34. von Oberstdorf nach Feldkirch

Fakten

  • 4 Wandertage
  • ca. 76 Kilometer
  • ca. 3.450 Höhenmeter Aufstieg
  • ca. 3.630 Höhenmeter Abstieg
  • Steinböcke!

Tag 58

von Andrea

Vor dem Start ins Oberstdorf nach zwei Ruhetagen fiel es uns zum ersten Mal seit etwas über sieben Wochen ein wenig schwer, wieder „da raus“ zu gehen. Uns wieder der Ungewissheit bezüglich der Schwierigkeit der Wege, des Wetters und der nächsten Unterkunft auszusetzen. Und auch, uns wieder auf die Anstrengung einzulassen. Das hatte lange gedauert, immerhin sieben Wochen. In Norwegen war uns das schon nach deutlich weniger Wochen so gegangen. Und es war jetzt ok so. Es war vielleicht ein Zeichen, dass es jetzt auch gut war, dass unsere Zeit auf der Via Alpina zumindest für diesen Sommer langsam zu Ende ging.

Die Etappe von Oberstdorf zur Mindelheimer Hütte war mit 19 Kilometern und gut 1.450 Höhenmetern Aufstieg von der längeren Sorte. Die wollten wir nicht ohne Frühstück antreten und das gab es im Hotel erst ab 7:30 Uhr, somit war zunächst mal quasi ausschlafen angesagt.

Lustig war, dass die Welt beim Aufwachen weg war, im Nebel verschwunden. Wir konnten gerade das Haus auf der anderen Straßenseite sehen. Der Wetterbericht hatte gemeint, es könnten sich am Vormittag noch restliche Wolken halten, im Tagesverlauf sollte es sonnig werden. Wolken und Nebel fand ich prima, ich freute mich auf einen kühlen Start in den Tag.

Während des Frühstücks erschienen über dem Nebel die ersten Bergspitzen und am Himmel die ersten blauen Flecken. Als wir starteten, schien die Sonne, es war wieder Schwitzen angesagt. Grmpf. Mir konnte man es auch nicht Recht machen – in Norwegen war es mir zu kalt gewesen und in diesem Sommer in den Alpen zu warm. Gab es denn kein Mittelmaß zwischen sich den Popo abfrieren und in eigener Salzkruste gedünstet werden? Na, immerhin hatte die Kaltfront es geschafft, dass es an dem Morgen an Stellen, die länger im Schatten lagen, angenehm kühl war.

Wir stiefelten zügig in das Stillachtal Richtung Süden, vorbei an der Skiflugschanze von Oberstdorf und zum kleinen Ort Birgsau. Bis dahin hatten wir 10 Kilometer und nur wenige Höhenmeter Aufstieg hinter uns. Aber schön gemütlich war es gewesen, nicht gleich am Morgen entweder steil rauf oder runter zu gehen.

In Birgsau wimmelte es plötzlich von Menschen. Wo kamen die alle her? Ach so, Bushaltestelle und Wanderparkplatz. Und sie alle folgten dem Weg weiter das Tal entlang. In die Richtung war auch die Mindelheimer Hütte ausgeschildert mit einer Gehzeit von 4:30 Stunden. Aber … äh … mussten wir nicht in Birgsau irgendwo rechts abbiegen und aufsteigen? Nach kurzem Suchen mit Unterstützung des GPS-Tracks fanden wir eine weitere Ausschilderung zur Mindelheimer Hütte mit einer Gehzeit von 5:15 Stunden. Hm, einfach die Via Alpina ignorieren und doch weiter dem Tal folgen? Ne, da oben sollte ein schöner Bergsee liegen, an dem wir nur vorbeikommen würden, wenn wir in Birgsau abbogen. Außerdem wollten wir lieber den Aufstieg hinter uns bringen, bevor es noch wärmer wurde. Also bogen wir von dem gemütlichen Wanderweg ab – und schwups waren alle Menschen weg, wunderbar.

