47. von Maloja nach Andeer

Tag 25, Etappe 80, von Maloja nach Juf (und noch zwei Kilometer weiter)

von Ole

Frühstück gab es im Hotel in Maloja erst ab 08:00 Uhr, aber wir durften schon 20 Minuten früher auf der Matte stehen. Leckeres Müsli, ein gekochtes und ein gespiegeltes Ei, Aufschnitt, Croissant und Pain au Chocolat. Es dauerte etwas, bis wir uns mit Oliver an der Latteria trafen. (Er war schon deutlich früher als wir mit dem Frühstück fertig … ähäm.)

An der Latteria kaufte Oliver frische Brötchen für das geplante Grillen, die Würstchen hatte er am Vortag schon erstanden. Wir waren gespannt auf diese Schweizer Wandertradition. Doch zuerst hieß es mal wieder aufwärts. Viel aufwärts und lang aufwärts.

Aufwärts gehend lassen wir immer wieder die Zivilisation hinter uns. Der Wechsel war nicht immer einfach, in beide Richtungen nicht.

Für die Anstrengung des langen Aufstiegs entschädigt wurden wir mit Ausblicken auf den ersten der Oberengadiner Seen und auf – neben vielen anderen Bergen – die scharfkantige Silhouette des Piz Badile. Als wir weiter nach oben stiegen, kam auch der Piz Bernina, der erste Viertausender an unserer Route, prominent ins Bild.

Der Wind pfiff kalt und kräftig und wir zogen uns eine Lage mehr an. Endlich erreichten wir nach knapp 800 Höhenmetern den See Lunghin, die Quelle des Inn. Dabei waren wir echt weit vom Oberinntal entfernt, wo wir die Quelle des Inn in völliger geografischer Unkenntnis bisher vermutet hatten. Aber wir hatten ja schon in Scuol im Unterengadin gelernt, dass der Inn auch dort durchfloss. Und ja, er floss vorher auch noch durch das Oberengadin.

Weitere 100 Höhenmeter später erreichten wir den Pass Lunghin, eine Dreier-Wasserscheide. Über den Inn in die Donau und ins Schwarze Meer oder über die Meira ins Mittelmeer oder über die Julia und den Rhein in die Nordsee. Spannend. 

Noch spannender wurde es nach kurzem Abstieg. Hinter einem Felsbrocken – geschützt vor dem eisigen Wind – fanden wir zufällig ein paar Holzreste (alte Bretter). Auf ca. 2.600 Metern Höhe weit jenseits der Baumgrenze und weitab der Zivilisation ein kleines Wunder. Oliver brachte ein kleines Feuer in Gang, ich schnitzte drei Spieße zurecht und dann wurde tatsächlich gegrillt. Schweizer Tradition. Und wir bekamen das ziemlich gut hin.

Nach entsprechend langer (und sehr leckerer) Pause ging es hinunter zum Septimerpass und dann weitere 400 Höhenmeter hinauf zur Forcella. Andrea merkte ihre Fersen wieder. Wir beide merkten die Anstrengung. Oliver stieg etwas ab, um Wasser aus einem Bach zu holen. Ich hatte kurz vor dem Pass Glück mit einem kleinen Bach direkt am Weg. Den nutzten wir für den vierten Liter Wasser, abgesichert mit einer Chlortablette, für alle Fälle.

Schon gegen 21:00 Uhr schlief ich dann tief und fest, als hätte jemand einen Stecker gezogen. Und das dann für fast elf Stunden. Mein Körper brauchte wohl wirklich eine Pause.

Am Pass gab es mit – sorry, ist aber wirklich so – mal wieder tollen Ausblicken, insbesondere ein letztes Mal zurück Richtung Berninagruppe, eine zweite Pause. Und vermutlich sahen wir ganz kurz einen Adler – die panisch pfeifenden Murmeltiere sahen das ähnlich – und der Vogel sah deutlich größer aus als die zwei Raben, deren Flugkünste wir danach im Abstieg bewundern durften. 

Doch vor dem Abstieg verabschiedeten wir uns von Oliver. Er wollte durch die Berge nördlich von uns gehen, statt durch das Tal zu laufen, und hatte sich noch weitere 450 Höhenmeter Aufstieg bis zu einem Biwakplatz ausgesucht. Es war schön, ihn als Begleiter gehabt zu haben, und wir sehen uns bestimmt mal wieder. 

