45. von Poschiavo nach Maloja

Tag 21, Ruhetag in Poschiavo

von Andrea

Das Wesentliche, was es über diesen Ruhetag zu berichten gibt, ist, dass er komplett anders verlief, als geplant. 

Ich hatte schon nachts Kopfweh bekommen. Als Ole morgens aufwachte, fühlte auch er sich maddelig. Wir gingen zum Frühstück und danach erstmal wieder ins Bett. 

Irgendwann am späten Vormittag rafften wir uns auf und gingen zum Lebensmittelladen und zur Apotheke (für Blasenpflaster und Magnesium). Das war irgendwie ziemlich anstrengend. Mittagessen mochten wir da (noch) nicht, uns war beiden leicht schlecht. Zurück ins Hotel. Dort freuten wir uns über unsere frisch gewaschene Wäsche, die bereits in unserem Zimmer lag. Und wir gingen direkt wieder ins Bett und schliefen auch gleich wieder ein. Irgendwas war anders.

Gegen 14:30 Uhr hatte ich zwar immer noch keinen Appetit, aber so großen Hunger, dass ich den nicht ignorieren konnte. Ole kam tapfer mit, obwohl im gar nicht nach Essen war, und wir gingen in ein kleines Restaurant, das Bowls mit frischen Zutaten anbot. Noch bevor das Essen kam, verschwand Ole plötzlich  im Bad und kam wie ein Geist zurück gewankt. Er hatte sich übergeben müssen. Etwas besorgt schauten wir uns an. Was war nur los?

Das Essen kam, ich fand es trotz meines flauen Magens lecker. Ole konnte seine Portion immerhin zu mehr als der Hälfte essen, den Rest nahmen wir mit. Im Hotel ging es direkt wieder ins Bett. Ich kaufte für Ole vorher noch gruselig süße isotonische Getränke in leuchtend blauer Farbe. Wenn Ole so etwas schon freiwillig trinken wollte, ging es ihm wirklich nicht gut.

Würden wir am nächsten Tag überhaupt wie geplant weitergehen können? Wir verschoben die Entscheidung auf den nächsten Morgen. Manchmal ging so ein Spuk ja schnell wieder vorbei, vielleicht hatten wir ja Glück.

Bei einem waren wir allerdings sicher. Den 1.600 Höhenmetern Aufstieg der Etappe am nächsten Tag waren wir eher mal nicht gewachsen, dafür müsste über Nacht schon ein Wunder geschehen. Ich bestellte optimistisch das Alpen-Taxi (eine Art Mini-Bus auf Anfrage) für den nächsten Morgen um 8:45 Uhr. Es würde uns gute 400 Höhenmeter nach Selva hinauffahren. Die verbleibenden 1.200 Höhenmeter Aufstieg der Etappe waren in einem angeschlagenen Zustand immer noch viel, aber hoffentlich irgendwie machbar.

Am Nachmittag statteten wir trotz unseres angeschlagenen Zustands dem Dampfbad einen kurzen Besuch ab. Das tat gut. Aber mehr als ein Gang ins Dampfbad war nicht drin. Und dann? Genau, ins Bett.

Gegen 19:00 Uhr ging ich zum Restaurant des Hotels und bestellte Grillgemüse und Gerstensuppe aufs Zimmer. Kurze Zeit später bekamen wir Grillgemüse und Minestrone, wofür sich der Chef zig mal entschuldigte. Wir nahmen die Minestrone trotzdem. Sie war sehr lecker und vermutlich auch leichter verdaulich als Gerstensuppe.

Da ich ein kleines bisschen fitter war als Ole, wühlte und packte ich noch ein wenig. Und dann ging es auch schon wieder ins Bett.

So hatten wir uns den Ruhetag nicht vorgestellt. Erfolgreiche Superkompensation lief vermutlich anders ab.

