33. von Weißenbach nach Oberstdorf

Fakten

  • 3 Wandertage
  • ca. 36 Kilometer (+15 Kilometer Bus)
  • ca. 2.300 Höhenmeter Aufstieg
  • ca. 1.300 Höhenmeter Abstieg (+1.000 Nebelhornbahn)
  • Erst nicht Hochallgäu, dann doch Hochallgäu

Tag 53

von Ole

Es hatte in der Nacht noch kräftig gewittert und gegossen. Auch morgens hingen die Wolken tief. Wir frühstückten in Ruhe. Ich fragte einen Mann am Nebentisch, ob ich mal einen Blick in seine Wanderkarte werfen könnte. Er meinte, die wäre nicht von dieser Gegend, holte aber eine andere aus seinem Zimmer, mit der wir etwas planen durften. Er machte sogar noch einen guten Vorschlag, wie man über die Landsberger Hütte zum Prinz Luitpold Haus gehen könnte, und so die Mammutetappe aufteilen könnte.

Wir entschieden uns angesichts des angekündigten Regens trotzdem für das Ausweichen in niedrigeres Gelände und damit gegen einen Aufstieg zum Prinz Luitpold Haus. Immer ein bisschen rechts und links der Bundesstraße durch das Tannheimer Tal. Hotels mit freien Zimmern hatten wir im Internet einige gesehen, mit unseren Füßen und Knien mussten wir es heute auch nicht übertreiben. Irgendwie würden wir in drei Tagen nach Oberstdorf kommen. Damit wären wir am Wochenende dort, wenn die meisten Hütten voll waren und könnten den Montag mit dem schlechten Wetter ebenfalls noch aussitzen.

Der Anfang lief besser und schöner als erwartet. Über die alte Gaichtpassstraße, die dank Spenden erhalten wird und toll renoviert war. Nur die Höhenmeter hatten wir so nicht auf dem Plan. Wir querten die Bundesstraße, durchquerten den Ort Gaicht mit tollen Holzhäusern und freuten uns, dass der Jakobsweg durch das Tannheimer Tal verlief und gut ausgeschildert war. So kamen wir mit netten Ausblicken an Nesselwängle vorbei, bis wir nach zwei Stunden kurz vor dem Haldensee waren.

An einer Bank vor einem Lift machten wir eine Trinkpause. Der Himmel vor uns war dunkelgrau. Wollten wir im Regen weiter gehen? Ich hatte vorher schon festgestellt, dass wir an einer Bushaltestelle standen, von der ein Bus in unsere Richtung in fünf Minuten fahren sollte. Den nahmen wir, dank der Gästekarte sogar kostenlos. Nach vielen Schleifen durch die kleinen Orte des Tannheimer Tals hatten wir weitere ca. 10 Kilometer geschafft. Wir stiegen in Tannheim aus und latschen in strömendem Regen noch 500 Meter zum Hotel, das Andrea beim Warten auf den Bus noch schnell gebucht hatte.

Wir konnten schon kurz vor 12:00 Uhr direkt ins Zimmer, machten eine kurze Pause und gingen mit Schirm zurück in den Ort, um Mittag zu essen. Vorher besorgten wir uns endlich eine Wanderkarte. So konnten wir nach der Bestellung des Essens schon ein wenig planen, wie wir in zwei Tagen nach Oberstdorf kommen könnten. Über einige gute Ideen diskutierten wir kurze Zeit später bei überbackenem Spinat und Kalbsrücken mit Kürbiskernkruste. Die letzten offenen Fragen konnten wir zurück im Hotel dank WLAN und Internet schnell klären. Der Plan war: Aufstieg zum Zirleseck mit 1872 Metern, runter ins nächste Tal nach Hinterstein, weiter in das Hintersteiner Tal und am Ende zur Schwarzenberghütte rauf. Am Folgetag zum Nebelhorn hoch und vermutlich mit der Seilbahn Knie schonend nach Oberstdorf runter. Doch noch eine gute Portion Allgäuer Hochalpen. Mittlerweile ist die Flexibilität für uns einfacher und die damit verbundene Planung schneller.

