53. von Kilpisjärvi nach Alta – Teil 1

Fakten

  • Entscheidung, nicht dem offiziellen E1 nach Kautokeino zu folgen – daher Etappe nach Alta und nicht nach Kautokeino
  • 4 Wandertage mit knapp 90 km bis Saraelv im Reisadalen
  • Steine, Steine, Steine – Strapaze für Knie und Knöchel
  • Früher Wintereinbruch
  • Viele Finnen auf dem Weg zum Halti, ihrem höchsten Berg
  • Teil 2 der Etappe wird knieschonend mit dem Bus zurückgelegt

Tag 87

von Ole

Warum stimmten immer nur die schlechten Wettervorhersagen? Dass es noch windig sein sollte (bis 10 m/s), waren wir ja bereit in Kauf zu nehmen. Leider fing es um kurz nach 10:00 Uhr pünktlich zum Abmarsch wieder an zu regnen …

Leicht genervt gingen wir los. Kurz hinter der Tankstelle war ein markierter Trampelpfad, dem wir folgten. Steine, Wurzeln, Matsch, das fing ja gut an. Nach ein paar Minuten führte der Weg zurück auf die kleine Schotterstraße, bog dann wieder von dieser ab, um kurze Zeit später wieder auf die Straße zu führen. Nerv. Es würden noch genug Steine kommen, gönnt uns doch einen entspannteren Start.

Beim dritten Mal bogen wir nicht von der Straße ab, sondern folgten dieser weiter. Gute Entscheidung, der markierte Wanderweg kam immer wieder zurück. Nach 1,5 km erreichten wir eine Brücke an einem See, danach kam noch mehr Matsch dazu. Nur der Wind verhielt sich noch ruhig. Uns war trotz der ca. 3°C einigermaßen warm.

Der Weg blieb leider sehr schwierig zu gehen, immer wieder mussten wir über Steine balancieren. Es gab kaum ein Stück, wo wir mal besser vorankamen. Wir waren genervt, das Wetter war mies, der Weg war mies, unsere Laune war mies. Da konnten nicht einmal ein paar Rentiere Abhilfe schaffen.

Schnell taten bei Andrea Knöchel und das linke Knie wieder weh, der Weg war nicht auf Schonung ausgelegt. Wir überlegten mehrfach, ob wir umkehren sollten, hatten aber beide keinen Bock darauf. Ich versuchte, ihr bei den schlimmsten Balanceakten zu helfen, so gut es ging.

Irgendwann sahen wir die erste Hütte, die Saarijärvihütte, die (Nach-) Mittagspause kam in Sicht. Es zog sich natürlich noch arg hin, aber dann konnten wir im Vorraum vor Wind und Regen geschützt essen. Nach rechts ging von dort der verschlossene Teil der Hütte ab, nach links der offene Teil mit einer großen Pritsche, allerdings ohne Matratzen.

Wir unterhielten uns nett mit zwei Österreichern, die den Sumpf hinter Kautokeino ausprobiert hatten und dort umgekehrt waren, weil sie gemerkt hatten, dass sie eine Wanderkarte im Auto vergessen hatten. Sie mussten zurück zum Auto. Auch nicht schlecht. Jetzt wollten sie auf den Halti, den höchsten Berg Finnlands. Das wollten hier ca. 90% der Wanderer.

Als es weiter ging, hörte doch tatsächlich der Regen auf und die Sonne malte tolle Bilder auf die mit Neuschnee bedeckten Berge. Warum muss man für solche schönen Momente vorher so viel leiden?

Leider wurde jetzt der Wind deutlich stärker. Wir mussten höllisch aufpassen, beim Balancieren auf den Steinen nicht im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht zu werden. Irgendwann setzte im weiteren Aufstieg dann auch der Regen wieder ein, trotz blauen Himmels über uns. Grummel. Zum Glück wurde der Weg endlich etwas besser, so dass wir zügiger vorankamen und die Gelenke etwas entlastet wurden.

Nach kleinen Neuschneefeldern stiegen wir in ein schönes Tal ab, an dessen Ende die Kuinarjokihütte lag, die wir gegen 19:30 Uhr erreichten.

