65. Was bleibt? 

von Andrea und Ole

Was nehmen wir mit nach Hause? Was bleibt von unserer Tour zum Nordkap? Unzählige Bilder in unseren Köpfen und etwa 5.000 Fotos auf der Festplatte. Viele Erinnerungen an schöne und harte Momente. Vermutlich stundenlange Erzählungen, die sich über jeden ergießen, der den Fehler macht, uns zu fragen, wie es denn so war. Eine Liebe zum hohen Norden und vor allem zu Norwegen, die nicht abgenommen hat, wie wir unterwegs mal befürchtet hatten, wenn wir gerade mal wieder mit lautstarkem Fluchen beschäftigt waren, sondern eher noch weiter zugenommen hat.

Und sonst? Einige für uns wichtige “Erkenntnisse”, die uns unterwegs immer wieder sehr geholfen haben, würden wir gern zusätzlich mit nach Hause mitnehmen. Eigentlich sind sie banal. Und haben uns doch manchmal überrascht.

Hingehen und anschauen

Wir hatten immer wieder Angst vor den Flüssen. Wochenlang Schneeschmelze, viel Regen. Der nächste Fluss ohne Brücke, die nächste Watstelle waren für uns ständige Themen. Manchmal haben sie dazu geführt, dass wir schlecht geschlafen haben, die Route ändern wollten oder jeden Wanderer, der uns entgegen kam, gelöchert haben, wie denn der und der Fluss so war.

Die Bedingungen im Fjell ändern sich sehr schnell. Ein Fluss kann nach warmem Wetter und entsprechender Schneeschmelze oder nach lang anhaltendem Regen unpassierbar sein, dann wieder ein paar Tage später kein Problem darstellen. Auf einer Wanderkarte kann man nur die Einzugsgebiete der zu passierenden Flüsse studieren und grob abschätzen, welche Flüsse schwierig werden könnten. Verlässlich beurteilen, ob ein Fluss passierbar ist, kann man allein auf Basis einer Wanderkarte nie.

Auch Aussagen von anderen, die einen Fluss passiert haben, helfen häufig nicht weiter. Die Bedingungen können sich in der Zwischenzeit geändert haben und darüber hinaus sind die Einschätzungen oft sehr subjektiv. Jemand, der ängstlich, klein oder wenig kräftig ist und wohlmöglich noch zum ersten Mal einen Fluss durchwaten musste, schätzt das komplett anders ein als ein Bär mit Oberschenkeln wie Baumstämme, der seit seiner Kindheit jeden Sommer im Fjell verbringt.

Das einzige was hilft, ist sich einen Fluss aus der Nähe anzuschauen. Nur dann kann man wirklich beurteilen, ob man ihn durchwaten kann oder nicht. Das haben wir irgendwann verstanden. Hingehen und anschauen. Nicht vorher schon schlecht schlafen, nutzt eh nix. Hingehen, anschauen, eine eigene Meinung bilden, dann eine Entscheidung treffen. Auch wenn das heißt, dass man vielleicht umkehren oder einen weiten Umweg laufen muss, wenn es nicht geht, was natürlich mühsam ist. Aber anders geht es nicht. Außer man bleibt gleich zu Hause oder sucht sich ein anderes Land zum Wandern.

Im Alltag erleben wir auch oft Situationen voller Ungewissheit. Die neue Aufgabe, das neue Projekt, der neue Kunde. “Wird das gehen? Werde ich das schaffen? Wird das sehr anstrengend?” Besonders gut lassen sich solche Fragen ja zwischen 2 und 4 Uhr morgens wälzen. Nur beantworten lassen sie sich dann nicht. Dafür muss man hingehen und es sich anschauen. Und wenn es nicht geht, umkehren oder einen alternativen Weg finden.

Es ist eine Langstrecke

An einigen nassen, kalten, windigen Tagen ging es nur ums Durchhalten. Gute 20 km über unwegsamen, nassen Untergrund mit einigen Flüssen und viel Auf und Ab, das kann schon mal bis zu 10 Stunden dauern. Und erholsame Pausen kann man kaum machen, wenn es nass, kalt und windig ist.

Da ist man oft geneigt, einen Zahn zuzulegen. Nur rasch diesen Hang hinauf, auch wenn man dafür den Puls weit in die Höhe jagen muss. So schnell die Füße tragen über die unwegsamen Steine, auch wenn es Knöchel und Knie noch mehr belastet. Und wenn es mal bergab geht, kann man doch vielleicht noch ein bisschen schneller? Das Zerren der Riemen des Rucksacks an den Schultern wird ignoriert, das Drücken des Hüftgurtes sowieso. Schultern hochziehen, Kopf vorrecken und weiter.

