51. Blutsauger

von Andrea

Es heißt ja häufiger, Mücken seien die Geißel Skandinaviens, vor allem des hohen Nordens. Aus unseren Beiträgen kann man sicherlich den Eindruck gewinnen, dass das stimmt. Wir verabscheuen die Viecher wirklich und könnten sehr gut auf sie verzichten.

Trotzdem komme ich für diesen Beitrag ins Grübeln, ob es stimmt, dass Mücken die Geißel Nordskandinaviens sind. Wenn ich so überlege, wie viele Menschen mir schon gesagt haben, dass sie Norwegen gern mal sehen würden, weil es ja so schön sein soll, aber die Mücken sie davon abhalten würden … Müssen wir den Mücken und ihrem schlechten Ruf vielleicht sogar dankbar sein? Wären ohne sie vielleicht Touristen die Geißel Nordskandinaviens?

Und gegen Reisebusse und Kreuzfahrtschiffe voller Menschen, die ihre Ansprüche und Erwartungen von zu Hause im Gepäck haben und entschlossen sind, die “wilde” Natur des hohen Nordens zu konsumieren, ohne sich dabei die Schuhe schmutzig zu machen, und die dann auf matschigen Wegen, bei kaltem Wind und unter tief hängenden Wolken griesgrämig Fotos schießen und schlechte Laune verbreiten, weil das nicht der nordischen Bilderbuchromantik entspricht, die sie gebucht haben, kann man sich noch viel schlechter wehren als gegen Mücken. Da helfen dicht gewebte Kleidung und Gift zum Auftragen auf die Haut nicht, da kann man dann nur das Weite suchen. Zum Glück haben wir von dieser Art Touristen nur sehr wenige genießen dürfen. Auch dank der Mücken und ihres schlechten Rufes?

Wenn ich also wie jetzt gerade beim Schreiben dieses Beitrags so in einem Zimmer mit Mückennetz vor dem Fenster sitze und mit einer Toilette in 3 m Entfernung, auf der mir beim Pieseln nicht der Popo zerstochen wird, glaube ich fast, Massen an Touristen würden mich hier oben mehr nerven als die Mücken.

Außerdem gehören die Mücken nunmal hierher. Und nicht nur sie, auch Knott, die wie winzig kleine Fliegen aussehen, die in Ärmel und Kragen krabbeln, schmerzhaft beißen und für juckende Schwellungen sorgen, gegen die ein Mückenstich Kindergeburtstag ist – zumindest bei mir. In einigen Regionen gibt es für wenige Wochen im Jahr auch Bremsen, von denen wir aber zum Glück verschont geblieben sind.

Die Larven der Blutsauger gedeihen im Wasser und die Viecher brauchen wohl auch Licht. Und außer in der Zeit, in der das Wasser nur in Form von Schnee oder Eis vorliegt, gibt es davon im hohen Norden einfach wahnsinnig viel. Da sind erstens die ausgedehnten Moorflächen (haben wir die schon mal erwähnt?). Hinzu kommen zweitens unzählige Tümpel, die entstehen, wenn der Schnee schmilzt. Und Regen soll hier drittens auch häufiger mal fallen, haben wir gehört, was auch wieder Brutstätten für Blutsauger hinterlässt. Und das Licht? Gibt es eh, 24 h Stunden lang. Selbst wenn man mal für kurze Zeit das Zwielicht der Dämmerung hat … wirklich dunkel wird es zwischen Mitte Mai und Mitte August nicht.

Die ersten Mücken erscheinen, wenn es warm genug wird. Was das heißt, durften wir in dem sehr kalten Frühling dieses Jahr erleben, wir haben nämlich den gesamten Juni über kaum Mücken gesehen. Da hat so ein Wetterchen auch mal Vorteile. Es ging erst im Juli langsam los mit den Blutsaugern. Na, und dann vervielfacht sich die Population innerhalb kürzester Zeit immer wieder. Dabei kann man quasi zuschauen. Das ist dann weniger schön.

Wir waren ja schon arg genervt von den Mücken auf unserer Tour. Wir haben allerdings unterwegs immer wieder gehört, dass es dieses Jahr sehr wenig Mücken seien. Klar, die Wärme des Frühling und damit die ständige Vervielfachung der Blutsauger haben einfach mal locker drei Wochen später begonnen als sonst. Im höchsten Norden Norwegens, in der Finnmark, soll es manchmal im Juli so schlimm sein, dass man in Wäldern und in der Nähe von Moorflächen Mücken einatmet, wenn man ohne Mückennetz herumläuft und den Fehler macht, durch den Mund zu atmen. Und Hagen hat uns in der Daertahytta erzählt, dass sie im Reisadalen im Zelt gedacht hätten, es würde bei schönstem Sonnenschein regnen, weil es beständig auf das Außenzelt prasselte – dabei waren das nur die Attacken der Mücken. Von solchen Gruselgeschichten sind wir verschont geblieben.

