44. vom Lago Cancano nach Poschiavo

Tag 17, ein Teil der Etappe 71, vom Lago Cancano nach San Carlo

von Ole

Der Taxifahrer war pünktlich um 11:30 Uhr am Hotel in Bormio. Mittlerweile hatten wir die Bademäntel gegen unsere normalen Wanderklamotten getauscht. Zügig ging die Fahrt aus Bormio hinaus. Dann schon wieder 20 Serpentinen! Die Etappe sollte ab den Seen doch fast flach sein!? Hatten wir dem Taxifahrer den falschen See gesagt? Laut Alpenvereins-App alles roger, ich fand sogar die Serpentinen der Straße auf der Karte der App. Der See lag nur deutlich höher als gedacht. Am Ende ließ der Fahrer uns auf gut 2.000 Meter Höhe raus.

Und da traf sich halb Italien. Mit Auto, Motorrad oder Mountainbike. Und einige gingen zu Fuß mit uns zur Staumauer, viele aber fuhren auch mit Fahrrad,  Motorrad oder Auto runter. Für mich zuviel Casino (Italienisch für Durcheinander). Wir machten die obligatorischen Fotos von See und Staudamm und gingen zurück. Der Weg um den See herum, mit dem wir eigentlich geliebäugelt hatten, wäre mit ca. 9 Kilometern zusätzlich doch etwas lang gewesen. 

Ich fand einen kleinen Abzweiger und wir hatten wieder unsere Ruhe. Uff. Das waren eindeutig zu viele Menschen. Wir machten eine kleine Trinkpause, gingen zu den Torri di Fraele und machten uns an den kurzen aber steilen Abstieg. Ich bat Andrea noch um ein Foto der Torri, sie machte dafür drei Schritte zurück und stand plötzlich vor einem Edelweiß, mitten auf dem Schotterweg. Cool.

Wir beneideten kurz zwei Kletterer über uns in der Wand, kreuzten die Serpentinen der Straße und hatten dann einen wunderbar ebenen Weg vor uns, der damals beim Bau der Staumauer angelegt und genutzt worden war. Luxus. Immer mal wieder gab es ein paar der angekündigten Regentropfen, aber nie so viele, dass wir den Regenschutz brauchten. Etwas anstrengend war vor allem der erneute „Kulturschock“. Körper und Geist waren noch nicht wieder auf „Wanderung“ eingestellt, sondern wähnten sich irgendwie noch in Thermalbädern.

Ein Schild „Mezzerie“ beschleunigte unsere Schritte. Sollte es hier tatsächlich irgendwo atabische Vorspeisen geben? Die gab es nicht, dafür einen italienischen Imbisswagen. Immerhin gab es neben Burger und Panini auch Sciatt, ein mit Käse gefülltes „Schmalzgebäck“ aus Buchweizen, von dem wir uns eine Portion teilten. 

Derart gestärkt erreichten wir kurz darauf den Abstieg nach San Carlo, das leider ca. 300 Höhenmeter tiefer als der Weg und auch als Arnoga lag (das eigentliche Ziel der Etappe, in dem es aber kein freies Zimmer gegeben hatte). Die 300 Höhenmeter mussten wir am nächsten Tag wieder rauf (und zusätzlich noch knapp 4 Kilometer weiter bis Arnoga, bevor die Etappe des nächsten Tages begann).

Der Abstieg ging, nur die letzten 500 Meter die Straße entlang zum Hotel waren nervig. Zu viele Autos und kein Fußweg. Dafür wurden wir freundlich begrüßt und bekamen auch um 15:30 Uhr schon unser Zimmer und eine Reservierung für die hauseigene Pizzeria um 19:00 Uhr. 

Der Rest des Tages verging mit Lesen, Schreiben und Bloggen. Zwischendurch genossen wir die Dusche. Zum Abendessen teilten wir uns zwei verschiedene Pizzen und ein Semifreddo al Ciocolato. Gegen 21:00 Uhr schliefen wir ein.