Wir schrieben und bloggten noch ein wenig bevor wir uns in der Sauna entspannten. Gegen 19:00 Uhr bekam Andrea endlich wieder etwas zu Essen, wobei sie diesmal Salat nahm, ich ein Hirschrückensteak. Das Wetter hatte sich wieder deutlich verbessert, der Wetterbericht war heute mal ziemlich gut gewesen mit der Vorhersage von Regen zwischen 11:00 Uhr und 14:00 Uhr.

Tag 54

von Andrea

Frühstück erst ab 8:00 Uhr roch doch verdächtig nach Wellness-Tag. Der Eindruck wurde durch das leckere Frühstück inklusive Spiegelei mit Speck und Nutellabrötchen noch verstärkt. Nur dass wir danach unsere armen Füße in die müffelnden Schuhe stopften und die Rücksäcke auf unsere Schultern hüserten passte irgendwie nicht so richtig zu Wellness.

Als wir um 9:00 Uhr unter blauem Himmel starteten, war die Temperatur noch gut auszuhalten. Aber es war schon absehbar, dass wir an dem Tag mal wieder auf bzw. unter dem Grill landen würden.

Nach einem knapp halbstündigen Hatscher durch den Ort fanden wir den Abzweiger zum Zirleseck – Gehzeit laut Schild drei Stunden – und schnauften langsam den Hang hoch. Ein schöner Weg, zum Glück auch häufiger mal im Schatten. Die Alm Älpele, die wir nach einer Stunde erreichten, ließen wir rechts liegen. Wir brauchten beide noch keine Pause und wollten lieber weiter aufsteigen, so lange es noch nicht allzu heiß war.

Schon um 11:30 Uhr waren wir dann nach etwa 800 Höhenmetern Aufstieg am Zirleseck. Die an den Schildern angeschriebenen Gehzeiten sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Oder: Wie zum Geier schaffen wir es zu Hause, unsere geniale Fitness zu erhalten? Das ist so cool. Endlich fühle ich mich bergauf nicht mehr wie die langsamste Schnecke im Stall.

Es war total schön da oben. Das Hochallgäu konnte sich echt sehen lassen. Ganz anders, als man sich das Allgäu normaler Weise so vorstellt. Wir gönnten uns eine entspannte Pause im kühlen Wind am Joch und machten uns dann an die knapp 1.000 Meter Abstieg nach Hinterstein. Abstieg fand mein linkes Knie doof, auch mit Bandage. Immerhin ging es schon etwas besser als noch vor zwei Tagen. Ich vertröstete mein Knie auf die geplanten Ruhetage in Oberstdorf, bis dahin musste es noch durchhalten.

Wir trafen auf ein Paar, das als Tagesausflügler mit sehr kleinem Gepäck vermutlich gerade im Aufstieg war, wobei die Frau allerdings auf dem Boden saß und an einem Fuß Schuh und Socken ausgezogen hatte. Ich vermutete, dass es eine Blase zu verarzten galt, grüßte und ging weiter. Gutmensch Ole fragte, ob alles ok sei und fragte angesichts der erwarteten Antwort auch gleich, ob sie ein Blasenpflaster haben wollten. Oh ja, das wäre prima, kam als Antwort, sie hätten leider gerade eben gemerkt, dass sie die Pflaster wohl doch nicht eingepackt hätten. Ich setzte leicht angenervt den Rucksack ab und kramte ein Blasenpflaster hervor. Es war ja nicht so, dass ich nicht helfen mochte. Aber irgendwie fand ich, dass Planlosigkeit auch mal als Konsequenz haben durfte, dass man eben umkehren oder etwas leiden muss, statt dass andere das Problem lösten. In der Beziehung kann ich ja echt eine Zicke sein.

Ganz unerwartet konnten wir im Abstieg auf der Willersalpe gleich die nächste Pause machen. In unserer Wanderkarte war nicht erkennbar gewesen, dass es dort etwas zu futtern gab. Unsere Freude war daher umso größer. Vor allem auch, weil die Alpe wunderschön gelegen war und es dort dank der wenigen Gäste wunderbar ruhig war. Ich hätte dort gut noch länger sitzen können, aber wir hatten noch ein Stück zu gehen und es wurde wärmer und wärmer.