Die eigentlich für ein zweites Frühstück geplante Pause in Birgsau war dabei leider ausgefallen. Das Hotel war geschlossen gewesen, das Gasthaus hätte erst um 11:00 Uhr geöffnet und eine halbe Stunde hatten wir nicht warten wollen. Wir nahmen also den Anstieg ohne vorherige Pause in Angriff – gefühlt mal wieder senkrecht den steilen Hang hoch – was unsere Beine und Schultern schon bald mit wilden Flüchen quittierten. Na gut, dann doch mal den Rucksack abnehmen, die Schultern kreisen und etwas trinken. Der Schweiß floss wieder in Strömen, da war das Nachfüllen des Kühlwassers schon wichtig.

Es war schon witzig, dass wir einerseits immer fitter wurden und andererseits trotzdem über jeden steilen Aufstieg fluchten. Ich glaube, das lag daran, dass wir halt immer so schnell gingen, wie es gerade eben ging, ohne den Puls zu sehr in die Höhe zu jagen. Damit hatten wir nicht so richtig das Gefühl, fitter zu werden, weil immer die Beine fluchten, die Atmung pfiff und der Schweiß floss. Wir wunderten uns dann nur häufiger, wie schnell wir oben waren. Vielleicht wäre es schlauer, einfach mal langsamer zu gehen?

Nach etwa 800 Höhenmetern Aufstieg erreichten wir gegen 12:30 Uhr den kleinen See. Winzig klein und nichts Besonderes, trotzdem waren da plötzlich wieder andere Menschen. Skandal. Aber ein Plätzchen etwas oberhalb des Sees eignete sich wunderbar für ein Picknick in Ruhe. Die Berghänge um uns herum waren toll. Super steil und weit nach oben mit Gras bewachsen, dadurch irgendwie leuchtend grün. Sie schüchterten uns aber auch etwas ein, denn knapp 3 Stunden und noch etliche Höhenmeter Auf und Ab hatten wir in der Kulisse noch vor uns. Mit einem leicht zu gehenden breiten Wanderweg weit weg von jeglichen steilen Abhängen durften wir da kaum rechnen.

Wie erwartet zog sich der Weg zur Mindelheimer Hütte noch lang hin. Einen ausgesetzten Abschnitt fand ich dabei ziemlich doof, der größte Teil des Weges war aber einfach nur toll. Für die Kulisse um uns herum fiel mir wirklich nur das etwas abgedroschene Wort „grandios“ ein. Dazu der blaue Himmel ohne irgendeine Wolke vor der man sich hätte fürchten müssen. Eine lange und anstrengende und gleichzeitig wunderschöne Etappe.

Um kurz nach 15:30 Uhr trudelten wir an der Mindelheimer Hütte ein und hielten uns – wie immer – tapfer an das Motto „lächeln und nicht humpeln“. Es wäre an dem Tag durchaus angemessen gewesen, diese beiden Aufgaben fair zwischen uns aufzuteilen, aber wir schafften es beide gerade noch, zu lächeln UND nicht zu humpeln.

An der Hütte steppte der Bär. Wir wunderten uns etwas darüber, waren doch in vielen Gegenden die Schulferien schon durch. Aber gut, vielleicht lockte der bekannte Mindelheimer Klettersteig? Jedenfalls sahen wir viele Helme, Klettergurte und Klettersteigsets in der Hütte.

Unser kleines Lager mit 10 Betten war ungefähr so wuselig wie ein Ameisenhaufen, weil wir irgendwie alle gleichzeitig angekommen waren, uns umziehen wollten, in den Rucksäcken wühlten und so weiter. Mit ausreichend Geduld war das irgendwann geschafft, auch ein Teil der Salzkruste war dank Waschraum irgendwann entfernt und dann gab es auf der Terrasse heiße Schokolade und Kuchen.

Zum Lesen setzten wir uns bald in den Speiseraum, weil es draußen zu kalt wurde. Dabei beobachtete ich immer wieder amüsiert das Gewusel der vielen Leute in dieser Hütte. So viele verschiedene Menschen: Pärchen, Männergruppen, Frauengruppen, Familien mit Kindern, alte Menschen, eine Jugendgruppe, … Es war auch wieder mal beeindruckend, wie perfekt das Hüttenteam und die Küche organisiert waren. An dem Gewusel wären vermutlich viele Restaurants gescheitert, aber soweit wir beobachten konnten, erreichten alle Getränke- und Essensbestellungen in der Hütte sicher ihr Ziel.

