28. von Schwaz nach Leutasch

Fakten

  • 3 Wandertage
  • ca. 50 Kilometer
  • ca. 3.350 Höhenmeter Aufstieg
  • ca. 2.840 Höhenmeter Abstieg
  • 5 Gämsen

Tag 45

von Ole

Als Andrea um 5:00 Uhr aufwachte, goss es in Strömen. Hatten wir wieder den falschen Tag zum Ruhetag gewählt? Zum Glück hatten wir nach Sushi im Zimmer zum Abendessen und Boulder Weltmeisterschaft der Frauen auf YouTube entschieden, den Wecker eine halbe Stunde später als geplant auf 7:00 Uhr zu stellen. Es warteten ja nur 1.500 Höhenmeter Aufstieg zur Lamsenjochhütte und eine Stunde Abstieg zur Binsalm auf uns. Um 7:00 Uhr tröpfelte es dann zum Glück nur noch.

So kamen wir nach dem Frühstück um 8:40 Uhr los. Kein Regen. Wir hatten auch beide mutig die Regensachen im Rucksack gelassen und auch die Rucksäcke nicht eingepackt.

Schwaz hatte uns erneut zu viel Verkehr. Autos sind ja einfach laut und stinken. Nach wenigen hundert Metern überquerten wir den Inn. Cooles Gefühl. Noch ein wenig komischer war es etwas später, die Inntalautobahn zu unterqueren. Wie oft waren wir hier wohl schon drüber gefahren?

Dann ging es stetig bergauf. Zunächst gemütlich auf einer Asphaltstraße, später etwas steiler und leiser auf einem kleinen Pfad, schließlich lange auf einer Schotterstraße. Die Wegzeiten zur Lamsenjochhütte auf den Schildern lauteten vier, dreieinhalb, vier, vier, vier, zweieinhalb und dann zwei Stunden. Kam uns irgendwie komisch vor.

Die Strecke war schön, allerdings gingen wir die meiste Zeit in den Wolken. Nur ab und zu ging ein Fenster auf und wir sahen z.B. den Waldhang, der steil zur Wolfsklamm abfiel, eine nette Almwiese (die wir für ein kleines Picknick nutzten) oder einen Hauch von Berghang neben oder vor uns (in dem kurz vor der Hütte tatsächlich drei Gämsen zu sehen waren).

Die Wolken und die hohe Luftfeuchtigkeit sorgten für angenehme Temperaturen, nur mit ein bisschen Wind kurz vor der Lamsenjochhütte wurde es etwas kalt. Kurz nach 13:00 Uhr piepte das GPS-Gerät als Zeichen, dass wir das Ende der Etappe erreicht hatten und tatsächlich tauchte wenige Meter später die Hütte aus den Wolken vor uns auf.

Welch ein Luxus, aus der kühlen und nassen Wolkenwelt nach gut vier Stunden auf knapp 2.000 Metern in so eine warme Hütte zu kommen. Wir legten im Trockenraum ab und genossen in der alten Gaststube zwei leckere Kaspressknödelsuppen, einen Holler, ein Skiwasser, einen Tee und eine Packung Wanner Waffeln.

Erst gegen 15:00 Uhr gingen wir weiter. Da die Falkenhütte als eigentliches nächstes Ziel gerade komplett saniert wurde und daher geschlossen war, hatten wir entschieden, noch eine gute Stunde zur Binsalm zu gehen und am Folgetag direkt zum Karwendelhaus zu gehen. Relativ entspannt erreichten wir kurz vor 16:00 Uhr die Binsalm, checkten in einem niedlichen Doppelzimmer ein, duschten und dehnten.

Irgendwie sind wir schon etwas fitter geworden, das hätten wir vor einigen Wochen nicht so einfach gemacht. Ein schönes Gefühl, das auch hilft, wenn mal wieder Flexibilität gefordert ist.

