40. von Gargellen nach Galtür

Tag 9, Etappe 63, von Gargellen zur Tübinger Hütte

von Ole

Frühstück im Hotel in Gargellen gab es für uns etwas früher als am Ruhetag, nämlich gleich um 7:30 Uhr. Andrea ließ es bei einem großen Müsli bewenden, das letzte Spiegelei an einem „Wandertag“ hatte ihr quer im Magen gelegen. Ich aß am Ende noch das Croissant, man weiß ja nie. Wir waren guter Dinge, auch weil Andreas Knie nicht mehr muckten und die Schulter relativ friedlich war.

Wir verabschiedeten uns von der sehr netten Besitzerin des Hotels und kehrten nach 750 Metern noch einmal ins Sportgeschäft ein. Nein, mit den Schuhen war alles ok, aber die neuen Strümpfe hatten direkt ein Laufmasche. Wir überstanden das Chaos an der Kasse, die gleichzeitig als Kasse für die Bergbahn diente, und konnten die Strümpfe tatsächlich tauschen. Keine Ahnung, warum die sich bei den Schuhen so angestellt hatten. Für Andrea gab es noch einen Anti-Blasen-Silikon-Roller, der erstaunlich gut funktionierte. 

Wir gingen das Vergalder Tal hinauf und es war sofort wieder ruhig um uns herum und die Bergwelt hatte uns wieder. Die Silvretta war schon toll. Gemütlich zog sich der Schotterweg das Tal hinauf, über uns die grünen Almhänge, hinten im Tal steile Schutthänge unter Felszacken. Frische Beeren am Wegesrand taten von Anfang an gut.

Nach 400 Höhenmeter erreichten wir die Vergalder Alm, so gerade eben vor dem großen Rummel des Berggottesdienstes, der eine Stunde später beginnen sollte. Buttermilch, Apfelschorle und Käsekuchen stärkten uns für die nächsten 700 Höhenmeter.

Nicht weit hinter der Alm ging der Schotterweg in einen kleinen Bergpfad über, der sich nach und nach höher schraubte. Auf 2.200 Meter trafen wir eine kleine Gruppe, die von der Tübinger Hütte kam. Wir unterhielten uns während einer kurzen Pause. Es war immer wieder interessant, die Reaktionen zu beobachten, wenn wir von unserer Tour erzählten. Eine Mischung aus Überraschung, Staunen und manchmal auch Irritation.

Kurze Zeit später und souverän – auch dank der neuen Schuhe von Andrea – erreichten wir das Vergaldner Joch auf knapp 2.500 Meter Höhe. Wir erschraken etwas ob der schroffen Bergwelt, die sich auf der anderen Seite des Jochs vor uns aufbaute. Da irgendwo sollten wir am nächsten Tag rüber? Der Fokus war dann beim Weitergehen schnell wieder im Hier und Jetzt. Wir mussten nämlich hier und jetzt bei jedem nächsten Schritt aufpassen.

Wir verschoben die Pause auf das nächste Joch und brauchten alle Konzentration für den steilen, mit Ketten gut gesicherten Abstieg. Auch hier halfen die neuen Schuhe, Andrea mochte sogar zwischendurch Fotos machen. Dem Fotomodell tat das Stehenbleiben an etwas ausgesetzten Stellen nicht ganz so gut. Manchmal war es besser, gleich loszugehen, statt sich eine Stelle zu lange anzuschauen.

Das nächste Joch sah von unten so steil aus, dass wir die Pause genau zwischen beiden Jöchern machten. Durchatmen war angesagt. Da wir beide etwas unruhig ob des nächsten Auf- und Abstiegs waren, mochten wir gar nicht viel essen. Die Pause tat trotzdem sehr gut. Und weder der Auf- noch der Abstieg stellten uns dann vor größere Probleme. Etwas weniger Nachdenken würde manchmal helfen, an der Achtsamkeit arbeiten wir noch. 

Das Wetter hatte bis dahin gehalten, was der Bericht versprochen hatte. Es war trocken und leicht bewölkt, so dass auch die Temperatur auszuhalten war. Immer wieder trieben Wolkenfetzen aus den Tälern empor. Beim Abstieg hinter dem zweiten Joch jedoch war die Welt plötzlich weg, in Wolken und Nebel verschwunden. Sichtweite vielleicht noch 20 Meter. Zum Glück kein Problem bei dem gut markierten und ausgetretenen Weg. Und vielleicht war es besser, dass wir die Schroffheit der Landschaft und den Weg für den nächsten Tag nicht sahen. Allerdings sahen wir auch die Hütte nicht. 