Tag 18, Etappe 72, von San Carlo zum Rifugio Eita

von Andrea

Ich hatte mal wieder fast 10 Stunden geschlafen wie ein Murmeltier. Als der Wecker mich in unserem Hotel in San Carlo um 7:00 Uhr weckte, war ich trotzdem noch müde. Und ich hatte kein Bock. Aufstehen, anziehen, frühstücken, Rucksack packen und losgehen, so etwa 900 Höhenmeter rauf? Mir lahmen Beinen, qualmenden Füßen und vermutlich auch wieder Blasen? Echt? Ach nöööö. Draußen war strahlend blauer Himmel. Auf dem kleinen Balkon war es mir bereits so früh am Morgen zu warm. Ich grummelte leicht. Mir konnte man auch nichts recht machen. Bei Regen wäre ich schließlich auch nicht zufrieden gewesen.

Das Frühstück im Hotel war gerade eben ok. Ein gutes Frühstück in Italien war immer auch ein bisschen Glückssache.

Als wir dann starteten, besserte sich meine Laune rapide. Unterwegs zu sein, tat mir meistens gut. Sogar der ziemlich steile Aufstieg von San Carlo nach Arnoga war in Ordnung. Mit sehr kleinen Schritten fand ich meinen Rhythmus und auch meine Fersen blieben heil. Der Blick nach links auf den teilweise vergletscherten Cima de‘ Piazzi verbesserte meine Laune zusätzlich. Etwas Nerven kosteten uns die etwa 600 Meter auf der viel befahrenen kleinen Straße bis Arnoga, aber auch das ging irgendwie. In Arnoga gab es dann – nach den ersten 300 Höhenmetern Aufstieg – eine Pause in der kleinen Bar des Ortes.

Das Hotel in Arnoga sah übrigens nicht so aus, als wäre es ausgebucht, sondern als wäre es komplett geschlossen. Das B&B, in dem sich auch die Bar befand, war zwar geöffnet, hätte aber kein Abendessen angeboten. Und ein Restaurant konnten wir in dem winzigen Ort nicht entdecken. Da war es vermutlich sehr schlau gewesen, dass wir in San Carlo übernachtet hatten.

Nach der Pause begannen wir die eigentliche Etappe 72 von Arnoga nach Eita. Die begann super gemütlich auf einem breiten, fast ebenen Weg zwischen Lärchen, Zirben und erstaunlich schroffen Bergen. Etwas ungewohnt waren für uns die doch recht vielen anderen Menschen um uns herum. Gut, es war halt DIE Ferienwoche in Italien. Und Italiener liebten Gruppen und Gruppen waren einfach ein wenig lauter … vor allem italienische Gruppen. Aber wir waren beide entspannt und so lief niemand Gefahr, von einem von uns gebissen zu werden. Schon bald bogen wir auch anders ab als die meisten anderen. Damit wurde es etwas einsamer. Einziger Nachteil an dem Abbiegen: Ab dort ging es recht deutlich bergauf. Zum Glück weiterhin auf einem breiten, einfachen Schotterweg. Zwar etwas langweilig, aber man brauchte einfach so schön wenig Hirn zum Gehen.

Um 11:45 Uhr erreichten wir die Alpe Verva. (Die hatte erstaunlicher Weise tatsächlich die Bezeichnung Alpe, und nicht nicht die italienische Bezeichnung Malga.) Dort hätte es zwar Mittagessen gegeben, aber erst um 12:30 Uhr. So lange wollten wir nicht warten. So besorgte Ole uns nur einen Apfelsaft und wir machten auf der Bank neben dem Haus Picknick mit unserem eigenen Proviant. Zum Glück bekamen wir dafür keinen an die Ohren. Dabei beobachteten wir amüsiert, wie immer mehr Menschen eintrudelten und draußen auf den Beginn des Mittagessens warteten. Vielleicht war es ganz gut, dass wir zum Mittagessen zu früh gewesen waren. Es wurde zunehmend lauter und wuseliger. Das war ja nun nix für uns.

Pünktlich zum Beginn des Mittagessens brachen wir wieder auf. Der Weg zum Pass zog sich noch etwas, war aber weiterhin breit und gemütlich. Das war wirklich ein niedlicher Pass auf immerhin fast 2.300 Metern. Die Berge um uns herum waren recht steil und schroff. Über den Pass führte hingegen fast eine Autobahn.

