30. Hütten

von Ole

Die Hütte

Früh morgens, der Tau liegt auf den Gräsern, die Morgennebel liegen noch im Tal. Die Hütte erwacht. Der Dielenboden knarzt, die Toilettenspülung rauscht. Die Geräusche nehmen zu, raschelnde Schlafsäcke, knisternde Beutel, knatschende Rucksäcke.

In der Küche läuft der erste Kaffee durch, das Teewasser kocht. Geschirr klappert. Tische im Gastraum füllen sich, Löffel schlagen an Tassen, Stimmengewirr.

Der Gastraum leert sich wieder. Zähne werden geputzt, Toiletten haben Hochkonjunktur. Rucksäcke werden gepackt. Schuhe werden geschnürt. Eine Weile noch ist das Klacken der Wanderstöcke auf den Felsen zu hören, dann kehrt Ruhe ein. Ein Moment des Innehaltens.

Betten werden aufgeschüttelt, Waschräume geputzt. In der Küche dampfen die Töpfe auf dem kleinen Herd. Im Backofen wird der erste Strudel langsam hellbraun.

Die Materialseilbahn quietscht durch das Tal. Abfälle werden entsorgt, Vorräte aufgestockt.

Die ersten Tagesgäste trudeln ein, der Gastraum füllt sich wieder. Kalte Getränke, Tee, Kaffee, heiße Schokolade erfreuen sich reger Nachfrage. Nudeln, Gröstl, Knödel, Strudel und vieles mehr wandert auf vollen Tellern auf die Tische. In der kleinen Küche türmt sich das schmutzige Geschirr. Der Strom der Gäste reißt nicht ab.

Keine Zeit zum Durchatmen für die Hütte. Erst gegen Abend wird es etwas ruhiger, die Tagesgäste sind weg, für die Übernachtungsgäste wird das Abendessen vorbereitet. In den Zimmern hört man Gelächter, Rucksäcke verteilen ihre Inhalte, die Dusche läuft auf Hochtouren.

Im Gastraum wird es wieder laut. Das Abendessen wird serviert. Während die Gäste speisen, wird in der Küche schon wieder klar Schiff gemacht. Während des Essens wird es kurz ruhiger, dann schwillt die Lautstärke wieder an. Am späten Abend kehrt endlich Ruhe ein, der Gastraum leert sich, die Zimmer und Lager füllen sich. Hier und dort wird geschnarcht, getuschelt, geknistert. Stille senkt sich langsam über die Hütte. Endlich kommt sie zur Ruhe.

Und schon in ein paar Stunden geht es von vorne los.

Entstehung

Die Hütten in den Alpen sind in der Regel als Schutzhütten entstanden, häufig gebaut durch die Sektionen der Alpenvereine. In mühevoller Arbeit mussten die Materialien dafür auf den Berg gebracht werden. Was heute per Hubschrauber erfolgt, ging damals oft nur per Hand- und Fußarbeit oder mit Maultieren. Manchmal half eine Materialseilbahn, die aber auch erst gebaut werden musste.

Zweck der Hütten war es, Besteigungen naher Gipfel oder Rundtouren zu ermöglichen. Komfort war Nebensache, ein Dach über dem Kopf, etwas Wärme, etwas zu Essen war das Wichtigste.

Viele Hütten gehören auch heute noch den jeweiligen Sektionen der Alpenvereine und werden von diesen verwaltet.

In Südtirol wurden im Jahr 2011 26 Hütten vom CAI (Club Alpino Italiano, italienischer Alpenverein) an das Land Südtirol übergeben, zum Beispiel die Chemnitzer Hütte oder die Edelrauthütte. Hier übernimmt das Land Südtirol die Verwaltung.

