50. von Abisko nach Kilpisjärvi 

Fakten

  • 9 Wandertage
  • ca. 170 km
  • 1 Kino
  • 100 Regenbögen
  • 1 gruselige Sturmnacht im Zelt
  • Erster Neuschnee
  • Viel Regen
  • Blaubeeren und Moltebeeren

Tag 75

von Andrea

Noch einmal ein gutes üppiges Frühstück im Scandic Hotel in Kiruna. Da kann ich mir ja hundert mal vornehmen, nun doch auf Rührei und Speck zu verzichten, von wegen nicht so gesund und so … wenn ich die gelbe, leicht schleimige Pampe sehe und den gebratenen Speck rieche, vergesse ich alle guten Vorsätze und weiß nur, ich will das auch und zwar viel davon. Und natürlich passen auch hinterher noch einige süße Pfannkuchen mit Moltebeermarmelade und Sahne irgendwo in die Lücken im Magen. Seufz. Adé Schlaraffenland. Vor uns lagen so grob 180 km, sehr schwere Rucksäcke mit Futter für 9 Tage und Frühstück sowie Abendessen aus der Tüte. SEUFZ.

Ole flitzte nach dem Frühstück noch los und besorgte ein Stück getrocknetes Rentierfleisch, bitte mit breitem Fettrand … gab es nicht? … wenigstens ein bisschen Fett, bitte! … ein ganz kleines bisschen?! … na gut, besser als nix. Ich kaufte gleichzeitig im Jagd- und Angelladen noch drei Portionen Turmat. In unserem Paket waren drei Malzeiten von Trek’n Eat gewesen, die wir gleich aussortiert hatten. Das wollten wir nicht mehr essen, das war uns beiden um Längen zu salzig, was bei mir schon etwas heißen will.

Um 12:15 Uhr holte uns das bestellte Taxi am Hotel ab. Damit wollten wir zu der Stelle fahren, an der der E1 bzw. dort der Nordkalottleden die Landstraße E10 kreuzte. Das war von Kiruna aus noch an Abisko vorbei und sogar noch hinter Björkliden. Ehrlich gesagt super dekadent, die Strecke mit dem Taxi zu fahren. Wir hätten auch mit dem Bus fahren können. Aber mit dem frühen Bus hätten wir vorher nicht frühstücken können (ging gar nicht!) und mit dem am Nachmittag hätten wir am selben Tag keine Chance gehabt, noch so weit zu laufen, wie wir geplant hatten. Und 5 km mehr wären es auch gewesen, weil der Bus nicht genau da gehalten hätte, wo wir hin wollten – und die 5 km an der E10 entlang mit großen LKWs und so … Na ja, wir hatten viele gute Gründe für das Taxi gefunden. Wir waren aber vor allem bequem und schließlich auch irgendwie im Urlaub, auch wenn sich das häufiger mal nicht wirklich so anfühlte.

Als wir dem Taxi entstiegen, durften wir gleich die Regenklamotten anziehen. Kein idealer Start. Dafür sahen wir tatsächlich die ersten Blaubeeren des Jahres und fingen sofort an zu futtern. Schließlich war das Frühstück lange her. Endlich Blaubeeren! Wir hatten schon befürchtet, wir würden diese dank es eher besch… Sommers komplett verpassen. Bis dahin hatten wir die Sträucher blühen bzw. voller kleiner grüner Früchte gesehen. Und da wir immer weiter nach Norden gegangen waren, war das auch nicht wirklich besser geworden. Und dort – 10 m neben der Straße – gab es plötzlich reife Blaubeeren. Sehr schön, wenn auch etwas sauer. Hatten die etwa nicht viel Sonne bekommen? Später gab es sogar noch für jeden von uns eine Moltebeere … allerdings auch nicht süßer.

Das war es dann aber leider auch mit positiven Nachrichten von dem Tag. Wir hatten die Strecke von der E10 (noch in Schweden) bis zur Lappjordhytta (ein Stück hinter der Grenze zu Norwegen) aus 2009 als beschwerlich in Erinnerung. Und das war sie leider immer noch. Wir hatten ja vage gehofft, dass uns das viele steile Auf und Ab, die Steine, das Gestrüpp, der Modder dieses Mal nicht so nerven würden, weil wir ja fitter waren, gestählter, schon so viel mehr schlechte Wege gesehen hatten und überhaupt. Aber nix, Fehlanzeige. Wir kotzten genauso wie in 2009. Meine Knöchel taten vom ständigen Ausgleichen des unebenen Untergrundes nach nur einer Stunde weh. Von unseren Knien sprechen wir lieber gar nicht. In Kiruna eigentlich nur halb erholt, maulten sie innerhalb kürzester Zeit.

Hinzu kam, dass unsere Rucksäcke mit Lebensmitteln für 9 Tage furchtbar schwer waren. Wiegen konnten wir sie nicht, aber wir schleppten wohl pro Nase etwa jeweils ein Drittel unseres Körpergewichts. Die empfohlene Grenze lag bei einem Viertel. Aber was nutzte einem eine solch theoretische Empfehlung, wenn man dann nicht genug zu futtern hatte?

Mein Rucksack war so schwer, dass ich im Hotel auf dem Weg vom Zimmer zum Fahrstuhl schon das Bedürfnis gehabt hatte, mich an der Wand abzustützen. Auf dem traumhaften Weg zur Lappjordhytta war ich entsprechend so langsam, dass wir fünf Stunden für die lächerlichen 11 km zur Hütte brauchten. Und eigentlich sollte an der Hütte ja nicht Schluss sein. Wir wollten ja eigentlich noch 6 km weiter über den nächsten Pass gehen und dann zelten, weil sonst am nächsten Tag die Strecke bis zur Huskyfarm in Innset, bei der wir uns für angemeldet hatten, für uns zu lang gewesen wäre.

Wir machten in der Lappjordhytta zumindest mal eine Pause. Es war immerhin schon fast 19 Uhr. Weitergehen oder bleiben? Drei Personen dort waren an dem Tag über den Pass gekommen und berichteten, dass es grenzwertig gewesen sei, da sehr stürmisch, nass und kalt. Grmpf. Naja, die hatten den Wind von vorn gehabt, wir würden ihn von hinten haben. Und etwas überheblich dachten wir vielleicht auch, uns könne nichts mehr schocken, da wir schon eine ganze Reihe Pässe bei Sturm und Regen überquert hatten. Nie schön, aber bis dahin immer machbar. Und bis dahin hatten wir im Abstieg nach einem Pass auch immer schnell einen halbwegs windgeschützten Platz für unser Zelt gefunden.

Bleiben oder weiter gehen?

Wie quatschten noch mit Martin, der in 2015 Norge på langs gelaufen war und jetzt für eine Tour auf dem Nordkalottleden in Sulitjelma eingestiegen war. Er hatte uns lustiger Weise erkannt, nachdem Simon ihm den Link zu unserem Blog geschickt hatte. Manchmal war die Welt doch sehr klein.

Dann brachen wir irgendwann gegen 19:30 Uhr wieder auf. Im nachhinein ein Fehler, aber hinterher ist man immer schlauer.

Ich brauchte mit meinem schweren Rucksack ewig. Wie eine Schnecke kroch ich Richtung Pass. Der Wind legte mit jedem Höhenmeter noch eine Schippe drauf. Er kam zwar tatsächlich meist von hinten, aber es war trotzdem nicht vergnüglich. Die Sturmböen holten mich manchmal fast von den Füßen. Ich musste ständig aufpassen. Das Schlagen unserer Kleidung und des Regenschutzes am Rucksack im Sturm und dazu das Prasseln des Regens waren so laut, dass wir uns fast anschreien mussten, wenn wir mal kurz etwas zu besprechen hatten, wie z.B. wo der Weg weiter verlief oder Ähnliches.

Da wir ewig brauchten und es mittlerweile tatsächlich schon wieder dunkel wurde, kamen wir gegen 22:30 Uhr bei nahezu Dunkelheit über den Pass. Nach zweieinhalb Monaten ohne Dunkelheit, maximal mal ein bisschen Dämmerung, war die Dunkelheit sehr gewöhnungsbedürftig. Wir hatten sie nicht vermisst. Zum Glück war es nicht stockfinster, wir konnten zum Gehen noch genug sehen, aber es war unheimlich. Steine und Matsch waren schwierig zu erkennen. Wir waren schon platt, mussten nun aber noch mal mehr aufpassen.

Dann begann der Abstieg. Wir waren sicher schon 100 m abgestiegen, der Wind kam von hinten, eigentlich hätten wir im Windschutz des Passes sein müssen. Waren wir aber nicht. Die Sturmböen prügelten immer noch auf uns ein. Sch…! Das war wohl unsere größte Fehleinschätzung an dem Tag. Hatte bis dahin immer gestimmt, dass wir hinter einem Pass aus dem gröbsten Wind heraus waren. An diesem Pass stimmte es nicht.

Wir gingen weiter bis zu einem Fluss, den wir hätten durchwaten müssen. Bei der Dunkelheit und in unserem Zustand keine gute Idee. Wir brauchten einen Zeltplatz! Der Untergrund war steinig und dort wo er es nicht war, war er nass und vom Regen aufgeweicht. Darüber hinaus war das Gelände uneben und schräg. Aber es nutzte nix. Wir waren müde und kaputt, es stürmte, es regnete, es war saukalt – wir brauchten einen Zeltplatz!