Unser Abstieg verlief auf schmerzenden Füßen und mit leerem Kopf (Andrea) langsam. In vielen Serpentinen mit kleiner Pause zwischendurch und einigen Blaubeeren erreichten wir den Talboden, immer noch auf über 2.100 Metern Höhe. Flach an vielen Murmeltieren vorbei ging es zunächst nach Juf, der höchsten, ganzjährig bewohnten Siedlung Europas. Niedliche kleine Holzhäuser, teilweise mit Holzschindeln verkleidet und mit den Steinziegeln gedeckt, die wir schon in so vielen Regionen gesehen hatten. Wir gingen dann noch knapp zwei Kilometer weiter bis zu unserem Hotel.

An unserem Hotel angekommen folgten wir brav dem Schild, dass Wanderer durch die Garage gehen und dort die Schuhe ausziehen mögen, und wurden diesmal etwas weniger freundlich begrüßt. Dafür gab es eine sehr angenehme warme Dusche und ein leckeres Abendessen. Drei andere Gäste waren noch da und ein Koch/Kellner begleitete uns durch 5 Gänge. Da war es verständlich, dass das Essen für alle gleichzeitig um 18:30 Uhr begann. 

Während des Essens buchten wir noch ein Hotel in Andeer, welches am Talausgang lag. Die nächste, im wesentlichen abwärts gehende Etappe bis Innerferrera, traute Andrea sich mit ihren schmerzenden Fersen und lahmen Beinen noch zu, danach musste ein Ruhetag her. In Poschiavo hatten unsere Körper den Tag zum gesund werden benötigt, da war die Superkompensation der Muskeln zu kurz gekommen, das wollten wir ändern.

Tag 26, Etappe 81, von Juf nach Innerferrera und mit dem Bus weiter nach Andeer

von Andrea

Jetzt waren wir mal in einem Hotel, in dem es schon ab 7:00 Uhr Frühstück gab und dann das: Bummelstreik. Mein ganzer Körper machte einfach nur Bummelstreik. Aufwachen? Nach nur etwa 10 Stunden Schlaf? Warum das denn? Badezimmer? Zu weit weg! Klamotten anziehen? Zu anstrengend! Zum Frühstück gehen? Gehen? Treppen? So weit kommt das noch! Und als wir es dann endlich geschafft hatten, war das Frühstück eher so mittel.

Um 9:15 Uhr kamen wir los. Es sollte angeblich eine halbwegs entspannte Etappe werden. Es ging zunächst das Averstal und dann das Ferreratal hinunter bis zum Ort Innerferrera. Und von dort wollten wir den Bus nach Andeer nehmen. Oliver hatte von einem sehr beliebten Thermalbad in Andeer berichtet. Das Hotel mit direktem Zugang zum Thermalbad war gebucht, der Ruhetag rief. Das lieferte Motivation für den Tag.

Die übrige Motivation lieferten die tollen Täler. Im oberen Teil weit mit grünen baumlosen Hängen. Zu weit oben für Bäume. Nach einer Weile erste Zirben, dann etwas Wald, später eine tief eingeschnittene Schlucht. Mal gingen wir auf der wirklich sehr wenig befahrenen Straße, dann wieder mal auf einem Hangweg auf der rechten oder linken Talseite. Auf den Hangwegen fluchten meine Füße über das viele Auf und Ab, aber es ging irgendwie und der Ruhetag war ja zum Greifen nah. Etwas Überraschung bot später ein Stück des Weges, das an einer kleinen Seitenschlucht plötzlich steil, felsig und seilgesichert war. Das war aber zum Glück nur kurz und schnell überwunden.

Ole war ein wenig hibbelig an diesem Tag. Keine mindestens 1.000 Höhenmeter Aufstieg, kein alpiner Pass, keine Blockfelder. Er war einfach nicht ausgelastet. Trotzdem machte er mit mir geduldig viele kleine Pausen. Socken wechseln. Einlegesohlen wechseln (von den Standardsohlen zu meinen extra angefertigten Sohlen und wieder zurück), etwas trinken, etwas zu trinken wegbringen, eine Kleinigkeit essen und wieder von vorn. Die Landschaft war toll. Ole schlug sich wacker trotz Hibbeligkeit. Und mir taten die vielen Pausen einfach nur gut. Am Abend in Andeer war ich endlich mal wieder nicht total platt und allein das war eine Wohltat.