Betrieb und Bewirtschaftung

Herz und Seele einer Hütte sind der Pächter und sein Team. Diese übernehmen den Betrieb der Hütte:

  • Stromversorgung (Dieselaggregate, Flüssiggaskraftwerk, Solarzellen, Wind- und Wasserräder)
  • Hauselektronik
  • Wasserversorgung (Quelle, Schmelzwasser, mittlerweile auf vielen Hütten schon ein Problem)
  • Abwasserentsorgung (eigenes Klärwerk, Leitung ins Tal)
  • Küche und Restaurant
  • Schlafplätze

Das geht natürlich nur in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Eigentümer einer Hütte, also den Sektionen. Viele Sektionen haben daher für jede ihrer Hütten einen Hüttenwart als Gegenstück zum Hüttenwirt vor Ort.

In der Regel ist für den Betrieb der Hütte ein Team von 6-10 Mitarbeitern vor Ort zuständig. Sehr häufig sind es Familien, die eine Hütte allein oder mit Unterstützung von Bekannten bewirtschaften. Die dabei häufig in ähnlichen Vielbettzimmern untergebracht sind wie die Gäste und deren einziger zusätzlicher Komfort für mehrere Monate oft nur die private Toilette ist.

Wir sind immer wieder fasziniert davon, wie es diesen Menschen gelingt, eine Hütte zum Leben zu erwecken und eine ganz besondere Atmosphäre von „willkommen sein“ und „Unterstützung“ zu schaffen, wie zum Beispiel auf der Chemnitzer Hütte oder der Kellerjochhütte. Es sind die herzlichen Kontakte der Hüttenbetreiber mit den Gästen, aus denen heraus diese Atmosphäre entsteht.

Wir haben immer versucht, diese Leistung mit einem „Danke“ oder einem Lächeln zu würdigen, gerade auch, wenn mal nicht alles glatt gegangen war. Treffend war es in der Speisekarte der Kellerjochhütte zum Ausdruck gebracht: „Deine Gastgeber versuchen immer, Dir ein Lächeln zu schenken. Sollte das doch mal nicht funktionieren, schenke ihnen Deines, sie geben es Dir sicher zurück.“

Rechnet sich das?

Für die Sektionen ist es teilweise eine große Herausforderung, den Betrieb einer Hütte zu finanzieren. Wir bekommen das über unsere Sektionszeitschrift mindesten einmal jährlich mit, wenn die Einnahmen und Ausgaben der verschiedenen Hütten im Jahresbericht dargestellt werden. Die Anforderungen an die Hütten sind identisch zu denen an Hotels und Restaurants im Tal, z.B. bezüglich Feuerschutz, Hygiene, Entsorgung und ähnlichem.

Sektionen mit mehreren Hütten schaffen das häufig nur durch Quersubventionierung zwischen den Hütten. So sind die Höllentalangerhütte oder die Reintalangerhütte (beide liegen an Zustiegen zur Zugspitze) in der Saison hoch ausgelastet und damit profitabel, so dass nicht so prominent gelegene Hütten subventioniert werden können. Trotzdem werden für größere Um- oder Neubauten die Sektionsmitglieder um Spenden gebeten, die in der Regel auch fließen.

Für die Pächter hängt die Frage, ob es sich rechnet, ebenfalls im Wesentlichen davon ab, wie gut die Hütte besucht wird. Dabei ist es bei den Hütten des DAV (Deutscher Alpenverein) so, dass die Einnahmen für die Übernachtung fast komplett an die Sektion gehen, die Einnahmen für Speisen und Getränke komplett an den Pächter. Bei den dem Land Südtirol gehörenden Hütten hingegen zahlt der Pächter einen jährlichen Pachtzins an das Land, dafür gehen alle Einnahmen an ihn.

Besonders ärgerlich ist es für die Pächter, dass immer mehr Leute für denselben Tag auf verschiedenen Hütten reservieren und dann dorthin fahren, wo das Wetter am besten ist. Der Pächter hat dann entsprechend geplant, Essen vorbereitet und bleibt darauf sitzen. An der Valentinalm hat uns die Wirtin erzählt, dass auf der Zollnerseehütte einmal 23 angemeldete Personen ohne abzusagen nicht gekommen sind.

In jedem Fall können die Pächter in der Regel nicht von den vielleicht 120 Tagen Sommersaison das ganze Jahr über leben. Roland, der Pächter der Chemnitzer Hütte betreibt zum Beispiel noch sechs Wochen im Jahr einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Bruneck. Viele Hüttenbetreiber arbeiten in den Wintermonaten auch in der Gastronomie.