Wir bekamen noch zwei Schlafplätze auf einer hochgelegen Pritsche, auf der sogar Matratzen lagen. Die Stimmung war komisch, keiner sprach, wir hatten das Gefühl zu stören. Vielleicht waren auch alle anderen echt fertig nach dem Wetter in den letzten Tagen. Wir machten Essen und genossen danach noch viel Schokolade. Mit einem nach uns angekommenen Deutschen, der vom Nordkap auf dem E1 Richtung Süden unterwegs war, unterhielten wir uns dann noch nett, bevor wir uns zum Schreiben und Lesen auf unsere Pritsche verzogen.

Andrea war den ganzen Tag mit ihrer Kniebandage gelaufen. Die hatte ihr nur leider die Kniekehle wund gescheuert. Die konnte sie so schnell nicht noch mal verwenden. Hatte früher immer gut gepasst. Aber Bein und Knie hatten wohl früher noch eine andere Form gehabt? Wie kauft man eine Bandage, die dann nach etwa 1.000 Wanderkilometern passt?

Tag 88

von Ole

Zehn Personen auf engem Raum bedeuteten eine unruhige Nacht. Es wurde geschnarcht, gerotzt und ab 7:00 Uhr begann deutlich mehr Unterhaltung als am Vorabend. Andrea hatte nachts gelesen, weil der Schnarcher sie trotz Ohrstöpsel vom Schlafen abgehalten hatte. Sie war dementsprechend müde, als wir um 08:30 Uhr (finnischer Zeit, d.h. 07:30 Uhr norwegischer Zeit) aufstanden. Ich ergatterte einen Platz am Gaskocher und machte Tee, dazu gab es zweimal Schokoladenmüsli.

Um 09:40 Uhr kamen wir bei -0,5°C und Windstille (!) los. Sogar die Sonne zeigte sich ab und zu. Wiedergutmachung. Blicke auf gepuderzuckerte Berggipfel und eine weite Ebene bestimmten den ersten Teil des Tages. Wir kamen gut voran, es war weniger steinig. Einige Flüsse konnten wir gut queren.

Dann tauchte die Seenlandschaft von Meekonjärvi auf. Dazu steile Berghänge. Schön. In der Ferne bewegten sich nicht nur Steine, sondern auch Schneeflecken – Rentiere, darunter ein weißes. Kurze Zeit später sahen wir eine größere Gruppe direkt vor und neben uns. Eines war strahlend weiß – keine Ahnung, wie es das bei dem ganzen Matsch schaffte.

Etwas irritierend war die Drohne, die ein kurz vor uns gestarteter Wanderer hier das zweite Mal fliegen ließ. Das Geräusch passte hier nicht her, genauso wenig wie das des Wasserflugzeugs, das wir regelmäßig sahen.

Kurz vor der Meekonjärvihütte gab es eine gemütliche Pause an einem kleinen Wasserfall. Das erste Mal seit langer Zeit konnten wir gemütlich draußen sitzen und die Schuhe ausziehen (kein Regen, kaum Wind, keine Mückenattacken). Irre, welchen Unterschied das Wetter machte. An der Hütte nutzten wir noch die Toilette, dann begann der anstrengendere Teil des Tages.

Über Blockfelder und viele Steine ging es einen Fluss entlang. Ein paar Planken halfen anfangs über die schlimmsten Blöcke hinweg, aber dann zog sich der Weg. An einem steilen Anstieg neben einem Wasserfall gab es sogar eine Seilsicherung. Das hatten wir hier noch nicht erlebt. Kurz danach erreichten wir die Brücke, an der wir den Fluss überquerten. Nun ging es nur noch weiter bergauf, weiter über Steine, dazwischen Blockfelder, es war klasse. Dafür gab es tolle Spiegelungen in stillem Seewasser und schön Blicke auf Halti, Finnlands höchsten Berg.