Nach einem frühen Abendessen verzogen wir uns zum Lesen ins Lager. Im Speiseraum war es uns zu wuselig und zu laut. Bis unsere Mitbewohner ins Lager kamen, haben wir mal wieder schon fest geschlafen.

Übrigens wurde die Hütte noch so voll, dass sogar noch Notlager eingerichtet werden mussten. Als ich nachts zur Toilette ging, schliefen drei Personen im Vorraum unseres Lagers auf  Matratzen auf dem Fußboden. Der Bereich war bei unserer Ankunft schon abgetrennt gewesen mit dem Hinweis, ihn bitte für Notlager freizuhalten.

Tag 59

von Ole 

Ich hatte im Zehnbettzimmer gut geschlafen. Andrea hingegen war etwas häufig auf der Toilette gewesen, wodurch ihre Nacht eher unruhig gewesen war. Wir standen als Erste auf und packten so leise wie möglich unsere Rucksäcke. Zum Frühstück gab es Birchermüsli für Andrea (eine etwas zu kleine Portion) und normales Müsli für mich. Trotz der sicherlich mehr als 120 Übernachtungsgäste hatte das Hüttenpersonal alles im Griff. Später lernten wir, dass die Mindelheimer Hütte auf einer Variante des E5 von Oberstdorf nach Meran liegt, also auf einer der klassischen Alpenüberquerungen, was die vielen Menschen erklärte. Von Oberstdorf waren wir auch dahin gekommen …

Bei fantastischem Wetter gingen wir los. Die Bergwelt war auch am Morgen noch toll. Im ersten Aufstieg sinnierten wir, ob wir vielleicht wieder Gämsen oder sogar Steinböcke sehen würden. Ich dachte bei mir allerdings, es nicht mehr dämmrig oder nebelig genug. Wenige Minuten später sagte ich leise: „Da, da, da!“ Nicht weit von uns standen tatsächlich zwei Steinböcke. Ein dritter gesellte sich dazu. Kurze Zeit später sahen wir am Hang weiter oben erst einen Steinbock mit imposanten Hörnern, dann eine kleine Herde. Genial! Wir genossen das Geschenk sehr. In der kleinen Herde maßen zwei Böcke sogar mal kurz spielerisch ihre Kräfte. Beeindruckend.

Nach den ersten 200 Höhenmetern Aufstieg wanderten wir um einen Berg herum und stiegen wieder etwas ab. Einmal verpassten wir beinahe den richtigen Weg, weil die Ausschilderung zur Widdersteinhütte nicht zu unserem GPS-Track passte. Wir merkten es aber zum Glück schnell und kehrten um, um dem GPS-Track statt der Ausschilderung zu folgen. Zwar waren wir auf dem Höhenrücken mit dem leichten Auf und Ab  vermutlich nicht schneller als auf dem ausgeschilderte Weg mit etwa 400 bis 500 Höhenmetern Abstieg und Aufstieg, aber die Aussicht war auf dem Höhenrücken sicher unschlagbar gut. Das nutzten wir auch noch für eine schöne Pause.

Wir waren an dem Tag beide irgendwie nicht mit voller Konzentration bei der Sache, rutschten ab und zu aus, stolperten ein wenig mehr als gewünscht vor uns hin. Zum Glück legte sich keiner von uns auf die Nase und zum Glück gab es auch keine Passagen, an denen man hätte irgendwo herunterfallen können. Jedenfalls tat die Pause an der Widdersteinhütte nach drei Stunden den Beinen und dem Kopf gut. Buttermilch, Holler und zwei Suppen machten uns fit genug für den Abstieg nach Hochkrumbach.

Nachdem wir nach 400 Höhenmetern Abstieg den Wanderparkplatz erreicht hatten, wanderten wir mit vielen anderen Menschen Richtung Körbersee, laut Markierung einer der schönsten Plätze Österreichs. Dementsprechend voll war es, als wir ihn erreichten. Da der Gasthof am See von Menschen wimmelte und überdies keinen Kaiserschmarrn hatte, stiegen wir noch zur Batzenalpe ab. Dort gab es zwar auch keinen Kaiserschmarrn, dafür Ruhe und eine kleine Käseplatte, dazu eine Apfelschorle und eine weitere Buttermilch für mich. Das Alpmuseum hatte leider geschlossen. Wir erfuhren trotzdem etwas über die auch hier aussterbenden Alpen und die Versuche, dem entgegen zu wirken.

