41. von Galtür nach Scuol

Tag 11, Variante der Etappe 65, von Galtür zur Jamtalhütte

von Andrea

Als ich in unserem Hotel in Galtür um kurz vor 7:00 Uhr gut ausgeschlafen von selbst aufwachte, war Ole schon seit einer ganzen Weile wach und hatte zig Gedanken von rechts nach links und wieder zurück gedreht. Die meisten Gedanken betrafen seinen Job. Ein Gedanke betraf die Frage, ob er vor dem Aufbruch zur Jamtalhütte im Intersport nebenan einen Versuch unternehmen sollte, seine altersschwachen Wanderschuhe zu ersetzen. Tatsächlich keine einfache Frage. Ole war mit seinen Schuhen ja grundsätzlich sehr zufrieden. Sie fielen nur halt fast auseinander.

Ich stellte fest, dass es meiner Schulter wieder besser ging und das machte mich sehr zufrieden. Unglaublich, was meine Schulter auf dieser Tour alles wegsteckte. In den Monaten zuvor hatte sie mir manchmal eine falsche Bewegung beim Schuhe Zubinden tagelang übel genommen. Toll. Sie bekam von Ole und mir viel Lob dafür.

Dann gab es erstmal Frühstück. Und das zwischen vielen Motorradfahrern, schließlich waren wir in einem Biker-Hotel. Wir schmunzelten über einige Personen, die ziemlich perfekt ins Klischee der Biker passten (Tätowierungen, graue Hippy-Zöpfe bei älteren Männern und gut gepflegte Fässle vor dran). Was die wohl über uns dachten und sprachen?

Dann ging Ole tapfer zum Intersport und ich ging tapfer hinterher. Gerüchten zufolge soll das Kaufen von Schuhen mit Ole vor sehr langer Zeit nicht ganz ungefährlich gewesen sein. Als Kind hat er Schuhe angeblich durchaus mal quer durch den Laden geworfen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken, einen schweren Bergstiefel durch den Intersport fliegen zu sehen. Diese Show fiel allerdings aus. Die Verkäuferin war sehr gut. Sie vermaß Oles Füße, stellte genau die richtigen Fragen, und schon das erste Paar Schuhe, das sie Ole hinstellte, war es dann. Noch zwei Alternativen getestet, aber nein, das erste Paar war es und verließ mit uns den Laden. Das hatte keine halbe Stunde gedauert. Wow.

Dann ging es zum Einlaufen der Schuhe entspannt das Jamtal hinauf. Schön war es. Die Sonne lachte. Der Weg war nie zu steil, nie zu schmal. Nur gab es anfangs zu viele Autos auf der Forststraße und später streckenweise auch mal zu viele Wanderer und (E-) Radfahrer, die wir halbwegs erfolgreich ignorierten, um uns von deren Hektik nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Als hätten wir seit Tagen gehungert, gönnten wir uns auf der nur 3 Stunden langen Strecke zur Jamtalhütte zwei Futter-Pausen an schönen Plätzchen. Der positive Nebeneffekt war, dass die Rucksäcke leichter wurden.

Irgendwann kamen am Ende des Tals Gletscher (bzw. deren Reste) in den Blick und wir begannen zu ahnen, dass die Jamtalhütte wunderschön liegen musste. Und wir begannen zu ahnen, wo die vielen Menschen hin wollten.

Die Hütte schien etwas vor uns zu flüchten. Wir dachten, wir müssten sie längst sehen, aber da vor uns waren nur steile Hänge und der Gletscher. Und tatsächlich tauchte die Hütte spät und dann sehr plötzlich hinter einer Kuppe auf, da waren es nur noch einige zig Meter bis zur Hütte.

Wir kamen um die Mittagszeit an. Es bestätigte sich unsere Vermutung bzgl. der vielen Menschen. Auf der Terrasse der Hütte steppte der Bär. Das Hüttenteam wirkte arg gestresst. Es wunderte uns daher nicht, dass der Empfang auf der Hütte zu den unfreundlichsten gehörte, die wir so erlebt haben. Schade war es trotzdem.

