32. Allen Wanderern zugänglich?

von Andrea

Als wir die ersten Male vage darüber nachgedacht haben, uns auf die Via Alpina zu begeben, haben wir uns schon gefragt, ob ein solcher Weg nicht vielleicht eine Nummer zu groß für uns wäre. Klang schließlich irgendwie nach „alpin“ und damit nach „schwierig“ und nach „nix für Fischköppe“. Den Tausch Deiche gegen Berge haben wir in unserem Leben erst jenseits der Dreißig vollzogen. Geborene Bergziegen sind wir also beide nicht.

Auf der Website der Via Alpina fanden wir die beruhigende Aussage, dass die Wege der Via Alpina technisch nicht anspruchsvoll seien und – außer bei Schnee – allen Wanderern zugänglich. Es sei sogar keinerlei Bergerfahrung notwendig. Echt jetzt? Damit stand ja dem Abenteuer Via Alpina nix mehr im Weg, oder?

Nach einigen Wochen unterwegs weiß ich: „Wer’s glaubt, hat selbst Schuld.“

Immerhin war auf der Website der Via Alpina auch davon die Rede, dass man besser trittsicher und schwindelfrei sein sollte. Als wir vor gut zehn Jahren unsere ersten Bergtouren gemacht haben, hatten wir nicht mal gewusst, was damit in Bezug auf Wandern genau gemeint war. Also, schwindelig ist mir meistens nur nach zu viel Alkohol oder zu wenig Schlaf. Und was heißt trittsicher? Bei Idioten kann ich in der Regel schon sicher zutreten … reicht das?

Mittlerweile können wir mit den Begriffen etwas anfangen und wissen, dass Trittsicherheit vor allem Übung ist und Schwindelfreiheit stark von unserer Tagesform abhängt. Aber wie passen diese Anforderungen zu der Aussage, die Via Alpina sei allen Wanderern zugänglich und Bergerfahrung sei nicht notwendig?

Sehr gern nutzten wir zur Vorbereitung unserer Tour auf der Via Alpina den Service, über die Website der Via Alpina einen eigenen Wanderführer zusammenstellen zu können. Dieser enthielt für jede Etappe Entfernungsangaben, Höhenmeter, Gehzeiten, GPS-Tracks und Wegbeschreibungen. Das war echt gut gemacht und deutlich einfacher für unsere Planung als für unsere Tour durch Norwegen. Da hatten wir doch eigentlich schon alles, was wir brauchten und konnten uns weitere Vorbereitungen sparen, oder? Eine grobe Einstufung der Schwierigkeiten aller Etappen gekennzeichnet mit „einem Fuß“, „zwei Füßen“ und „drei Füßen“ gab es auch … freilich ohne dass ich ich eine Erläuterung gefunden hätte, was damit gemeint war.

Beim groben Blick auf die Gehzeiten der Etappen haben wir uns zwar etwas gewundert, weil wir nach unserer bisherigen Erfahrung für die meisten Etappen auf Basis von Distanz und Höhenmetern mal eher die eineinhalbfache Gehzeit veranschlagt hätten. Aber, na ja, das waren ja nur Feinheiten. Und bei einigen GPS-Tracks stellte sich heraus, dass sie deutlich mehr Höhenmeter im Auf- und Abstieg enthielten als für die jeweilige Etappe in der Wegbeschreibung angegeben war, was die Gehzeiten noch interessanter machte. Ach, nicht ins Bockshorn jagen lassen, würde schon passen.

Aber dann ließ ich mich doch ins Bockshorn jagen und zwar, als ich bei der Etappe in Slowenien von Crna Prst zum Berg Vogel in der Wegbeschreibung etwas von „sehr ausgesetzt“ las. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Wanderführer auf das Wort „ausgesetzt“ gestoßen war, hatte ich nicht mal gewusst, was mir das hatte sagen sollen. Hatte ich noch nie gebraucht, Deiche waren nicht ausgesetzt. Mittlerweile geht bei mir bei diesem Wort jedes Mal die Alarmanlage an. Denn letztlich heißt es, dass es auf einem schmalen Weg neben einem so steil und so weit runter geht, dass man sich jegliches Stolpen wirklich verkneifen sollte. Aber … äh … das konnte auf der Via Alpina ja eigentlich nicht sein von wegen „technisch nicht anspruchsvoll“ und „allen Wanderern zugänglich“ und so, oder?