Nach längerem Schreiben gab es zum Abendessen Käsespätzle und Rindsgulasch mit Knödel. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern hielt mit ihrer Lautstärke den Gastraum auf Trab. Später auch noch den Anbau, in dem wir schliefen, als sie ihn lautstark stürmten. Wir lasen noch ein wenig und schliefen zum Glück bald ein, als bei den Kindern endlich der Akku leer war.

Tag 46

von Ole

Ab 06:30 Uhr waren die Kinder im Nebenzimmer leider schon wieder wach. Frühstück gab es erst ab 07:30 Uhr. Mist. Immerhin waren draußen wieder Berge zu sehen, wir hatten schon gedacht, nicht mehr in den Alpen zu sein.

Wir kamen um 08:25 Uhr los. Der Abstieg in die Eng ging schnell, auch wenn der Boden nass und rutschig war. Andrea hatte es nachts gewittern und regnen hören.

Im Almladen gab es Käse, Buttermilch und zwei Brezen. Eigentlich war es für eine Pause zu früh, aber die Gelegenheit bot sich einfach an. Vor den schroffen Felswänden verzogen sich die letzten Wolken, es wurde warm, da konnte Stärkung nicht schaden.

Wir hatten die Engalm von unserem letzten Besuch nicht so groß in Erinnerung. Jetzt erinnerte sie uns an die Eggeralm auf dem Karnischen Höhenweg, die eher schon ein Almdorf gewesen war. Nur hier eben in der genialen Kulisse des Karwendel gelegen. Interessanterweise waren es in der Eng alte Ahornbäume, keine Lärchen, die als Schattenspender auf den Almweiden stehen gelassen worden waren.

Wir nahmen die 600 Höhenmeter Aufstieg in Angriff, freuten uns über diverse Foto- und Verschnaufpausen, u.a. für zwei weitere Gämsen. Am Joch angekommen machten wir mit Blick auf die Laliderer Wände und die Falkenhütte eine schöne Mittagspause. Wir hofften nur, dass das Wasser von der Binsalm, das in unseren Trinkflaschen war, uns bekommen würde – es war etwas trübe. Beim Abfüllen hatte ich gedacht, das seien kleine Luftblasen. Als das Wasser mittags immer noch trübe war, wunderten wir uns schon etwas.

Wir erinnerten uns an immer mehr Details unserer Wanderung durch das Karwendel mit Alke, Laszlo und Ute vor vielen Jahren. Eine schöne Tour damals, genau wie dieses Mal. Das Karwendel mit den vielen Almen und den schroffen Felswänden ist einfach beeindruckend.

Wir querten ein Schuttkar und ließen die aktuell wegen Umbau geschlossene Falkenhütte rechts liegen. Stattdessen folgten wir direkt der Schotterstraße, in die die Via Alpina kurze Zeit später wieder einmündete. Nach weiterem Abstieg erreichten wir den kleinen Ahornboden, wo der Aufstieg zum Karwendelhaus begann.

Wir ließen ein paar schnellere Wanderer vorbei und bewältigten die letzten knapp anderthalb Stunden bergauf in gleichmäßigem Tempo. Immer wieder drehten wir uns um und genossen die tolle Kulisse. Hinter dem Sattel versteckte sich das Karwendelhaus noch ein bisschen, kurz vor 15:00 Uhr erreichten wir es.

Das Glück, nur drei Tage zuvor tatsächlich noch ein Zweibettzimmer bekommen zu haben, konnten wir immer noch nicht fassen. Eine Mitwanderin, die auch auf der Binsalm übernachtet hatte, fragte uns, wann wir das denn schon gebucht hätten. Die Antwort „vor drei Tagen“ gefiel ihr offensichtlich nicht. Aber es war einfach Glück, es musste jemand abgesagt haben. Als wir zuvor in Mayrhofen schon einmal nachgeschaut hatten, hatte es im Karwendelhaus nur noch Plätze im Matratzenlager gegeben, ein paar Tage später in Schwaz gab es plötzlich ein Zweibettzimmer.