Beim Erreichen der für den „normalen“ Verkehr gesperrten Straße im Hintersteiner Tal fühlten wir uns wie in der Sauna plus zusätzlichen Grill von oben. Jetzt stand die Entscheidung an, ob wir das Stück Straße von etwa 6 Kilometern bis zum Aufstieg zur Schwarzenberghütte laufen wollten oder stattdessen den Bus nehmen wollten, der stündlich fuhr. Laufen? Fließen hätte ich können, da ich mich echt in Auflösung befand, aber laufen? Also bitte keinen Purismus, ich finde Busse super.

Zur nächsten Haltestelle hatten wir noch ein Stück auf der Straße ohne Schatten, was die Bus-Entscheidung noch bekräftigte. An der nächsten Haltestelle stand auch ein Gasthaus, an dem wir noch schnell Kühlmittel nachfüllten, dann schaukelte uns der Bus talaufwärts.

Von den folgenden letzten etwa 400 Höhenmetern Aufstieg zur Hütte verliefen die ersten etwa 100 Höhenmeter noch unter praller Sonne. Der Weg war so geschickt angelegt, dass er allen Schatten spendenden Bäumen auswich. Ich zweifelte etwas daran, dass ich die Hütte erreichen würde, bevor ich mich vollständig aufgelöst hätte. Dann hatte der Weg ein Einsehen und bog doch noch in den Wald ab. Uff.

Allerdings haben mich im Wald vermutlich die nächsten Bremsen erwischt und das mit Pech mehr als einmal – innerhalb von weniger als einer Minute, bevor ich überhaupt nur eine Bremse gesehen habe. Durch ein langärmeliges Oberteil hindurch am linken Ellenbogen und an der Brust. Ich hoffte, dass die Kombination aus schmerzhaftem Zwacken, wegfliegenden Insekten, aggressivem Juckreiz und fiesen Quaddeln irgendwie Zufall war und mit Bremsenstichen nix zu tun hatte. Vielleicht half ja auch ignorieren.

Leider ruft mein Immunsystem bei einem Bremsenstich immer so etwas wie den nächsten Weltkrieg aus. Deswegen stresst es mich schon total, wenn ich nur glaube, von einer Bremse gestochen worden zu sein. Beim letzten Stich am Ellenbogen vor vielen Jahren sind Ellenbogen, Oberarm und Lymphknoten so stark angeschwollen, dass man mir im Krankenhaus den Arm eingegipst hat, um das Gelenk ruhig zu stellen.

Ein Bremsenstich am Ellenbogen sorgt daher bei mir für einen besonders hübschen Stresslevel. Da ich aber nicht zu 100 Prozent sicher war, dass ich neue Bremsenstiche kassiert hatte, weil ich erstens schlauer Weise vorher durch einen Dornenbusch gestolpert war, was auch nett zwacken und Quaddeln hervorrufen kann und zweitens die wegfliegenden Insekten nicht genau gesehen hatte, nahm ich vorerst kein Kortison.

Aber eins wusste ich nach dem Tag. Ich freute mich echt auf die angekündigte Kaltfront. Ich hatte von der Hitze und den Bremsen, gegen die wir uns fast täglich zur Wehr setzen mussten, sowie wir unterhalb der Baumgrenze wahren, die Nase voll.

An der Hütte waren wir um 16:00 Uhr, das war schneller als erwartet. Hatten wir erwähnt, dass eine Hütte oft eine spezielle Atmosphäre hat? Galt hier auch, nur leider irgendwie anders. Auf der Schwarzenberghütte half es nicht, ein Lächeln zu verschenken, man bekam es nicht zurück. Der Hüttenwirt gehörte eher in die Kategorie brummiges Original. Dafür machte er den Job auf dieser Hütte schon seit 34 Jahren. Das musste man auch erstmal durchhalten.

