21. Wetter

von Andrea

Das Wetter war in den ersten drei Wochen auf der Via Alpina deutlich besser als auf unserer Tour in Norwegen zwei Jahre zuvor. Wir hatten deutlich mehr Sonnenschein und brauchten die Regenklamotten deutlich seltener. Ich glaube, wir haben sie in den ersten drei Wochen überhaupt nur vier mal benötigt.

Und doch haben wir das Gefühl, dass uns das Wetter mehr einschränkt als zwei Jahre zuvor in Norwegen. Und das liegt einerseits an den Bergwegen selbst, die bei Nässe teiweise „heikel“ werden, und andererseits an den Gewittern – den Lawinen des Sommers.

Der viele Regen in Norwegen hatte uns zwar mürbe gemacht, aber wir konnten uns in die Regenklamotten verkriechen und stoisch weiterlaufen. Dann war es „nur“ noch blöd, dass wir kaum Pausen machen mochten, weil uns zu schnell kalt wurde und dass wir abends irgendwie die Klamotten wieder trocknen mussten. Auf der Via Alpina mussten wir überlegen, ob der Weg, der vor uns lag, bei Nässe überhaupt zu bewältigen war oder zu gefährlich.

Bei Nässe wird einfach so ziemlich jeder Untergund in den Bergen glatt. Baumwurzeln, Lehmwege auf Almen, Wiesenhänge und Felsen. Bestenfalls ist das etwas anstrengend, schimmstenfalls kann man an ausgesetzten Stellen aber auch irgendwo herunterfallen, wenn man ausrutscht.

Ob ein Weg für uns bei Nässe begehbar ist, ist eine schwierige Einschätzung. Zumal wir auch nur wenig Informationen über die Wege haben. Andere Menschen zu Fragen, ist genau so wenig hilfreich wie es das bei den Flussquerungen in Norwegen gewesen ist. Es gibt zweibeinige Bergziegen, die jeden Weg auch bei Nässe problemlos entlang tanzen können – da gehören wir nicht dazu. Und es gibt Menschen, die noch vorsichtiger sind als wir. Wir müssen uns unsere eigene Meinung bilden. Und dabei auch das Gepäck auf dem Buckel einkalkulieren, dass durchaus einen Unterschied mach, insbesondere wenn es glatt wird.

Hinzu kommt die Höhe. Regen ist nie schön und meistens kalt. Je weiter oben ich bin, desto kälter. Und je weiter oben, desto windiger, also noch kälter. Und je weiter oben, desto weniger Schutz vor Regen und Wind. Kommt zu der Frage, ob der geplante Bergweg für uns bei Nässe begehbar ist, also noch die Frage dazu, wie weit oben wir sein werden, wie stark wir also dem Wetter ausgeliefert sein werden. Regen und kalter Wind sind oberhalb der Baumgrenze nicht nur doof, sondern eventuell auch gefährlich.

Der größte Unterschied zu Norwegen ist aber wohl das Gewitterrisiko. Donnergrollen haben wir in Norwegen in dreieinhalb Monaten zweimal gehört. Und schon das war uns unheimlich gewesen. Auf der Via Alpina hatten wir in den ersten drei Wochen vielleicht drei Tage ohne Gewitterrisiko am Nachmittag (laut Wetterbericht).

Gewitter selbst draußen erlebt haben wir in den ersten drei Wochen auf der Via Alpina zwei mal. Beide Male war das Gewitter eine Weile direkt über uns gewesen (weniger als drei Sekunden zwischen Blitz und Donner). Da haben wir uns selbst im Wald, wo das Risiko, vom Blitz getroffen zu werden, noch ziemlich klein ist, nicht wohl gefühlt. Abends auf den Hütten hatten wir zusärtlich etwa sechs Mal Gewitter.

Eigentlich soll man sich bei einem Gewitter in der Nähe (das heißt Abstand zwischen Blitz und Donner kleiner als 30 Sekunden) auf den Füßen hinhocken (oder auf den Rucksack setzen, nicht aber auf den Fußboden) und die Füße sehr eng beieinander halten. Und erst weitergehen, wenn der letzte Blitz „in der Nähe“ 30 Minuten her ist. In der Praxis kann man das nach unserer Erfahrung vergessen, weil man nach 10 Minuten so friert, das man lieber weitergeht.

Man sollte sich weiterhin nicht an Felsgraten oder an sonstigen exponierten Stellen und auch nicht an Felswänden oder gar Drahtseilen (in einem Klettersteig) aufhalten. Wenn ich solche Stellen aber nunmal auf der vor mir liegenden Etappe habe? Dann die Etappe am besten nicht antreten. Oder so früh losgehen, dass ich vor dem Gewitter durch bin … und mir unterwegs möglichst nicht den Knöchel verstauchen oder sonst etwas anstellen, was mich langsamer macht.

Und noch ein paar Gedanken zu DOs und DON’Ts bei Gewitter von der Physikerin in mir, weil ich das Thena selbst so spannend finde. Was einen bei einem Blitzeinschlag in unmittelbarer Nähe umbringt, ist der Strom, der durch einen hindurch fließt. Wenn ich gleichzeitig die Pole einer normalen kleinen Batterie anfassen, merke ich gar nix, bei einer Autobatterie kann ich schon mal zucken, zwei Finger in der Steckdose sollte man lassen und ein einschlagender Blitz in meiner unmittelbaren Nähe ist tödlich.