Wir zogen die Bergschuhe aus (Oles Füße hatten die erste Tour in neuen Schuhen gut überstanden), stellten die Rucksäcke ab und verkrümelten uns irgendwo in die Felsen, weg von dem Gewusel. Als sich die Terrasse nach einer Weile ein wenig leerte, wagten wir einen zweiten Versuch, suchten uns einen freien Platz und schafften es auch, etwas zu trinken, Apfelkuchen und Schlutzkrapfen zu bestellen. Das Essen war großartig. Lächeln und Freundlichkeit des Hütten-Teams besserten sich ganz leicht, blieben aber Mangelware.

Wir ließen uns von den vielen Menschen und der etwas gereizten Stimmung nicht nerven. Wir hatten einen Platz im Schatten, hatten einen wunderbaren Blick auf den Gletscher, blendeten das Gebrabbel um uns herum halbwegs erfolgreich aus (wobei die Unterhaltung zweier junger Männer neben uns über Mathe-Prüfungen und die Schrödinger-Gleichung ganz lustig war) und genossen die Atmosphäre der traumhaften alpinen Landschaft, die in der Sonne leuchtete. Und wir philosophierten, warum eine Familie bestehend aus zwei und zwei halben Personen am Tisch schräg gegenüber drei große Portionen Kaiserschmarrn bekam, während wir gar keinen hatten. Wir wurden kurz schwach, aber unsere Bäuche waren einfach zu voll für so eine Portion Kaiserschmarrn.

Um 15 Uhr konnten wir einchecken und unser kleines Zweibettzimmer beziehen. Wir hatten sogar ein Waschbecken mit fließend Wasser im Zimmer! 

Beim Einchecken hatte Ole erfahren, dass es wohl einen Stromausfall gegeben hatte, und das nicht nur auf der Hütte, sondern in einem Teil von Österreich. In der Hütte war so ziemlich alles an Technik ausgefallen, was es gab. Insbesondere funktionierten das Bestellsystem für die Küche und die Kasse nicht. Damit wurde die gereizte Stimmung für uns noch verständlicher und wir waren mit dem unfreundlichen Empfang versöhnt.

Im Zimmer kuschelte Ole sich erstmal ins Bett. Das nächtliche Grübeln gepaart mit der prallen Sonne im Anmarsch zur Hütte forderten ihren Tribut. Die nächsten knapp zwei Stunden hörte ich von ihm nur tiefe Atemzüge. Ich amüsierte mich derweil mit Podcasts, dehnen und lesen. Als mir furchtbar langweilig wurde, wurde Ole zum Glück wieder wach und wir schauten zusammen das Finale der Herren im Lead Klettern aus Briançon, das ich auf mein Handy heruntergeladen hatte. Danach ging es zum Abendessen.

Mit an unserem Tisch saß ein Mann mit seiner schätzungsweise 12-jährigen Tochter. Die beiden waren über die Getschnerscharte zur Jamtalhütte gekommen. Der Mann sagte, er hätte vorher dazu Tourenberichte gelesen und dann festgestellt, dass der Übergang schwieriger und gefährlicher gewesen war, als er gedacht hatte. Ich beglückwünschte uns im Stillen, dass wir diesen Übergang verweigert hatten und stattdessen die Variante über Galtür gewählt hatten. Und ich fing bei der Gelegenheit auch gleich schon mal an, mir Sorgen um den Weg auf das Stilfser Joch zu machen, der ein paar Tage später anstand, denn der war laut der Tourenbeschreibung der Via Alpina ähnlich schwierig wie die Getschnerscharte. Ich war doch echt ein dummes Huhn. Sich schon Tage vorher Sorgen zu machen, war sinnlose Energieverschwendung.

Das Essen mit Suppe, Salat, vegetarischem Hauptgericht und einem kleinen warmen Schokokuchen mit flüssigem Kern (!) war sehr lecker. Allerdings waren wir beide nicht in der Lage zu entziffern, woraus das vegetarische Hauptgericht eigentlich bestand. Irgendwelche knusprigen Teigtaschen, die aber irgendwie leer waren, und eine Soße, die etwas nach Sellerie schmeckte? Egal, es war warm, es war lecker, es hatte Kalorien und es machte satt.