Das bringt einen zu der spannenden Frage, wie man überhaupt bewertet, was technisch anspruchsvoll ist und was nicht bzw. was allen Wanderern zugänglich ist. Um dieses Kunststück zu bewerkstelligen gibt es eine dreistufige Klassifikation für Bergwege vom Alpenverein (https://www.alpenverein.de/bergsport/aktiv-sein/bergwandercard/schwierigkeitsgrade-von-bergwegen_aid_28820.html):

  • Einfache Bergwege (blau gekennzeichnet) sind überwiegend schmal, können steil angelegt sein und weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf
  • Mittelschwere Bergwege (rot gekennzeichnet) sind überwiegend schmal, oft steil angelegt und können absturzgefährliche Passagen aufweisen. Es können zudem kurze versicherte Gehpassagen (z.B. Drahtseil) vorkommen.
  • Schwere Bergwege (schwarz gekennzeichnet) sind schmal, oft steil angelegt und absturzgefährlich. Es kommen gehäuft versicherte Gehpassagen und/oder einfache Kletterstellen vor, die den Gebrauch der Hände erfordern. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unbedingt erforderlich.

Zusätzlich gibt es noch „Alpine Routen“. Das sind keine Bergwege im eigentlichen Sinn. Sie werden nicht instand gehalten und in vielen Gegenden auch gar nicht ausgeschildert. Sie führen ins freie, hochalpine Gelände. Je nach Untergrund sieht man mehr oder weniger gut ausgeprägte Trittspuren.

Die Klassifizierung der Bergwege findet man häufig – wenn auch nicht immer – auf Wegweisern unterwegs, die dann mit einem kleinen blauen, roten oder schwarzen Punkt versehen sind. Auch Wanderführer in Buchform und Tourenportale im Internet nutzen überwiegend diese Klassifizierung. Die oft rot-weiß-roten Wegmarkierungen an Bäumen und Steinen unterwegs hingegen sagen nix über die Schwierigkeit eines Weges aus, sie helfen nur dabei, sich nicht zu verlaufen.

Kleines Schmankerl noch dazu, um ein wenig Verwirrung zu stiften: Im Allgäu und in Vorarlberg sind leichte Bergwege gelb gekennzeichnet und schwere Bergwege blau! Hier besteht also Verwechslungsgefahr mit leichten Bergwegen in anderen Regionen. Da kann es also passieren, dass man glaubt, man habe einen leichten „blauen“ Spaziergang vor sich, um sich dann unvermutet in Absturzgelände wiederzufinden. Alles klar? Wäre ja sonst auch zu einfach. Im Folgenden beziehe ich mich immer auf die Farben gemäß der Klassifizierung des Alpenvereins.

Einfache (blaue) Bergwege sind vermutlich tatsächlich allen Wanderern mit ausreichender Kondition zugänglich. Bei mittelschweren (roten) Bergwegen ist die Bandbreite nach unserer Erfahrung ziemlich groß. Viele dürften ebenfalls allen Wanderern zugänglich sein. Bei einigen roten Wegen, die uns in unserem Bergwanderleben bisher so unter die Füße gekommen sind, wäre ich bezüglich „technisch nicht anspruchsvoll“ und „alle Wanderer“ allerdings schon ins Grübeln geraten.

Und schwere (schwarze) Bergwege? Die wichtigsten Anforderungen auf schwarzen Bergwegen sind wohl tatsächlich Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Was steckt dahinter? Was muss ich dafür können?

