47. Sapmi

von Andrea

Schon bei unserer ersten Reise durch Norwegen im Jahr 2002 (damals mit dem Auto) hatten das Leben und die Kultur der indigenen Bevölkerung – der Sami –  unsere Neugierde geweckt. Moment mal?! Indigene Bevölkerung in Norwegen? Und nicht nur in Norwegen, sondern ein Volk, das in Teilen Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands lebt? Zwar sagte uns „Lappland“ als Region im hohen Norden etwas. Und auch den Begriff “Lappen” für die indigene Bevölkerung in Lappland hatten wir schon einmal gehört. Aber mehr wussten wir nicht. Wir hatten wirklich keine Ahnung.

Dann lernten wir, dass sich die früher als Lappen bezeichnete indigene Bevölkerung des europäischen Nordens selber als Samen oder Sami bezeichnet. Der alte Begriff Lappe wird von den Sami teilweise als herabsetzend empfunden und wird so gut wie nicht mehr verwendet. Die Heimat der Sami heißt Sapmi. Das ist der samische Name für das Siedlungsgebiet beziehungsweise den Kulturraum der Sami.

Sapmi umfasst die Landschaft Lappland nördlich des Polarkreises in Skandinavien einschließlich des Großteils der Kola-Halbinsel in Russland und reicht im Süden Skandinaviens bis Engerdal in Norwegen und bis Idre in Schweden. Im südlichen Teil ist die Grenze Sapmis erkennbar an den Gebieten, in denen Rentiere weiden. Die Sami sind heute eine „Minderheit im eigenen Land“. Auf ganz Sapmi bezogen sind nur 4 % der Einwohner Sami.

Sami und Sapmi sind für uns mittlerweile untrennbar mit unserer Liebe zu dem hohen Norden Europas verbunden. Deswegen möchten wir Euch auch ein wenig darüber erzählen. Wir haben eine Weile überlegt, wie wir das am besten anstellen können. Schließlich wissen wir immer noch so gut wie nichts. Wenn wir über die Sami und ihr Land Sapmi schreiben, ist das also zwangsläufig extrem lückenhaft und möglicher Weise treten wir dabei noch jemandem auf den Fuß. Wir haben es mit diesem Beitrag trotzdem gewagt, Euch zumindest an dem teilhaben zu lassen, was wir wissen und was uns bewegt. Die Informationen in diesem Beitrag stammen aus Erzählungen von Norwegern, Schweden und Sami selber, aus dem Internet (kursiv abgesetzt) und aus Fernsehsendungen.

Auf unserer ersten Reise durch Norwegen begegneten uns immer wieder die fröhlich farbenfrohen Trachten, das Kunsthandwerk, die Messer sowie auch Informationen über die frühere Lebensweise und über die Rentierzucht der Sami. Als erstes hatten es uns – oder zugegeben mir – vor allem die samischen Messer angetan. Die kann man in Souvenirshops an allen Ecken und Enden kaufen. Ich wusste in 2002 gar nichts über die Sami und ihre Traditionen, aber ich wusste, dass ich so ein Messer wollte. Da hat die Nummer mit den Souvenirshops doch ausgezeichnet funktioniert.

Ole vertröstete mich darauf, dass wir noch durch den Ort Karasjok kommen würden und ich dort ein “echtes” Samimesser kaufen könnte und nicht so eine Attrappe für Touristen. Mühsam habe ich mich damals in Geduld geübt und bis Karasjok gewartet, bis ich dort tatsächlich bei einem Schmied für “echte” Samimesser stand. Der erklärte mir dann, es gäbe ein Messer für Männer, eines für Frauen und eines für Kinder ab etwa 8 Jahren. Er zeigte mir das Messer für Frauen. Dafür brauchte man in Deutschland locker einen Waffenschein. Ich nahm das Messer für Kinder. Schon damit darf man in Deutschland vermutlich nicht frei herumlaufen.

Ich habe mit dem Messer seitdem nur Brot, Salami und vielleicht mal getrocknetes Rentierfleisch geschnitten. Der Schmied hatte mir damals erklärt, dass es unter anderem benutzt würde, um Markierungen in die Ohren der Rentiere zu schneiden, damit die Familien beim Zusammentreiben der Rentiere ihre Tiere auseinanderhalten können. Ich frage mich seitdem immer noch, wie gute Augen man haben muss, um in dem Gewimmel einer großen Herde von teilweise bis zu über 1.000 Tieren eine in ein Ohr geschnittene Markierung erkennen zu können. Jedenfalls habe ich damals verstanden, dass so ein Messer viel mehr war als nur ein Souvenir für Touristen.