Tag 22, Etappe 77, von Poschiavo zum Rifugio Zoia

von Ole

Wir hatten gut geschlafen. Unsere Körper hatten sich halbwegs erholt und wir hatten Lust, weiter zu gehen!

Ich hatte ein bisschen mehr zu packen, da ich am Vorabend noch nicht wirklich dazu in der Lage gewesen war. Und ich füllte nach dem Japp auf isotonische Getränke vom Vortag mal lieber zwei Flaschen gleich mit unserem Mineralpulver auf. Vielleicht hatten wir auch ein paar Mineralstoffe zu wenig aufgenommen bei dem vielen getrunkenen Wasser. 

Beim Frühstück hatte ich wieder richtig Hunger, ein weiteres gutes Zeichen. Eine große Portion Müsli, zwei kleine Scheiben Brot und ein mit Andrea geteiltes Croissant.

Um 08:45 Uhr stand das Post-Taxi vor der Tür. In letzter Sekunde veröffentlichte ich noch den von Andrea toll vorbereiteten Blog, dann kurvte der Fahrer uns die 400 Höhenmeter nach Selva hoch. Eigentlich hatten wir ja als Training für die nich kommenden Hammer-Etappen im Tessin mal die 1.600 Höhenmeter in Angriff nehmen wollen, aber mit unserer etwas angeschlagenen Gesundheit wollten wir kein Risiko eingehen. 

500 Meter vor unserem Start überholten wir Oliver, der von Prada aus zu Fuß aufgestiegen war. Wir freuten uns über den Zufall und gingen wieder gemeinsam weiter. Er erreichte uns beim obligatorischen Eincremen mit Sonnenschutz.

Der Aufstieg war trotz Anfangsunterstützung lang, aber wunderschön. Erst auf einem Forstweg, dann auf einem schmaleren Weg erreichten wir die Alp Cancian. Vor uns erhob sich ein stolzer Felsriegel, in dem sich irgendwo ein etwas niedrigerer Pass befinden musste. Beim Blick zurück sahen wir auf der anderen Seite des Tales den Pass, über den wir vor zwei Tagen Poschiavo erreicht hatten. Alles lag dank des vielen Regens kristallklar vor uns, die Luft war so klar wie seit Tagen nicht. 

Mit jedem weiteren Meter Aufstieg wurde der Blick nach hinten spektakulärer. Und auch nach vorne änderte sich immer wieder der Ausblick. Wir machten eine erste längere Pause auf einem Felsen über einer kleinen Wiese mit Fluss mit tollem Ausblick. Genial. Danach konnte es weitergehen. Andrea und ich merkten schon noch die Nachwehen des gestrigen Tages. Wir waren noch etwas langsamer unterwegs und ich hatte das Gefühl, ständig auf Reserve zu laufen, was den Sprit betraf. Da halfen viele Himbeeren und ein paar nach dem Regen noch wässerige Blaubeeren. 

Die letzten 300 Höhenmeter zogen sich noch einmal. Zum Glück bot die Landschaft genug Fotomotive zum Stehenbleiben und Atmen. Da Andrea die Kamera trug, nutzte ich das Handy. Oliver und Andrea bogen noch zu einem beeindruckenden Bergsturz ab, überall lagen große Felsblöcke herum. Ich ging langsam weiter zum Passo Cancian. Plötzlich waren um mich herum Busladungen von Wanderern. Und dann  erschien hinter einer kleinen Anhöhe die Berninagruppe mit ihren Fast-Viertausendern und ihren Gletschern. Ich kam aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Ich sah einen weißen Grat bis hin zum Piz Palü, nur der Piz Bernina als einziger Viertausender entzog sich unseren Blicken. Oliver und Andrea kamen ein wenig später so ziemlich mit dem gleichen Lächel an.