Auf dem weiteren Abstieg zum Tagesziel in Schröcken fingen wir schon an zu überlegen, was wir mit der bislang schwierigen Wettervorhersage für die nächsten Tage anfangen sollten. Erst war noch eine weitere Kaltfront für die Mittagszeit des nächsten Tages angekündigt, danach sollte es weitere drei bis fünf Tage kalt und regnerisch bleiben. Kein goldener Herbst, sondern eher Novembergrau. Kein Bergwanderwetter.

Wir erreichten Schröcken kurz nach 14:00 Uhr. Wie angekündigt steckte im Apartment Nr. 1 bei Doris der Schlüssel von innen. Wir freuten uns über eine Dusche, die wir beide sehr genossen.

Der aktualisierte Wetterbericht bestätigte leider die schlechte Prognose für die nächsten Tage. Wir versuchten noch erfolglos herauszufinden, wie schwierig der Abstieg von der Biberacher Hütte, die wir nach drei bis vier Stunden am nächsten Tag erreichen könnten, zum nächsten Etappenziel in Buchboden bei Regen sein würde. Wir hatten in den Kommentaren (nicht in der Wegbeschreibung!) auf der Website der Via Alpina Warnungen gelesen, dass ein Abschnitt sehr ausgesetzt sei und bei Regen gefährlich. Wir wussten aber nicht, wo dieser Abschnitt genau war. Wir hatten uns schon überlegt, hinter der Biberacher Hütte von der Via Alpina abzuweichen und einen früheren Abstieg Richtung Ischgarneialpe und dann nach Buchboden zu wählen, wussten aber nicht, ob wir den ausgesetzten Abschnitt damit würden vermeiden können oder nicht. Wieder mal keine ganz einfache Entscheidung. Wir entschieden uns schließlich, am nächsten Tag sehr früh los zugehen, um es möglichst vor der Kaltfront und damit vor dem Regen bis zur Ischgarneialpe zu schaffen. Von dort könnten wir die Schotterstraße bis nach Buchboden nehmen.

Da das einzige Restaurant Schröckens mittwochs Ruhetag hatte, besorgten wir uns im kleinen Supermarkt Brötchen, Eier, Speck, Avocado und Fleischsalat zum Abendessen sowie Mango, Schokolade, Chips und Tuc-Kekse, um die Zeit bis dahin zu überbrücken. Mit Naschen, Bouldern auf YouTube schauen, Schreiben, Lesen und Dehnen verging die Zeit bis zum Abendessen wie im Fluge.

Tag 60

von Ole

Wir schafften es tatsächlich, um kurz vor 6:00 Uhr aufzubrechen. Draußen war es noch dunkel, nur die Laternen erhellten die Straße etwas. Uns war ein bisschen mulmig zumute. Der Himmel war bedeckt. Das Wetter sah schlechter aus als erwartet, denn eigentlich sollten die Wolken erst am Vormittag aufziehen.

Wir folgten nicht dem kleinen Trampelpfad, der ausgeschildert war, sondern blieben lieber bis Landsteg auf der Straße. Wir wollten beide nicht im Dunkeln auf einem Trampelpfad durch den Wald tapsen. Auch das Gehen auf der Straße war allerdings etwas unheimlich, da für die Uhrzeit schon recht viel Verkehr war und es keinen Fußweg gab. Zum Glück konnten wir zwischendurch mal einen alten Teil der Straße nutzen, damit mussten wir nicht durch einen Tunnel laufen. Als die alte Straße wieder auf die Bundesstraße traf, hatte letztere dann zum Glück eine schmalen Fußweg.

Nach einer halben Stunde hatten wir Landsteg erreicht und begannen die 800 Höhenmeter Aufstieg zur Biberacher Hütte. Der Fahrweg war zwar teilweise ziemlich steil, ließ sich aber gut gehen. In stetigem Tempo ging es bergan. Langsam wurde es heller, die Landschaft war wieder zu sehen. Grüne Wiesen und schroffe Berge dahinter. Richtung Widderstein, an dem wir am Vortag entlang gegangen waren, hingen die Wolken schon tief. Uns trieb die Unsicherheit über die angeblich ausgesetzte Passage unterwegs und das Eintreffen der angekündigten Kaltfront.