Wir haben schnell gemerkt, dass das auf einer Langstrecke nicht funktioniert. Maximal für den einen Tag, wenn überhaupt.

Auch um “nur” 10 Stunden durchzuhalten, brauchen wir Pausen, auch wenn diese nass und kalt sind. Ein paar Nüsse, einen Schluck Tee, ein Stück Schokolade. Ein Lächeln. Eine Umarmung. Und dabei mal für 10 Minuten Schultern und Hüften entlasten. Das hilft schon.

Wenn ich länger als einen Tag unterwegs bin, muss ich mir meine Kräfte einteilen. Wenn ich an einem Tag 10 Stunden lang alles verfeuere, was ich habe, was mache ich dann am nächsten Tag? Wenn Knöchel und Knie schmerzen, die Beine lahm sind, die Hüftknochen blau, die Schultern verspannt, der Kopf müde?

Und wenn ich mehrere Monate unterwegs bin, muss ich mich auch unterwegs immer wieder mal verwöhnen, mir etwas Gutes tun und das ganz bewusst genießen. Mich morgens im kuscheligen Schlafsack bewusst noch mal umdrehen, den wunderbar heißen süßen Tee in kleinen Schlucken genießen, die Schokolade lutschen und der Süße mit der Zunge nachspüren, das Gesicht den seltenen Sonnenstrahlen zuwenden, mir abends selber die Füße massieren … oder was auch immer. Bewusst liebevoll mit mir selber umgehen, damit meine gute Laune und Motivation erhalten bleiben. Sonst schmeiße ich irgendwann alles hin.

Und es ist daher auch nicht ein “doofes” Knie, das da wehtut, sondern ein ganz tolles Knie, das super viel geleistet hat und es sich verdient hat, etwas geschont und verwöhnt zu werden. Und es sind auch nicht doofe Schultern oder doofe Hüftknochen, die gefälligst durchzuhalten und zu funktionieren haben.

Auf einer Kurzstrecke kann man sich richtig quälen. Da kann man auch mal deutlich über seine körperlichen und mentalen Grenzen hinaus gehen, bis es wehtut. Wenn ich das auf einer Langstrecke mache, werde ich diese höchstwahrscheinlich nicht durchhalten. Auf einer Langstrecke muss ich gut auf mich aufpassen.

Wie im Leben auch. Muss denn jede Schlacht an diesem einem Tag, in dieser einen Woche gewonnen werden? Das Dokument unbedingt noch fertig werden, die E-Mail noch geschrieben werden, das Meeting noch vorbereitet werden? Oder das umfangreiche Sportprogramm noch absolviert werden, noch auf den Marathon trainiert werden? Klappt doch alles, wenn ich ein wenig früher aufstehe, wenn ich keine Pause mache, die Verabredung zum Mittagessen absage und auch abends nach dem Essen noch weiter rotiere. Muss das sein?

Auch unser Leben ist eine Langstrecke. Es entscheidet nicht die Leistung eines einzelnen Tages, ob und wie wir durchhalten. Viel wichtiger ist, ob wir jeden Tag gut auf uns aufpassen.

Sich den äußeren Bedingungen anpassen

Die Natur zeigt einem in Nordskandinavien klar die Grenzen. Das kann ein unpassierbar überspülter Damm sein wie hinter Røros, das kann eine Sturmnacht im Zelt sein wie vor Innset, das kann die klassische Kombination aus Kälte, Regen und Wind an einem Bergpass oder auf einer Hochebene wie u.a. hinter Steikvasselv sein.

Wir müssen diese Rahmenbedingungen der Natur mit ihren Grenzen akzeptieren. Wir können nicht “mit dem Kopf durch die Wand”. Und auch wenn es doch so geplant war, dass wir dort den Fluss überqueren können, an diesem Tag über den Bergpass kommen oder einen leider noch tief verschneiten Nationalpark auf einer bestimmten Route durchqueren. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht. Mit Gewalt ist das nicht ratsam. Dann wird es da draußen schnell gefährlich.

Und ändern können wir die Bedingungen auch nicht. Den Fluss, das Wetter, den Schnee, das Blockgelände, die Moore. Genau deswegen gehen wir ja eigentlich da raus. Weil nicht alles quadratisch, praktisch, gut asphaltiert und gezähmt ist. Um wieder erleben zu können, was für eine unmittelbare Relevanz unser Verhalten und unsere Entscheidungen für unser Leben haben können.