Wir entschieden uns ob dieses Panoramas für eine Mittagspause. Uns hetzte ja keiner. Und essen tat wieder gut. Ich dachte schon den ganzen Tag, wenn es abends wieder Pizzocheri gäbe, wäre ich bestimmt am nächsten Tag wieder fitter … Für erste reichten Humus, Paprika, Picknickei, Brot und Schokolade. Und ich war heilfroh, das ich zwei Flaschen Wasser direkt mit unserem Mineralpulver angereichert hatte.

Leider folgten nach der Pause noch einmal ca. 150 Höhenmeter Aufstieg zum Passo di Campagneda. Uff. Bei Andrea war die Grenze erreicht. Ich glaube ja, nur der hinter uns plötzlich ganz nah auftauchende Gletscher des Pizzo Scalino half ihr als Motivation und Fotomotiv zum Luftholen. Weitere 400 Höhenmeter wären an diesem Tag wirklich nicht drin gewesen.

Unterwegs fanden wir auch die Erklärung für die vielen Wanderer. Die waren alle vom Rifugio Zoia (2021 Meter hoch) aufgestiegen und machten eine kleine Rundtour. Wir folgten dann neben den normalen Markierungen auch noch vielen kleinen Werbefähnchen auf dem malerischen Abstieg an vielen kleinen Seen vorbei über die Alpe Campagneda Richtung Rifugio Ca Runcasch. Später lernten wir, dass am nächsten Tag hier ein Berglauf stattfinden sollte, daher sie Fähnchen. Gut, dass wir unseren Aufbruch nicht um einen Tag geschoben hatten, auf den Trubel konnten wir gut verzichten.

Im Rifugio Ca Runcasch gab es mit Oliver, der hier noch ein Bett bekommen hatte, einen entspannten Capuccino mit trockenem Kuchen und tollem Ausblick (zumindest für ihn, wir saßen falsch herum – selbst schuld) auf einen gletscherbedeckten Berg, den Monte Disgrazia. Wir behielten die Ruhe angesichts der sehr laaaaaangsamen Bewirtung, wir wollten keinen Stress.

Wir verabschiedeten uns von Oliver und nahmen die letzte halbe Stunde auf der Straße in Angriff, dachten wir. Ein paar Biegungen später waren wir echt ab vom Track. Nun gut, der war ja hier auch nicht sonderlich gut. Zur Sicherheit mal die digitale Karte gewechselt und noch mal geprüft. Die Straße hätte uns in einem großen Bogen und am Ende durch Tunnel zum Rifugio geführt. Wir kehrten um und stiefelten ca. 400 Meter zurück. Querfeldein erreichten wir den steinigen Weg zum Rifugio, der leider an einigen Stellen zum Leidwesen von Andrea noch mal bergauf ging. Bergauf ging für ihren Kreislauf nur noch langsam, zum Glück weniger langsam als die Bedienung im Rifugio zuvor.

Dafür war der Weg deutlich interessanter als die Straße. Glatt geschliffene Felsen, eine sportliche Kletterwand, ein steiler Abstieg und plötzlich standen wir vor dem Rifugio. Wir wurden sehr freundlich begrüßt, entdeckten das Schild für die warme Badewanne draußen und buchten den Slot von 17:00 – 18:00 Uhr. Unser Lager entpuppte sich als schönes Sechsbettzimmer, in dem wir die beiden Einzelbetten belegen konnten (zusätzlich gab es noch zwei Stockbetten). Das Zimmer hatte sogar ein eigenes Badezimmer mit Dusche. Kein Wunder, dass der Preis pro Person hier etwas höher war. Wir duschten schnell, schrieben noch etwas und gingen dann in unser Entspannungsbad unter freiem Himmel. Holzgeheizt, mit Blick in den Lärchenwald. Dazu ein Aperitivo. Man muss die Rifugios nehmen, wie sie kommen. 