Die anderen Hüttengäste nervten uns etwas. Aber vielleicht wurden wir auch langsam wunderlich. Eine Gruppe von sechs Männern, die mit jeder Runde Bier lauter wurde, brauchten wir beide nicht. Eine Gruppe von vier Frauen, eine Lache durchdringender als die andere, ging mir sehr auf die Nerven. Nach jeder Lachsalve fühlte ich mich kurz taub. Und als deren größte Sorge zu sein schien, wo sie eine Steckdose für ihre Handys finden und ob es WLAN gibt, konnte ich mir ein Augenrollen nicht ganz verkneifen.

Viele der anderen Hüttengäste schienen nicht wirklich auf einer Bergtour zu sein, sondern waren eher so für ein geselliges Wochenende unterwegs. Die Hütte war sehr leicht zu erreichen, das hatte wie immer Auswirkungen auf die Art der Gäste. Vielleicht erklärte das auch die brummige Art des Hüttenwirts. Der hatte schon mehr gesehen, als wir uns auch nur vorstellen konnten und war vielleicht von einigen Gästen ähnlich genervt wie wir. Jedenfalls meinte er, früher hätte man sich zusammen gehockt und gespielt oder gesungen, auch wenn man sich nicht kannte, während heute jeder allein sitzt und nur in sein Handy schaut.

Wir verputzten zum Abendessen eine große Portion Käsespätzle, lasen und schrieben noch und gingen dann – wie eigentlich immer seit dem Start der Tour – früh schlafen. In unserem kleinen Matratzenlager mit 8 Matratzen blieben wir allein. Damit hatten wir gar nicht gerechnet und waren natürlich schwer begeistert.

Tag 55

von Andrea

Was ist noch gemeiner als ein Bremsenstich? Genau, zwei davon. Und was ist noch gemeiner als zwei Bremsenstiche? Ich hatte tatsächlich drei neue Bremsenstiche, zwei direkt nebeneinander am linken Ellenbogen und einen an der Brust. Und mein Immunsystem hatte auch nichts besseres zu tun, als noch in der Nacht den nächsten Weltkrieg auszurufen. Ich lag lange wach, fragte mich, ob es in Oberstdorf wohl ein Krankenhaus gab, ob es dort wohl eine Notaufnahme gab, ob ich den Rest unserer Tour mit Gipsarm im Krankenhaus verbringen würde oder ob sie dieses Mal den Arm gleich amputieren würden. Die Nacht war dunkel und lang. Wenn ich meine wilden Gedanken gar nicht mehr aushielt, angelte ich mir eine Hand von Ole. Es tat gut zu wissen, dass ich da nicht allein durch musste.

Als um 6:15 Uhr unser Wecker klingelte, war der Ellenbogen stark geschwollen und schmerzte bei Bewegung, so dass ich den Arm nur ein Stück weit beugen konnte. Für so etwas wie Anziehen, Rucksack auf- und absetzen oder Wanderstock schwingen, reichte das nicht. Beim Anziehen sowie bei jedem Auf- und Absetzen des Rucksacks half Ole. Einer meiner Wanderstöcke bekam einen Urlaubstag und wurde an Oles Rucksack befestigt, ich schwang nur einen Wanderstock.

Vor dem Frühstück schluckte ich noch die höchste Dosis Kortisontabletten, die ich laut Packungsbeilage auf einmal nehmen durfte. Es gab sicher Gesünderes, aber ich hatte überhaupt keinen Bedarf herauszufinden, zu welchen Höchstleistungen mein Immunsystem auf Abwegen noch so in der Lage war. Nach einem kurzen Frühstück – wir waren um 6:30 Uhr nur zu fünft, was auch zeigte, wie wenige Gäste auf der Hütte auf einer Bergtour waren – marschierten wir schon gegen 7:20 Uhr los.