Nach einer kurzen Trinkpause wurde es plötzlich hektisch um uns herum. Fünf Hirten trieben eine Herde von vielleicht 30 Kühen zusammen und etwa 20 Meter vor uns auf den Weg. Was für ein Geschrei und Gemuhe. Wir waren tief beeindruckt, wie die jungen Menschen in diesem steilen Gelände mal eben in Gummistiefeln den Hang runter sprangen, um ausgebüxte Kühe wieder Richtung Weg zu treiben. Wir waren froh über den Weg, wir hätten uns in den steilen Hängen nicht bewegen mögen … auch wenn wir mal wieder Kuhfladen-Slalom machen durften. Nach vielleicht zehn Minuten war der Spuk vorbei, die Kühe bogen auf eine neue Weide ab. Nur eine Kuh wurde noch ein ganzes Stück vor uns her getrieben, die gehörte wohl zu einer anderen Herde.

Leider fing es dann an zu regnen. Um 08:20 Uhr statt wie vorhergesagt erst „vor dem Mittag“. Sollten wir weiter gehen? Oder lieber umkehren? Wir zogen die Regensachen an und entschieden uns für den Weg nach vorne. Noch nieselte es nur. Und wir wussten bis dahin weder, ob wir das heikle Wegstück vielleicht vermeiden konnten, noch wie schlimm es war, wenn wir das nicht konnten.

Wir ließen die Biberacher Hütte links liegen. Wir verzichteten auf eine Pause, wollten weiter. Als wir die Hütte passierten, sahen wir in zwei Richtungen bunte Wandergruppen losgehen. Die hatten gerade erst gefrühstückt. Wir waren schon ein bisschen stolz auf uns. Das änderte sich allerdings abrupt, als wir in den steilen Hang einbogen. Wir sahen den schmalen Weg in der Entfernung, der Hang wurde immer steiler. Wir tauschten uns kurz aus, was wir tun sollten … und gingen weiter. Wo wir standen, war der Weg noch ok. Wie schmal er in dem sehr steilen Stück des Hanges sein würde, konnten wir noch nicht sehen. Der Regen hatte wieder aufgehört. Der Untergrund war zum Glück noch nicht rutschig. Es wirkte so, als ob es hinter dem Schadonapass, den wir gerade überquert hatten, noch nicht so viel geregnet hatte wie davor.

Der folgende Kilometer war dann echt doof. Zwar gab es immer wieder Stücke, an denen wir ein paar Meter relativ entspannt gehen konnten, doch es überwogen Stücke, an denen der Weg super schmal und Richtung Abhang geneigt war. Das erforderte schon höchste Konzentration, denn Ausrutscher waren hier keine Option. Am schlimmsten waren die ausgewaschenen Rinnen, die sich den Hang hinunter zogen, denn in ihnen war der Weg noch schmaler und der Hang noch steiler. An einigen Stellen brauchten wir die Hände, um uns bei weiten Schritten festzuhalten. Allerdings hatten wir keinen festen Fels zum Festhalten, sondern nur Bruchgestein und Grassoden. Immer wieder stimmten wir uns kurz ab. Weitergehen? Oder umkehren? Wie trifft man so eine Entscheidung, wenn man nicht genau weiß, was noch kommt, ob der Weg gleich besser wird oder nicht? Wir gingen weiter. Redeten viel miteinander und passten gut aufeinander auf. Endlich kam im Gelände ein Rücken in Sicht, an dem wir den Abzweig Richtung Ischgarneialpe vermuteten. Auch die letzten 100 Meter dorthin schafften wir noch, es waren mit die schlimmsten. Dann fielen wir uns erst einmal in die Arme. Uff, das war so gerade eben noch ok gewesen. Der Abschnitt hatte uns echt Nerven gekostet. Wir brauchten beide erst einmal ein paar Minuten Pause für den Kopf, bevor wir weitergehen konnten. Ich noch ein paar mehr, in denen Andrea einige Fotos machte.