Mit dem ersten Kälteeinbruch und den ersten Nachtfrösten ist der Spuk allerdings auch schon wieder vorbei. Also in Nordnorwegen meistens schon Ende August. Wir hatten tatsächlich schon deutlich weniger Mücken zwischen Abisko und Kilpisjärvi gehabt als Mina zwei Wochen vor uns; sie hatte uns am Telefon von Massen an Mücken berichtet. Natürlich überleben immer einige Blutsauger den ersten Frost, besonders im Wald und im Gebüsch halten sie sich auch bis in den September hinein. Aber Massen wie im Juli und August sind es dann nicht mehr. Der September ist daher auch eine wunderschöne Zeit im Fjell. Schon etwas kalt, ja, aber kaum noch Mücken und dazu ein wundervoller Farbenzauber. Aber das sagen wir lieber niemandem, damit … Ihr wisst schon.

Übrigens ist es auch im Juli und August nicht immer nur gruselig. Die Mücken hier oben sind schon hart im Nehmen, aber ab einer gewissen Windstärke kommen auch die nicht mehr vom Fleck und verkriechen sich. Und das ist eine Windstärke, bei der man sich als Zweibeiner durchaus noch wohl fühlt. Allerdings nutzt es natürlich nichts, wenn man schlicht gerade keinen Wind hat. Meist bläst es oberhalb des Waldes im Fjell schon ausreichend, aber eben nicht immer. Ich habe ja manchmal schon überlegt, meinen eigenen kleinen Ventilator mitzunehmen. Wenn ich pieseln muss, sorgt Ole mit einer Wanderkarte für Wind an den entsprechend kritischen Stellen, wofür er sich meiner allergrößten Dankbarkeit sicher sein kann.

Wenn man weit genug von der nächsten Brutstätte im Moor oder irgendeinem anderen Tümpel entfernt ist, hat man auch schon deutlich weniger Mücken und in den Städten muss man sich nicht wirklich fürchten.

Natürlich haben wir in den letzten Monaten gelernt, wie wir uns möglichst effektiv schützen können. Die wichtigste “line of defense” ist mal die Kleidung. Eine lange Wanderhose und ein langärmeliges Oberteil, die beide jeweils mückendicht sind, sind da die halbe Miete. Gerne auch noch ein entsprechendes Kopftuch. Dafür muss der Stoff vor allem sehr dicht gewebt sein, eine Imprägnierung mit irgendeinem Mückengift ist eigentlich gar nicht nötig. Leider ist Wolle nicht dicht genug gewebt. Diese Erkenntnis habe ich an einem Tag mit etwa 30 Stichen an Schultern und Oberarmen bezahlt.

Als Oberteil bietet sich etwas an, was einen hohen Lichtschutzfaktor hat, weil dieser durch dicht gewebte Stoffe erreicht wird, die dann auch die Mücken abhalten. Leider sind das immer Stoffe aus Synthetik, was dazu führt, dass man nach nur wenigen Tagen entsprechend stinkt. Aber man kann eben nicht alles haben. Bei den Hosen schwören wir seit Jahren auf die robusten G-1000 Wanderhosen von Fjällräven. Nein, keine Schleichwerbung, die Dinger sind einfach gut und Mücken brechen sich daran reihenweise den Rüssel ab. Abgerundet wird das dann durch einen leichten Hut und ein Mückennetz. Das Netz haben wir nur wenige Male benutzt, aber wenn einem die Viecher gerade mal ständig ins Gesicht fliegen, kann es die Nerven beruhigen – auch wenn es gleichzeitig die Sicht behindert, was in dem Gelände nicht immer hilfreich ist.

Auf die freien Stellen schmiert man sich dann noch Gift. Wer hier die harten Sachen auf der Haut nicht verträgt oder aus gesundheitlichen oder “moralischen” Gründen darauf verzichten will, ist dann tatsächlich etwas gestraft. Nach unserer Erfahrung hilft alles, was DEET enthält, ganz hervorragend. Das kann man mittlerweile auch in Deutschland kaufen. In Nordskandinavien gibt es das an jeder Ecke. Wir haben es in verschiedenen Dosierungen dabei, von 20 % bis 40 % DEET. Die höhere Dosierung verwenden wir für die Hände, weil die Mücken unsere Hände lieben und Stiche an den Händen einfach hundsgemein sind. Angeblich kann DEET schädlich für die Nerven sein. Und ja, vermutlich will man sich damit nicht sein ganzes Leben lang für jeweils mehrere Monate im Jahr einschmieren. Unseren Nerven würde es aber deutlich mehr schaden, das Zeug nicht zu verwenden.