Nach dem Essen ging es direkt ins Bett. Ich rollte mich zügig zum Schlafen zusammen. Ich war in einer komischen Stimmung – irgendwie etwas verloren – und wollte meinem Kopf keine Chance geben, sich weiter sinnlose Sorgen zu machen. Das funktionierte gut. Und auch Ole konnte trotz des langen Nickerchens am Nachmittag schon bald wieder schlafen.

Tag 12, Etappe 66, von der Jamtalhütte nach Scuol 

von Ole

Wir wachten noch vor dem Wecker um 06:30 Uhr auf. Entspannt zogen wir uns in unserem Zweibettzimmer an und packten die Rucksäcke, ich immer leicht den Kopf geneigt, um mich nicht an der Dachschräge zu stoßen.

Als ich den Rucksack nach unten tragen wollte, war die Tür zum Speiseraum verschlossen, war ja noch nicht 07:00 Uhr. Also wieder ein Stock rauf und das andere Treppenhaus nehmen. Erste Fotos der ersteb angestrahlten Berge machen. Meine Frau in den Arm nehmen, die sich endlich auch durch das Treppenhausgewirr gewühlt hatte. Gemeinsam ein typisches Hüttenfrühstück zu uns nehmen.

Um 07:45 Uhr kamen wir los. Die Schuhe passten immer noch. Im Schatten der vielen Dreistausender um uns herum starteten wir. Von Anfang an bergauf, es sollten ca. 700 Höhenmeter bis zum Furtschölpass sein und laut Wegweiser 2,5 Stunden dauern. Nach 20 Minuten lag die Hütte schon malerisch unter uns und wir gingen nun in der Sonne. Wir machten eine kurze Pause zum Eincremen mit Sonnenschutz. Das war in dieser Höhe noch wichtiger, obwohl wir schon aussahen wie die Bauarbeiter mit unseren tiefdunklen Handgelenken, Gesichtern und Nacken und dem Hellweiß aller geschützten Stellen. 

Nach 45 Minuten erreichten wir einen idyllischen Almboden. Fast schon kitschig floss ein kleiner Bach hindurch. Der Weg wurde steiler, in der Ferne erhofften wir den Pass. Es war die einzige für uns sichtbare Stelle, die etwas flacher und weniger steil war als die Gipfel und Grate um uns herum.

Etwas abseits des Weges gab es im Schatten eines großen Felsens eine erste längere Pause. Unsere Körper kühlten wieder ein wenig ab. Die große Gruppe hinter uns bog zu einer Gipfeltour ab, bevor sie uns erreichte. Wir stiefelten einsam weiter Richtung Furtschölpass. Es war nicht umsonst der am wenigsten begangene Zustieg zur Jamtalhütte, da es einfach der längste war.

Wir sahen mehrere Toteisfelder, sterbende Gletscherreste, und dann zum Glück hoch über dem Pass strahlend weiß noch einen „lebenden“ Gletscher. Die karge, felsige Landschaft beeindruckte uns sehr. Wie schön, für einen Moment Teil davon sein zu dürfen. Na gut, ein bisschen mehr Sauerstoff in der Luft hätte schon geholfen, so nahe an der 3000er Marke. 

Kurz hinter dem Pass gab es nach 2,5 Stunden die zweite Pause, sobald wir aus dem kalten Wind heraus waren. Wir verabschiedeten uns von Österreich, durch das wir so viele Tage gewandert waren und ließen damit nach Slowenien, Deutschland und Liechtenstein das vierte Alpenland endgültig hinter uns. Und während wir in der Schweiz und in Italien schon gewesen waren, wird Frankreich noch ein bisschen auf sich warten lassen. Und ob es am Ende Monaco als offizielles Ziel oder für uns eher Genua als emotionales Ziel wird, das sehen wir hoffentlich in ein paar Jahren. 

Der Abstieg in das Val Tasna begann steinig und steil, aber deutlich einfacher als der Abstieg ein paar Tage zuvor vom Hochmadererjoch. Gute 400 Höhenmeter tiefer hatten wir den Talgrund erreicht und machten eine gemütliche Mittagspause, nur leicht gestört von neugierigen Kühen, die mal wieder Wanderer erschrecken wollten.