Einige Blockfelder, mittlerweile fast Andreas Lieblingsgelände, und ca. vier vermeintliche Hüttensichtungen später erreichten wir endlich die Tübinger Hütte. Wir hätten uns fast die Nase daran gestoßen. Plötzlich stand sie ziemlich groß vor uns. Eine urige Stimmung so mitten in den Wolken.

Erneut wurden wir super freundlich empfangen. Wir bezogen ein Vierbettzimmer und machten uns frisch. Wir freuten uns, dass stinkende Schuhe im Schuhraum und verschwitzte Kleidung im Trockenraum hingen, setzten uns in die Wolken nach draußen und genossen eine große Kanne Tee und einen Kaiserschmarrn (merke, Hütte in Österreich). Danach lasen und schrieben wir, bis wir vor der Lautstärke der anderen Wanderer ins Zimmer flüchteten und dort lasen.

Zum Abendessen gab es Suppe, Salat, eine leckere Gemüselsagne und einen kleinen Schokoladenpudding. Danach unterhielten wir uns noch sehr nett mit zwei Wanderinnen am Nebentisch und lernten dabei einiges über Sebstversorgerhütten im Verzascatal.

Andreas neue Schuhe hatten sich bezahlt gemacht. Sie hatten ihr zusätzliche Sicherheit gegeben und als Tribut nur zwei Druckstellen gefordert, eine an der rechten Ferse und eine am rechten kleinen Zeh.

Tag 10, Etappe 64, von der Tübinger Hütte zur Bielerhöhe und weiter nach Galtür

von Andrea

Als wir am Morgen auf der Tübinger Hütte aufwachten, war die Welt, die am Vortag bis zum Schlafengehen in Wolken und Nebel verschwunden gewesen war, wieder da. Die Hütte lag genial da oben auf 2.200 Metern. Allerdings sahen wir jetzt auch wieder die schroffen Gipfel, die Steinwüste um uns herum und die steilen Abhänge. Es war einschüchternd. Sollten wir in dieser Landschaft den Weg über das Hochmaderer Joch zur Bielerhöhe wagen?

Wir hatten am Vortag von einer sehr netten Frau aus dem Hüttenteam eine ziemlich präzise Beschreibung des Weges zum Hochmaderer Joch bekommen. Sie hatte gemeint, der Weg sei nur ein klein wenig schwieriger als das letzte Stück des Weges, über den wir zur Tübinger Hütte gekommen waren. Sie hatte uns sogar recht präzise die heiklen Stellen beschrieben: Eine kurze Kletterstelle, ein paar ausgesetzte Schritte um einen großen Felsblock herum, etwas gebückt unter einem anderen großen Felsblock hindurch. Das klang machbar, auch für uns. Auf der Website der Via Alpina hatte jemand geschrieben, der Weg sei heikel und ungesichert; deswegen hatten wir gezweifelt, ob wir uns das zutrauten. Beim Frühstück an diesem Morgen fühlten wir uns beide gut. Mit leichter Anspannung beschlossen wir, uns den Weg über das Hochmaderer Joch anzuschauen, statt nach Gaschurn abzusteigen.

Wir kamen schon gegen 8 Uhr los. Und was sollen wir sagen? Statt der befürchteten vollen Hosen bekamen wir Gaudi pur. Die Landschaft war majestätisch, der Fels unter unseren Füßen wunderbar griffig, diverse Blockfelder eher harmlos, der Hang nur selten so steil, dass uns auf dem schmalen Weg kurz mulmig wurde. Die angekündigte Kletterstelle war einfach, die wenigen ausgesetzen Schritte um den großen Felsblock herum waren schnell überwunden und auch der Limbo unter einem anderen großen Block hindurch war nicht der Rede Wert. Der Rest war einfach nur Party. Tanzen über Fels auf einer großen Bühne. Zwar etwas schnaufend, aber mit intakten Nerven und zwei breiten Grinsen kamen wir am Hochmaderer Joch an und freuten uns, dass wir uns getraut hatten, diesen hochalpinen Weg einzuschlagen. Dabei feierte ich auch meine neuen Schuhe. Mit den alten Schuhen wäre das auch machbar, aber deutlich schwieriger gewesen.

Unterwegs zum Joch hatte es noch eine besondere Zugabe gegeben. Ich glaube, es war ein Steinbock, den ich aber nur sehr kurz gesehen hatte, dann war das Tier den Hang hinauf verschwunden. Für eine Gams war das Tier zu massig gewesen und für ein Schaf zu elegant.