Wir nahmen irgendeinen Flecken steinigen, feuchten Bodens, der in der Dunkelheit besser aussah als die anderen Flecken. Dann begann der Kampf mit dem Zelt. Wir hatten schon oft bei Wind das Zelt aufgebaut. Auch schon bei viel Wind und bei sehr viel Wind. Bei solchen Sturmböen noch nie. Wir kämpften. Ole musste das Zelt mit aller Kraft festhalten, der Sturm riss wie wild daran. Ich versuchte, die Zeltstangen in die entsprechenden Kanäle zu schieben und zu fixieren, bekam dafür kaum die wild flatternde Plane zu fassen und schon gar nicht die kleine Halterung, mit der eine Stange schließlich fixiert wurde. Es dauerte ewig. Der eisige Wind zerrte nicht nur am Zelt, sondern auch an uns. Uns wurde immer kälter. Unsere Finger wurden steif vor Kälte. Mit Handschuhen hätten wir nicht präzise genug greifen können und die dünne Zeltplane auch nicht sicher festhalten können.

Als endlich alle drei Stangen waren, wo sie hin sollten, begann das Ringen mit dem Boden und den Heringen. Das Tunnelzelt gegen den Wind “aufzuschlagen” – wie üblich – war undenkbar, das ließ sich nicht halten. Also erstmal an der dem Wind zugewandten Seite das Fußende verankern. Wo bekamen wir einen Hering in den Boden? Hier? Nein. 5 cm nach links? Nein, wieder ein Stein. Nach rechts? Auch nicht. Ein Stück zurück? Ja ging, aber der Boden war nass und weich. Nächster Hering am Fußende. Dann die erste Stange fixieren. Wieder zwei Heringe. Die ersten zwei Abspannleinen. Gleiches Spiel. Hier ein Stein, ein paar Zentimeter zur Seite, nein auch nicht, dort vielleicht. Uns wurde immer kälter.

Wie viel Zeit hatten wir noch? Wie lange durfte der Aufbau des Zeltes noch dauern, bevor es bei den Bedingungen kritisch wurde? Die Frage ging mir unweigerlich durch den Kopf. Zum Glück blieben wir beide ruhig. Uns war beiden klar, dass es kritisch war. Auch wenn uns vielleicht nach Frustgeschrei oder Tränen gewesen wäre, dafür war kein Raum. Weiter funktionieren. Wir brauchten ein stabil stehendes Zelt. Sonst wäre es da oben eng geworden.

Endlich stand das Zelt. Aber nur das Außenzelt. Das Innenzelt hatten wir ja in Abiskojaure ausgehängt und separat verpackt, damit es nicht nass wurde. Ole kletterte ins Zelt und begann, das Innenzelt einzuhängen. Bei einem wild schlagenden Außenzelt und mit eiskalten steifen Fingern eine echte Strafe.

Ich holte derweil Wasser. Danach waren die Finger meiner linken Hand so kalt und taub, dass ich sie kaum noch bewegen konnte. Als ich zum Zelt zurück kam, hatte der Sturm bereits drei Heringe aus dem durchweichten Boden gerissen. Ich versuchte sie wieder zu verankern. Suchte im Dunkeln Steine, um sie zu beschweren. Noch immer war ich dem kalten Wind ausgesetzt. Ich begann zu zittern. Meine Hände zitterten bald so stark, dass ich einen Hering oft erst im zweiten Anlauf zu fassen bekam. Sehr krass, das am eigenen Körper zu erleben.

Endlich war alles erledigt. Wir waren beide im Innenzelt und krochen zitternd in die Schlafsäcke. Da war es Mitternacht. Essen ließen wir ausfallen. Der letzte Fehler an diesem Tag. Ohne Essen hatten unsere Körper nichts zum Verbrennen, um uns zu wärmen. Da half dann auch der beste Schlafsack nur noch begrenzt. Mir war zwei Stunden später noch immer kalt. Da nötigte Ole mich, wenigstens ein Stück Schokolade zu essen und das half.

Geschlafen haben wir kaum. Das Zelt bog sich so dermaßen unter den Sturmböen, dass mir Angst und Bange wurde. Leider kamen die Böen aus allen Richtungen, was bei einem Tunnelzelt ziemlich übel war. Die Böen, die seitlich kamen, drückten das Innenzelt bis auf uns herunter. Ein Wunder, dass keine der Stangen gebrochen ist.

Meine furchtbare Verdauung, die mir seit Beginn der Tour Probleme machte, trieb mich nachts nochmal raus. Danach war wieder Zittern angesagt. Auch mussten wir nachts noch zweimal Heringe wieder befestigen, die der Sturm herausgerissen hatte.

Wir haben die Nacht irgendwie überstanden. Die Sturmböen und das Prasseln der Regenschauer haben kaum einmal nachgelassen. Am nächsten Morgen sollten wir feststellen, dass es nicht nur Regen gewesen war, sondern auch Schnee.

Was waren im Nachhinein betrachtet unsere Fehler gewesen?

Die Fehleinschätzung, wie windig es hinter dem Pass wäre? Ja, auf jeden Fall. Hätten wir das wissen können? Nein. Ein Blick auf das Gelände laut Karte hatte uns das zumindest nicht gesagt. Dafür hätten wir vor Ort sein müssen.

Mangelnde Erfahrung mit dem Aufbau unseres Zeltes in einem so brutalen Sturm? Ja, schon. Wir wären deutlich weniger ausgekühlt, wenn wir beim Zeltaufbau schneller gewesen wären. Aber diese Erfahrung konnte man nur machen, indem man halt mindestens einmal in einem solchen Sturm mit dem Zelt kämpfte und fluchte. Aus einem Buch konnte man das nicht lernen.

Nichts mehr zu essen, als wir endlich im Zelt waren? Ja, ganz bestimmt. Aber meine Verdauung hatte zu dem Zeitpunkt schon Ärger gemacht und ich wollte nichts essen, um bei dem Sturm nachts nicht raus zu müssen. Trotzdem war es dumm. Denn wie wichtig Essen war, wenn man fror, hätten wir aus unserer Erfahrung wissen können.

Wir konnten es im Nachhinein nicht mehr ändern. Wir haben die Nacht überstanden. Und daraus einiges gelernt.

Ich habe mir die ganze Nacht geschworen, dass ich die Tour abbrechen und nach Hause fahren würde, wenn ich die Nacht überstanden hätte und erstmal heil in Innset angekommen wäre. Natürlich habe ich das nicht gemacht. Die Verdrängung wirkte schnell.

Tag 76

von Ole

Irgendwie hatten wir die Nacht überstanden. Doch Regen und Sturm hatten nicht nachgelassen. Andrea kochte vorsichtig im Vorzelt Wasser für Tee und Porridge. Ich hatte trotz des ausgefallenen Abendessens kaum Appetit. Die Wärme von Tee und Essen tat aber gut.

Dann packten wir die Rucksäcke, als letztes dann ein sehr nasses Zelt. Ich hielt es dabei die ganze Zeit fest, während Andrea die Heringe einsammelte und die Stangen entfernte. Das fehlte noch, dass uns beim Abbau das Ding wegflog.

Nach 500 m dann der erste Fluss. Watstelle im eisigen Wind und im Dauerregen. Musste man echt mögen. Das Wasser war saukalt und der Fluss echt breit. Zum Glück konnte man an ein paar Steinen, die aus dem Wasser ragten, zwischendurch den Schmerz in den Füßen etwas abklingen lassen. Das letzte Stück war dann tiefer, ich hakte Andrea unter und wir schafften es gemeinsam. Danach wurde erst einmal die Anspannung abgebaut, jeder auf seine Art, Geschrei und Tränen.

Der Fluss war echt heftig gewesen, vor allem nach so einer Nacht. Unsere Füße taten vor Kälte weh. Das fing ja gut an.

Pflichtbewusst machte ich noch Fotos, bei einigen lugte sogar die Sonne mal hervor. Das gab dann tolle Stimmungen, hielt aber leider nie lange an.

Wir genossen dafür den Effekt von 24 Stunden Dauerregen auf flache Berghänge. Wir gingen nur noch durch Wasser. Erst kam es von rechts, kurz vor dem nächsten kleinen Pass wechselte es auf links, immer auf breiter Fläche. “Alles fließt”, habe ich mal in Philosophie gelernt, hier gab es den Anschauungsunterricht dazu. Dazu echtes Aprilwetter, Schnee, Regen, Sonne, Wind und wieder von vorne. Immerhin gab es dabei den einen oder anderen Regenbogen zu bestaunen. Regenbögen in Laufrichtung waren mit Vorsicht zu genießen, sahen toll aus, bedeuteten aber Regen voraus. Von wegen ein Schatz am Ende des Regenbogens …

An Pause war bei der Nässe in Kombination mit dem Wind leider nicht zu denken. Ich merkte meinen Rucksack sehr, hatte noch ca. 1,5 kg an Trockenobst und Nüssen von Andrea übernommen. Ihr Rucksack war schon sehr schwer gewesen.