Nach einer Stunde in der Badewanne spülten wir die völlig entspannten Gliedmaßen im Zimmer noch einmal kurz ab und setzten uns in den Speiseraum zum Schreiben. Zum Essen mussten wir uns dann noch einmal umsetzen, hatten einen 6er Tisch mit unserer Zimmergenossen: zwei Italienern, die auf einem der Gletscher unterwegs gewesen waren und zwei deutschsprachigen Wanderern, die ebenfalls auf der Via Alpina unterwegs waren und die die gleichen Probleme gehabt hatten, in Chiareggio eine Unterkunft zu finden.

Mit Pizzocheri (sollte also alles gut werden) und Gulasch mit Kartoffelbrei (Andrea) bzw. Bresaola und Käse (Ole) und Eis mit Blaubeeren hatten wir ein sehr leckeres Abendessen. Zum Schreiben und Lesen ging es schnell ins Bett, glücklich, dass der Tag so gut verlaufen war.

Tag 23, Etappe 78 vom Rifugio Zoia nach Chiareggio

von Andrea

Ich hatte im Rifugio Zoia wunderbar geschlafen. Ole hat am Morgen etwas von lauter Musik aus dem Nebenzimmer erzählt, aber davon habe ich dank Ohrstöpseln nichts mitbekommen. 

Das Frühstück war ok, aber nicht toll. Helles Brot, Zwieback, viel süßes Zeug. Aber vielleicht waren wir auch nur zu doof, nach den richtigen Sachen zu fragen. Am Nebentisch schien es auch Müsli zu geben.

Wir machten uns fertig, stellten Rucksäcke und Schuhe nach draußen und mussten keine 10 Minuten warten, da wurden wir schon von Oliver abgeholt. Er hatte aus dem Rifugio Ca Runcash einige „Gruselgeschichten“ zu berichten. Zweimal aus dem Speiseraum geflogen, Planlosigkeit und Überforderung bei der Bewirtung, obwohl die Hütte alles andere als voll war, miserables Bett und miserables Frühstück. Da hatten wir es doch mit dem Rifugio Zoia echt gut getroffen.

Wir zuckelten los und gingen mit Oliver zum Rifugio Mitta, was zwar für uns ein kleiner Umweg war, womit wir aber am Rifugio Mitta noch gemeinsam Cappuccino trinken und Kuchen essen konnten. Ein zweites Frühstück nach knapp einer Stunde. So hatten wir uns diesen Tag vorgestellt.

Nach dem zweiten Frühstück trennten sich dann unsere Wege. Wir strebten für diesen Tag ein B&B in Chiareggio an und Oliver das Rifugio Longoni. Wir blieben auf der Standardroute der Via Alpina und Oliver machte einen Abstecher, der landschaftlich grandios gewesen sein muss, aber auch mehr Höhenmeter hatte und deutlich anspruchsvoller war.

Für uns ging es nach dem zweiten Frühstück erstmal wieder ein Stück runter und über kitschig schöne Almwiesen und an tollen (noch unentdeckten) Boulderblöcken vorbei. Dann folgte ein mühsamer und unschöner Aufstieg auf einer Skipiste. Ja, es gab auch mal hässliche Seiten dieser ansonsten wirklich tollen Gegend. Hier machte ich den Fehler, mich nicht sofort um meine zwackenden Fersen zu kümmern. Ich dachte, es ginge danach nur noch runter, was ja die Fersen dann kaum noch belastet. Falsch gedacht. Doof. 

Zunächst ging es nach dem kurzen doofen Aufstieg auf der Skipiste sehr knackig runter zum Lago Palù und Rifugio Palù. Das fühlte sich an wie ein Abstieg in einem fast senkrechten Bachbett. Super steil, felsig, komplex, feucht, rutschig. Hui, da mussten wir das Hirn aber echt einschalten. Und die ollen Steine waren so glatt poliert, dass wir fast auf allen Steinen rutschten, nicht nur an den feuchten Stellen. Irgendwie hatte ich erwartet, dass das ein total gemütlicher Tag werden würde. Hm, also weder die Skipiste noch das fast senkrechte Bachbett fühlten sich so richtig gemütlich an.