  • Kann ich in komplexem felsigen Gelände den nächsten Schritt stabil immer genau an der Stelle platzieren, die ich angepeilt habe? Ohne zu kippeln oder zu stolpern? Auch wenn ich dabei gleichzeitig hohe Schritte rauf oder runter muss? Auch wenn es mal rutschig ist? Auch mit Gepäck? Und das ganze auch noch nach Stunden, wenn Kopf und Beine müde werden?
  • Und wie fühle ich mich, wenn es an einer Seite direkt neben mir steil runter geht? Oder gar an beiden Seiten? Bekomme ich weiche Knie? Oder gar das Gefühl, dass die Welt etwas schwankt, dass mir schwindelig wird? Wie lange kann ich mich so intensiv auf meine Füße und den jeweils nächsten Schritt fokussieren, dass ich den Abgrund ausblenden kann? Für 10 Schritte? Für 100 Meter? Und schaffe ich das immer wieder, wenn es auf einer Tour nicht nur eine, sondern mehrere absturzgefährliche Stellen gibt?

Wir haben bisher nur einige wenige schwarze Touren unter den Füßen gehabt. Dies immer nur als Tagestouren, mit weniger Gepäck, bei perfektem Wetter, wenn wir beide ausgeschlafen waren und nach reiflicher Überlegung. Wenn wir richtig gut drauf waren, hatten wir dabei viel Spaß und haben die absturzgefährlichen Stellen kaum wahrgenommen. An weniger guten Tagen hatten wir während einer solchen Tour beide die Hosen voll und haben uns gefragt, warum wir uns das antun.

Entsprechend war ich war total eingeschüchtert, als ich feststellen musste, dass die Via Alpina tatsächlich auch schwarze Etappen enthält. Nach dem netten Marketing-Text auf der Website der Via Alpina hatte ich damit sowas von gar nicht gerechnet. Zutrauen tat ich mir das auch nicht. Und ich war ernsthaft empört. Das war doch Irreführung! Irgendein Kriterium von „alle Wanderer“ erfüllte ich offensichtlich nicht. Aber welches?

Jedenfalls habe ich dann schlagartig den Wegbeschreibungen der Via Alpina das Vertrauen entzogen. Wann immer eine Etappe auch nur entfernt danach roch, dass sie ganz vielleicht schwierig sein könnte, fing ich an, im Internet und in Tourenportalen nach Zusatzinformationen zu suchen, insbesondere nach der Klassifizierung des Weges. Mühsam, wenn man schon unterwegs ist und in der Regel ein schlechtes bis gar kein Handy-Netz hat. Aber meine Verunsicherung war so groß, dass ich tatsächlich für eine Weile eine Etappe ohne Zusatzinformationen nicht antreten mochte. Ich hatte plötzlich das Bild im Kopf, dass eine Etappe mich ohne Vorwarnung in eine wirklich gefährliche Situation bringen könnte.

Dabei ist die Klassifizierung eines Bergweges natürlich sehr grob und sicherlich auch subjektiv. Ich habe schon auf schwarzen Bergwegen die Achseln gezuckt und mir auf roten Bergwegen fast in die Hosen gemacht. Man weiß vorher trotz der Klassfizierung immer nur ungefähr, was einen erwartet. Man muss es sich schon selbst anschauen und notfalls umkehren oder eine alternative Route zum Ziel finden. Wenn das denn geht. Wenn das nicht realistisch ist und man nicht ganz sicher ist, ob man einer Etappe gewachsen ist, ist es vielleicht wirklich besser, sie nicht anzutreten.

Nach nun mehreren Wochen auf der Via Alpina ist der Fischkopp von seiner Empörungs-Palme wieder herunter gerutscht. Ein so langer Weg entlang der Alpen komplett ohne anspruchsvolle Etappen ist nicht realistisch … oder er ist langweilig, wenn er alle potenziell schwierigeren Stellen im Tal umgeht. Und den Marketing-Quatsch auf der Website hätte ich einfach von Anfang an nicht glauben dürfen.