Also weiter tapfer den kleinen Pass hoch. Ganz kurz kam das Schneeregengebläse mal von vorne, Andrea wurde schnell die halbe Wange taub, dann kam es zum Glück wieder von der Seite, so dass die Kapuze das meiste abfing. Worüber man sich schon freuen kann…

Hinter dem Pass das gleiche Spiel, der Boden stand unter Wasser, wohin der Weg auch führte. Merkwürdigerweise hatte ich immer noch trockene Füße. Hatte das Wachsen der Schuhe doch Erfolg gehabt? Das hier war jedenfalls eine echte Bewährungsprobe.

Im weiteren Abstieg fragten wir uns schon, ob wir über all das Wasser noch einmal rüber mussten, da war doch noch dieser Fluss, den wir noch queren mussten. In 2009 war das kein Problem gewesen, da hatte es aber auch nicht so viel geregnet. Ja, wir mussten. Und ja, wieder in die Watschuhe rein. Doch vorher gab es erst einmal zumindest eine kleine Pause. Schultern und Hüften atmeten durch. Ich aß, was ich in die Finger bekam, Hauptsache Brennstoff.

Dummerweise wurde uns natürlich beiden während der Pause ziemlich kalt, keine gute Voraussetzung, die Watsandalen anzuziehen. War trotzdem so herum besser, auf der anderen Seite des Flusses konnten wir dann schnell wieder in die Schuhe schlüpfen und weiter laufen. Den Fehler, direkt hinter einem durchwateten Fluss eine Pause zu machen – in dem Fall sogar das Zelt aufzubauen – hatten wir 2009 einmal gemacht. Das ging nur bei gutem Wetter und entsprechend warmen Temperaturen. Hier hieß es warmlaufen. Das klappte auch ganz gut, vor allem mit aufgefüllten Brennstoffdepots.

Ein Fluss kam noch, der laut Karte unangenehm sein konnte, den wir 2009 gar nicht wahrgenommen hatten. Nach vier gut zu gehenden Kilometern erreichten wir ihn. Mittlerweile waren wir so weit abgestiegen, der Wind hatte so weit nachgelassen, dass die Mücken wieder bei uns waren … Wir versuchten also, beim strip tease möglichst schnell zu sein und hatten damit halbwegs Erfolg, nur zwei neue Mückenstiche für Andrea. Dreimal waten, und das bei dem Wetter, wir waren echt bedient.

Der Rest des Weges zog sich dann, obwohl das Wetter besser wurde. Erst noch 5 km zu einem Feldweg. Hier hatten wir endlich Handynetz, Andrea erwischte auf der Huskyfarm in Innset aber leider nur einen Anrufbeantworter. In 2009 hatten sie uns aus der anderen Richtung kommend mit dem Auto aufgesammelt, darauf hofften wir noch. Nach weiteren 2 km – mittlerweile wankte ich mehr bergab, als dass ich ging – erreichten wir die Brücke unterhalb des Altevass Staudamms. Hier hing auch der Zettel der Huskyfarm mit dem “call us, we pick you up”. Diesmal hatte Andrea Erfolg. Björn Klauer kam uns holen. Uff. Völlig fertig stand ich an der Brücke. Der schwere Rucksack hatte mich ausgelaugt. Und das rechte Knie gleich mit, das hatte sich trotz der Ruhe in Kiruna noch nicht von der Prellung erholt und war entsprechend beleidigt.

Wir gingen dann noch etwas den Weg entlang, bis uns Björn Klauer abholte. 10 Minuten und 3,5 km später standen wir im Gästehaus der Huskyfarm. Was für ein Gegensatz zur Nacht davor. Wir packten kurz aus, dann gab es erstmal zwei Fertiggerichte. Gefolgt von einer wunderbaren heißen Dusche. Und einem weiteren Fertiggericht. Dazu noch Nüsse, Obst und Schokolade und viel zu trinken. Wir hatten Nachholbedarf.

Leider verpassten wir unter der Dusche die Einladung zum Grillen, trotzdem fielen wir zufrieden in die Betten und krochen in unsere Schlafsäcke. Sicherheit. Alarmsystem runter fahren. Einschlafen.

Tag 77

von Ole

Wir hatten gut und ausreichend geschlafen. Die anderen waren sowohl abends als auch morgens sehr leise gewesen. Vorbildlich.

Nach zwei Müslis bekamen wir dann noch Brot mit Erdnussbutter und Schokoladencreme. Kalorienbomben für hungrige Wanderer. Ich aß noch drei, Andrea noch zwei Brote. Was für ein Start in den Tag.

Nach dem Packen und dem Wachsen der Schuhe zahlten wir. Dann fuhr uns Regine zum Parkplatz, von dem sie uns in 2009 abgeholt hatte. Ich war damals krank gewesen und hatte mich von der Gaskashütte dorthin geschleppt. Dieses Mal schleppte ich nur am schwereren Rucksack.

Der Weg war dann zwar immer noch mit vielen Steinen und Wurzeln ausgestattet, wir schafften die nur gut 10 km aber relativ zügig und erreichten trotz gemütlichem Tagesbeginn um 16:00 Uhr die Gaskashütte. Der Rest war essen, schreiben, lesen, vorlesen, essen, Knie und Knöchel pflegen.

Dann kam erst Stefan, der aus Österreich zum Nordkap ging, und dann Jelin, eine Schwedin, die vom Dreiländereck nahe Kilpisjärvi nach Grövelsjön unterwegs war. Weitwanderer unter sich, lustige Unterhaltungen. Schön, dass wir beide nacheinander hatten überzeugen konnten, in unsere Hütte zu kommen, anstatt die Nachbarhütte zu beziehen. Sie waren beide sehr willkommen bei uns und haben das schnell gemerkt. Wir wussten, was für einen Unterschied es machte, wenn man sich willkommen fühlen durfte.

Nachts kam dann noch Linus an, der einen Monat nach uns in Grövelsjön gestartet war. Wie Stefan machte er immer doppelte Etappen. Sympathisch verrückte Leute.

Tag 78 – Hochzeitstag

von Ole

Wir hatten daran gedacht, an unseren Hochzeitstag. Den ersten Glückwunsch gab es noch im Bett. Stefan war super leise gewesen, wir machten es ihm nach und es gab Frühstück. Als Jelin und Linus aufgestanden waren, gab es noch ein Gruppenfoto. So viele Kilometer und so viele Verrückte waren auch dort oben nur selten in einer Hütte versammelt.

Das Wetter hatte auf uns gewartet. Waren wir am Vortag dem Regen noch knapp entkommen, ließ er uns jetzt keine Chance. Dabei sollte es am Vormittag aufklaren. Blöd. Also ging es komplett in Regenklamotten eingepackt los. Erst am Fluss entlang talaufwärts, dann vom Fluss weg zu einem Sattel hin. Anfangs gut gehbar mit nur einigen Matschlöchern, erwarteten uns am Sattel gute 3 km steiniges Blockgelände, zum Glück nicht ganz so schwierig wie nach der Gautelishütte.

Als Linus uns überholte, meinte er nur “a bit too much rain for a sunny day”. Wie Recht er doch hatte.

Am Ende der Blockfelder erwischte es mich dann. Der rechte Fuß rutschte auf glattem Stein nach links weg, der Schwerpunkt war nicht mehr über den Füßen und ich legte mich wenig elegant nach rechts hin. Dass ich in dem Blockgelände dabei nur unangenehm auf den Wanderstock fiel und mir an der rechten Hand eine kleine Schramme zuzog, grenzte an ein Wunder. Andrea erschrak ziemlich, weil ich nicht sofort wieder hochkam, aber ich konnte schlicht den Rucksack nicht abschnallen, da die Kamera noch im Weg war. Uff. Durchatmen. Und dann langsam weiter gehen.

Am Ende des Blockfeldes kam dann tatsächlich mal kurz die Sonne raus. Wir nutzten die Gunst der Stunde für eine Pause nach gut 8 km. Als es wieder zu regnen begann, zogen wir weiter.

Es ging ein sehr schönes Tal hinunter. Hohe Berge und viele kleine Seen sorgten für schöne Bilder, teilweise auch kurzfristig von der Sonne beglückt. Diesmal wurde das Wetter hinter dem Pass besser.

Hier hatten wir in 2009 das norwegische Paar getroffen, das uns so beeindruckt hatte mit dem “we are hiking since 13 weeks”. Wir waren mittlerweile bei 11 Wochen. Wahnsinn.

Wir genossen die Ausblicke in vollen Zügen, beobachteten eine Rentierherde unter uns und kamen gut voran. Einige Matschlöcher später – wieder in unserem Lieblingskroppzeug – sahen wir die Vuomahütten vor uns liegen, die wir gegen 17:00 Uhr erreichten. Keiner da. Wir bezogen die etwas neuere Hütte, ich holte Wasser, Andrea räumte ein. Zwei andere Wanderer bezogen grußlos die andere Hütte. C’est la vie.

Wir bauten noch schnell unser nasses Zelt zum Trocknen auf und nach einer halben Stunde wieder ab. Dann gab es ein Hochzeitstagsmenu:

  • Wildeintopf mit Reis und edlem Olivenöl
  • Rentier mit Kartoffelpüree und Lingonbeeren, veredelt mit einem Schuss Olivenöl
  • Dazu jeweils ein Glas virtuellen Malbec
  • Erdbeerpfannkuchen mit warmer Schokoladensoße
  • Erdbeerpfannkuchen mit Zucker
  • Schweizer Schokolade
  • Frisch aufgebrühter Früchtetee

Wir ließen es uns gut gehen. Der Tag klang entspannt mit Lesen und Schreiben aus. Zumindest die zweite Hälfte des Tages war eines Hochzeitstages absolut würdig gewesen.