Vom Joch aus sahen wir in der Ferne bereits den Silvrettastausee und die Serpentinenstraße, die sich zu diesem hinauf schlängelte. Nach einer kurzen Pause machten wir uns an den Abstieg. Der forderte unsere Konzentration und dank der vielen hohen Stufen auch unsere Oberschenkelmuskulatur. Für die nächsten etwa zwei Stunden gab es kaum ein Stück Weg, auf dem wir ohne nachzudenken einfach mal einen Fuß vor den anderen setzen konnten. Aber mal davon abgesehen, dass wir von der Komplexität des Untergrunds irgendwann echt genervt waren, weil unsere Konzentration nachließ, war der Abstieg tatsächlich unkritisch.

Als wir unten waren, gab es an einem kleinen Fluss eine Pause. Dann ging es eine Stunde durch immer noch ziemlich unebenes Gelände mit ständigem leichten Auf und Ab zum Madlener Haus und weiter zur Bielerhöhe. Der Bus nach Galtür fuhr quasi ab, als wir ankamen, also machten wir nur ein paar wenige Fotos von Gletschern und Silvrettastausee und sprangen dann in den Bus.

Die Via Alpina sah eigentlich eine Übernachtung im Madlener Haus vor, das aber an diesem Tag keine Schlafplätze mehr frei hatte. Überdies verlief die Via Alpina von dort zwischen zwei Gletscherresten hindurch über die Getschnerscharte zur Jamtalhütte. Der Abstieg von der Scharte zur Hütte sollte ziemlich schwierig sein. Wir hatten kein Bedürfnis, uns diese Scharte anzuschauen. Stattdessen fuhren wir nach Galtür und würden von dort aus am nächsten Tag das Jamtal zur Jamtalhütte hinauf gehen.

Wir waren schon um 14 Uhr im Hotel in Galtür. Nach der Wäsche von uns und ein paar Kleidungsstücken gönnten wir uns Cappuccino, Tee und Schokokeks in einem Café. Dann kaufte ich mir ein zweites Paar Socken aus Merinowolle, weil ich davon sehr begeistert war. Ole wagte erste, vorsichtige Annäherungsversuche an neue Bergschuhe, denn die verbleibende Lebenszeit seiner Schuhe war vermutlich kürzer als unsere Zeit auf der Via Alpina. Ein paar Lebensmittel kauften wir auch noch ein. Dann ging es zum Entspannen zurück ins Hotel.

Wie schrieben und lasen, statteten der Sauna einen Besuch ab, füllten im Restaurant schräg gegenüber vom Hotel unsere Bäuche mit Nudeln, Steak, Pommes und Grillgemüse, bis wir fast platzten und waren dann tatsächlich so tapfer, noch zu dehnen (Andrea) bzw. eine kleine Runde Yoga zu machen (Ole).

Einziger Wermutstropfen dieses tollen Tages war meine Schulter. Die schmollte ziemlich. Das tat sie aber auch zu Recht. Am Vortag hatte ich unvorsichtiger Weise an einigen steilen Stellen einen Wanderstock benutzt, hatte den dummer Weise auch mal in die rechte Hand genommen und war dann idiotischer Weise an einer Stelle mit der Stockspitze zwischen zwei Felsen hängen geblieben, wodurch Arm und Schulter plötzlich nach hinten gerissen worden waren. Sowas tat schon mit einer „normalen“ Schulter weh und mit einer lädierten Schulter erstrecht. Das Schmollen meiner Schulter war also völlig in Ordnung. Ich hoffte nur, dass es nicht zu lange andauerte.

Am Vergalder Bach entlang …
… ging es durch das schöne Vergalder Tal
Vergalder Tal von oben
Sportlicher Abstieg vom Vergaldner Joch
Pause vor dem 2. Joch (Mittelbergjoch) auf dem Weg zur Tübinger Hütte, hinten links im Bild auch das Hochmaderer Joch (gut, dass wir das noch nicht wussten)
Am Mittelbergjoch, mit heraufziehenden Wolken
Plötzlich war die Welt weg
Blockfeld im Nebel
Tübinger Hütte endlich gefunden
Schuhraum der Tübinger Hütte
Am nächsten Morgen war die Welt wieder da
Bauch einziehen war angesagt, um diesen großen Felsblock auf einem schmalen Weg zu umrunden
Es flutschte
Andreas Lieblingsgelände
Irgendwie da rüber
Gaudi pur auf dem Weg zum Hochmaderer Joch, auch wenn es steil war
Pause am Hochmaderer Joch
Abstieg vom Hochmaderer Joch und Blick auf den Silvrettastausee im Hintergrund
Kurz vor Madlener Haus und Bielerhöhe

Blick über den Silvrettastausee auf den Piz Buin

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