Am Ende des Abstiegs schwante uns, dass das mit dem gemütlichen Mittagessen am Rifugio Palù auch nix werden würde. Der Lärm, der uns entgegen schallte, erinnerte mehr an eine Imbissbude im Freibad als an eine Berghütte. Unserer Pause zuliebe wären wir ja durchaus gewillt gewesen, uns auch darauf einzulassen. Als wir dann aber erfuhren, dass wir uns erst bei einer Kellnerin melden mussten, die eine Warteliste führte und uns dann irgendwann einen Platz zuweisen würde, gingen wir Achsel zuckend weiter. Offensichtlich eher eine Hütte für Familienausflüge als für Wanderer (zumindest an Sonntagen bzw. in der Woche nach Ferragosto). Etwas ungeschickt war nur, dass wir in dem Gewusel nicht daran dachten, noch etwas Wasser nachzufüllen, wir hatten nämlich nur zwei Liter mitgenommen.

Es ging nach dem Rifugio noch ein ganzes Stück bergab und dann auf einem Hangweg mit viel Auf uns Ab (aua, meine Füße) an vielen winzigen Ansammlungen von überwiegend alten Häusern (mittlerweile Ferienhäusern?) vorbei Richtung Chiareggio. Wir hätten eigentlich längst eine Pause gebraucht, hofften aber immer noch auf ein weiteres Rifugio oder eine Alm mit Einkehr. Kam nur leider nicht. An einem Brunnen füllten wir immerhin eine unserer Flaschen mit Wasser auf. Da wir bzgl. der Qualität des Wassers nicht ganz sicher waren, fügten wir vorsichtshalber eine Tablette zum Desinfizieren des Wassers hinzu.

Schließlich sahen wir ein, dass das überfüllte Rifugio die einzige Chance auf ein „richtiges“ Mittagessen gewesen war, hockten uns für eine Pause neben dem Hangweg auf den Fußboden und fielen über unseren Proviant her. Die Pause war nicht schön aber schlicht notwendig. Das desinfizierte Wasser mit seinem Chlorgeruch war auch nicht toll, aber es löschte den Durst und war allemal besser als Durchfall.

Die letzten Meter nach Chiareggio mussten wir wieder auf einer kleinen Straße zurücklegen und auf der war einiges los (es war schließlich immer noch Sonntag und es war immer noch die Woche nach Ferragosto). Das war zwar nervig aber mir trotzdem lieber als noch mehr Hangweg mit Auf und Ab. Meine Füße waren nach dieser etwas längeren Etappe echt am Ende. Sie fühlten sich rundherum wund an. Es meldeten sich leise Zweifel, ob ich doch zu harte Schuhe gekauft hatte. Aber solche Zweifel waren nur sinnlose Energieverschwendung. Für lange Etappen auf eher einfachen Wegen waren so harte Schuhe echt übel, das war nicht zu leugnen. Auf jeder alpinen Etappe und an jedem alpinen Passübergang feierte ich die Schuhe. Und eine eierlegende Wollmilchsau gab es eben auch bei Bergschuhen nicht.

Wir fanden unsere Unterkunft, das B&B „Il Cortese“ und standen dort vor verschlossenen Türen. Wir wählten die Telefonnummer, die an der Gartenpforte stand und erwischten unseren Gastgeber auf einem Berg. Gut für uns, dass er dort gerade Handynetz hatte. Er erklärte uns, wo der Schlüssel für die Eingangstür versteckt war und welches unser Zimmer war (es gab nur vier Zimmer). Das Haus schien uralt und auf der schmalen, dunklen und knarzenden Holztreppe auf dem Weg in den ersten Stock fragte ich mich, wo wir gelandet waren. Zu meiner Überraschung kamen wir in ein schön eingerichtetes sauberes kleines Zimmer, dass sogar ein eigenes Badezimmer hatte. Die alten dunklen Holzdielen bewegten sich beim drüber gehen so sehr, dass der ebenfalls alte Kleiderschrank leicht wackelte. Und die Duschkabine war die kleinste, in der ich je geduscht habe, aber es kam wunderbar warmes Wasser aus der Wand. Wir spülten sogar ein paar Klamotten und legten sie auf dem  Fenstersims in die Sonne. (Alternativ hätten wir sie auf die Slackline im Garten legen können. Slackline? Wieso gab es in so einem B&B eigentlich eine Slackline?)