In einer Fernsehdoku über die Sami haben wir mal gesehen, wie ein Mann mit einem solchen Messer – natürlich mit dem Messer für Männer – ein Stück Birkenstamm am Rand fächerförmig aufgeschnitten hat und es dann an diesen Fächern direkt angezündet hat. Er brauchte keinen zusätzlichen Zunder, um das Stück Birkenstamm in ein Lagerfeuer zu verwandeln. Ja, mittlerweile wissen auch wir, dass Birkenrinde ein ganz ausgezeichneter Zunder ist, aber ich vermute trotzdem, dass man die Nummer jahrelang üben muss, bevor sie klappt.

Die Vorfahren der Sami wanderten ein, als sich die Inlandgletscher am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren zurückzogen. Sie wanderten aus verschiedenen Richtungen und während verschiedener zeitlicher Perioden ein. Sie bildeten zunächst Gruppen von etwa 20 bis 30 Personen, die sich je nach Jahreszeit zwischen verschiedenen Fisch- und Jagdgebieten bewegten. Vor etwa 2.000 bis 3.000 Jahren begann dann die Entwicklung einer gemeinsamen samischen Sprachgruppe. Ebenso entstanden ein engeres soziales Netzwerk und gemeinsame Traditionen.

Moment mal! Das heißt, dass im Fjell, in dem wir uns mühsam seit Wochen durchschlagen, schon seit tausenden von Jahren Menschen leben? Das ganze Jahr über? Mit Temperaturen von bis zu minus 40°C im Winter und Milliarden von Blutsaugern im Sommer? Und das ohne Daunenschlafsäcke, Nylonzelte, DEET gegen Mücken und ohne gefriergetrocknete Trekkingnahrung! Und wir stellen uns schon an, wenn wir mal ein paar Tage keine Hütten haben, keine Holzplanken über Moorflächen und keine Brücken über größeren Flüssen!

Die Sami hatten zunächst wilde Rentiere gejagt und hatten eine Methode entwickelt, ein zahmes Rentier zu nutzen, um die wilden Artgenossen in eine Falle zu locken. Ein starker Rückgang in der Anzahl wilder Rentiere sorgte für einen Übergang zur Zucht von Rentieren. Das war dann verbunden mit einem nomadischen Leben, weil die Rentiere große Areale benötigten, um das ganze Jahr hindurch ausreichend Nahrung zu finden.

Noch heute leben viele Sami von der Rentierzucht. Die Rentiere sind anders als z.B. Kühe nicht wirklich domestiziert. Sie folgen wie ihre wilden Vorfahren den natürlichen jahreszeitlichen Wanderrouten zwischen Waldland und Gebirge. Der Eingriff durch den Menschen beschränkt sich dabei auf das Markieren der Kälber und das Trennen der schlachtreifen Tiere von der Herde. Dennoch ist die Rentierwirtschaft aufgrund der großen Entfernungen der Wanderungen und der unwegsamen Landschaft sehr zeit- und damit kostenintensiv. Die Herden verschiedener Gemeinden werden durch Zäune voneinander abgegrenzt. Die Zäune können bis zu 400 km lang sein und Gebiete der Größe zwischen 1.000 und 5.000 km² voneinander abgrenzen. 

Diese Zäune! Man trifft beim Wandern im Fjell immer wieder auf sie. Läuft manchmal lange Strecken nebenher und muss sie auch häufiger queren, was manchmal gar nicht so einfach ist. Aber vor allem: Was für ein Aufwand! Ich mag mir gar nicht vorstellen, was es an Zeit und Geld kostet, so einen Zaun zu errichten und ständig zu kontrollieren und zu reparieren. Beim Wandern trifft man ab und zu auf kleine bis größere Stapel Zaunpfähle und Drahtrollen irgendwo im Fjäll, die vermutlich für Reparaturen dienen.