Da die Pitsusjärvihütte nach Auskunft einer uns entgegen kommenden Wanderin ziemlich voll war, unter anderem mit einer Gruppe Schüler, suchten wir auf den letzten Kilometern davor einen Zeltplatz, den wir trotz vieler Steine am Ende auch fanden. Nur ganz eben war er nicht, wir mussten unter den Luftmatratzen ziemlich viel auspolstern. Als kleine Überraschung scheuchten wir bei der Suche nach diesem Zeltplatz noch drei Schneehühner auf, die hatten wir vorher sehr lange nicht gesehen.

Wir waren beide ziemlich platt, die letzten Kilometer waren nur noch auf Autopilot gewesen. Der Kopf hatte es mal wieder richten müssen. Nur er hatte und noch weiter “getragen”.

Gemütlich ging dann der Tag mit Essen und Lesen und Blicken auf schneebedeckte Berge zu Ende. Die eine oder andere Mücke hatte zwar noch überlebt, aber im Vergleich zu z.B. dem Zeltplatz hinter Unna Allakas ca. zwei Wochen zuvor war hier gar nichts los. Ein Vorteil des frühen Wintereinbruchs.

Tag 89

von Ole

Ich wachte früh auf. Leises Klacken von draußen. Rentiersehnen? Die klingen echt merkwürdig, wenn die Tiere laufen, wie leises Knacken eben. Noch über eine Stunde Zeit, Andrea schlief friedlich, also entleerte ich meine Blase, um entspannt noch zu kuscheln. Draußen keine Rentiere. Stattdessen ein weißes Zelt. Rauhreif. Der im Außenzelt langsam taute und beim Tropfen platschte / klackte. Ups. Schnell machte ich ein paar Fotos, dann kroch ich wieder in den Schlafsack und wartete, dass die über den Hang schauende Sonne das Zelt in eine Sauna verwandelte. Aber nix Sauna. Hier war ja schon Winter. Die Temperatur stieg gerade mal auf 10°C im Innenzelt. Dumm gelaufen.

Nach dem Kuscheln gab es Tee, Porridge und Müsli bei tollem Blick auf den strahlend blauen See und die weißen Berge dahinter.

Irgendwann war dann wenigstens eine Zeltseite trocken. Wir trockneten die andere per Hand mit einem Lappen so gut es ging und packten das Zelt ein. Schnell ging es die letzten Meter zur Hütte, wo wir beide dringend zur Toilette mussten. Dabei überstanden wir schon die erste Bachquerung auf einer abenteuerlichen Brückenkonstruktion, halb überspülte Bretter und Holzstämme.

An der Hütte war immer noch viel los. Abends waren noch 7 weitere Wanderer an unserem Zelt vorbei gegangen, morgens schon ca. 15 in die Gegenrichtung. Wie haben die alle in die kleine Hütte gepasst?

Um 11:00 Uhr kamen wir von der Hütte weiter, stetig den Hang hoch. Andrea gab ein gutes Tempo vor und wir gewannen schnell an Höhe. Unter uns lag der blaue Pitsusjärvi, neben uns eine Sami-Sommersiedlung. Als es dann weiter bergauf ging, wurde es wieder steiniger. Dabei musste man bei jedem Schritt überlegen, wo man den Fuß hinsetzen konnte. Das machte es echt anstrengend, vor allem, da man bei vielen Tritten nicht den ganzen Fuß aufsetzen konnte, sondern irgendwie kippelig balancieren musste. Nicht gelenkschonend … Leider ging es so weiter.

Wir erreichten zwei Seen, zwischen denen wir hindurch gingen. Dabei überquerten wir den Fluss das erste Mal. Kurze Zeit später am Auslauf des zweiten Sees das zweite Mal. Wir mussten schon einen Augenblick suchen, um eine vernünftige Stelle zu finden. Dann ging es über endlose Blockfelder bergauf und bergab, der Fluss lag mittlerweile tief eingeschnitten unter uns. Wir fluchten über das Gelände. Schon wieder so anspruchsvoll. Andrea sagte, wenn sie gewusst hätte, was uns erwartete, wäre sie mit ihrem lädierten Knie nicht in Kilpisjärvi losgelaufen. Ich konnte sie gut verstehen. Man versucht verzweifelt, jeden Schritt so zu setzen, dass Fuß und Knie nicht weh tun. Das ist in so einem Gelände aber ein Ding der Unmöglichkeit und entsprechend frustrierend.