Für uns ist es immer wieder unvorstellbar, was Pächter und Personal während der Saison leisten. Ruhezeiten oder gar Ruhetage sind selten, die Arbeitstage häufig 16 Stunden lang.

Was gibt es zu Essen?

Beim Abendessen an der Kellerjochhütte unterhielt sich das Hüttenpersonal am Nebentisch über die Möglichkeiten, die eine Hüttenküche bietet. So lernten wir, dass es in der Küche nur einen Backofen und einen Herd mit vier Platten gibt. Das muss für das Essen der vielen Tagesgäste und das Abendessen der Übernachtungsgäste reichen.

Damit sind Knödel (können gut vorbereitet werden) und Suppen auf fast jeder Speisekarte zu finden. Ebenfalls weit verbreitet ist Wurst mit Sauerkraut, gerade wenn es weder eine Straße noch eine Materialseilbahn zur Hütte gibt. Einen Kaiserschmarrn wird es in der Regel nicht für mehr als 20 Übernachtungsgäste zum Abendessen als Teil der Halbpension geben, genauso wenig wie Käsespätzle.

Wie Roland auf der Chemnitzer Hütte das zum Abendessen mit den Bratkartoffeln plus Spiegeleiern und Rinderschnitzeln für alle Gäste geschafft hat, ist uns noch ein Rätsel.

Nachmittags stehen Strudel und andere Kuchen hoch im Kurs. Ansonsten gibt es fast überall kalte Platten mit Wurst, Käse oder Speck.

Ein paar Zahlen

  • 13 Kilometer Schotterstraße Zufahrt zur Lamsenjochhütte – Dauer pro Richtung eine Stunde
  • In Kombination von Zufahrt und Materialseilbahn muss jedes Teil, das auf die Kellerjochhütte kommt, im Durchschnitt fünfmal angefasst werden
  • Flüssiggas für die Lamsenjochhütte kommt zweimal im Jahr mit insgesamt 30 (!) Hubschrauberflügen
  • 45 Tonnen Material pro Saison für die Kellerjochhütte
  • 15 Minuten dauert eine Fahrt der Materialseilbahn der Kellerjochhütte, und das sind nur die letzten 200 Höhenmeter zur Hütte

Emotionen

Hütten entschleunigen uns. Die Einfachheit fährt uns runter. Es gibt wenig Auswahl auf der Speisekarte, kein Internet, teilweise noch nicht einmal ein Mobilfunksignal, nur die Berge ringsum. Die Distanz zum Tal und dem Alltag gibt uns Ruhe.

Hütten geben Sicherheit und Geborgenheit. Klingt bei Schilderungen von Matratzenlagern und Spinnen vielleicht komisch. Aber Wärme, ein Dach über dem Kopf, etwas Warmes zu essen, Tische und Bänke, eine Matratze … das alles ist so weit abgelegen schon echter Luxus. Nichts gegen ein Zelt, aber an einem verregneten Tag in eine Hütte zu kommen, in der einem wieder warm wird und die Sachen trocknen, ist genial.

Hütten vermitteln häufig ein Gemeinschaftsgefühl. Wie oft sind wir auf Hütten mit anderen Menschen ins Gespräch gekommen. Viele eint die gleiche Leidenschaft für die Bergwelt. Die anderen Menschen, mit denen wir uns unterwegs auf den Hütten austauschen, machen eine lange Wanderung zu etwas Besonderem.

In der Kombination entsteht für uns häufig das Gefühl, dorthin zu gehören, genau am richtigen Ort zu sein.

Ankunft am Karwendelhaus

Wärme, im Gastraum der Lamsenjochhütte

Gemeinschaft, Abend auf der Kellerjochhütte

Geborgenheit, endlich Ankunft auf der Hochfeilerhütte

Gemütliches Frühstück im Rifugio Lambertenghi

Lieferung per Kraxe an der Filmoorhütte

„Kühlschrank“ an der Filmoorhütte

Ein Gedanke zu “30. Hütten

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