02. Was kommt?

von Ole und Andrea

Möglichst bald wieder unterwegs sein, zu einer langen Wanderung aufbrechen. Am liebsten irgendwo in den Bergen, mit etwas Abstand zum schützenden Kokon der Zivilisation. Und ja, sich dabei auch wieder den Unwägbarkeiten der Natur aussetzen. Die Bedürfnisse auf das Wesentliche reduzieren und die damit verbundene Einfachheit genießen.

Aber wo? In welcher Gegend der Welt?

Wir hatten schon vor unserer Tour zum Nordkap über Weitwanderwege in den Alpen gelesen. Ein zündender Funke war dabei jedoch nicht übergesprungen. Wir genießen sehr regelmäßig unsere Touren in den Alpen, in dieser beeindruckenden Landschaft, in der uns regelmäßig das Herz aufgeht. In der wir zwischen schroffen, hohen Bergen demütig werden und gleichzeitig dankbar sind, teilhaben zu dürfen und für eine Weile Gast zu sein. Aber dank dieser Touren wissen wir auch, dass man in vielen Gegenden der Alpen alles andere als allein unterwegs ist und dass es in den Hütten in den Alpen nicht immer so entspannt zugeht wie in den Hütten im skandinavischen Fjäll.

Wir führten diverse Dialoge etwa der folgenden Art: „In den Alpen müssten wir immerhin deutlich weniger schleppen, das Zelten ist eh verboten. Also schlafen wir halt in den Hütten und da gibt es ja auch etwas zu Essen.“ „Ja, aber die Freiheit des Zeltens würde uns doch fehlen und auf vielen Hütten ist es sicher voll.“ „Hm, müssten wir die Hütten im Voraus reservieren? Das wäre echt doof.“ „Na, dafür ist die Zivilisation nie allzu weit weg, wenn man mal etwas einkaufen muss.“ „Ach, ich weiß nicht, die vielen Leute.“

Unsere Gedanken und Gespräche kreisten immer wieder um eine längere Tour durch die Alpen. Immerhin für uns gebürtige Hamburger mittlerweile unsere zweite Heimat, die wir nicht mehr missen möchten. Und doch zündete der Funke nicht. Andere Weitwanderwege der Welt schafften es aber auch nicht in die engere Auswahl. Es sollte nicht „irgendein“ Weitwanderweg irgendwo auf der Welt sein. Es sollte eine Gegend sein, die uns etwas bedeutet, zu der wir eine Beziehung haben.

Und dann zündete der Funke doch. Relativ spontan bei einem Urlaub in den Westalpen im September 2018. Bei einem Erlebnis, dass uns sehr nachdenklich machte. Wir waren in der Nähe des Mont Blanc auf einem Wanderweg oberhalb des Gletschers Mer de Glace unterwegs. Das Mer de Glace ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte Gletscher der Alpen. Eine lange Treppe führte über etwa 300 Höhenmeter vom Wanderweg zu einer Eishöhle im Gletscher hinunter. Unterwegs zeigten Schilder den Stand des Eises in bestimmten Jahren an. Der Eisstand 1930 schockierte uns noch nicht, das war für uns so lange her, das konnten wir uns eh nicht vorstellen. Auch die folgenden Schilder von Eisständen zu bestimmten Jahren riefen maximal leichtes Stirnrunzeln hervor. Vor dem Schild mit der Jahreszahl „2015“ standen wir dann allerdings beide sprachlos. Wir standen auf der Treppe, noch immer viele, viele Treppenstufen über dem Eisstrom. Beide mit einem Knoten im Bauch. Schockiert, wie greifbar Klimaerwärmung und Rückgang des Eises plötzlich waren. Traurig und hilflos angesichts der Ahnung, dass wir schon bald etwas für uns so Schönes wie die Gletscher in den Alpen verlieren könnten.

Wir wissen beide nicht mehr, ob es danach wenige Stunden oder einige Tage dauerte, bis der Funke zündete. Aber nach diesem Erlebnis war klar: „Wir wollen durch die Alpen wandern.“ Wegen ihrer Schönheit. Und trotz des Verbots zu zelten und der manchmal vollen Hütten. Wir wollen mit offenen Augen sehen und wahrnehmen, wie sich die Alpen verändern. Nicht nur wie das Eis verschwindet, auch wie die Kulturlandschaft der Alpen langsam verschwindet, wie die Almen verschwinden und mit ihnen ganze Dörfer, weil sich die Almwirtschaft nicht mehr lohnt – wie wir es auf der GTA Wanderoute im Piemont schon eindrucksvoll erlebt hatten. Und wie gleichzeitig in großen Tourismuszentren die Alpen quasi als „Sportgerät“ vermarktet werden.

Wir möchten die Alpen in uns aufnehmen, wie sie jetzt gerade sind – mit ihren Ecken und Kanten, ihren Gegensätzen und in ihrem aktuellen Stadium der Veränderung – und die Bilder für uns bewahren.Wir haben uns dafür den „Roten Weg“ der Via Alpina von Triest nach Monaco ausgesucht.

http://www.via-alpina.org/

Insgesamt beinhaltet die Via Alpina fünf verschiedene Wege. Dabei ist der Rote Weg der längste. Er verbindet alle acht Alpenstaaten, überquert über 40 Mal die nationalen Grenzen und mehrmals den Alpenhauptkamm. Und auch für uns verbindet die Via Alpina Gegenden, die wir schon kennengelernt haben, wie das Triglav-Massiv, die Dolomiten, das Karwendel, das Zugspitzgebiet, das Allgäu, die Mont Blanc Gruppe sowie die Cottischen und Ligurischen Alpen. Wir freuen uns wie schon in Skandinavien, diese Gebiete miteinander zu verbinden und damit die Größe der Alpen zu Fuß zu erleben. Der Weg besteht aus gut 160 Etappen und ist damit für eine Wandersaison für uns zu lang, zumindest wenn wir im Frühsommer und im Herbst nicht vor dem Schnee in die Täler ausweichen wollen.

Unser Plan ist, Mitte Juli 2019 zu starten und mal zu schauen, ob wir es bis Mitte September in die Nähe von München schaffen. Zwei Monate unterwegs zu sein, ist auch mit unseren Berufen noch vereinbar.

Wobei wir uns im Mai schon mal eine Woche warmlaufen wollen. Statt in Triest Mitte Juli möglicherweise bei Gluthitze zu starten, wollen wir eine Woche Urlaub im Mai nutzen, um von Triest aus schon mal die ersten sechs Etappen zu laufen und Rucksäcke und Packlisten zu testen. Es geht also schon ganz bald los …

Das Mer de Glace im September 2018

Ein Gedanke zu “02. Was kommt?

  1. Ich freue mich für euch, dass ihr eine neue Route gefunden habt und wünsche euch alles Gute für die Tour. Nachdem ich eure Nordkap-Tour mit verfolgt habe, bin ich auch in diesem Jahr gespannt auf eure Berichte.

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