Es ging dann wieder zum Fluss hinab und noch zweimal hinüber, um eine große Biegung abzukürzen. Nach einer kurzen Verschnaufpause, ich hatte nur noch Hunger, schafften wir die letzten 2,5 km zur Kopmajokihütte. Ca. 12 km lagen hinter uns. Endlich gab es Mittag. Dabei unterhielten wir uns erst nett mit Anne, einer Finnin, die mit ihrem Hund unterwegs war, dann mit drei Finnen, denen wir unterwegs schon mehrfach begegnet waren und die mit leichtem Gepäck einen Tagesausflug von Pitsusjärvi machten.

Andrea machte sich Sorgen um ihr Knie, das die Belastung nicht gut vertragen hatte. Es musste noch 34 km bis zum nächsten Abend durchhalten. Hoffentlich auch auf einfacheren Wegen …  Wie schlimm es war, merkte ich daran, dass ich zum ersten Mal seit drei Monaten die Schokolade tragen durfte, um Andrea noch etwas Gewicht abzunehmen.

Nach der Hütte ging es ein letztes Mal über den Fluss. Gleich dahinter über noch einen, der fast zu tief für unsere Schuhe war. Danach quatschte das Wasser jedenfalls außen am Leder meiner Schuhe die ganze Zeit. Waren zu viele Flüsse gewesen. Anne ging ein Stück mit uns, es kam noch ein größerer Fluss, da war es ihr lieb, dass wir die gleiche Richtung hatten. Zur Abwechslung hechelte damit mal wieder ein Hund hinter uns, was Erinnerungen an die Tage mit Mina und Rappo weckte. Zum Glück war das Gelände entlang des Sees, dem wir nun folgten, einfacher zu gehen, so dass wir gut und knieschonend vorankamen.

Nach gut 3 km erreichten wir die Somashütte, schon wieder auf norwegischer Seite. Wir folgten nun dem Quadweg, in der Hoffnung, dass der etwas einfacher zu gehen wäre als der nahezu parallel verlaufende Wanderweg. Das war auch der Fall, es ging nur etwas stärker auf und ab. Die haben halt ein paar mehr PS als wir, die Quads.

Den Fluss, den wir kurz danach erreichten, mussten wir zwar in Sandalen durchwaten, das war aber einfach. Wir gingen dann noch weitere 3 km mit Anne, bevor sie ihr Zelt kurz hinter der Stelle aufschlug, an der der Wanderweg wieder auf den Quadweg stieß. Wieder einmal war es eine Begegnung gewesen, die uns bereichert hatte.

Wir schleppten uns dann noch knapp 3 km weiter bis kurz vor die Stelle, an der der Wanderweg Richtung Saraelv den Quadweg verließ. Hier fanden auch wir einen schönen Zeltplatz. Leider war das Innenzelt doch feuchter, als uns lieb war. Mit viel Durchzug, liebevollem Trockenputzen und etwas geänderter Einräumlogik bekamen wir es schnell trocken.

Nach dem Essen schlief Andrea sofort ein. Ich schrieb noch und bekam so den einsetzenden Regen noch mit, der eigentlich erst am Ende des nächsten Tages kommen sollte. Wetterberichte … seufz.

Tag 90

von Andrea

Am Abend hatte der Wind ja schon aufgefrischt. In der Nacht versuchte er wieder mal, unser Zelt abzubauen. Aber das würden wir ihm vermiesen. Erst nahmen wir uns Ohrstöpsel, damit wir sein Gewerke nicht hören mussten. Daraufhin legte er eine Schippe drauf. Ich wachte davon auf, dass eine Bö von der Seite das Innenzelt bis auf mich herunter drückte. Na super. Da meldete sich dann auch gleich meine volle Blase: “Äh, also wenn Du sowieso raus musst, um die Heringe zu kontrollieren, könntest Du doch vielleicht …?” Ich seufzte und schälte mich aus meinem kuschelig warmen Schlafsack in der Erwartung, mich gleich wieder warm zittern zu dürfen. Aber nix. Draußen pfiff es zwar unsäglich – beim Pieseln fiel ich fast um – aber es war echt warm. Also jetzt natürlich nicht 20°C oder so, aber kein Rauhreif und auch nicht sofort steife Finger. Immerhin etwas.