Wir wuschen uns und vertilgten dann eine Nudelsuppe und einen sehr leckeren Kaiserschmarrn. Ich konnte kurz mit Heike und Bernd telefonieren, da Andrea sich noch an den Punkt draußen vor der Hütte erinnern konnte, an dem es das beste Handynetz gab. Danach lasen und schrieben wir, uns auf das Abendessen freuend.

Da gab es dann Spaghetti Bolognese und Gulasch mit Spätzle. Dazu einen kleinen Salat. Mit viel Lesen ging es früh ins Bett.

Tag 47

von Andrea

Der frühe Morgen in einer großen, vollen Hütte ist immer etwas nervig. Es stehen alle ungefähr gleichzeitig auf, weil erstens alle früh los wollen und zweitens eine Hütte so hellhörig ist, dass man eh nicht mehr schlafen kann, wenn die ersten mit dem Wühlen beginnen. Dann wollen alle gleichzeitig futtern und danach wollen alle gleichzeitig ins Bad. Schließlich schieben sich alle gleichzeitig mit ihren Rucksäcken und Wanderstöcken durch die schmalen Gänge und die engen Treppen hinunter, dann stapeln sich alle gleichzeitig im Schuhraum. Aber irgendwann kann man diesem Knoten aus Menschen doch halbwegs unbeschadet entkommen (dass man mal einen Rucksack ins Gesicht und eine Stockspitze in den Bauch bekommt, ist normal), steht abmarschbereit vor der Hütte und dann ist auch wieder alles gut.

Vor allem an diesem Morgen vor dem Karwendelhaus war alles gut. Der Wolkendeckel, der sich noch am Abend über das Tal gelegt hatte und auch am Morgen noch die Welt unter sich verbarg, vermittelte uns trotz des Gewusels um uns herum das Gefühl, ganz weit weg zu sein. Der frühe Morgen vor einer Berghütte ist oft wunderschön, manchmal fast magisch.

Kurz vor dem Abmarsch musste ich noch sehr lachen, als ein Mädel, das mit ihrer Gruppe eigentlich schon vor einigen Minuten aufgebrochen war, atemlos zur Hütte zurück gelaufen kam. Sie war mir aufgefallen, weil sie sich am Abend auf der Hütte die Haare gewaschen und mit dem elektrischen Haartrockner (!!!) getrocknet hatte, dann den ganzen Abend im Speiseraum ihre Haare von links nach rechts und wieder zurück geworfen hatte, am Morgen am Frühstückstisch innerhalb von zehn Minuten mindestens fünfmal mal ihren Zopf neu geordnet hatte und mir dann in dem Chaos nach dem Frühstück ebenfalls mindestens fünfmal völlig planlos im Weg gestanden hatte. Und nun rannte sie zur Hütte zurück? Schminkköfferchen vergessen? Vielleicht Paarungsverhalten doch eher im Tal ausleben? … Ja, böse, ich weiß. Ich könnte genauso böse über diverse Männer und ihr Imponiergehabe auf Hütten schreiben. Gruselig.

Nach dem herzhaften Lacher begannen wir den endlosen Talhatscher nach Scharnitz. Fast durchgehend Forststraße, sehr moderates Gefälle, also eigentlich harmlos, aber sooooo lang. Die Blicke zurück waren immer wieder schön, einige Almwiesen unterwegs luden zu Pausen ein, allein die Bremsen verhinderten manchmal die Entspannung. Der Wolkendeckel sorgte zum Glück dafür, dass wir nicht verbrutzelten. Nach vier Stunden und 20 Kilometern erreichten wir mit glühenden Füßen Scharnitz. Uff. Nur waren wir noch nicht am Ziel.