Das heißt aber auch, dass wir einen Weg finden müssen, mit den Rahmenbedingungen und Grenzen der Natur umzugehen. Am besten passen wir uns ihnen an. Halten nicht krampfhaft an einem bestimmten Plan fest, nur weil wir uns das mal so überlegt haben, es in irgendeiner Tourenbeschreibung steht oder uns das jemand empfohlen hat. Sondern passen den Plan so an, dass er zu den Bedingungen passt. Auch wenn er uns dann vielleicht weniger gut gefällt.

Wenn ich in einem Jahr fast drei Monate lang Schneeschmelze habe, sollte ich nicht gerade einen Weg wählen, auf dem die Flüsse schon in normalen Jahren problematisch sind. Wenn wie in Kilpisjärvi die Wettervorhersage Sturm und starken Regen ankündigt, ist es vielleicht schlau, einen Tag länger im Hotel zu bleiben, auch wenn es langweilig ist und nicht zum Zeitplan passt. Und manchmal müssen wir eben einen Umweg in Kauf nehmen, wie an dem überspülten Damm hinter Røros, auch wenn wir uns dann stundenlang weglos durch triefend nasses Gelände kämpfen müssen und einen ganzen Tag verlieren.

Und noch etwas gehört dazu, wenn ich mich den Rahmenbedingungen und Grenzen anpasse, die uns die Natur setzt. Nämlich mich möglichst nicht darüber zu ärgern, dass ich etwas nicht wie geplant durchführen kann, dass ich Kontrolle abgeben und mich anpassen muss. Denn sich zu ärgern kostet Energie, die man da draußen anderweitig braucht. Diesen zweiten Teil des sich den Bedingungen anpassens haben wir mal mehr, mal weniger gut gemeistert. Das ist sicher noch Luft nach oben.

Ich kann auch zu Hause im Alltag – in der Beziehung, im Job, in der eigenen Leistungsfähigkeit oder Gesundheit – nicht mit dem Kopf durch die Wand, wenn die Bedingungen gerade nunmal absolut nicht passen für das, was ich gern hätte. Dann ist es vielleicht schlauer, mich diesen Bedingungen anzupassen. Und auch hier kann ich meine Energie besser einsetzen, als mich darüber zu ärgern. Vielleicht erinnern wir uns im Alltag künftig häufiger mal an den überspülten Damm.

Einen Schritt nach dem anderen

Oft genug haben wir uns unterwegs davon erschrecken lassen, was noch vor uns lag. Immer wieder haben wir unsere ersten Erfahrungen extrapoliert und sind zu dem Schluss gekommen, es bei diesen Bedingungen nie bis zum Nordkap zu schaffen. Wenn das so weitergeht mit dem Schnee, dem Regen, dem Hochwasser in den Flüssen, den Mooren … wie soll das dann gehen?

Das hat uns regelmäßig mutlos gemacht und uns Energie geraubt. Und es hat uns häufiger auch daran gehindert, den Augenblick zu genießen. Dabei ging es bei unserer Tour doch genau darum, draußen im Fjell mehr bei uns und mehr im Hier und Jetzt zu sein als im Alltag. Wertvolle und intensive Augenblicke gab es im Fjell jeden Tag mehrfach … auch bei miesem Wetter.

Da hat es uns immer wieder geholfen, einen Schritt nach dem anderen zu machen und nicht zu weit voraus zu denken. Kari in Steikvasselv hat das schön auf den Punkt gebracht: “Don’t worry about the sorrows of tomorrow.” Den Sorgen von morgen kann man sich morgen immer noch stellen. Dann sehen wir, wie die Bedingungen sind, ob wir über den Fluss kommen, ob wir Alternativen brauchen, ob wir es bis zum Nordkap schaffen.

Das Nachdenken über die Zukunft raubt uns auch im Alltag oft Energie und sorgt dafür, dass wir die Gegenwart nicht genießen. Dabei ist es gerade der aktuelle Moment und wie wir ihn ausleben, der unser Leben ausmacht. Auch zu Hause können wir uns die Sorgen dann machen, wenn es soweit ist, wenn eine Entscheidung ansteht, wenn ein mögliches Ereignis eingetreten ist. Einen Schritt nach dem anderen gehen.

In sich hinein hören

Wann braucht mein Körper oder Kopf die nächste Pause? Mag ich – nach einer Pause oder nach einem Ruhetag – wirklich schon wieder weitergehen? Was möchte ich jetzt essen (wenn ich mal die Auswahl habe)? Traue ich mir den Anstieg, das Blockfeld, den Fluss bei den aktuellen Bedingungen zu?