Ich kontrollierte alle Heringe, steckte einen rausgeflogenen Hering neu fest, spannte alle Leinen nach, hielt dem Zelt noch eine Standpauke von wegen Stabilität auch gegenüber seitlichen Böen und so und kletterte wieder hinein. Ab in den Schlafsack, Ohrstöpsel wieder rein, auf die Seite drehen, gelegentliche Schubser der Zeltplane ignorieren und weiter schlafen. Den Wecker meiner Uhr haben wir mit Ohrstöpseln glatt überhört und friedlich bis fast 8:30 Uhr (finnischer Zeit) geratzt.

Am Morgen immer noch Wind, der einen auf starken Mann machte. Wir straften ihn so gut es ging mit Missachtung. Gekocht wurde im Vorzelt, gefrühstückt im Innenzelt. Der Himmel über uns sah noch ganz ok aus. Der Himmel an dem Ende des Tals, aus dem wir am Abend vorher gekommen waren und aus dem jetzt auch der Wind kam, war fast schwarz. Vielleicht sollten wir mal einen Schlag reinhauen, wenn wir nicht wieder ein tropfnasses Zelt einpacken wollten? Also mal kurz Attacke, dann war alles verpackt und zur Belohnung kam über uns sogar die Sonne heraus.

Wir stiefelten los. Kamen bald an den Abzweiger, an dem der Weg nach Saraelv von dem Quadweg abzweigte. Dort stand, dass es 30 km bis nach Saraelv seien. Wie bitte? Von der letzten Hütte hatten es laut der Wegbeschreibung des DNT 31 km sein sollen, aber seitdem waren wir bis zu unserem Zeltplatz schon 8 km gegangen. Wir hofften, dass hier jemand schlicht das falsche Schild aufgestellt hatte. Nicht bange machen lassen. Weiter.

Naja, etwas angespannt waren wir schon. Wir schätzten, dass uns etwa 23 km bis Saraelv blieben (hoffentlich nicht 30!). Wir hofften, dass uns dort jemand von der Reisastua (http://www.reisastua.no/) abholen würde, in der wir dann hoffentlich ein Zimmer für zwei Nächte hätten. Alles im Konjunktiv, denn eine Bestätigung hatten wir vor unserem Aufbruch in Kilpisjärvi nicht mehr bekommen. Wir hatten eine Bestätigung der Reisastua gehabt, hatten dann wegen miserablen Wetters unseren Start um einen Tag verschoben, hatten bei der Reisastua gefragt, ob wir auch einen Tag später kommen könnten und hatten keine Antwort mehr erhalten. Also Unsicherheit, ob uns am Ende eines langen Tages ein Zimmer mit Dusche oder ein Zeltplatz neben der Straße erwarten würde.

Weiterhin Unsicherheit, wie schwierig der Untergrund werden würde und wie mein Knie das verkraften würde. Mittlerweile war mein Knie so maulig, dass es manchmal sogar schmerzte, wenn ich friedlich im Schlafsack lag. Na, eigentlich war es eh ein Wunder, dass es so lange durchgehalten hatte angesichts der vielen Unfälle, die ich im Laufe meines Lebens mit dem linken Knie schon gehabt hatte. Die eine dumme Bewegung im Abstieg Richtung Kilpisjärvi einige Tage zuvor hatte es wohl daran erinnert, dass es sich nun auch nicht alles gefallen lassen musste. Und ganz sicher würde es sich 23 km Balancieren über Steinwüsten bis Saraelv nicht gefallen lassen. Und auf einem Bein hüpfend würde es wohl erstrecht nicht gehen.