Tag 79

von Ole

Wir hatten gut geschlafen. Um 22:30 Uhr war noch ein völlig fertige finnische Frau angekommen, der ich noch Wasser aufgesetzt hatte, damit sie schnell etwas zu essen bekam. Wir hatten auch noch kurz geklönt, danach war ich zügig wieder ins Bett gegangen. Als wir aufstanden, schlief sie noch tief und fest.

Wir aßen, packten leise unsere Rucksäcke und machten sauber. Dann sägten und hackten wir noch Holz. Wir verabschiedeten uns dann von der wieder erwachten Finnin und gingen bei bewölktem Himmel los. Der Regen sollte uns verschonen.

Anfangs gab es noch schöne Ausblicke, unter anderem auf einen kleinen Gletscher, der schon auf ca. 1.000 Meter Höhe begann. Schnell ging es dann in den Wald, leider häufig sehr matschig. Eine Pinkelpause fiel äußerst kurz aus, im Nu waren wir von Mücken umzingelt.

Eine freie und daher etwas windige Fläche nutzten wir dann nach 4 km für die Obst- und Nuss-Pause. Wir sehnten dabei jeden Windhauch herbei, das hielt die Mücken auf Abstand. Relativ zügig kamen wir voran, an vielen Stellen war der Weg gut zu gehen.

Wir erinnerten uns an den See, an dem wir in 2009 unseren ersten “norge på langs” Wanderer getroffen hatten. Am Fluss, an dem wir 2009 gezeltet hatten, gab es Wasser, dann kletterten wir erst auf die Brücke und dann den Hang dahinter hinauf für eine Pause. Hätten wir den Platz doch damals schon gefunden. Luftiger, windiger, bessere Aussicht als unten am Fluss. Ein genialer Pausenplatz, den wir sehr genossen. Solche Momente entschädigten für viele Strapazen.

Weiter ging es den “nye sti” nah am Fluss entlang. Trockener als erwartet, es gab sogar einige Planken an sehr sumpfigen Stellen und hier waren auch die norwegischen Blaubeeren endlich reif. Nur ab und zu Matschloch-Slalom. Wir hatten die Strecke unangenehmer in Erinnerung.

Nach Ausblicken auf beeindruckende Wasserfälle ging es auf einer Brücke über die Dividalselva. Das Stück dahinter hatten wir als besonders fies in Erinnerung, hier trog uns die Erinnerung nicht. Matschloch-Slalom, erschwert durch umgestürzte Bäume überall. Nett. Nervig. Aber wir hatten schon anderes gesehen und behielten die Ruhe. “Die letzten 4 km schaffen wir auch noch.” Sie forderten uns dann noch einmal einiges ab, vor allem die 200 Höhenmeter Aufstieg zur Hütte. Ich versorgte Andrea mit Blaubeeren und gegen 17:30 Uhr erreichten wir die Dividalshütten.

Dieses Mal gingen wir in die neuere Hütte, zu drei älteren Norwegerinnen aus der Nähe von Tromsø. Hier hatte uns 2009 eine unfreundliche Familie den Zutritt verwehrt. Andrea ruhte sich etwas aus, ich machte Essen. Wir wuschen uns und tranken zum Essen viel, das war etwas zu kurz gekommen. Danach machten wir tapfer noch frisches Brot, sehr zum Erstaunen unserer Hüttengenossinen. Dann ging es schnell ins Bett zu Lesen und Vorlesen. Der nächste Tag wartete mit einer 24 km langen Etappe auf uns.

Tag 80

von Andrea

Wir hatten uns einen Wecker auf 8 Uhr gestellt. Eigentlich wachte ich sowieso jeden Tag gegen 8 Uhr auf, aber angesichts einer Etappe von der Dividalshytta zur Daertahytta von 24 km an diesem Tag wollten wir auf keinen Fall “verschlafen”. Ole war dann sogar schon vor dem Wecker wach, stand auf, holte Wasser und kochte Tee. Dann gab es Frühstück mit Tee und Müsli. Derweil wachten auch die drei etwas schrägen norwegischen Damen auf und erfüllten gleich wieder den Raum mit ihrem lauten Geschnatter. Musste uns nun nicht mehr stören. Wir waren fertig, schulterten die Rücksäcke und stiefelten los.

Ich hatte ziemlichen Respekt vor der Etappe. Zunächst ging es sehr steil rauf. Der Höhenunterschied netto betrug zwar “nur” 400 m, aber mit dem üblichen Auf und Ab der norwegischen Berge erwarteten uns wohl eher 500 m Anstieg. Später würden wir noch mal 100 m Anstieg und zusätzlich noch viel weiteres Auf und Ab genießen dürfen. In 2009 hatten wir für die Etappe in Gegenrichtung mehr als 13 Stunden gebraucht. Gut, da war Ole etwas krank gewesen und wir insgesamt unerfahrener … aber allein die Erinnerung an die Tortur damals und an die müde stolpernde Ankunft an der Dividalshytta im Dunkeln machte mich unentspannt.

Ganz langsam machten wir uns an den steilen Anstieg. Bemühten uns um ein nachhaltiges Tempo. Gewinnen konnten wir auf den ersten Kilometern nix, aber viel verlieren, wenn wir uns auf dem langen steilen Aufstieg schon verausgabten. In Ruhe einen Fuß vor den anderen setzen. Nicht die Atmung und den Puls hoch jagen. Das gelang gut. Langsam und gleichmäßig erklommen wir den Pass. Der natürlich – wie alle anständigen norwegischen Pässe – vielfach den höchsten Punkt antäuschte, um uns dann wieder eine lange Nase zu machen. Ein Stückchen wieder runter und dann noch mal weiter rauf gehörte natürlich auch ins Repertoir. Aber wir ließen uns nicht ärgern. Langsam und in Ruhe immer weiter. Auch ein norwegischer Pass hat irgendwo den höchsten Punkt. Und den erreichten wir auch irgendwann.

Dabei durften wir uns schon im Anstieg die Regenklamotten anziehen. Dabei hätte es laut der drei norwegischen Damen an dem Tag noch gutes Wetter sein sollen. Aber wann stimmte schon mal ein norwegischer Wetterbericht? Zumindest, wenn er gutes Wetter vorhersagte, fast nie.

Der Abstieg war steil, aber nicht so steil, wie wir den Anstieg in der Gegenrichtung aus 2009 in Erinnerung hatten. War der Weg damals anders verlaufen? Wir kamen jedenfalls gut runter und zu dem breiten Fluss, den wir irgendwie überqueren mussten – natürlich ohne Brücke, schließlich waren wir in Norwegen.

Da wir von oben kamen, konnten wir gut erkennen, an welchen Stellen besonders viele und große Steine im Wasser lagen. So konnten wir uns eine Route durch den Fluss zusammenbasteln, bei der wir mit Glück nicht in die Sandalen wechseln mussten. In 2009 hatte das auch geklappt, damals hatten wir eine solche Route aber über eine Stunde lang gesucht. Wenn man – wie wir damals – von der anderen Seite kam, war das nämlich deutlich schlechter zu erkennen.

So folgten wir nicht dem Weg zum Ufer des Flusses, sondern bogen schon vorher nach links ab. Über Steine gelangten wir dann trockenen Fußes in einem Bogen und teilweise im Zickzack zu einer Insel im Fluss. Der Insel folgten wir etwa 50 m nach rechts. Von dort kamen wir über Steine wiederum in einem Bogen und wieder teilweise im Zickzack dann ans andere Ufer. Dabei legten wir so ca. 200 m auf Steinen im Wasser zurück. Der Fluss war echt breit und der Weg alles andere als gerade. Es machte mich irgendwann kirre, so lange auf das fließende Wasser zwischen den Steinen zu schauen. Am Anfang gelang es mir noch gut, nur die Steine zu sehen und mich auf die Schritte zu konzentrieren. Irgendwann sah ich nur noch das Wasser. Kurze Pause auf einem großen Stein, Blick nach oben auf die Landschaft für ein paar Minuten, dann war das Gehirn genügend ausgelüftet und es konnte weitergehen.

Die Watschuhe anzuziehen und gerade durch den Fluss zu laufen, wäre auch kein Vergnügen gewesen, denn der Fluss war eher so etwas wie ein überspültes Blockfeld, bei dem halt von einigen großen Blöcken die Spitzen und Kanten aus dem Wasser heraus schauten. Dazwischen gab es also kein ebenes Flussbett, sondern nur unzählige andere überspülte Spitzen und Kanten, die wunderbar glitschig waren.

Auf der anderen Seite des Flusses angekommen, setzten wir uns ans Ufer und gönnten uns eine Pause. Es regnete gerade nicht, also schnell das Futter für eine Mittagspause ausgepackt. Und dann begann das Kino. Das Programm hat uns sehr gut gefallen. Es fehlten nur Bier und Chips. Ich hätte es auch zurück gespult und nochmal angeschaut, wenn das möglich gewesen wäre.