Nach etwas Dehnen und Schreiben gingen wir hoffnungsfroh die paar Meter in den winzigen Ort. Es war zwar erst kurz nach 18:00 Uhr und meistens konnte man in Italien erst ab 19:30 Uhr essen, mit Glück ab 19:00 Uhr, aber wir hatten doch sooooo Hunger! Da musste doch jemand Erbarmen mit uns haben!

Zunächst kauften wir in den beiden winzigen Läden des Ortes ein wenig Proviant für den nächsten Tag ein. Es gab sogar Focaccia! (Sonnencreme brauchten wir eigentlich auch, aber mit großen Flaschen mit Schutzfaktor 15 konnten wir nicht viel anfangen.) Dann steckten wir die Nase in das erste Restaurant. Etwas verständnislose Reaktion. Essen? Jetzt schon? Nein, ab 19:00 Uhr. Nächstes Restaurant. Ab 19:30 Uhr. Nächstes Restaurant: Nur für die Gäste des Hotels. Seufz. Wir hockten uns in die einzige Bar des Ortes, bestellten einen Aperitif und klammerten und an eine kleine Schale mit Chips. Als es endlich 19:00 Uhr war, stürmten wir das Restaurant, wo wir dann sehr lecker und tatsächlich auch ausreichend aßen (bei Wanderern nicht immer ganz einfach).

Als wir nach dem Essen in unserem B&B ankamen, erwartete uns unser Gastgeber – ein etwa 65-jähriger Mann – und fragte uns, ob wir noch einen Grappa wollten. Ich wollte nur ins Bett, ich war platt und mir tat alles weh, vor allem die Füße, aber er fragte mit so strahlenden Augen immer wieder, ob wir nicht doch einen wollten, dass Gutmensch Ole schließlich nachgab. Ich setzte mich in dem „Wohnzimmer“ voller uralter Möbel grummelnd dazu und dann entwickelte sich ein wundervoller Abend.

Wir saßen Jacopo Merizzi gegenüber, einem Bergführer, der in der Antarktis und im Yosemite klettern gewesen war (Salathé und Nose), zwei Kletterführer über das Val di Mello und noch einige weitere Bücher – unter anderem eine Autobiografie – geschrieben hatte und das Klettern über alles liebte. Wir waren uns sehr schnell sehr einig, dass es beim Klettern nicht um einen Zeitvertreib oder einen Sport ging, sondern um einen essentiellen Bestandteil des eigenen Lebens. Er wollte uns sofort zum Klettern ins Val di Mello schicken, das nur drei Kilometer Luftlinie entfernt lag. Er meinte, auf den Platten dort würde ich meine Schulter nicht brauchen, nur ein gutes Verhältnis zu meinen Füßen (was bei mir auf Platten echt zu wünschen übrig ließ). Und er erklärte uns, dass zwar alle Bergführer sehr unterschiedliche Menschen seien, dass sie aber alle eines gemeinsam hätten: Die Liebe zur Anarchie und zur Freiheit in den Bergen. Er schwärmte, wie wundervoll es war, in der wilden Natur der Berge unterwegs zu sein. Er erinnerte uns daran, dass es vor allem darum ging, draußen zu sein (und nicht von a nach b zu kommen). Wie recht er doch hatte! Ich hätte diesem Mann mit den leuchtenden Augen stundenlang zuhören können (wir waren wieder soooo dankbar für unsere Italienischkenntnisse, denn allzu viel Englisch konnte unser Gastgeber nicht). Aber irgendwann musste ich leider wirklich ins Bett, ich kippte schon fast aus dem Sessel.