Und schließlich Unsicherheit wegen des Wetters. Der Wind war nicht nett. Und wenn die tief schwarzen Wolken ihren nassen Inhalt über uns entluden, würde das sehr ungemütlich werden.

Bei uns beiden also leichte, ganz leichte Anspannung, was der Tag wohl so bringen würde.

Dann wurde eigentlich alles besser, als wir gedacht hatten. Die dunklen Wolken hatten wohl zunächst noch etwas anderes zu erledigen, hingen noch etwa vier Stunden am anderen Ende des Tals herum und wir durften Sonnenschein genießen. Das Gelände war von gelegentlichen Rinnen mit Bächen, Matsch und Geröll abgesehen, deutlich einfacher als die Steinwüsten der letzten drei Tage. Wir kamen gut voran. Und dann war auch die Landschaft wirklich schön. Eine weite Sicht auf eine weit offene Bergwelt und unter uns in der Ebene wilde, von Flüssen gegrabene Canyons. Dazu diverse Rentiere in kleinen Gruppen. Unsere Anspannung ließ nach. Es war einfach schön.

Bei unserer zweiten Pause nach etwa 13 km holte uns der Regen ein, dann wurde auch das Gelände schwieriger (einiges Ab und Auf, etwa mehr Rinnen mit Matsch und Geröll etc.) und der Abstieg ins Reisadalen wäre mit nassen Wurzeln, Steinen und Matsch angesichts der Steilheit auch ohne mauliges Knie alles andere als vergnüglich gewesen. Aber das war irgendwie nur noch der Endspurt. Da war es schon klar, dass es keine 30 km gewesen waren, sondern tatsächlich nur etwa 23, dass wir es vermutlich zum frühen Abend bis runter zur Straße schaffen würden und ich nicht – wie wir ein wenig befürchtet hatten – im Dunkeln den rutschigen steilen Pfad hinab humpeln würde.

Der Abstieg war dabei durchaus spannend und hatte auch seine schönen Momente. Die Vegetation war beeindruckend dicht. Nicht unser Geschmack, aber so weit nördlich des Polarkreises durchaus beachtlich. (Leider waren da auch die Mücken noch quietschvergnügt, war wohl nicht kalt genug gewesen.) Die Blaubeeren waren leidlich süß und es gab auch reife Moltebeeren, die lecker waren. Und wir kamen an einer Schlucht mit einem Wasserfall vorbei, die recht plötzlich neben uns auftauchte und echt nix für Menschen mit Höhenangst war.

Blieb nur noch die Frage nach der Unterkunft. Wir schauten im Abstieg mehrfach nach E-Mails, aber das Handynetz reichte für das Abrufen von E-Mails nicht aus. Schließlich wählte Ole die Nummer der Reisastua, auch wenn wir noch nicht wussten, ob wir dort überhaupt ein Zimmer hatten. Alles klar, erfuhr Ole, Jonny würde uns abholen. Uff.

Wir erreichten die Straße nach guten 8 Stunden und latschten auf dieser noch etwas 3 km weiter. Um stehen zu bleiben und zu warten, waren wir zu nass, wir hätten zu schnell gefroren … und dann waren da ja noch die Mücken. Schließlich sammelte Jonny uns auf, der zunächst an uns vorbei gefahren war, weil er gedacht hatte, wir würden in Saraelv am Bootsanleger ankommen und warten und nicht verstanden hatte, dass wir Wanderer waren und ihm auf der Straße entgegen kamen.

Um 18:30 Uhr norwegischer Zeit (eine Stunde früher als in Finnland) waren wir in der Reisastua (etwa 15 km entfernt von Saraelv). Eigentlich ein Paradies für Angler. Der Fluss Reisaelva, der das tiefe Tal in den Fels gefressen hat, ist angeblich einer der 10 besten Lachsflüsse der Welt. Die Reisastua ist eine Unterkunft für Fliegenfischer. Klein, gemütlich, familiär und dabei durchaus luxuriös.

Wir genossen eine Dusche, wurden dann von Jonny (aus UK, leitet die Reisastua im Sommer für deren Besitzer) bekocht und klönten dann noch lange mit ihm. Er konnte herrlich begeistert und witzig von Lachsen, vom Fischen, vom Jagen, von Jagdhunden erzählen. Da ging offensichtlich jemand seiner Leidenschaft nach.