Erster Protagonist war ein einzelner Wanderer auf dem Weg zur Dividalshytta, also dorthin, wo wir herkamen. Er blieb bei uns stehen und fragte uns, woher wir kämen und wie und wo wir den Fluss überquert hätten. Wir gaben gern Auskunft. Er folgte der Beschreibung unserer Route. Offensichtlich hatten wir nicht deutlich genug gesagt, dass es von der Insel aus nicht direkt weiter ging, sondern dass er erst noch etwa 50 m auf der Insel dem Fluss folgen musste, bevor es genug Steine gab, um den zweiten Teil des Flusses zu überqueren. Er suchte eine Weile und hörte dabei wohl unser Rufen nicht. Als er Anstalten machte, die Schuhe auszuziehen, brüllte ich so laut ich konnte in seine Richtung und gestikulierte wild. Er hörte mich endlich, verstand die Zeichen, folgte der Insel und kam schließlich hinüber.

Von meiner eigenen guten Tat beflügelt, wollte ich gleich zur nächsten guten Tat schreiten. Auftritt Vater mit etwa 14-jähriger Tochter auch auf dem Weg zur Dividalshytta. Schauten uns nur kurz an, grüßten kaum und blieben dann vor unserer Nase am Ufer stehen und studierten den Fluss. Fragten uns nix. Wir schauten uns amüsiert an. Sollten wir ihnen sagen, wie es möglich war? Sie machten keine Anstalten zu fragen. Aber wir könnten ja trotzdem nett sein?

Dann kam als Nachzüglerin die Mutter dazu, schaute uns deutlich freundlicher an als ihr Mann. Auch die Tochter lächelte nun ab und zu zu uns herüber. Das gab bei mir den Ausschlag. Das Mädel sah so nett aus, ihr war eine Flussquerung trockenen Fußes doch sehr zu gönnen. Also sprach ich die Gruppe von hinten an und erklärte, wo die Querung unserer Meinung nach am besten möglich wäre. Der Vater schaute mich angriffslustig an. Fast hatte ich den Eindruck, ich hätte plötzlich einen aufgepusteten Kakadu mit aufgestellten Kopffedern vor mir. Aber das musste täuschen. Es gab doch keine Kakadus in Norwegen, oder? “Und warum nicht hier?” fragte er leicht aggressiv. Ich war kurz sprachlos, dann musste ich mir das Lachen verkneifen. “Weil hier der Abstand zwischen den Steinen im Fluss ein bisschen zu groß ist?”, schlug ich vor. Dann zuckte ich die Achseln. “Probiert es hier, wenn Ihr meint.” Die drei stapften davon, direkt auf den Fluss zu. Ole und ich schauten uns an und mussten beide grinsen. “Warum sind eigentlich einige Deiner Geschlechtsgenossen solche Voll-Horste?”, fragte ich ihn. Er zuckte nur die Achseln und grinste weiter.

Das Programm, das folgte, war großartig. Es trieb mir noch den gesamten restlichen Tag eine breite Grinse ins Gesicht, wenn ich daran dachte. Der Voll-Horst balancierte vorweg über diverse Steine. Seine Tochter vorsichtig hinterher, die Mutter folgte in einem noch größeren Abstand. Die beiden Frauen hatten es ziemlich schwer. Der Abstand zwischen den Steinen war halt groß. Nach etwa einem Drittel des Flusses war Schluss. Keine großen Steine mehr in erreichbarer Nähe. Horst suchte eine Lösung, stocherte hier, probierte es dort, kam nicht weiter. Tochter und Frau harrten auf irgendwelchen Steinen aus. Wir genossen zu diesem hervorragenden Programm Tee und Schokolade.

In der Zwischenzeit waren noch zwei ältere und eine junge Frau angekommen. Auch sie beachteten uns kaum und fragten nix. Ole und ich schauten uns amüsiert an. Sollten wir etwas sagen oder nicht? Ich entschied mich dagegen. Die drei hätten das Programm echt noch bereichern können. Der Gut-Mensch Ole wollte aber nicht an sich halten und sprach die junge Frau an, erläuterte ihr den besten Weg. Darauf querten alle drei Frauen schnurstracks auf “unserer” Route den Fluss.

Derweil stand Horst immer noch mit Tochter und Frau kurz vor der Flussmitte. Er war dabei, sich die Schuhe auszuziehen. Da machte seine Frau kehrt und kam zum Ufer zurück. Dann folgte sie den drei anderen Frauen. Wir waren beeindruckt. Offensichtlich wusste sie, wann man Horst auch einfach mal stehen lassen musste und trockene Füße waren ihr wohl wichtiger als ein intakter Haussegen.

Nur die Tochter tat uns sehr leid. Schon bald balancierte sie barfuß (ging gar nicht!) und bis über die Knie im eisigen Wasser ihrem Kakadu-Vater hinterher. Aber sicher hat sie etwas daraus gelernt. Und wenn schon nicht über Flussquerungen, dann über Kakadus.

Damit war das Programm leider beendet. Wir packten unsere Sachen und stiefelten weiter. Danke Horst für die gelungene Vorstellung. Und sorry, dass wir Dir den Tag vermasselt haben.

Zügig ging es weiter. Nach der Pause und der Heiterkeit war der nächste Anstieg mal gar kein Problem. Wir flogen quasi hinauf. Dann kam noch ein sehr sumpfiges Stück, das leider zu etwas Wutgeheul führte, da wir immer wieder bis zu den Knöcheln in stinkender brauner Pampe versanken. Da war nix mit Grinsen, auf dem Stück half auch die Erinnerung an Horst nicht.

Ja, und dann waren es nach einer letzten kurzen Pause noch 8 km und ich hatte keinen Bock mehr und wollte ankommen. Also gab ich Gas. So flogen die letzten etwa zweieinhalb Stunden quasi an uns vorbei. Nachhaltig war das Tempo nicht, aber das musste es ja so kurz vor dem Ziel auch nicht mehr sein. Es zog sich dann zuletzt doch noch ziemlich, es gab noch mal kurz Blockgelände, noch mal hinterhältigen Matsch, aber noch vor 19 Uhr hatten wir es geschafft und erreichten die Daertahytta. Keine 10 Stunden. Wir waren platt aber zufrieden.

Dann verbrachten wir einen sehr netten Abend mit Hagen und Kathleen aus Berlin, die auf dem Nordkalottleden von Kautokeino aus Richtung Süden unterwegs waren. Von ihnen bekamen wir viele wertvolle Informationen über den weiteren Weg hinter Kilpisjärvi. Und auch sie hatten viel Spaß an der Show von Horst.

Hagen erzählte von zwei jungen Männern, die sie unterwegs gesehen hatten, die sehr langsam gewesen seien, der eine habe sich mitten im Gelände immer wieder hingelegt. Erst Stunden nach Hagen und Kathleen waren die beiden an der Hütte angekommen und waren jetzt wohl draußen im Zelt. Wir sollten die beiden am nächsten Tag noch kennenlernen.

Die Daertahytta hatten wir 2009 komplett für uns allein gehabt. Genau genommen die alte Hütte. Die zusätzliche moderne neue Hütte hatte es damals noch gar nicht gegeben. Wir hatten den gemütlichen Abend von damals in sehr guter Erinnerung und freuten uns entsprechend, wieder in Daerta zu sein.

Tag 81

von Ole

Wie üblich wachten wir gegen 8:00 Uhr auf. Draußen trieb der Wind den Regen prasselnd gegen die Fensterscheibe unseres Schlafzimmers. Super.

Während des Frühstücks kamen die tapferen Zelter und fragten nach Asyl. Es waren zwei junge Männer aus Deutschland auf ihrer ersten Tour. Wir versorgten beide erst einmal mit warmem Tee. Die beiden waren bei den Verhältnissen draußen etwas überfordert, zumal der eine seine Regenkleidung verloren hatte. Angesichts einer Wettervorhersage mit zwei Tagen Regen schlechte Voraussetzungen. Darüber hinaus war einer der beiden auch konditionell überfordert, schaffte die Etappen kaum und hatte unterwegs wohl ziemliche Kreislaufprobleme.

Hagen gab ihnen seinen Notponcho, wir überlegten gemeinsam mit den beiden, was ihre Optionen waren. Drei Tage zurück nach Kilpisjärvi, irgendwie bis Abisko durchhalten (das war eigentlich ihr Ziel) oder bei Frihetsli auf die Straße und irgendwie Richtung Setermoen durchschlagen. Schwierige Entscheidung. Die beiden waren gemeinsam zu einer langen Tour aufgebrochen und mussten bereits nach kurzer Zeit überlegen, wie sie diese halbwegs gefahrlos überstehen bzw. abbrechen konnten. Solche Gespräche taten weh, das wussten wir nur zu gut.

Unsere eigene Entscheidung war auch nicht ganz einfach angesichts des Wetters. Der Regen störte uns dabei weniger, aber der starke Wind war unangenehm. Er verstärkte Kälte und Nässe und machte das Gehen auf den bevorstehenden Blockfeldern noch schwieriger. (Etwa 7 km Blockgelände auf dem Weg zur nächsten Hütte.) Sollten wir einfach einen Tag in der netten Hütte aussitzen? Oder uns durch das Wetter schlagen? Eine Besserung des Wetters war erst am übernächsten Tag in Sicht, wir hatten aber nur für einen Ruhetag ausreichend Essen bei uns. Irgendwie wollten wir beide weiter. Kilpisjärvi lockte in drei Tagen mit Dusche und Restaurant.