Ein Stück hinter dem Pass kamen wir an einem kleinen, kitschig schönen See vorbei. Der war natürlich ein wenig von Menschen belagert, aber mit etwas Abstand zur „Schalldämpfung“ machten wir trotzdem noch eine Pause. Fast wäre die Pause meinerseits nahtlos in einen Bummelstreik übergegangen, weil es einfach so schön und gemütlich war, die Sonne mal wieder brannte und die Füße qualmten. Aber ich wollte ja auch das Refugio Eita erreichen, also weiter.

Kurz nach dem Aufbruch vom See sahen wir die kleine Siedlung Eita bereits. Die letzten knapp 300 Höhenmeter Abstieg waren schnell geschafft und schon vor 15:00 Uhr waren wir am Rifugio. Etwa ein halber Ruhetag? Nein, meine Füße und Beine sagten etwas anderes. 

Wir wurden vom Hüttenwirt Andrea sehr freunlich begrüßt, erfuhren, dass es sogar warme Duschen gab (!) und bezogen ein Zimmer mit zwei Stockbetten, von denen eines fast so breit wie ein Ehebett war. Damit stand einer kuscheligen Nacht nichts im Weg. Zumal der Hüttenwirt meinte, wir würden in dem Zimmer allein bleiben. Wir genossen den Luxus einer Dusche (wir konnten nicht wiederstehen) und setzten uns dann mit Café, Wasser und Kuchen nach draußen. 

Beim Schreiben auf der Terrasse staunten wir wieder mal darüber, wie laut einige Italiener sein konnten. Redeten die wirklich ungefährt doppelt so laut wie wir? Vermutlich wunderten die sich darüber, dass wir nicht regelmäßig quer über die ganze Terasse brüllten. Auch die Gruppe junger Mädels, die auf ihren Handys in voller Lautstärke einen Song nach dem anderen starteten, dabei aber alle etwa 20 Sekunden den Song wechselten, fanden vermutlich alle außer uns normal.

Irgendwann wurde uns auf der Terrasse zu kalt. Der Himmel war etwas zugezogen und es war windig. Da verkrochen wir uns bis zum Abendessen in unser Zimmer und dort in die Schlafsäcke. Wieder warm wurde uns trotzdem nicht. Unseren inneren Heizungen war schlicht der Brennstoff ausgegangen. Also lasen wir mit kalten Händen und Füßen, bis es endlich 19:00 Uhr war und es Futter gab.

Das Abendessen – typisch Italienisch mit Primo, Scondo und Dolce – war sehr lecker. Es gab sogar Auswahl. Und beim Essen stellten wir fest, dass dieses riesige Rifugio (mit immerhin 60 Schlafplätzen) genau fünf Übernachtungsgäste hatte, wovon zwei wir waren. Und das mitten in den Sommerferien. Verrückt.

Tag 19, Etappe 73, vom Rifugio Eita zum Rifugio Malghera 

von Ole

Wir hatten gut geschlafen und bekamen ein sehr leckeres Frühstück. Kurz vor dem Aufbruch sprach mich ein anderer Wanderer an, den wir bereits am Vortag kurz getroffen hatten, er hatte uns überholt. Wir stellten fest, dass wir alle drei nach Malghera wollten und vereinbarten, ein Stück zusammen zu gehen. So verbrachten wir unseren Hochzeitstag (danke Cornelia für die Erinnerung) gemeinsam mit Oliver, der ebenfalls auf der Via Alpina unterwegs war. 

Ein kleiner Tipp noch zu der Etappe von einem frühen Besucher an der Bar des Rifugios: Wir sollten bei der Aufschrift 70 auf der Straße in den Wald abbiegen. Das machten wir auch ca. 5 Minuten hinter dem Rifugio. Wir fanden einen kleinen Steig, der die Höhe einigermaßen haltend durch den Wald verlief. Wir mussten zwar etwas aufpassen auf Bumper und an einigen Stellen war der Steig ziemlich schmal, aber wir sparten ca 50 bis 70 Meter Auf- und Abstieg. Schnell waren wir wieder auf dem Track und stiegen bei sehr netten gemeinsamem Klönen das Avedo Tal bergauf.