Ich habe auch verstanden, dass die Wegbeschreibungen auf der Website der Via Alpina in vermutlich ehrenamtlicher Tätigkeit von vielen verschiedenen Leuten erstellt wurden und die Hinweise auf Schwierigkeiten daher kaum vergleichbar sind. Einen Hinweis auf Schwindelfreiheit bei einer zwei Meter breiten Forststraße an einem steilen Abhang auf dem Weg zur Lamsenjochhütte fand ich äußerst amüsant. Bei einem sehr schmalen Pfad an sehr steilen Wiesenhängen auf dem Weg zur Valentinalm hätte ich mir in der Wegbeschreibung einen deutlicheren Hinweis gewünscht, dass es dabei nicht um ein paar Meter ging, sondern um etwa ein Drittel der ausgesprochen langen Etappe. Für die Etappe zur Silianhütte hatte ich etwas von gemütlich gelesen und konnte das nur schwer mit einigen durchaus anspruchsvollen und ausgesetzten Passagen unterwegs in Einklang bringen. Sehr schön war auch der Abstieg vom Schachenhaus ins Reintal mit dem Schild „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit notwendig“ … diese Etappe wurde ebenfalls in der Wegbeschreibung als „gemütlich“ bezeichnet und kostete uns einiges an Nerven.

Ich bin mittlerweile ruhiger geworden, traue mir mehr zu und fange bei dem Wort „ausgesetzt“ nicht sofort an zu hyperventilieren. Die bisherigen – zugegeben wenigen – schwarzen Etappen auf der Via Alpina haben wir alle umgangen. (Und unsere persönliche Königsetappe von der Chemnitzer Hütte zur Hochfeilerhütte mit Leiter und Gletscherquerung … hüstel … war ja nicht Teil der Via Alpina.) Für die künftigen schwarzen Etappen werden wir das jeweils entscheiden, wenn diese kurz bevor stehen. Abhängig davon, wie es uns geht, wie das Wetter ist, wie lang die Etappe ist und so weiter.

Und bis ich in Monaco bin, erfülle ich dann ja vielleicht auch das Kriterium „alle Wanderer“. ☺

Übrigens gibt es in der Schweiz eine sechstufige Skala für die Klassifizierung von Bergwegen, die man ebenfalls beim DAV nachlesen kann (https://www.alpenverein.de/bergsport/aktiv-sein/bergwandercard/schwierigkeitsgrade-von-bergwegen_aid_28820.html). Mir persönlich gefällt die schweizer Klassifizierung besser, weil sie mehr Informationen enthält. Aber leider wird sie meines Wissens nach bisher nur in der Schweiz verwendet.

So ein Bergweg ist in der Regel „blau“, auch wenn es rechts steil runter geht, der Weg ist schlicht breit genug

Auch der Weg geht vermutlich noch als „blau“ durch, auch wenn er schmäler ist

Der dürfte schon „rot“ sein

Wenn solche sehr schmalen Passagen am Abhang kurz sind, passt „rot“ noch

Das war eigentlich gar kein Weg mehr – die Passage war sehr kurz aber leider auch sehr absturzgefährlich

Solche quasi „frei schwebenden“ schmalen Stege sind zum Glück selten und eigentlich nicht mehr „rot“

Wohl noch breit genug für „rot“, auch wenn es neben dem Weg weit runter ging

Wenn es – wie in diesem Blockfeld – gar keinen „Weg“ mehr gibt, wird die Klassifizierung schwierig … es war aber zum Glück nur mühsam, nicht absturzgefährlich

Na, zumindest dieses Stück im Blockfeld ist fast schon wieder „blau“

Hier brauchten wir häufiger mal die Hände … irgendwo zwischen „rot“ und „schwarz“ (nicht auf der Via Alpina)

Leitern gehen in der Regel nicht mehr als „rot“ durch (nicht auf der Via Alpina)

Für die Begehung von Gletschern gibt es ein eigenes Klassifizierungssystem … für diesen hier galt: total einfach (nicht auf der Via Alpina)

Weg? Welcher Weg?

Dieses Wegstück war super cool, da konnte man beim besten Willen auf keiner Seite runterpurzeln

Äh … ich dachte, für die Via Alpina bräuchte man keinerlei Bergerfahrung?!

Nasse rutschige Felsen und Metallkrampen sind super, da gab es zum Glück das Drahtseil … wirklich noch „rot“?

Eigentlich noch relativ breit, aber die Felswand runter hätte man fliegen üben können – zum Glück gab es ein Drahtseil, denn die Felsen und Holzbalken waren nass und rutschig

Wegweiser mit Information zur Schwierigkeit und hier sogar auch mit Alpinen Routen, was eher selten ist

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