Wir setzten uns noch einmal in Ruhe in unser Schlafzimmer und erwägten das Für und Wider. Wir trauten uns zu, die 17 km notfalls ohne Pause in einem Stück zu gehen. Einzige Unsicherheiten waren der Wind und die nassen Blockfelder. Wenn uns bei dem Wetter etwas passierte, würde so schnell keine Hilfe kommen können. Wir entschieden, es uns anzusehen. Wir konnten in der Hütte nicht wissen, wie stark der Wind oben am Pass sein würde und wie glitschig die Steine in den Blockfeldern sein würden. Zur Not müssten wir umkehren oder unterwegs irgendwie einen Platz für das Zelt finden.

Wir packten dann das Essen für eine mögliche Pause griffbereit in die Deckelfächer der Rucksäcke. Gleiches galt für Handschuhe, Mütze und warme Tücher.

Wir besprachen dann noch mit Kathleen und Hagen, dass sie im Zweifel die Hütte für die beiden jungen Männer, die keinen Schlüssel hatten, offen lassen sollten, der nächste Besucher würde sie schon wieder abschließen. Denn diese überlegten, einen Ruhetag zu machen und dann über Frihetsli auszusteigen. Wir waren beeindruckt von der Ruhe, mit der sie das gemeinsam diskutierten. Hier draußen musste man sich einfach an die Umstände anpassen.

Wir verabschiedeten uns und fragten uns, wie gut es uns am dem Tag wohl gelingen würde, uns an die Umstände anzupassen.

Der Anfang war noch einfach. Wir überquerten einen kleinen Bach dreimal auf dem Weg nach oben, der Weg war gut zu gehen. Nach ca. 3 km begannen die Blockfelder. Zum Glück war oben im Tal der Wind deutlich schwächer, so dass wir es nur mit den durch Nässe rutschigen Steinen zu tun hatten. Und das ging mit der mittlerweile vorhandenen Erfahrung ziemlich gut. Auch bestand nur das erste Blockfeld am Talende aus richtig großen Blöcken, das war für uns bergauf einfacher als damals in 2009 bergab. Auf den flacheren Stücken, die sich dann zum Pass hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter zogen, waren häufig die Blöcke kleiner, so dass wir bessere Tritte fanden. Ab und zu konnten wir sogar fast normal gehen, weil etwas Erde einen Pfad gebildet hatte oder die Steine flach auf dem Boden lagen. (In 2009 war Andrea da oben auf den Blockfeldern noch fast ausgerastet.) Nur der ständig prasselnde Regen nervte. Dazu kam ein am Pass wieder stärkerer Wind, der uns langsam auskühlte.

Einige kleine Bäche konnten wir nassen Schuhes queren. Bloß nicht länger als nötig dort oben bleiben und schon gar nicht in die Watschuhe wechseln. Nach knapp der Hälfte der Strecke, wir waren nach unserer Erinnerung durch die schlimmsten Blockfelder durch, machten wir eine kurze Rast im Stehen. Wir zogen beide unser Fleece unter die Regenjacke, aßen schnell ein paar Brote und tranken Wasser mit Mineralpulver. Zügig ging es dann weiter, die Bewegung und der wieder nachlassende Wind sorgten in Kombination für mehr Wärme. Es war zwar nicht schön, aber wir waren stolz auf uns, es bis dahin so gut geschafft zu haben.

Auch im Abstieg durften wir dann einen etwas größeren Bach dreimal queren. Jedesmal mussten wir länger suchen, um eine vernünftige Stelle dafür zu finden, es wurde halt immer mehr Wasser. Dann kam die Watstelle, die wir aus 2009 noch kannten. Es wäre einfach gewesen, wenn sich nicht plötzlich alle Mücken zur Versammlung getroffen hätten. Mücken? Bei dem Wetter? Ja, der Regen schockte die hier oben nicht wirklich und der Wind hatte halt nachgelassen. Ätzend. Es half nichts, das Buffet wurde eröffnet, wir krempelten die Hosenbeine hoch und zogen die Schuhe aus. Schnell ging es durch den Fluss, der halt nur etwas zu tief für die Wanderschuhe war. Schnell dann wieder die Hosenbeine runter gekrempelt, Strümpfe und Schuhe angezogen und den Plagegeistern ein Schnippchen geschlagen. Uff.

Unsere Laune hatte trotzdem einen kleinen Knacks bekommen, mit den Mücken hatten wir nicht gerechnet. Aufheiterung brachte nur das Schild “Rostahytta 6 km”, wir hatten fast ⅔ der Strecke geschafft. Zügig ging es weiter, in leichtem Auf und Ab. Der Boden war nass, immer wieder mussten wir über Steine balancieren oder dem Matsch nach rechts oder links ausweichen. Ich prüfte immer wieder die Entfernung zur Hütte mit dem GPS. Die Entfernung in Luftlinie war manchmal schon sehr hilfreich.

Im Abstieg zur Hütte gab es noch ein paar Blau- und Moltebeeren, dann sahen wir die Hütten und die Brücke davor endlich vor uns liegen. Die rutschigen Holzplanken der Brücke stellten das letzte Hindernis dar, dann fanden wir zwei verschlossene Hütten vor. Nur die dritte war offen. Ich sagte dort kurz hallo und klönte mit zwei Deutschen, die einen Ruhetag gemacht hatten. Da sie ihre Sachen gewaschen hatten und alles am Ofen hing, entschied ich, dass wir eine der beiden anderen Hütten nahmen. Wir hatten auch genug nasse Sachen.

Wasser und Holz waren zum Glück schon da, ich heizte den Ofen an, Andrea kochte schnell zwei Fertiggerichte. Vor dem Essen zogen wir noch trockene Sachen an. Der Rest trocknet hoffentlich irgendwie über Nacht. Wir hatten wirklich eine ganze Menge sehr nasse Klamotten. Bei einer solchen Dosis Dauerregen wie an dem Tag hielt auch die beste Regenkleidung nicht alles ab. Nur bei den Schuhen wird das mit dem Trocknen wohl nichts, das Leder war komplett durchweicht.

Wir hatten die 17 km mit nur einer kleinen Pause in gut 6 Stunden geschafft. Und das bei dem Gelände. Wir waren stolz auf uns. Es war keine schöne Wanderung gewesen, dazu war das Wetter einfach zu schlecht gewesen, aber wir hatten uns an die Bedingungen gut genug angepasst. Und wir waren froh über die Hütte. Zelt wäre notfalls auch gegangen, aber deutlich ungemütlicher gewesen.

Da wir zwei Tage später in Kilpisjärvi sein würden, gab es einen Teil des Essens für den Reservetag zusätzlich. Das tat uns beiden gut. Den Rest des Abends nutzten wir zum Schreiben und Lesen.

Tag 82

von Ole

Wir waren in den Wolken. Jeder Toilettengang nachts ging nur in Regenjacke. Der Wetterbericht verhieß auch nicht Gutes, es sollte weiterhin mit hoher Wahrscheinlichkeit regnen. Stimmte. Warum trafen nur immer die schlechten Vorhersagen zu?

Wir rafften uns auf. Die Schuhe waren noch sehr feucht, die meisten anderen Sachen waren halbwegs trocken geworden, nur Fleece und Handschuhe nicht. Anziehen und warm tragen.

Beim Frühstück kam der ältere Mann vorbei, der am Vorabend mit seiner Frau noch in die dritte Hütte gegangen war. Sie würden aufgrund des Wetters wieder zurück zum Parkplatz (12 km) gehen. Eigentlich hätten sie noch zur 7 km entfernten Moskahütte gehen und dort am See angeln wollen. Wir waren beeindruckt, was die Norweger im Alter noch so machten, sie waren beide 77 Jahre alt. Toll.

Ob wir Brot und Butter haben wollten, die sie nun nicht mehr brauchten? Butter? Immer! Er gab uns den Tipp, an der Moskahütte vorbei zu gehen. Das würde uns den Watfluss am Auslauf eines Sees ersparen. Wir müssten dann nur ca. 4 km weglos um den See herum gehen, bis wir wieder auf den Weg träfen.

Er zeigte uns noch stolz seine hohen Gummistiefel, mit denen er hier durch fast jeden Fluss kam. Wie waren zugegeben ein wenig neidisch. Dann brachte er Brot, Butter und Käse vorbei. Wir fielen über den zweiten, unverhofften Frühstücksgang her. Cool. Die wissen, was Wanderern gut tut. Wir schmierten uns Brote mit dem restlichen Käse und packten die Butter ein. Das restliche Brot ließen wir in der Hütte, schrieben noch das Datum für die nächsten Wanderer darauf.

Kurz nach 11:00 Uhr kamen wir los. Es regnete immer noch. Aber wir sahen in der dicken Wolkensuppe immerhin etwas mehr als die andere Flussseite. Mehr als am Abend zuvor und während der Nacht. Der Weg war natürlich feucht, aber relativ gut zu gehen. Mit knapp 100 Meter Sichtweite war es eine verwunschene Stimmung.

Wir kamen schnell voran und erreichten nach zwei Stunden die Moskahütte. Eine simple Rasthütte, wie wir sie schon mit Mina zu schätzen gelernt hatten. Die Pause fiel daher etwas länger aus als am Vortag. Als wir aufbrachen, kamen gerade zwei Wanderer aus der anderen Richtung, die mussten früh aufgestanden sein. Der Weg sei kein Problem, zwei kleine Flüsse für uns, ein kleines Moor für sie. So war es denn auch.