Wieder spannend, nach den vielen Leuten am Vortag sahen wir im Aufstieg nur einen Angler und einen uns entgegen kommenden Radfahrer. Und das Tal war eher noch schöner als das gestrige.

Schnell erreichten wir die Laghi di Tres (lustigerweise nur zwei Seen, von denen sich der eine auch noch vor uns versteckte). Andrea verpflasterte ihre Ferse wieder. Zum Glück machte der gequetschte Daumen mittlerweile keine Probleme mehr. 

Nach einem ersten steileren Aufstieg erreichten wir den Lago Venere. Dann stieg der Weg sehr steil zum Pass an. Leider war der Untergrund eine Mischung aus kleinen und großen Steinen, die immer wieder etwas ins Rutschen kamen. Andrea brauchte mal wieder die Stöcke, sehr zum Leidwesen ihrer Schulter. Oliver betätigte sich dankenswerterweise als Fotograf, so dass wir mal ein paar Bilder hatten, auf denen wir beide drauf waren, auch passend zum Hochzeitstag (an den wir aber erst nachmittags erinnert wurden). 

Ab und zu half ich mit der Bandschlinge Andrea über ein besonders steiles Stück hinweg. Zum Glück war der Weg gut ausgezeichnet und auch nicht wirklich gefährlich, nur halt sehr steil und rutschig.

Am Ende des Aufstiegs erreichten wir den Passo Vermolera über ein Blockfeld, das war schon wieder einfacher zu gehen (dass ich das mal schreiben würde …). Es folgte eine Pause im Windschatten eines großen Felsblocks. Es war ausnahmsweise bewölkt und kalt.

Der Abstieg verlief deutlich einfacher als der Aufstieg. Weniger steil und über zwei flache Plateaus mit Almen schlängelte sich der Weg hinab in das Sacco Tal, wo wir zuerst eine Alm und kurze Zeit später das Rifugio Malghera gegen 14:30 Uhr erreichten. 

Wir konnten mit ein wenig Handynetz den aktuellen Wetterbericht empfangen, der weiterhin eine anrückende Kaltfront versprach – allerdings ab dem späten Vormittag des nächsten Tages auch ein Fenster mit Auflockerung, bevor es den Rest des Tages und den ganzen Folgetag eher ungemütlich werden sollte. Oliver wollte eigentlich noch zu einem Biwak etwas weiter oben aufsteigen, entschied sich bei der Vorhersage aber auch für die Nacht auf der Hütte. Von der Hütte kämen wir im Zweifel mit einem Abstieg nach Fusino mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch nach Poschiavo, wo für uns alle ein Ruhetag anstand, auch wegen der Wettervorhersage. 

Es gab Kuchen und Capuccino auf der Terrasse und noch weitere nette Unterhaltungen. Wir checkten kurz die E-Mails und dehnten, bevor wir uns zum Lesen, Schreiben und Schlafen in unser Dreierzimmer (mit vier sehr eng gestellten Stockbetten) zurückzogen. Später gab es noch Abendessen zu dritt mit Pizzocheri, Salat und Schnitzel. Auf dieser Hütte gab es scheinbar nur drei Übernachtungsgäste, nämlich uns.

Tag 20, Variante für die Etappen 74, 75 und 76, vom Rifugio Malghera nach Poschiavo

von Andrea

Eigentlich führte die Via Alpina vom Rifugio Malghera zum Rifugio Schiazzera (Etappe 74), von dort nach Tirano (Etappe 75) und dann von Tirano nach Poschiavo (Etappe 76). Das waren drei Etappen, in einem Bogen zunächst nach Südosten und dann nach Nordwesten. Drei Etappen mit vielen Kilometern und vielen Höhenmetern, um den Ort Poschiavo zu erreichen, der Luftlinie etwa 6 Kilometer vom Rifugio Malghera entfernt lag. Echt jetzt? Ach nööoö.

Spürnase Ole hatte sich auf die Suche nach einem „direkten“ Weg nach Poschiavo gemacht und war fündig geworden: Über den Passo Malghera (italienische Bezeichnung) bzw. Über die Forcola di Sassiglion (schweizerische Bezeichnung) müsste es eigentlich gehen. Das sollten knapp 15 Kilometer sein mit gut 600 Höhenmetern Aufstieg zum Pass und von dort gut 1.500 Höhenmetern Abstieg nach Poschiavo. (So viel zum Thema „direkter Weg“ und etwa 6 Kilometer Luftlinie und so.)