Wir kippten dann nach viel Essen und einer guten Menge Bier dazu sehr müde ins Bett. Bis zum Einschlafen konnte ich noch nicht so richtig fassen, dass ich es trotz des schmerzenden Knies bis ins Reisadalen geschafft hatte.

Die (weglose) Strecke über die Nabar Hochebene nach Alta würde ich mit dem Knie nicht laufen, das stand fest. Wir würden mit dem Bus nach Alta fahren und von dort aus hoffentlich noch weiter laufen können, vielleicht zum Teil auf der Straße. Ich wollte soooo gern zu Fuß am Nordkap ankommen. Da musste es dann eben zwischendurch mal der Bus sein, bevor das Knie vollends den Geist aufgab.

Steinige Landschaft – trotzdem schön

Nur nicht, wenn der Weg hindurch geht

Schon wieder Schnee

Steine, weiß verzaubert

Abstieg ins Tal

Das plötzlich lieblich daherkommt

Moor und Steine

Kalter Wintertag

Mondlandschaft in grün

Kaum Wind, kein Regen, da kann die Jacke am Rucksack bleiben

Wie bleibt das bloß so strahlend weiß? Unser Gamaschen sind immer saudreckig

Toller Rastplatz an Canyon und Wasserfall

Am Anfang gab es noch Planken…

Windstille ohne Mücken

Dafür war es dann ziemlich kalt im Zelt

Nur langsam wärmte die Sonne am nächsten Morgen. Der Blick war sofort schön.

Abenteuerliche Konstruktion – glatt und wackelig

Immer wieder Steine

Noch mehr Steine

Eine Belastung für Knie und Knöchel

Vermutlich die fünfte Querung des gleichen Flusses

Rauf und runter auf dem Quadweg

Das Zelt atmete im Wind

Schnell los, vor uns noch Sonne, über uns schon dunkle Wolken

Was machen die denn da?

Landschaft mit großem Greifvogel

Immer noch Sonne, wir waren schnell genug unterwegs

Tief eingeschnittene Canyons

Rastplatz hinter Sumpf und See in Sicht

Jetzt hatte der Regen uns doch eingeholt

Dichte Vegetation im Abstieg ins Reisadalen

Moltebeeren und Blaubeeren

3 Gedanken zu “53. von Kilpisjärvi nach Alta – Teil 1

  1. Hallo zusammen!
    Aber echt…. wenn ich die Bilders schaue, läuft es mir kalt den Rücken runter und ich kann mir kaum vorstellen wie es sich dort so anfühlt. 2015 auf der gleichen Strecke, blauster Himmel, 25°C, Windstille und nicht eine Mücke……… wieviel Glück hatte ich damals??? Ja, beinahe hätte ich es ja erlebt dieses Jahr ! Wünsche gute Besserung Andrea und euch beiden weiterhin alles Gute und hoffentlich ein toller Finish am Kap! Gruss aus Helvetien
    Martin

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  2. Liebe Andrea,
    lieber Ole,

    ich lese seit Wochen immer wieder begeistert bei euch mit:
    – in Marokkos Wüste: besonders abstrus sich eiskalte Temperaturen vorzustellen
    – nach der höchsten Wanderung des Jahres: Mitfühlen und euch mindestens genauso viel Stolz wünschen
    – klitschnass nach der gestrigen Radtour: Bewunderung und der feste Glaube an Optimismus

    Insgesamt viel Freude, dass ihr so gut durchhaltet.
    Aber wisst ihr worauf ich mich auch wirklich freue? Dass ihr bald wieder da seid!

    Ich freu mich auf Gespräche und Ratschläge von Ole, in denen er dich, liebe Andrea, herzlich gerne zitiert, darauf vielleicht doch endlich einmal legendäre Kekse zur Weihnachtszeit bei euch ( mit beiden! 😉 ) zu backen und Geschichten auch mit Vertonung erzählt zu bekommen.

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