In einem kleinen Italienischen Restaurant in Scharnitz gönnten wir uns einen Salat, zwei kleine Portionen Nudeln und zum Nachtisch ein Eis, dann brachen wir um kurz nach 13 Uhr tapfer wieder auf. Es lagen noch knapp 10 Kilometer und 500 Höhenmeter Aufstieg und etwas weniger Abstieg vor uns. Und es war warm, der Wolkendeckel war verschwunden …

Der Weg war dann erstaunlich interessant und kurzweilig, vor allem der Abschnitt hoch über der tief ausgewaschenen Sattelklamm. Allerdings zwischenzeitlich auch deutlich steiler als erwartet, so dass wir beide wie Dampflocks bergauf schnauften. Unsere Beine meinten irgendwann, für den Tag sei jetzt mal gut. Da mussten wir dann immerhin nur noch nach Leutasch runter. Wurde aber von unterhalb der Hüfte auch mit Gemaule quittiert. Trotzdem waren das vermutlich die entspanntesten 30 Kilometer unseres bisherigen Wanderlebens gewesen als wir um kurz nach 16 Uhr unser Hotel in Leutasch erreichten. (Auf diesem Abschnitt hatten wir uns auch noch sehr nett mit einem Schweizer unterhalten, der nach dem Start in Triest Anfang Juli auf der Via Alpina nach Hause lief.)

Wir verwüsteten mal wieder in sekundenschnelle ein Zimmer, stiegen mangels Waschmaschine mit einem Berg dreckiger verschwitzter Klamotten unter die Dusche und brachten unsere beleidigten Laufstummel dann in die Sauna. Tat sehr gut, außer den zwei Etagen runter und wieder rauf. Gedehnt wurde danach auch noch, weil das ja theoretisch gut tut, wurde allerdings von etwas lauteren Stöhngeräuschen begleitet.

Um uns nicht noch bewegen zu müssen, wählten wir zum Abendessen die Halbpension im Hotel. War vom Essen her so mittel, für unsere Beinchen und Füße allerdings ideal.

Vor dem Einschlafen schauten wir auf YouTube noch das super spannende Finale der Damen in der Weltmeisterschaft im Lead Klettern. Ein Hotel mit guten WLAN ist schon cool.

Tag 48 – Ruhetag

von Andrea

Wieder viel Planung, denn wir waren jetzt im Zugspitzgebiet, was hieß, dass alle Hütten, von denen aus man irgendwie auf die Zugspitze latschen konnte, über Tage komplett ausgebucht waren … waren manchmal nervig diese Hot Spots unterwegs.

Bisherige Lösung: Am Sonntag doch nicht wie geplant auf der Meilerhütte übernachten, sondern noch bis zum Schachenhaus absteigen, dann am Montag von dort an Reintalanger- und Knorrhütte vorbei (keine freien Betten), über die Ehrwalder Alm (auch keine freien Betten) und mit dem Sessellift runter bis nach Ehrwald ins Hotel … könnte sportlich werden.

Weiteres Programm des Tages:

  • Im Supermarkt Vorräte aufstocken
  • Schultertraining
  • Mittagessen
  • Bloggen
  • Sicher noch Sauna
  • Ganz sicher noch Abendessen
  • Vorfreude auf das Finale der Herren in der Weltmeisterschaft im Lead Klettern, für das wir sicher noch irgendwann die Zeit finden

Wir sind am Inn angekommen

Der Aufstieg zur Lamsenjochhütte verlief weitgehend in den Wolken

Wohltuende Pause auf der Lamsenjochhütte

Der große Ahornboden in der Eng

Die Laliderer Wände und die Falkenhütte (ganz klein hinten rechts)

Auf dem Weg zum Karwendelhaus – erst noch runter, dann in das U-Tal rein

Auch im Karwendel viel Schotter

Blick zurück auf die Laliderer Wände

Ankunft am Karwendelhaus

Abends zogen die Wolken ins Tal

Und blieben die ganze Nacht

Es war nur eine dünne Schicht, wir konnten drunter gucken

Schöne Pause mit Blick zurück

Wasser formt die Hänge

Das Isartal

Pause in Scharnitz

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