Ich hatte noch kurz überlegt, ob es vielleicht schlauer wäre, den Rückzug anzutreten und mit dem Bus zurück nach Hinterstein und von dort mit dem Bus nach Oberstdorf zu fahren. Also, naja, schlauer bestimmt, aber schöner nicht. Ich wollte das Hochallgäu sehr gern noch einen zweiten Tag genießen. Also los. Auf zum Engeratsgundsee und zum Edmund Probst Haus und damit zur Gondel, die uns den langen Abstieg nach Oberstdorf ersparen würde. Es sollten auch nur knapp 900 Höhenmeter Aufstieg und gut 200 Höhenmeter Abstieg verteilt auf gut 8 Kilometer sein. Die Gehzeit war mit 3:45 Stunden angegeben. Das sollte doch auf einer Pobacke gehen, oder?

Da hatten wir aber die Rechnung ohne die Wärme und die Komplexität des Weges gemacht. Es war über Nacht fast gar nicht abgekühlt. Der Hang, den wir hinter der Hütte hoch mussten, wurde von der Morgensonne geküsst … ein Kuss, auf den wir gern verzichtet hätten. Noch vor 8:00 Uhr hatten wir beide wieder unsere Salzkruste, wurden darin gedünstet und waren beide von der Wärme gut genervt. Der steile Weg mit den hohen Schritten sowie ein kurzes Latschen-Limbo, das bei Ole für einen kleinen Wutanfall sorgte, erledigte den Rest. Ich verfeuerte schlauer Weise auch noch ein wenig Energie mit der Sorge um meinen Ellenbogen.

Aber bei allem Schimpfen auf die Sonne, den Weg, die Latschen, die Bremsen und die Welt war die Landschaft um uns herum ein Traum. Ab und zu gab es auch mal eine Stelle mit ein wenig Wind. Da blieben wir dann ganz verzückt stehen, kühlten ein wenig runter und genossen die Berge um uns herum.

Was mich zusätzlich noch verzückte waren die kleinen Altschneefelder unterwegs. Da stiefelte Ole immer tapfer hin und holte mir Schnee, den ich dann beim Gehen mit der rechten Hand auf meinen linken Ellenbogen presste. Unter der damit verbundenen merkwürdigen Körperhaltung litt allerdings meine Trittsicherheit etwas.

Unterwegs bewunderten wir über uns noch den Hindelanger Klettersteig. Der war leicht daran zu erkennen, dass am Grat viele bunten Jacken im Stau standen. Lustiger Anblick. Aber eh klar. Wochenende + Wetter gut + Klettersteig sehr bekannt = Stau. Wir amüsierten uns. Wäre eh nix für uns gewesen, weder der Grat noch der Stau.

Nach etwa drei Stunden setzte der Gegenverkehr ein. Das waren diejenigen, die von der Seilbahn kamen. Da war längst klar, dass 3:45 Stunden für uns nicht machbar waren. Wie war das doch mit den Gehzeiten und unserer Fitness? Bei der Wärme und einem felsigen Weg, der unseren gedünsteten Gehirnen eine Menge Konzentration abverlangte, war nix mit Fitness.

Ein Mann, der uns entgegen kam und nach der Gehzeit bis zur Schwarzenberghütte fragte, verlor an seinen Bergstiefeln die Sohlen und hatte diese mit Paketklebeband notdürftig befestigt. Interessante Idee, damit durch das Felsgelände zu turnen. In der Situation kam dann auch Ole sein Gutmenschentum abhanden. Er zuckte nur die Achseln, wir gingen weiter – wobei wir durchaus besseres Klebeband dabei gehabt hätten. Aber der Mann hatte nicht danach gefragt und wir waren bockig.

Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Bergschuhe nach etwa 10 Jahren ihrer Sohlen entledigen, weil sich nach dieser Zeit irgendeine Schicht darin auflöst. Passiert allerdings nur bei Bergschuhen, die wenig benutzt werden, denn bei anderen Bergschuhen ist das Profil der Sohlen nach sehr viel weniger Zeit längst abgelaufen, womit entweder die Sohlen oder die Schuhe ersetzt werden. Erstens hätten wir auch mit besserem Klebeband keine Tour in dem Gelände empfohlen, zweitens merkt man meist recht schnell nach dem Start, dass sich die Sohle löst und kann dann gleich etwas tun, drittens war die Seilbahn nach Oberstdorf nicht weit weg, viertens gab es in Oberstdorf ganz bestimmt einen Schuhladen und fünftens war die Sorglosigkeit von anderen in diesem Fall mal nicht unser Problem, fanden wir.