Am nächsten Morgen wollte Jacopo uns unbedingt einen Kletterführer des Val di Mello schenken. Wir wehrten so freundlich wie möglich ab. Das Ding hätten wir tragen müssen. Später meinte Ole, bei der Autobiografie wäre er schwach geworden. Die werden wir uns besorgen, wenn wir wieder zu Hause sind.

Tag 24, Etappe 79, von Chiareggio nach Maloja

von Ole

Was für ein Frühstück bei Jacopo und seiner Frau Michaela! Frisch gepresster Saft, frisch aufgeschnittener Schinken, leckeres Müsli, verschiedene Marmeladen, zwei große Kännchen Tee, Melone, Blaubeeren, Käse. Alles am großen Tisch gemeinsam mit einigen wenigen anderen Gästen. 

Es folgte eine herzliche Verabschiedung und wir stiefelten los in Richtung Maloja. Andrea ging etwas unrund aufgrund ihrer schmerzenden Fersen. Zuerst ging es relativ flach noch einmal durch Chiareggio hindurch, dann folgten wir dem in Serpentinen aufsteigenden Weg zur Alpe dell’Oro. Schön langsam, mit kleinen Schritten, um die kaputten Fersen von Andrea nicht noch mehr zu reizen.

Der Waldweg war langweilig, die Ausblicke auf den Monte Disgrazia mit seinen Gletschern umso beeindruckender. Nach knapp anderthalb Stunden erreichten wir den Abzweiger zur fünf Minuten entfernten Alpe dell’Oro, den wir für eine Pause nahmen. Ich fragte eine ältere Frau, die Geschirr am Brunnen wusch, freundlich, ob wir eine kleine Pause machen dürften, was sie bejahte. Mit tollem Blick gab es dann Focaccia und Taleggio als zweites Frühstück, dazu wechselte Andrea die Socken (in der Hoffnung, dass es helfen würde, nicht dauernd in verschwitzten feuchten Socken zu laufen).

Per WhatsApp verständigten wir uns mit Oliver, der kurz nach uns die Alpe erreicht hatte und ca. 30 Höhenmeter über uns saß. Er schickte uns eine Foto, auf dem wir klein wie Ameisen waren, und auch auf unserem  Foto konnten wir ihn später entdecken. Gemeinsam setzten wir den Weg durch das Muretto-Tal fort. Bis zum Muretto-Pass verlief der Weg in sanfter Steigung, die schwierigste Stelle war eine Blockade durch ein Galloway-Rind mit langen Hörnern, die gefühlt den ganzen Weg ausfüllten. Nur zum Pass hin wurde es etwas steiler und steiniger, die Blockfelder waren aber durch Einsatz von Maschinen gut begehbar gemacht worden. 

Hinter dem Pass gab es mit Windschutz Mittag und neue/alte (mittlerweile wieder getrocknete) Socken für Andrea. Wir hatten im Aufstieg sogar eine Banane „gefunden“. Danke Sonja für den Hinweis, dass die mehr Fruchtzucker haben als Blaubeeren. Wir teilten unseren Proviant, in Maloja sollte es Nachschub geben.

Derart gestärkt wartete eine echte Bewährungsprobe auf uns. Die ersten Meter des Abstiegs verliefen steil den Hang hinunter, nur ab und zu durch eine Serpentine erleichtert. Es folgte im weiteren Abstieg ein Blockfeld nach dem anderen, nicht einfach begehbar gemacht, das mussten wir schon selbst schaffen. Kein Wunder, dass uns ein Mountainbiker etwas genervt wieder entgegenkam, er hatte Richtung Maloja einen ähnlichen Weg wie zum Pass hinauf erwartet. Da sich aber nur Blockfeld an Blockfeld reihte, schob er sein Fahrrad zum Pass wieder hoch.