Der Abstieg zur Ischgarneialpe verlief danach zum Glück weniger ausgesetzt. Das war auch gut, denn in diesem Abstieg waren Felsen und Boden mittlerweile sehr rutschig. Einmal legte ich mich unfreiwillig hin. An der Alpe gab es ein wohlverdientes Picknick auf einer Bank, die durch ein vorspringendes Dach vor dem Regen geschützt war. Mit Brötchen mit Frischkäse, hartgekochten Eiern, Avocado und Hirsch-Kaminwurzen. Lecker. Wir genossen die Pause, bis uns langsam kalt wurde.

Wir entschieden uns für die Schotterstraße statt den Wanderweg Richtung Buchboden, die wir vermutlich sogar schneller hinunter kamen als den kürzeren aber dafür glatten Wanderweg. Wir wollten nicht mehr rutschen. Der Regen hatte wieder eingesetzt und variierte in seiner Stärke. Um uns herum gab es endlich mal wieder Buchenwald (daher vermutlich der Name unseres Etappenziels, Buchboden). Die Gipfel über uns steckten schon tief in den Wolken. Gut, dass wir jetzt nicht mehr da oben waren. Der sehr frühe Aufbruch war richtig gewesen.

Im Gegensatz zum Namen ging es nach Buchboden nicht nur runter, sondern am Ende noch einmal nach oben. Dörfer wurden nicht direkt im Tal am Fluss errichtet, sondern oberhalb des Flusses auf sicherem Grund. Nachvollziehbar, aber anstrengend. Um kurz nach 12:00 Uhr bekamen wir im Hotel Kreuz ein Zimmer. Die nassen Sachen konnten wir direkt im Trockenraum parken. Nach einer kurzen Dusche gab es leckeren Salat und Putensteak mit Gemüse, gefolgt von einem Bananensplit und einem Palatschinken. Dann holten wir mit einem ausgiebigen Nickerchen etwas Schlaf nach.

Nach zwei entspannten Saunagängen schrieben und lasen wir etwas. Zum Abendessen gab es Rösti mit Walserstolz (=Käse) überbacken mit einer Extraportion Gemüse. Die Speisekarte gefiel uns gut, klein aber fein. Das Essen war relativ einfach und gleichzeitig sehr lecker. Zum Nachtisch gönnten wir uns noch ein  Schokoladenmousse.

Da sich die Wettervorhersage nicht gebessert hatte, war für den nächsten Tag lockeres Auslaufen im Großen Walsertal geplant.

Es hat an dem Tag übrigens den ganzen Nachmittag weiter geregnet.

Tag 61

von Ole 

Andrea war um 5:00 Uhr wach, ich um 6:00 Uhr, als die Kirchenglocken anfingen zu schlagen. Wir hielten wacker bis zum Frühstück um 8:00 Uhr durch – lecker mit hausgemachtem frischen Brot, Müsli, Spiegelei.

Die Berge waren immer noch in den Wolken, diese hatten ihre Versammlung noch nicht beendet. Der Regen hatte aufgehört, wir hatten zur Sicherheit trotzdem die Rucksäcke eingepackt, die Regensachen aber im Rucksack gelassen.

Der Weg bis zum Ort Sonntag verlief entspannt am Fluss entlang. Schnell ließen wir Sonntag rechts oben am Hang hinter uns. Hinter dem Ort Garsella verlief der Weg leider nicht mehr so gut ausgebaut. Wir entschieden uns für ein Stück Straße bis nach Blons. In Blons schauten wir uns kurz eine Dokumentation des schrecklichen Lawinenunglücks an, das das Walsertal 1954 heimgesucht hat. In einer Vielzahl von Lawinen waren innerhalb von nur zwei Tagen insgesamt 122 Menschen gestorben. Die Augenzeugenberichte waren erschütternd. Letztlich war die katastrophale Auswirkung der Lawinen auch darauf zurückzuführen gewesen, dass der Wald zu stark abgeholzt worden war, da der Bedarf an Brennholz so hoch gewesen war.