Es begann der lange Abstieg durch das Tal. Entspannt auf einer kleines Schotterpiste, hoch aufragende Gipfel zu beiden Seiten, ein milchiger, reißender Gletscherbach immer rechts von uns. Es tat gut, den Kopf mal nicht bei jedem Schritt zu gebrauchen. 

Die Alp Valmala war zwar „bewirschaftet“, es hätte brunnenkalte Getränke und Ziegenkäse gegeben, für die wir in eine „Vertrauenskasse“ hätten einzahlen können, uns war aber eher nach einem Stück Kuchen und einer Toilette (die es dort nicht gab). Also ging es weiter bergab, vorbei an idyllischen kleinen Ferienhütten und sogar einem patroullierenden Sicherheitsdienst. Wo waren wir hier gelandet?

Wir machten eine Trink- und Toilettenpause in der Natur (statt Alm) mit letztem Blick zurück, kitschig gekrönt noch von zwei Rehen, die aus dem Wald auftauchten. Es war ein bisschen wie im Märchen.

Und weiter ging es abwärts. Die Straße wurde wieder etwas steiler, die Füße immer heißer. Endlich erreichten wir den Ausgang des Tales, ein kleiner Pfad bog links von der Straße ab Richtung Ftan. Dort hofften wir nach weiteren 3 und damit in Summe 18 Kilometern uns mit dem Bus nach Scuol die letzten 4 Kilometer ersparen zu können.

Ach ja, die Via Alpina verbindet nicht nur alle Alpenländer, sondern auch alle Sprachregionen. Für uns stand jetzt rätoromanisch auf dem Programm, das erklärte auch ein wenig die ungewohnten Ortsnamen. Wir verstanden natürlich kein Wort, wenn sich die Schweizer (die Grenze zur Schweiz war oben am Pass gewesen) miteinander unterhielten. Zum Glück sprachen mit uns aber alle Deutsch.

Für Andreas Füße war es noch einmal hart, immer wieder ging es leicht bergauf und das tat ihren Fersen gar nicht gut. In der Sonne und gut 1.000 Meter tiefer war es auch wieder sehr warm und drückend, nachdem wir am Pass vor dem kalten Wind hatten flüchten müssen. Nach einem letzten Bogen zur Vermeidung der Hauptstraße erreichten wir den Kirchplatz von Ftan, wo tatsächlich 15 Minuten später ein Bus nach Scuol fuhr.

Andrea fiel im Hotel dann ungefähr so um, wie ich am Vortag. Ich kaufte noch für das Picknick am Folgetag ein und ging zum Friseur. Der nächste Ruhetag würde nämlich auf einen Sonntag liegen und so langsam sah ich echt wild aus.

Beim Essen im Hotel planten wir noch den Ruhetag in Bormio und buchten das Hotel, in dem an dem Wochenende auch unsere Freunde aus München absteigen würden. Manchmal ist die Welt nur ein Dorf.

Na gut, vielleicht sollten sie doch schneller in Rente gehen
Schick, oder?
Immer schön die Schuhe zeigen
Blick zurück
Andrea und Jamtal und -ferner
Tolle Lage der Jamtalhütte
Genialer Blick beim Essen von der Terrasse der Hütte
Im Schatten der Dreistausender ging es am nächsten Morgen weiter
Idylle pur
Schöner Almboden
Toteis (rechts) und Furtschölpass (links)
Karg und steinig in dünner Luft
Fast am Pass
Bye, bye, Österreich, ein komisches Gefühl
Gletscherqueen am Furtschölpass
Steine gab es auch hinter dem Pass
Kurz vor dem Talgrund, die Mittagspause wartete schon
Buh! Schade, der bleibt ja ganz ruhig, nur die neuen Schuhe haben sie vorsichtshalber in Sicherheit gebracht
Echt nette Pause
Laaaang aus dem Tal raus
Blick zurück mit kleinen Rehen vor großer Kulisse
Hatten wir schon gesagt, das es ein langer Talhatscher war?

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