Der Weg blieb spannend, felsig, anspruchsvoll. Immerhin konnte man nirgends runter purzeln, musste aber vor den meisten Schritten im Kopf eine Zeichnung machen, wie das nun gehen sollte mit dem Fuß und wohin danach mit dem nächsten Schritt. Ole meint, ich kann diese Zeichnungen mittlerweile ziemlich schnell machen.

Als uns immer mehr Leute in Turnschuhen und mit unsicherem Gang entgegen kamen, nahmen wir das als sehr gutes Zeichen, die Seilbahn konnte nicht mehr weit weg sein. Noch einmal kurzes steiles Felstanzen bergab, noch ein steiler erodierter Schuttweg bergauf, noch ein Stück Schotterstraße bergab, dann standen wir um kurz vor 12:00 Uhr an der Seilbahn. Ziemlich platt. Nix mit auf einer Pobacke. Männo. Dafür waren wir ausreichend motiviert, den sehr hohen Preis für die Seilbahn zu zahlen. Nach Oberstdorf runter laufen würden wir sicher nicht!

Ich hatte schon unterwegs bemerkt, dass meine linke Hand und die Finger immer dicker geworden waren. Vermutlich der Tatsache geschuldet, dass der Arm die ganze Zeit nur herunter hing, denn sowohl das Schlenkern des Armes als auch das Bewegen der Finger taten im Ellenbogen weh. Kurz vor der Seilbahn schaute ich mir die Hand genauer an und zeigte sie dann Ole. Die Fingergelenke waren stark geschwollen und interessant blau-rot verfärbt. Ole und ich schauten beide etwas entgeistert auf meine Hand. Habe ich schon erwähnt, dass ich von Hitze und Bremsen die Nase voll hatte? Zum Glück ließ sich die Hand relativ schnell wieder in einen brauchbaren Zustand überführen, ich musste sie nur lange genug hoch halten.

Bei fluffigen 32 Grad Celsius in Oberstdorf suchten und fanden wir unser vor zwei Tagen gebuchtes Hotel und konnten zum Glück nach einigem Hin und Her schon ins Zimmer (Zimmer eigentlich noch nicht fertig, also anderes Zimmer, das dann aber eigentlich auch noch nicht fertig, wir aber zum Entsetzen des Zimmerservice schon unter der Dusche). Die Stiche am Ellenbogen machten mir am meisten Sorgen, der Ellenbogen war gut geschwollen, aber es schien seit dem Morgen nicht schlimmer geworden zu sein und das musste bei dem Tag als Erfolgserlebnis vermutlich genügen. Der Stich an der Brust war groß und doof aber nicht weiter heikel.

Nach dem üblichen Verwüsten des Zimmers und einer Dusche bekamen wir in einem Restaurant in der Nähe eine Kleinigkeit zu essen und mein Ellenbogen eine Eispackung. Nach dem Essen lieferte Ole mich im Hotel ab, wo ich Reisebericht schrieb, während er im anderthalb Kilometer entfernten Supermarkt Kekse, Chips, Schokolade, Saft und getrocknete Aprikosen erjagte. Nach erfolgreicher Jagd stopften wir unsere Wäsche in eine Waschmaschine – dringend nötig! – aßen im Hotel Kuchen, lasen und schrieben, spannten auf unserem Balkon mit Reepschnur eine Wäscheleine und hängten unsere Wäsche auf. Den Anblick fanden die anderen Gäste bestimmt große Klasse. Danach folgte eine wohlverdiente Pause, für mich im Bett, für Ole in der Sauna.

Abendessen gab es im Hotel, was ganz ok war. Danach schauten wir noch lange auf YouTube die Qualifikation der Damen für die Kletterweltmeisterschaft im Combined-Format, bis ich so müde war, dass ich trotz des aggressiven Juckens der Bremsenstiche einschlafen konnte.