Oberhalb des Sees kamen wir “weglos” gut voran, es hatte auch aufgehört zu regnen. Nur ab und zu war der Boden nass. Plötzlich riss die Wolkendecke auf, links neben uns waren ab und zu Berge in den Wolken zu sehen, rechts von uns boten mehrere Seen eine tolle Kulisse für schnell ziehende Wolken. Damit hatten wir nicht gerechnet. Schön.

Wir fanden den Weg problemlos wieder und erreichten auch bald die Grenze zu Schweden. Unser Ziel, die Pältsastugan, lag nur noch 6 km entfernt. Irgendwie waren wir mittlerweile schneller. Nach einer letzten kurzen Pause mit Tee und Schokolade erreichten wir die Hütte um kurz vor 17:00 Uhr. Zügig, knappe 6 Stunden für 19 km. Trotz einiger weiterer Schauer zwischendurch fast trocken, das war sehr angenehm.

Der namensgebende Berg der Hütte hatte uns die letzte Stunde ziemlich beeindruckt. „Rauf, runter, fertig.“ Sah echt toll aus.

Die Schweizer Hüttenwartin, die seit 20 Jahren in Schweden lebte, begrüßte uns freundlich, wir waren die ersten Gäste. Sie zeigte uns alles, wir klönten etwas, dann fragte sie, ob wir in die Sauna wollten. Sauna? Au ja! Mal wieder richtig warm und sauber werden.

Schnell machten wir Essen und dann ging es zum Schwitzen. Mit einem Holzofen bekommen die hier einen kleinen Raum auf ca. 70 – 80°C. Ein am Ofen angebrachter Wassertank liefert warmes Wasser zum Waschen. Nach ein paar Tagen im Fjell ist das echter Luxus. Hier wusch man sich in der Sauna, teilweise gibt es dafür noch einen extra Vorraum. Wir schwitzten erstmal, kühlten uns dann in Wind ab. Der Wind sorgte auch dafür, dass die sonst echt gut funktionierende Whatsapp Gruppe der Mücken (siehe Flussquerung am Vortag) nicht funktionierte. Dann heißes Wasser mit kaltem in einer Schüssel vermischen und kräftig einseifen und abspülen. Das tat gut. Ein zweiter Gang und noch einmal abspülen, herrlich. Danach sägten und hackten wir noch Holz und füllten das Wasser auf.

In der Hütte gab es noch zwei heiße Schokoladen und Knäckebrot mit Tubenkäse, den jemand für die nächsten Wanderer liegen gelassen hatte. Hauptsache Kalorien. Da wir keinen Ofen angemacht hatten, war es in der Hütte sehr kalt. Schnell ging es also in die Schlafsäcke. Uns ging es gut, der Tag hatte viele gute Momente gehabt, nach denen er morgens gar nicht ausgesehen hatte. Mit tiefer Zufriedenheit schliefen wir ein.

Tag 83

von Andrea

Der Wecker klingelte unchristlich früh schon um 7 Uhr. Seit Wochen wachte ich nun von selber jeden Morgen gegen 8 Uhr auf. Das entsprach offensichtlich genau meinem Biorhythmus. Mit Zwangs-Wecken um 7 Uhr konnte ich nicht mehr so richtig umgehen. Wie soll das nur werden, wenn wir wieder zu Hause sind? Vorsichtig schob ich mal die Nase aus meinem kuscheligen, dicken Monster-Schlafsack. Brrrrrr. Kalt. Also meine Nase wollte da nicht raus und verschwand sofort wieder in den Tiefen der Daunen.

Aber es nutzte nix. Wenn wir für die letzten Kilometer nach Kilpisjärvi – und damit in die Zivilisation und zu einer richtigen echten Dusche – das Boot nehmen wollten, statt deutlich weiter zu laufen, sollten wir besser um 15:30 Uhr (Abfahrtszeit 16:30 Uhr in Finnland wegen Zeitverschiebung) am Anleger sein. Das Boot später am Abend fuhr angeblich nicht verlässlich. Genau genommen fuhr wohl auch das Boot am Nachmittag nicht verlässlich, weil es wohl in Kilpisjärvi immer nur dann ablegte, wenn es dort genügend Menschen gab, die über den See (überwiegend) zum Dreiländereck zwischen Norwegen, Schweden und Finnland wollten. Ob auf der anderen – unseren – Seite des Sees jemand auf das Boot wartete, interessierte angeblich nicht. Aber in der Praxis fuhr das Boot am Nachmittag wohl in der Sommersaison nahezu immer, was für das Boot am Abend nicht galt.

Bis zum Anleger waren es 15 km. Dabei sollte es viel rauf und runter gehen, der Weg begann laut Karte auch gleich mit einem knackigen Anstieg. Also besser mal vorsichtig 6 Stunden einplanen. Mit ein bisschen Puffer hieß das Aufbruch in der Hütte um 9 Uhr. Und das hieß leider Wecker um 7 Uhr, wenn wir nicht hetzen wollten. Geduldig erklärte ich das meiner Nase, die nach dem ersten Kontakt mit der Kälte in der Hütte gleich wieder tief im Schlafsack verschwunden war. Um 7:15 Uhr bequemte sie sich dann in den Aufenthaltsraum und setzte Wasser für Tee auf. Das Thermometer zeigte, dass draußen am Fenster 6°C waren. Sommer in Sapmi. Meine Nase hatte nicht das Gefühl, dass es in der Hütte deutlich wärmer war. Frühstück gab es entsprechend in Fleece plus Daunenjacke und mit Mütze. Nur Nasenwärmer hatten wir leider nicht.

Wir kamen dann tatsächlich genau um 9 Uhr los. Angesichts der Tatsache, dass wir uns an dem Morgen beide bewegten, als würden wir erstens noch schlafen und wären zweitens eingefroren, eine reife Leistung.

Es regnete nicht, juhu! Die Bewölkung war allerdings durchwachsen, wir konnten nicht davon ausgehen, dass es trocken bleiben würde. Konnten wir aber eigentlich eh nie, egal wie der Himmel aussah. Wir stiefelten trotzdem ganz mutig ohne Regenkleidung los. Ein ganz neues Lebensgefühl.

Der erste Anstieg von gut 250 Höhenmetern war wahrlich knackig. Mich machte es ja immer fertig, wenn es super steil war, weil ich dann keinen nachhaltigen Rhythmus fand. Von Ole sah ich bald nur noch die Rücklichter. Was hatte der denn zum Frühstück gehabt? Das wollte ich auch. Missmutig keuchte ich hinterher.

Endlich oben ging es natürlich sofort wieder runter. Und natürlich war da unten in der Mulde nicht nur ein See, sondern es gab auch Moor mit hübschem Modder. War ja klar. Und als wir das hinter uns gebracht hatten, ging es prompt super steil wieder rauf. Und dann? Genau, wieder runter. Und was gab es unten? Genau, einen See plus Moor mit Modder. Meine Nase hatte da wohl schon so etwas geahnt, als sie den Schlafsack nicht hatte verlassen wollen.

Nach zwei Stunden machten wir eine kurze Pause mit Nüssen und Trockenobst. Leckere Schokolade gab es nicht mehr, nur noch bittere, dunkle Schokolade. Brrrrr. Irgendwie lief es nicht so richtig. Dazu der kalte Wind. Wir hatten beide längst die Regenjacken als Schutz gegen den Wind angezogen und hatten auch Handschuhe an. Seufz. Ich wollte zurück in meinen kuscheligen Schlafsack.

Weiter ging es. Wir hatten in 2 Stunden ein Drittel der Strecke geschafft. Das war zwar im Zeitplan, aber viel Luft war da nicht. Blieb zu hoffen, dass wir etwas schneller werden würden, wenn es irgendwann nicht mehr ständig steil rauf und runter ging. Sonst würde die Mittagspause ausfallen müssen und wie wir das unseren nach zwei Stunden schon knurrenden Mägen erklären sollten, war uns so gar nicht klar.

Ja, das steile Auf und Ab wurde irgendwann weniger, aber dafür wurde der Untergrund anspruchsvoller. Wieder mal alles voller Steine, so dass man bei jedem Schritt überlegen musste, wo und wie man den Fuß denn nun bitte platzieren sollte. Wir merkten beide, dass wir eigentlich die 15 km nur hinter uns bringen wollten, weil wir in Kilpisjärvi eine Verabredung mit einer Dusche und einem Restaurant hatten. Das ging aber nicht. Das war immer noch eine ernst zu nehmende Etappe – wenn auch mit 15 km relativ kurz – die volle Konzentration erforderte.

Irgendwann schaffte ich es noch, mir auf den verdammten Steinen so das linke Knie zu verdrehen, dass danach erstmal eine Weile Humpeln und dann zumindest sehr vorsichtiges und langsames Gehen angesagt war. Super. Meine Nase hatte das ja morgens irgendwie alles geahnt.

Als es dann endlich zum See runter ging, wurde es nass und matschig. So langsam war aber mal gut. Immerhin sahen wir das Boot schon kommen. Es hatte also in Kilpisjärvi abgelegt. Es würde dann zwei Stunden auf unserer Seite des Sees warten. In der Zeit konnten die Ausflügler gemütlich zum Dreiländereck und zurück spazieren.