War dieser Übergang vielleicht zu schwierig? Hm, sah auf der Karte eigentlich nicht so aus. Sah zumindest nicht schwieriger aus, als der Pass vom Tag davor, eher etwas einfacher. Und war deutlich reizvoller als der große Bogen, den die Via Alpina machte. Auf Basis dieser alternativen Planung hatten wir das Hotel in Poschiavo ja von Bormio aus bereits gebucht. Das war allerdings, bevor wir den Wetterbericht überprüft hatten. Und damit bevor wir wussten, dass das Wetter genau an dem Tag, an dem wir vom Rifugio Malghera nach Poschiavo laufen wollten, ziemlich übel werden sollte. Stichwort: Kaltfront mit viel Regen und hübschen Gewittern über viele Stunden und so.

In der Nacht im Rifugio Malghera hatten wir alle drei keine Gewitter gehört, obwohl es eigentlich nachts schon hatte losgehen sollen mit der Kaltfront. Morgens beim Aufstehen war die Welt noch zu sehen, wenn die Wolken auch tief hingen. Nach dem Frühstück war die Welt in Wolken verschwunden, die Sichtweite betrug vielleicht 20 Meter und es regnete in Strömen. Wir packten zwar unsere Rucksäcke, hockten uns dann aber in die Gaststube und warteten. 

Zum Glück gab es Zugang zum Internet, mit dessen Hilfe wir regelmäßig das Regenradar wie ein Orakel befragten. Es sah so aus, als gäbe es ein kleines Wetterfenster mit deutlich weniger Regen (vielleicht sogar ohne) zwischen etwa 10:00 und 11:00 Uhr. Das war unsere Chance. Wenn wir in der Zeit vielleicht bis zum Pass kämen, wäre das super. Da oben in dichten Wolken möglicherweise den Weg nicht zu finden oder in ein Gewitter zu geraten, wäre nicht so lustig.

Etwa 20 Minuten vor 10:00 Uhr tauchte die Welt vor den Fenstern der Hütte langsam wieder auf. Fünf Minuten vor 10:00 Uhr gingen wir bei leichtem Regen gemeinsam mit Oliver los. Unsere Regenkleidung hatte ja schon befürchtet, sie würde gar nicht mehr gebraucht.

Ohne Pausen (außer mal kurz etwas aus- oder anziehen) ging es möglichst zügig zum Pass. Wir legten die 4 Kilometer und 600 Höhenmeter zum Pass in weniger als 1,5 Stunden zurück. Zeitweise regnete es sogar gar nicht. Wir hatten gute Sicht. Und das Grollen, das wir ab und zu über uns hörten, klang eindeutig nach Flugzeugen. Der Weg zum Pass hinauf (nur etwas über 2.500 Meter hoch) war super angelegt und leicht zu finden. Am Pass gab es nur ein paar Fotos, dann ging es gleich weiter. Wir wollten das Wetterfenster so gut wie möglich nutzen. 

Auf der anderen Seite vom Pass ging es anfangs auf einem hübschen Sand-Schotter-Steine-Gemisch super steil runter. Da hatte ich die Wahl, mit recht hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann wegzurutschen und auf dem Popo zu landen, oder die Stöcke zu nutzen und damit meine Schulter zu ärgern. Ich entscheid mich für Letzteres und entschuldigte mich im Stillen schon mal bei ihr. Mit Hilfe unserer Stöcke kamen wir alle gut runter.

Schon bald wurde der Weg deutlich einfacher. Jetzt war das schlimmste geschafft. Es warteten zwar noch viele Kilometer und noch viele Höhenmeter Abstieg auf uns, aber es war absehbar, dass wir das eher alpine Gelände und damit die „Gefahrenzone“ bei Unwetter bald hinter uns lassen würden. Da gönnten wir uns ganz kurz etwas zu trinken plus Nüsse und Trockenobst. Dann ging es zügig weiter.