Dazu stößt man auch häufiger auf kleinere kreisförmig eingezäunte Bereiche. Darin werden die Rentiere im Sommer und im Herbst zusammen getrieben. Im Sommer werden die im Mai geborenen Kälber markiert. Im Herbst werden die Tiere ausgesucht, die geschlachtet werden sollen. Das muss geschehen, bevor die Paarungszeit beginnt, weil mit der Paarungszeit das Fleisch der männlichen Tiere ungenießbar wird. Das hat uns mal eine Samin erzählt, die uns in 2014 auf einem Wanderweg in Schweden mit dem Boot über einen See gesetzt hat.

Sie hat uns auch erzählt, dass das Zusammentreiben der Rentiere früher zu Fuß erfolgte, was in den riesigen Gebieten Tage, wenn nicht sogar Wochen gedauert haben muss. Heutzutage kann man Schneemobile, Quads und geländegängige Motorräder benutzen, sofern das Gelände es zulässt. Wenn nicht, bleiben immer noch nur Schusters Rappen. Teilweise werden auch Hubschrauber genutzt. Ist man im Herbst im Fjell unterwegs, wundert man sich mitunter über das ständige Geknatter am Himmel. Allerdings ist das Geknatter der Hubschrauber auch großer Stress für die Tiere.

Die Samin wollte uns damals gleich ein Rentier verkaufen. Tot, ausgenommen und zerlegt natürlich. Da wir Rentierfleisch sehr gern essen und der Preis im Vergleich zu Stockholm geradezu lächerlich niedrig war, hätten wir nur zu gern ja gesagt. Aber das wären etwa 40 kg gewesen und wir hatten noch ein Stück zu laufen und einen langen Heimweg ohne Kühlung.

Dieselbe Samin hatte uns weiterhin erzählt, dass sie im Sarek aufgewachsen war. Man konnte im Sarek aufwachsen? Dem Nationalpark in Schweden, der als letzte Wildnis Europas bezeichnet wird? Keine Wege, keine Brücken, keine Hütten für Wanderer! In den man nach unserem Verständnis nur geht, wenn man erstens mal so richtig leiden will und zweitens hinterher jedem stolz erzählen will, dass man im Sarek gewesen ist. Für sie war es völlig normal, im Sarek zu sein. Sie hatte ihre gesamte Kindheit dort verbracht. In einer kleinen Samisiedlung an einem See, weit entfernt vom Rest der Welt. Was für eine völlig andere Welt als die, aus der wir kamen. Völlig unvorstellbar und gleichzeitig sehr faszinierend.

Die Rentiere ziehen auch heute noch über große Entfernungen umher, halten sich im Sommer in anderen Gebieten auf als im Winter. Dabei sind die großen Stauseen zum Teil ein Problem. Auf Grund der Regulierung des Wasserspiegels bildet sich oft keine feste Eisdecke, die Rentiere können die Stauseen im Winter nicht überqueren. Das macht wohl in einigen Gebieten die Rentierzucht nahezu unmöglich, weil die Stauseen das Wandern der Rentiere verhindern. 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Sami politisch aktiv und bemühen sich um die Anerkennung ihrer Rechte als indigenes Volk auf nationaler und internationaler Ebene. Mittlerweile verfügt Sapmi über ein länderübergreifendes Parlament, das „Samediggi“ in Karasjok. Zudem gibt es in jedem Land ein Sami-Parlament mit jeweils unterschiedlicher Rechtsstellung. Als samische „Hauptstädte“ werden Guovdageaidnu (Kautokeino) in Norwegen, Gíron (Kiruna) in Schweden, Anár (Inari) in Finnland und Luyawr (Lowosero) in Russland betrachtet.

Die Sami haben auch eine eigene Flagge, die in fröhlichen Farben symbolisch die Sonne und den Mond darstellt. Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir diese Flagge irgendwo sehen.

Mein Kindermesser

Ein Rentierzaun

Hier war die Überquerung eines Zauns etwas mühsam

Solche Durchgänge, die man selber öffnen und schließen kann, machen es leichter

Hier können Rentiere zusammengetrieben und dann die für die Schlachtung ausgewählten Tiere verladen werden

Im Sommer flüchten die Rentiere vor den Blut saugenden Insekten auf den Schnee hoch oben in den Bergen

Samisches „Lagerhaus“

Traditionelle samische Unterkunft (Winter)

Samische Flagge

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