Wir wanderten auf der Straße weiter nach St. Gerold, dem eigentlichen Ziel dieser Etappe. Das erste Restaurant hatte nur Montag und Dienstag geöffnet. Wir fühlten uns etwas an den Start in Slowenien erinnert. In dem nächsten Restaurant, der Probstei, bekamen wir dann zum Glück ein sehr leckeres Mittagessen.

Beim Essen überlegten wir lange, wie weit wir an dem Tag noch – auf eigentlich schon der nächsten Etappe – Richtung Feldkirch gehen wollten. Angesichts der Wettervorhersage war uns klar, dass für uns für diesen Sommer in Feldkirch Schluss sein würde. Wir hätten zwar noch eine weitere Woche Zeit gehabt, aber es sollte noch mindestens bis Mittwoch nass und kalt sein. Wir konnten gut aufhören und nach Hause fahren. Also diskutierten wir auch, ob wir in Feldkirch noch übernachten oder direkt einen Zug nach München nehmen wollten. Wir entschieden uns schließlich, noch komplett aus dem Walsertal hinaus zu gehen, bewältigten also noch knappe 10 Kilometer bis zum S-Bahnhof in Ludesch. Das war ca. die halbe Etappe ab St. Gerold, allerdings von der Richtung etwas abgewandelt, um die Logistik zu erleichtern (einmal S-Bahn statt zweimal Bus plus S-Bahn).

Der Abstieg Richtung Thüringen war noch einmal sportlich, teilweise sehr schmal an einem steilen Waldhang und auf feuchtem Waldboden rutschig, aber wir erreichten sicher wieder eine Schotterstraße an einem Fluss und zügig danach erst Thüringen und dann den Bahnhof von Ludesch. Mit der S-Bahn fuhren wir von dort nach Feldkirch.

Morgenstimmung beim Aufbruch in Oberstdorf

Blick zurück über das Stillacher Tal Richtung Oberstdorf

Nettes Pausenplätzchen

Miniaturkunstwerke

Toller Hangweg Richtung Mindelheimer Hütte

Blick von der Mindelheimer Hütte auf die andere Talseite

Das war deutlich!

Abendstimmung an der Mindelheimer Hütte

 

Der erste Aufstieg des nächsten Tages

 

Blick zurück auf die Mindelheimer Hütte im Morgenlicht

 

Wow!

Erst eins, dann zwei

 

und dann die Herde, in der sich zwei streiten

Toller Weg weiter zur Widdersteinhütte

Abstieg von der Widdersteinhütte, unten der Wanderparkplatz

Blick zurück, liebliche Almen und schroffe Berge

Körbersee, angeblich einer der schönsten Plätze Österreichs

Mittlerweile künstlicher Lawinenschutz, früher war es der Wald

Aufstieg zur Biberacher Hütte und zum Schadonapass

Plötzlich wurde es laut

 

Den blöden Hangweg hatten wir geschafft, Blick zurück zur Biberacher Hütte

Die Ischgarneialpe und das Ende des Großen Walsertals

 

Wohlverdiente Pause an der Ischgarneialpe

Am nächsten Tag war alles in den Wolken

Der letzte Abstieg Richtung Thüringen hatte es noch einmal in sich

 

 

 

 

4 Gedanken zu “34. von Oberstdorf nach Feldkirch

    1. Hm, das ist eine sehr gute Frage, auf die wir keine so richtig einfache Antwort haben. Wir sind jedenfalls nicht Rentiers und haben auch nicht im Lotto gewonnen. Eine wichtige Voraussetzung ist sicherlich, dass unbezahlte Auszeiten in unseren Jobs prinzipiell möglich sind, wenn man sie gut vorbereitet und Vertretungsregelungen gut organisiert. Für uns ist emotional die wichtigste Voraussetzung, dass wir irgendwann entschieden haben, dass uns solche Touren in unserem Leben wichtiger sind als berufliche Sicherheit. Und die Auszeiten wären trotzdem nicht möglich, wenn wir nicht überwiegend ganz tolle Kollegen und Kunden hätten, die uns unterstützen und unsere Freiheitsliebe während unserer Abwesenheiten mit nur vereinzeltem Murren ausbaden. Natürlich kann das beruflich auch mal schiefgehen … das Risiko nehmen wir in Kauf.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s