Unter uns sahen wir das flache Bett des Flusses, durch die Blockfelder dauerte es echt lange, bis wir ihn endlich erreichten. Nach dem Überqueren – wer hatte denn die steile Treppe am anderen Ufer genehmigt? – machten wir eine Trinkpause mit letztem Sockenwechsel des Tages. Als Zugabe gab es eine Kreuzotter, die wir von ihrem Nachmittags-Aufwärm-Felsen vertrieben. 

Mit etwas mehr Auf und Ab als uns (und Andreas Füßen) lieb war, ging es weiter das Tal hinunter. An einem schönen See vorbei erreichten wir nach einer weiteren Kreuzotter und einem letzten Gegenanstieg endlich gegen 16:15 Uhr Maloja. Ziemlich platt erstanden wir erst im Kiosk Sonnencreme und danach in der Latteria Käse, Brot, Gurke und Schinken für das nächste Picknick. Danach lächelte Andrea und ich humpelte nicht ins Hotel, wo wir sehr freundlich begrüßt wurden, immer gemäß unserem Motto: „Lächeln und nicht Humpeln“.

Andrea verarztete ihre Fersen in der Badewanne, ich ging noch für zwei kurze Saunagänge in die finnische Sauna. Dann trafen wir uns mit Oliver bei uns im Hotel zum Essen. Bei schöner Unterhaltung und leckerem Essen ließen wir den Abend ausklingen. 

Gemeinsamer Aufstieg mit Oliver
Zweites Frühstück, was für ein Plätzchen
Die Aussicht genießen auch andere
Auch nach vorne änderte die Landschaft ständig ihr Gesicht
Felssturz …
… mit ziemlich großen Boulderblöcken
Die Berninagruppe …
… mit Namen, im Vordergrund Andrea und Ole
Wichtige Foto- und Atempause im weiteren Aufstieg
Abstieg an vielen Seen vorbei mit Blick auf den Monte Disgrazia
Hochalm, kurz vor dem Rifugio Ca Runcasch
Man muss die Rifugios nehmen, wie sie kommen
Weites Tal hinter der Musella-Alm
Manchmal auch hässlich, Aufstieg auf der Skipiste
Fichten im Trockenstress, den Lärchen dahinter geht es super
Alte Almen auf dem Weg nach Chiareggio
Blick zurück, alte Häuser, Stausee und im Hintergrund Pistentrubel
Der Weg nach Chiareggio zog sich
Chiareggio: mehr Autos als Häuser – kein Wunder, bei der Landschaft
Gletscher des Monte Disgrazia im Aufstieg zum Passo Muretto
Pause an der Alpe dell’Oro
Bär? Also die Hörner waren wirklich so breit wie der Weg.
So werden Blockfelder entschärft. Im Hintergrund über Olivers Rucksack der Passübergang.
Juchu, wir hatten tatsächlich eine Banane gefunden, Pause am Passo Muretto.
Steiler Abstieg vom Pass
Steiniger Blick zum Pass zurück (linke Scharte)
Kleine Menschen und viele große Felsen. Hier hatten die Bagger den Weg nicht vereinfacht. Schweizer Seite, da war laut Oliver auch so ein klar erkennbarer Weg …
Blick Richtung Maloja und langer Abstieg
Die zweite Kreuzotter war geduldiger als die erste
Hotel in Maloja

Ein Gedanke zu “45. von Poschiavo nach Maloja

  1. 🤣🤣🤣… dass der Klimawandel schon jetzt in den Alpen Bananen wachsen lässt, ist zwar überraschend, aber man muss es nehmen wie es kommt 😎 alles Gute Deinen Fersen, Andrea 😘

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