Etwa eine viertel Stunde nach dieser Pause, ungefähr als wir die Baumgrenze erreichten, schloss sich unser Wetterfenster. Es begann wieder zu regnen. Und es regnete durchaus kräftig, wenn es auch nicht schüttete. Jetzt galt es, die Konzentration zu halten und in dem immer noch etwas unwegsamen Gelände nicht auszurutschen.

Als wir die erste Alm und eine einfach zu gehende Schotterstraße erreichten, hörten wir über uns Donnergrollen. Beim ersten Blitz, den wir bewusst sahen, zählten wir bis zehn, bevor es krachte. Beim nächsten Blitz nur noch bis drei. Dann zog das Gewitter zum Glück langsam ab. Wir machten uns aber eh nicht allzu viele Sorgen, da wir dort nicht mehr wie menschliche Blitzableiter in einer Steinwüste herumliefen, sondern hohe Bäume um uns herum hatten. Trotzdem trödelten wir nicht. Gewitter im Gebirge war und blieb gefährlich. Und bei dem starken Regen wurde uns trotz Regenkleidung auch einfach langsam kalt.

Zwischendurch trafen wir noch einen Mann aus Deutschland (erkennbar am Autokennzeichen), der mit seinem Auto die Schotterstraße hochkam, parkte, bei strömendem Regen und Donnergrollen ausstieg und meinte, er wolle jetzt auf den Berg. Wir dachten uns unseren Teil und sahen zu, dass wir weiter runter kamen.

Nach etwas mehr als der Hälfte des Abstiegs verabschiedeten wir uns von Oliver. Er hatte seine Unterkunft in einem anderen Ort als wir und wählte daher einen anderen Abstieg. Wir waren gerne mit ihm unterwegs gewesen. Er war eine sehr gute und angenehme Begleitung, gerade auch bei der nicht ganz einfachen Entscheidungen, trotz des Wetters nach Poschiavo aufzubrechen.

Unser Weg zog sich noch laaaang hin. Wir mussten auch noch mal von der eigentlich ganz gemütlichen Straße runter und einen holprigen und glitschigen Wanderweg bergab meistern, weil die Straße ein großer Umweg gewesen wäre. Da machte sich langsam bemerkbar, dass wir wegen des Regens – ja, es regnete immer noch, wenn auch etwas weniger stark – nur eine einzige sehr kurze Pause gemacht hatten. Eigentlich war die Etappe ja gar nicht hart, aber ohne echte Erholungspausen war sie es eben doch.

Um kurz nach 15:00 Uhr standen wir vor unserem Hotel in Poschiavo. Wir ließen unsere triefend nassen Rucksäcke erstmal vor der Tür stehen. Ole zog sogar seine Regensachen schon aus. Ich hingegen tapste mit Regensachen – triefend und auch einigermaßen dreckig – ins Hotel … und entschuldigte mich erstmal. Wir wurden super herzlich aufgenommen. Da könnten wir doch nichts dafür, dass sei doch das Wetter, hieß es. Als nächstes wurden uns alle Annehmlichkeiten des Hotels aufgezählt, von heißer Dusche, über Sauna und Dampfbad bis hin zu einem guten Abendessen. Dann wurden wir Richtung Zimmer geschoben. Die Bademäntel für die Sauna wurden kurze Zeit später nachgeliefert. Wir fühlten uns sehr wilkommen.

Das Zimmer wurde von uns mal wieder in Windeseile verwüstet, unsere nassen Sachen hingen wirklich überall. Als wir mit Schrecken feststellten, dass leider auch die Schlafsäcke im Rucksack (trotz Regenhülle über dem Rucksack) sehr nass geworden waren, wurden diese zum Trocknen auch noch im Zimmer drapiert. Wir hatten mal wieder nicht lange gebraucht, um einem Hotelzimmer unsere ganz persönliche Note zu verleihen … zum Glück standen wenigstens die nassen, müffelnden Bergschuhe irgendwo im Keller und nicht auch noch im Zimmer.

Da wir lange nichts gegessen hatten, fielen wir zunächst über unseren restlichen Proviant her und gingen dann zum Aufwärmen in die Sauna, was wunderbar war.