Schließlich waren wir dann doch schon um 14 Uhr am Anleger. Wie auch immer wir das in dem tollen Gelände und mit leichtem Humpeln geschafft hatten. Auf einer Bank gab es im kalten Wind ein Mittagessen mit den Resten, die wir noch hatten. Sogar die Schokolade war mit so viel Hunger halbwegs genießbar.

Wir hatten dort schon Handynetz und riefen E-Mails ab. So erfuhren wir, dass Martin, den wir noch voller Tatendrang auf der Lappjordhytta getroffen hatten, seine Tour kurz dahinter hatte abbrechen müssen. Das beschäftigte uns eine Weile und wir fragten uns, wie es ihm wohl ging. Es konnte so schnell gehen. Was hatten wir bis dahin trotz aller Widrigkeiten doch Glück gehabt.

Dann auf dem Boot über den See zu schippern war für mich sehr intensiv. Nicht mehr weit bis Kilpisjärvi. Von wo aus wir in 2009 Richtung Abisko gestartet waren. Unsere zweite Tour damals. Wir die totalen Grünschnäbel. Und auf der Tour sehr bald auch mehr als nur ein bisschen überfordert. Nun kamen wir wieder nach Kilpisjärvi. Nur nicht aus Abisko, sondern aus Grövelsjön. Ich konnte es mir selber kaum noch vorstellen. War ich das wirklich fast alles gelaufen? Komisch. Ich war ja nun tatsächlich dabei gewesen und konnte es trotzdem nicht begreifen.

Im Wandererheim überstanden wir die Auto fahrenden Touristen, die an der Rezeption tausend Fragen hatten, während wir frierend, stinkend und nach einer Dusche lechzend daneben standen und uns sehr bemühten, nicht ständig die Augen zu verdrehen oder demonstrativ von einem Bein aufs andere zu treten. Ich rechnete es mir hoch an, dass ich niemanden gebissen habe.

Endlich hatten wir einen Schlüssel für das von uns vorab reservierte Doppelzimmer. Das Zimmer war winzig und mit uns plus unseren Rucksäcken quasi voll. Aber es hatte auch ein Badezimmer, in dem warmes Wasser aus der Wand kam und zwei Betten mit kuscheligen Kissen und Decken. Was wollten wir mehr?

Ole ging zum Aufwärmen in die Sauna. Ich sprang unter die Dusche. Dann ging es zum Essen, es gab Burger und Fisch. Wir sammelten noch unser zehntes (!) Paket ein. Und schließlich durften wir unsere stinkenden Klamotten in die Waschmaschine schieben.

Wie es genau weitergeht, wissen wir noch nicht. Erstmal mindestens ein Ruhetag. Schauen, wie es unseren Knien geht, denn auch Oles rechtes Knie tut nach einem eigentlich schon lang vergangenen Sturz immer noch weh. Dabei auch ein wenig planen. Vor dem offiziellen Verlauf des E1 nach Kautokeino sind wir gewarnt worden. Der Weg durch das Reisadalen soll furchtbar sein (dichte Vegetation, Moor, Matsch, Mücken … tagelang). Bis Saraelv soll es noch nett sein. Eigentlich wollten wir eh von dort über eine Hochebene nach Alta abkürzen statt nach Kautokeino zu gehen, weswegen wir auch von vorneherein kein Paket nach Kautokeino geschickt hatten. Aber die Abkürzung nach Alta würde mehrere Tage komplett weglos über eine Hochebene führen. Nach unserer letzten Sturmnacht im Zelt würden wir das nur bei erträglichem Wetter angehen wollen. Also mal schauen, was uns da so an Alternativen einfällt. Wir sind auch nicht abgeneigt, für ein Stück des Weges in einen Bus zu steigen. Es wird sich schon etwas finden.
Blick auf Lapporten über den Torneträsk

So eine Sturmnacht muss nicht wieder sein – neuer Schnee auf den Bergen und dem Zelt

Und am Morgen gleich ein übler Watfluss

Nasse Hänge und Neuschnee. Und doch ein Schatz am Ende des Regenbogens.

Alles fließt

Regen voraus

Flussquerung mit Mückenbuffet

Völlig fertig, zum Glück holte uns Björn ab

Wieder lachend am nächsten Morgen vor dem Gästehaus der Huskyfarm

Tolle Farben

Regen und Steine auf dem Weg zum Pass hinter der Gaskashütte …

ergaben tolle Bilder, als nach dem Pass die Sonne heraus kam

Starke Frau und starker Berg

Lage, Lage, Lage, Blick von der Vuomahütte

Erdbeerpfannkuchen

Seele baumeln lassen

Holzarbeit am frühen Morgen

Diesmal ohne Verletzungen

Schöner Rastplatz nach viel Wald

Norwegische Planken… gibt es vor der Dividalshytta

Tolle Ausblicke nach hartem Aufstieg nach der Dividalshytta

Watfluss … mit Pause und Kino auf der anderen Seite

Schön sind sie ja … aber voraus verheißen sie nix Gutes

In dem Modder zwischen den Seen sorgte auch die Erinnerung an Horst nicht mehr für gute Laune

Hier bekommt man die gute Laune von allein

Schöner Abend in der Daertahytta

Hinter der Daertahytta Aufstieg zum Pass über Blockgelände

Und auch danach noch viele Kilometer Blöcke

Endlich Rostahytta in Sicht … wenn man hier von „Sicht“ sprechen kann

Verwunschene Stimmung mit 100 m Sichtweite auf dem Weg zur Pältsastuga

Kleine urige Schutzhütte unterwegs

Wenn dann die Sonne für kurze Zeit die Landschaft verzauberte …

verzauberte sie auch uns

Der Berg, der der Pältsastuga ihren Namen gab, hatte es uns angetan

Gemütliches Essen, dann Sauna

Der Pältsa mit Wattedecke

Letzte Etappe mit Auf und Ab und vielen Steinen … und zu wenig Ruhe, um die Schönheit zu genießen

Schon von weitem sahen wir ganz winzig das Boot auf dem See, das uns später nach Kilpisjärvi bringen würde

7 Gedanken zu “50. von Abisko nach Kilpisjärvi 

  1. Was heisst da verrueckte Leute? Das sag ich dem Linus! Ihr seid mir ja ausserdem eh knapp auf den Fersen. Also, selber verrueckt.
    Ernsthaft, ein cooler Blog ist das. Sehr schoene Bilder bietet ihr da auch zwischen euren Erzaehlungen.
    Ich bin gestern am Nordkap angekommen, an Tag 149 und nach etwas ueber 5200 km. War sehr cool.
    Die Entscheidung, die Diretissima nach Alta zu lassen, war sicher gut. Teilweise viel Geroell. Mich hat da oben der Schneesturm erwischt. Das war gar nicht lustig. Auch mit gesunden Knien nicht.
    Mit Linus bin ich dann ein paar Tage gemeinsam gegangen bis zu seiner Destination am Dreilaendereck. Er ist danach, wie er sagt,
    schnell wieder in den Berufsalltag „reingestuerzt“, er schaut aber naechstes Jahr in Oesterreich vorbei.
    Alles Gute zum Hochzeitstag nachtraeglich. Ich erzaehl euch dann ein anderes Mal laenger.

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  2. Hallo zusammen!

    Boahh echt………. da war meine Entscheidung wohl doch nicht die falscheste, den Weg nach Kilpis nicht mehr zu machen. ( Ich hatte da 2015 ja auch sowas von Glück !! )
    Echt stark wie ihr da durchkommt, ihr habt euch bei eurer Tour wohl auch eher für die “fortgeschrittene” Variante entschieden? 😉
    Das mit dem abbrechen hat mir nicht wahnsinnig viel ausgemacht, habe ja 2013 auf meinem ersten Norge på langs Teil, mehr als genug Erfahrung damit gesammelt.
    Wetter ist Wetter und ändern kann man nichts, das ist der Punkt. Aber wenn man halt ein längeres Ding geplant hat und mittendrin steht, kann das ganz schön nerven!!

    Die nächsten zwei Tage sind ja mal wieder etwas heftiger Wind in Finnland angesagt, aber ich hoffe das entfernte Gutwetterloch erwischt euch nun auf allen vier Füssen
    und ihr könnt den Rest noch etwas geniessen 🙂
    Es würde mich natürlich sehr freuen, wenn es mal zu einem Treffen käme, denn austauschen macht immer soviel Spass, wenn man nicht mehr mitten in der Schei…. steht!
    Und falls ihr noch was an Infos braucht……….einfach melden 🙂

    Wünsche euch alles Gute und schaut zu euch!

    Gruss aus Helvetien

    Martin Kettler
    http://www.norgepalangs2013.com

    P.S.
    Hab das E-Mail hier hin gepostet, scheint ein Ferienabwesenheitsauftrag auf Deiner Mail zu laufen Andrea 😉

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  3. Die ersten beiden Sätze von Simon kann ich nur unterschreiben….. das mit dem tauschen wollen – ähm, nein, ich könnte das nicht. Genießt Euren Ruhetag und gute Besserung: den Knien & Knöcheln & der Verdauung, den nassen Schuhen und dem Wetter!

    Freu mich schon auf Euren nächsten Bericht. Bis bald und liebe Grüße!

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  4. Respekt und Anerkennung! Ihr macht das echt klasse! Auch wenn es oft schwer für euch ist und das Wetter mies, ich würde sofort tauschen wollen! Hab euch gerade noch ne Mail geschrieben 😉

    God tur videre!

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