Dabei hat der Strom, der da fließt, eine recht menschliche Eigenschaft, er wählt nämlich immer den Weg des geringsten (elektrischen) Widerstands. Deswegen beim Hinhocken nur mit den Füßen den Boden berühren und diese eng zusammen stellen. Der elektrische Widerstand des menschlichen Körpers ist dummer Weise kleiner als der des Untergrunds. Daher würde der Strom bei einem Blitzschlag in meiner Nähe lieber durch mich hindurch fließen als durch das Erdreich oder die Felsen um mich herum. Habe ich die Füße eng zusammen, ist der Widerstand auf der kurzen Strecke zwischen meinen Füßen mit Glück im Boden doch geringer als im langen Umweg durch meinen Körper – dann wählt der Strom den Weg durch den Boden.

Und noch etwas ist wichtig. Von Punkten, an denen ein Blitzeinschlag wahrscheinlicher ist, sollte ich mindestens 50 Meter entfernt sein. Die Stärke des Stroms im Boden nimmt mit steigendem Abstand zum Punkt des Einschlags stark ab. Ab etwa 50 Meter Entfernung ist man angeblich halbwegs sicher. Also 50 Meter Abstand zu großen, einzeln stehenden Bäumen, zu Felswänden, zu einem Gipfelkreuz oder Strommaat, zu Drahtseilen. Und auch 50 Meter Abstad zu meiner eigenen Ausrüstung, falls ich Gegenstände aus Metall dabei habe (die ein Blitz wegen des geringen elektrischen Widerstandes mag), also zu Wanderstöcken oder Eispickeln. Das ist natürlich nur sinnvoll, wenn das gefahrlos geht, denn nicht in jedem Gelände kann ich 50 Meter Abstand gewinnen, ohne dabei zu riskieren, irgendwo abzustürzen.

Die beste Regel ist aber wohl immer noch, Gewitter oben am Berg möglichst gar nicht zu erleben.

Kommt also die spannende Frage zum Eintreffen und Dauer von Gewittern. Die typischen Wärmegewitter brechen meist nachmittags los. An sehr warmen, schwülen Tagen auch schon mal am späten Vormittag oder um die Mittagszeit, das ist aber eher selten. Sie treten oft nur lokal auf und dauern vielleicht eine Stunde … mal etwas mehr, mal etwas weniger. Vorher kann man – oft über Stunden – zuschauen, wie sie entstehen, wie Quellwolken sich immer höher türmen, bis riesige schwarze Wolken drohend über einem hängen, aus denen es dann irgendwann losbricht … und manchmal auch gar nichts passiert, sondern sich die Dinger einfach wieder auflösen. Bilden sich solche dunklen Wolkentürme über einem, nimmt man am besten die Beine in die Hand, wählt den nächsten Abstieg, um irgendwo unterhalb der Baumgrenze im Wald zu sein, wenn es losgeht, oder sucht Unterschlupf (z.B. auf einer Alm oder Hütte). Da der Spuk bei einem Wärmegewitter meistens nicht lange dauert, kann man diese an einer wenig exponierten Stelle auch „aussitzen“ (wenn einem nicht zu kalt wird) und danach weitergehen.

Sehr viel gefährlicher sind Kaltfronten. Diese sind vor allem im Sommer oft mit heftigen (Fronten-) Gewittern verbunden. Und diese Gewitter können Stunden dauern. Da ist nix mit „aussitzen“, da muss man so schnell wie möglich vom Berg runter. Und bei einer schnell heranrasenden Kaltfront habe ich mit ganz viel Pech nur eine halbe Stunde Zeit zwischen den ersten dunklen Wolken und den Losbrechen eines Infernos. Zum Glück lassen sich Kaltfronten mittlerweile mit einigen Tagen Vorlauf sehr gut vorhersagen, da rettet einen also der (Berg-) Wetterbericht. Wenn man denn einen hat, dieser also an der Hütte aushängt, der Hüttenwirt einem den Wetterbericht sagt oder das Handynetz ausreicht, um im Internet nachzuschauen (oder um einem Freund eine SMS zu schicken, der einem dann den Wetterbericht per SMS schickt).

Puh, das waren viele Gedanken zum Thema Wetter. Und all das begleitet uns, wenn wir den Wetterbericht sehen und uns die nächste Etappe anschauen. Und es schränkt uns ein. Einfach Regenklamotten anziehen und stoisch weitergehen ist da nicht unbedingt eine gute Lösung. Da ist einiges an Planung und Flexibilität gefragt. Aber das ist im Sommer in den Bergen eben so. Da Wetter ist wie es ist und wir müssen uns anpassen.

Gewitter auf dem Weg nach Ukanc

Die Enwicklung der Wolken lieber mal im Auge behalten

Geht noch, aber viel los am Himmel, weiter beobachten

Da braut sich was zusammen

Am Pass vor dem Rifugio Lambertenghi, neben uns stiegen zwei Kletterer in eine Route ein … eine halbe Stunde später würde es regnen, die Felsen würden glatt werden

Auch diese Entwicklung der Wolken besser mal nicht ignorieren

Ein Gedanke zu “21. Wetter

  1. Das ist ein sehr informativer und guter Artikel!
    Das unberechenbare Wetter ist tatsächlich der wichtigste Faktor, der Friedel und mich bisher von Streckentouren in den Alpen abschreckt.Wir würden vermutlich jeden Tag endlos diskutieren: Ich würde losstürmen wollen, Friedel wäre übervorsichtig. Aber eure Bilder machen schon richtig Lust auf die Alpen! 🙂

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