Danach ging die Planung wieder los. Wovor wir uns bei der Planung in Bormio gefürchtet hatten und was dort nicht eingetreten war – nämlich ausgebuchte Unterkünfte – ereilte uns jetzt. Ole stellte eine Anfrage bei der nächsten Unterkunft (einem Refugio) per E-Mail. Diese antwortete zum Glück am Abend noch und hatten zwei Betten (im Lager) für uns. In dem nächsten winzigen Ort gab es eigentlich einen ganzen Haufen Hotels und Ole rief tapfer eines nach dem anderen an (alles auf Italienisch). Bei vielen erreichte er nur einen Anrufbeantworter, die anderen waren ausgebucht. Einmal wurde er gebeten, sich um 21:30 Uhr nochmal zu melden. Das hat er hoffnungsvoll getan, aber auch ausgebucht. Stöhn. Noch mal alle abgeklappert, bei denen vorher nur der Anrufbeantworter erreichbar gewesen war. Auch hier ausgebucht. Dann, beim letzten Anruf in einem B&B tatsächlich ein freies Zimmer. Uff. Ole war mein absoluter Held!

Danach fielen wir um und freuten uns auf einen Ruhetag.

Am Lago Cancano
Der hatte allerdings auf Grund der Trockenheit einen recht niedrigen Wasserstand
Die Torri di Fraele links und rechts im Bild
Ein Edelweiß mitten auf einer (einsamen) Schotterstraße
Diese Straße hatte uns der Taxifahrer hinauf gefahren
Eine lange flache Etappe nach Arnoga … für uns mit Abstieg nach San Carlo. Im Hintergrund sieht man schon die Cima de‘ Piazzi.
Kurze Pause in der Bar in Arnoga am nächsten Tag. Im Hintergrund wieder die Cima de‘ Piazzi.
Gemütliche Etappe Richtung Eita
Auch hier Erinnerungen an den ersten Weltkrieg
Gemütlicher Abstieg, über den Pass führte quasi eine Autobahn
Idyllischer Bergsee … unsere Pause machten wir etwas entfernt davon, wir wollten keinen Trubel.
Eine toll gelegene Hochalm auf dem Weg nach Eita.
Das Ziel Eita schon vor Augen. Das Rifugio liegt gleich neben dem Kirchturm. Zu dem Ort führt eine kleine Straße, somit wimmelte es leider von Autos.
Auch im Schlafsack wurde uns vor dem Abendessen nicht wieder warm. Das fehlte schlicht der Brennstoff.
Auf dem Weg von Eita nach Malghera hätte Ole diese beiden am liebsten mitgenommen.
Mit Oliver auf dem Weg nach Malghera.
Umd wieder Bergseen.
Diesmal ohne viele Menschen, denn vom nächsten Parkplatz musste man weit laufen, um hieher zu kommen.
War das der Passo Vermolera, über den wir rüber mussten? Sah verdammt steil aus.
War es auch … stöhn.
Ein echter Kampf …
… immer noch weiter …
… und endlich fast oben.

(Ein großer Dank an Oliver für die Fotos!)
Die Belohung ist der Blick zurück …
… eine etwas kalte und unbequeme Pause …
… und der Blick nach vorn.
Der Abstieg vom Passo Vermolera war zum Glück deutlich entspannter als der Aufstieg.
Und noch mehr einsame Bergseen.
Blick zurück von einer Brücke kurz vorm Rifugio Malghera.
Das Rifugio Malghera … und mal wieder viele Autos.
Die Kirche in Malghera am Abend …
… und am nächsten Morgen nach dem Frühstück.
Aufbruch zum Passo die Malghera in einem kurzen Wetterfenster
Ja, die Farben sahen wirklich so aus. Das leuchtende Gelb war der Trockenheit geschuldet.
Auch unter einem dunkelgrauen Himmel …
… eine wunderschöne Landschaft.
Sehr gut ausgebauter Weg zum Pass.
Am Pass angekommen … ohne Gewitter und fast ohne Regen.
Der Abstieg war für ein kurzes Stück super steil, auch wenn es auf dem Foto nicht ganz so schlimm aussieht.
Im Abstieg kurz vor der Baumgrenze und kurz bevor der Himmel seine Schleusen wieder öffnete.
Die Orte im Tal unter Wolken.
Und wir irgendwann einfach nur sehr, sehr nass

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