur im Modder und ist echt stabil

Der Fluss war dann echt niedlich, als wir ihn uns endlich selbst anschauten

Tolle Gletscher

Die bisher wackeligste Brücke; wir machten drei Kreuze, als wir drüben waren – von da auch erst aufgenommen

Die Pause in greifbarer Nähe

Wegweiser bei der Cunojávrihütte

In toller Abendstimmung nach Unna Allakas

Auch manche schwedischen Hütten liegen ganz nett – Unna Allakas

Zeltplatz mit vielen Mücken – unser Lieblingskroppzeug signalisiert den Modder rundrum, in dem die Mücken gedeihen

Nasse Schuhe nach 5 Minuten auf dem langen Weg nach Abiskojaure

Wurden durch submoorige Planken nicht besser

Der Kungsleden schon im Regen, uns bekam er erst kurz vor der Hütte

Letzter Tag nach Abisko, Kungsleden zweispurig ausgebaut

Unglaublich, aber wahr: zu Fuß in Abisko angekommen!!!

Reales Abendessen mit unserem virtuellen Begleiter Markus

3 Gedanken zu “45. von Ritsem nach Abisko 

  1. Hallo

    nach zu langer Zeit nur mal ab und an lesen habe ich nun mir die Zeit genommen alles zu lesen und es hat sich gelohnt!
    Wie sich die Bilder und Erlebnisse doch gleichen wenn man den Touristenradius verlässt und in die Natur geht, Ihr in Europa ich damals in Kanada und ja diese Steine, Mücken und kalten Flüsse setzen einem schon zu aber am Abend ist es meist doch ein guter Tag gewesen und egal was passiert man hat ein Grinsen im Gesicht wenn man sich später erinnert und es sind dann die kleinen Fluchten aus dem Alltag wenn man träumt.
    Ich habe mich gefreut zu lesen wir ihr trotz Regen, Schnee und kleiner Unfälle und den Überraschungen des Körpers (Knie, Schulter etc.) nie aufgegeben habt, wie man z.B nach 800m Aufstieg den Rucksack verflucht weil die Gurte alles aufgerieben haben kann ich gut nachvollziehen auch die kalten Nächte wenn man munter wird.
    Und die Mücken erst, die schönsten Plätze die meisten Mücken (meine Theorie die Plätze sind noch so schön weil die Mücken da sind sonst ….) ich hatte immer den Eindruck es regnet leicht wenn die Mücken morgens gegen die Außenplane fliegen, ist das bei euch auch so zu hören?

    Ich drücke euch ganz fest die Daumen das ihr eurer Ziel noch erreicht und der Winter nicht zu früh kommt (hier in DE beginnen die Tiere teils schon den Fellwechsel).

    Liebe Grüße und Alles Gute.

    Mike

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