Wenn wir aufmerksam in uns hinein hören, finden wir gute Antworten auf diese Fragen. Das funktioniert nur, wenn wir ganz bei uns sind und uns die Ruhe nehmen, in uns hinein zu hören. Das ist gar nicht so einfach. Es braucht Geduld, auf eine Antwort zu lauschen. Es braucht Übung, sie zu hören und zu verstehen. Und es braucht manchmal Mut, danach zu handeln. Wir haben das zum Teil erst unterwegs gelernt.

Wir möchten uns gern die Ruhe und das Vertrauen in uns selbst erhalten. Wir möchten auch im Alltag häufiger in uns hinein hören, als wir das in der Vergangenheit getan haben. Uns die Ruhe nehmen, uns selber zuzuhören und unsere eigenen Antworten ernst zu nehmen.

Zusammen halten und aufeinander aufpassen 

Das ist nichts, was neu für uns ist. Das Bewusstsein dafür hat sich auf unserer Tour aber noch einmal deutlich verstärkt.

Oft konnten wir uns unterwegs gegenseitig aufbauen und unterstützen. Oft ergänzten sich unsere jeweiligen Stärken, wir mussten es nur zulassen. Ole war häufig etwas risikoorientierter: “Die Schneebrücke hält doch noch”. Verbunden mit Andreas Vorsicht kamen am Ende immer gute Entscheidungen heraus.

Wichtig war, es immer als Tour zu zweit zu verstehen. Egal, wem es gerade schlechter ging oder wer gerade aufhören und nach Hause fahren wollte, es waren immer Situationen, die wir gemeinsam gelöst haben. Es kam nie zu einem Gegeneinander, zu einem “jetzt stell dich doch nicht so an”. Das hat uns stärker gemacht.

Sicher hat es uns, wenn wir beide an unseren Grenzen waren und entsprechend kurze Lunten hatten, manchmal im ersten Augenblick Kraft gekostet, uns eine auch mal bissige Bemerkung zu verkneifen. Im zweiten Augenblick konnten wir uns wieder gegenseitig in den Arm nehmen. Das hat dann sehr viel Kraft gegeben.

Diesen Zusammenhalt wollen wir bewahren und weiterentwickeln.

8 Gedanken zu “65. Was bleibt? 

  1. Hallo ihr zwei!
    Sorry für den späten Kommentar, Ihr seid mir irgendwie durch das Raster gerutscht. Ups!
    Wieder einmal ein schöner Beitrag. Und wieder einmal ist es fü mich schön zu sehen, dass andere ähnliche Gedanken haben.
    Ich hoffe doch, bald wieder was von euch zu lesen… extrem Weihnachten mit Andrea und Ole zum Beispiel oder Hilfe, seit Wochen alles trocken, ich komm damit nicht mehr klar. 😉
    Seid ihr schon wieder in der Zivilisation angekommen?
    Ich irgendwie noch nicht… hehehe
    Bin aber froh, bei dem momentanen Wetter nicht draußen sein zu müssen.

    Ich wünsch euch was, haut rein

    LG
    Markus

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  2. Was bleibt? Eine gute Frage und sehr viele tolle Erfahrungen, die Ihr (und wir) jetzt „einfach“ nur im Alltag beherzigen sollten! Schön ist es übrigens auch, wenn man jedes Jahr am jeweiligen Tag die Ereignisse Revue passieren lässt – da spreche ich aus Erfahrung 😉 – liebe Grüße!

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  3. Da ist soviel Wahres dran, was ihr da schreibt! Und doch haben wir diese Leitlinien in unserem Alltag so schnell vergessen. Ich wünsche euch, dass ihr noch lange von euren Erfahrungen zehren könnt.
    Wie oft habe ich unterwegs mit euch gelitten und mich gleichzeitig gefreut, dass ich im Warmen und Tockenen saß. Wahnsinn, was ihr geleistet habt!!!
    Schön, wenn ihr wieder zurück seid.

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  4. Einen 1a Lebensratgeber hat Ihr da geschrieben….wenn ich nur mehr auf Euch hören würde, wäre es nicht auszuhalten, so gut könnte es gehen. DANKE! Sehr schön, wie Ihr die Reiseerfahrung auf den täglichen Wahnsinn übertragen habt. Ich wünsche Euch, dass Ihr Euch dies lange erhaltet.

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