Eine Lösung für mückenverseuchte Hütten haben wir schließlich auch gefunden. Wir erzählten in einer Hütte einem Schweden, dass wir wegen der Mücken häufig lieber im Zelt schliefen. Der schaute verständnislos, zeigte uns ein kleines Plättchen und fragte uns, warum wir das nicht benutzten. Ich erkannte das Plättchen aus lang vergangenen Urlauben in Spanien mit meinen Eltern und hatte vage in Erinnerung, dass man diese Plättchen in ein kleines Gerät schob, dass man dann in die Steckdose steckte. Dann verströmte das Plättchen irgendein Zeug (wir wollen lieber nicht wissen, was genau), was dann zuverlässig die Mücken tötete. Nun schaute ich verständnislos und meinte, ich hätte doch in einer Hütte keine Steckdose. Nun war der Schwede wieder dran, verdutzt zu gucken. Die Plättchen müssten doch lediglich erwärmt werden, das gehe doch mit jeder Kerze, meinte er. Teelicht, aufgeschnittene Bierdose, Plättchen drauf und fertig. Seitdem laufen wir zwar nicht mit einer Bierdose herum, aber mit einer Grabkerze und einem ganzen Arsenal der Plättchen und haben in den Hütten unsere Ruhe. Soll auch im Vorzelt funktionieren, aber das haben wir noch nicht ausprobiert.

Und wenn man doch mal gestochen wird … also so etwa lächerliche 100 mal oder mehr, vor allem wenn man erst noch selber ausprobiert, ob ein Oberteil aus Wolle Mücken abhält und dann häufiger mal an einem Watfluss einen strip tease machen darf … gibt es eine Wunderwaffe, über die ich anfangs nur ungläubig den Kopf geschüttelt habe. Es gibt einen Stift, der mit zwei Batterien und einer winzigen Heizplatte ausgestattet einen Insektenstich für 6 (oder alternativ 3) Sekunden auf 52°C erhitzt. Bei der Temperatur wird ein Teil des Insektengifts zerstört und auch ein Teil des Histamins, das für die Reaktion des Körpers auf den Stich sorgt. Der Juckreiz ist nach dem Brutzeln quasi sofort verschwunden. Wenn er nach einigen Stunden wieder kommt, gleich noch mal brutzeln und schon ist wieder Ruhe. Nach etwa drei Tagen ist der Stich dann Vergangenheit.

Dabei sind 52°C wirklich schmerzhaft, besonders an empfindlichen Stellen. Aber es ist sooooo schön, wenn danach schlagartig der Juckreiz weg ist. Ole hat diesen Stift von einer Kollegin geschenkt bekommen. Ich war am Anfang sehr skeptisch und wollte nun wirklich nicht noch mehr Gewicht im Rucksack haben. Aber mittlerweile könnte es keinen größeren Fan von dem Ding geben als mich. Zusätzlich haben wir auch diverse Cremes dabei plus Kortison als Creme und in Tablettenform für den Notfall, da Insektenstiche bei mir ab und zu mal ausarten. Gebraucht haben wir die Cremes bisher nur selten und die Tabletten gar nicht.

Also, wenn ich so überlege, dann finde ich Mücken zwar nach wie vor furchtbar. Aber sie sind schon ok hier oben. Sie gehören dazu. Und sie schützen uns vor Massen an Touristen.

Was einem gegen Blutsauger und deren Stiche alles so hilft

Wofür Grabkerzen so alles gut sein können

3 Gedanken zu “51. Blutsauger

  1. Den Mückenstift habe ich auch und ich liebe ihn. 🙂 Mir reicht meist die Kinder-Taste und es juckt nicht mehr. Nie mehr ohne!
    Ich freue mich auf jeden eurer Beiträge. Sehr unterhaltsam, spannend und so lustig. Alles Gute für eure restliche Strecke!

    Gefällt mir

  2. Hammer…interessante Sicht auf die Mückenplage. Dieses Jahr haben wir hier in Deutschland wegen des vielen Regens auch reichlich Mücken…gefühlt mehr als sonst. Morgen kaufe ich mir erst mal so einen Anti-Juck-Burner 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s