Tag 56 – Ruhetag

von Andrea

Morgens weckte uns ein heftiges Gewitter mit Starkregen. Wurde die Wäsche auf dem Balkon nass? Keine Ahnung, bloß nicht aus dem Bett aufstehen.

War die Kaltfront ausnahmsweise mal zu früh? Nö, später schien wieder die Sonne und trocknete brav unsere Wäsche.

Meine Bremsenstiche waren zumindest ein wenig abgeschwollen und nicht mehr ganz so leuchtend rot und heiß, so dass ich mich nicht auf die Suche nach einem Arzt mit Notdienst oder einem Krankenhaus machen musste, was ich am Vortag noch ein wenig befürchtet hatte.

Der Tag verging wunderbar entspannt mit Lesen, Schreiben, Bloggen, Spaziergang durch den Ort inklusive Mittagessen und Eisschokolade, Schlafen und Sauna für Ole. Die Kaltfront kam pünktlich um 17 Uhr, was uns dank des Regens ein Abendessen mit nassen Füßen bescherte, da wir zu dem Restaurant, für das wir uns entschieden hatten, ein Stück laufen mussten – natürlich in Sandalen, denn Wanderschuhe gingen an einem Ruhetag ja gar nicht. Wir wurden durch wirklich leckeres Essen entlohnt.

Vor dem Einschlafen schauten wir weiter Klettern auf YouTube.

Tag 57 – Ruhetag

von Andrea

Juhu, ich konnte den linken Ellenbogen wieder so weit beugen, dass ich mit der linken Hand zum Mund kam. Ganz neue Perspektiven beim Frühstück. Und ein guter Grund, ein bisschen mehr zu essen.

Nach dem Frühstück Planung der nächst beiden Etappen. Wetter darüber hinaus war zu unklar.

Bei leichtem Nieselregen Bummel in den Ort, Kauf einer besseren Kniebandage für mich, Aufstocken des Tour-Futters mit Käse und Kaminwurzen und dann … äh … ja tatsächlich schon wieder Mittagessen.

Wieder im Hotel noch ein wenig Planung, Mittagsschlaf für mich, Sauna für uns beide, Klettern auf YouTube für uns beide, Sportprogramm im Zimmer für Ole, Abendessen im Hotel für uns beide mit zwei Bier für mich.

Auf der alten Gaichtpassstraße

Endlich wieder ein Alpensalamander

Die Älpele Alm im Aufstieg zum Zirleseck

Die Willersalpe, an der wir unerwartet eine schöne Pause machen konnten

Am Morgen vor der Schwarzenberghütte

Aufstieg von der Schwarzenberghütte

Der Engeratsgundsee so still wie ein Spiegel

Blick zurück auf den Engeratsgundsee

Das Hochallgäu is scho schee

Der Hochvogel? … Noch steht er.

Pause an Gipfelkreuz ohne Gipfel

Altschnee am Ellenbogen tat gut

Stau am Hindelanger Klettersteig

Entspannt nach Oberstdorf

Wozu man Reepschnur wirklich braucht … fanden die anderen Hotelgäste bestimmt große Klasse

5 Gedanken zu “33. von Weißenbach nach Oberstdorf

  1. Öam – also, ich kenne mindestens eine Person, deren Schuhe auf ner Gratwanderung auch schon mal ne Metamorphose gemacht haben – und, okay, die waren älter als 10 Jahre (aber so herrlich eingelaufen – deswegen wurden sie auch nicht neu besohlt, weil: wer weiß, wie sich‘s dann darin läuft?)😎…. und wenn der untere Teil der Sohlen sich nach Stunden anfängt zu lösen, hilft umkehren auch nicht wirklich- aber eine beherzte Not-OP: diesen Teil der Sohlen abziehen, denn darunter kommt eine supergriffige Sohle zum Vorschein, mit der man bestens kraxeln kann und auch so normal laufen… (zumindestens bei Lowa Baujahr um die Jahrtausendwende)… Fazit: Klebeband braucht man gar nicht🙈 😇

    Alles Gute Euch weiterhin 😘

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