Aber vor Andeer bestaunten wir neben dem tollen Averstal und dem tollen Ferreratal noch eine tolle Schlucht, durch die die alte Averserstraße führte. Etwas gruselnd nahmen wir den saugenden Blick in die Tiefe jeweils nur in kleinen Dosen zu uns. Bei dem Anblick bekamen wir beide feuchte Hände.

Schon um kurz vor 15:00 Uhr erreichten wir Innerferrera, das offizielle Ziel dieser Etappe. Dass in diesen abgelegenen und fast menschenleeren Tälern überhaupt ein Bus fuhr, grenzte an ein Wunder. Das war wohl ein schweizer Luxus. Wir wunderten uns dann allerdings etwas, dass der Bus zu spät kam (Stau hatte der in dem Tal sicher nicht gehabt) und dass er total voll war (so viele Menschen hatten wir den ganzen Tag nicht gesehen).

Ich setzte mich bockig auf den Fußboden. Ole blieb tapfer stehen. Wir wurden beide ordentlich durchgeschaukelt. Plötzlich fragte Ole: „Sag mal, wo ist eigentlich Magic Wood (legendäres Bouldergebiet)?“ „Hä, wieso jetzt diese Frage? Irgendwo in der Schweiz halt. Da waren wir doch letztes Jahr kurz zum Gucken hingefahren, als wir im Tessin gewesen waren. Hm, wo waren wir da noch mal von der Autobahn abgefahren? Äh, irgendwo hier in der Nähe? Sind wir etwa gerade an Magic Wood vorbei gefahren?“ Ole schaute schnell auf Google Maps nach – trotz Geschaukel und akuter Übelkeitsgefahr. Wir waren tatsächlich gerade an Magic Wood vorbeigefahren. Wir grinsten beide breit. Die Welt war manchmal so klein. Letztes Jahr waren wir von der Autobahn Richtung Avers Juf abgebogen. Jetzt waren wir über einen Pass nach Avers Juf und dann das Tal hinunter gelaufen.

Das beste war allerdings, woran Ole Magic Wood erkannt hatte. Das mit Kletteraufklebern beklebte Schild „Magic Wood“, das wir vom letzten Jahr kannten, hatte er nicht gesehen. Nur einen völlig überfüllten Campingplatz, an dem Campingbusse und Zelte so sehr dicht an dicht standen, dass eigentlich niemand den Platz verlassen konnte, ohne dass andere rangieren mussten. Da hatte er sich gefragt, was denn das für ein komischer Platz sei, wer denn so einen Camping-Urlaub würde machen wollen. Die Antwort lag irgendwie nahe: Ein Haufen durchgeknallter Boulderer, die eben keinen Wert auf einen hübsch aufgeräumten Campingplatz legten, sondern auf harte Boulder. 

Die Fahrt in dem mittlerweile völlig überfüllten Bus war etwas mühsam. An der Haltestelle „Andeer Post“ stand der Bus ewig herum und wurde noch voller, bevor er endlich nach „Andeer Heilbad“ weiterfuhr. Hätten wir gewusst, wie dicht die beiden Stationen beieinander lagen, wir wären ausgestiegen und zu Fuß gegangen, da wären wir schneller gewesen. Als wir schließlich ankamen, freuten wir uns über den sehr freundlichen Empfang im Hotel. Manchmal wurden wir – verschwitzt und müffelnd – in einem Hotel sehr herzlich empfangen und in einer Berghütte leicht angemault und manchmal war es anders herum. Das war schon lustig und ließ sich irgendwie nicht vorhersagen. Meistens war der Empfang allerdings freundlich, was bei unserem leicht verwegenen Aussehen und Geruch am Ende einer Etappe echt nicht selbstverständlich war.

Da wir einen Balkon hatten, wuschen wir schnell ein wenig Wäsche und legten sie zum Trocknen nach draußen. Dann ging es in die Therme (man konnte für fünf Franken Badekleidung leihen) und anschließend noch in die Sauna, was wir sehr genossen. Ein prima Ort für einen Ruhetag.

Am Abend aßen wir die Halbpension im Hotel. Dabei fühlten wir uns ein wenig wie in einem Sanatorium. Das lag nicht nur an den vielen sehr alten Menschen und den vielen Gehstöcken, die an der Wand lehnten, sondern irgendwie auch daran, wie der Raum eingerichtet war und wie die Tische standen. Es wirkte eher wie eine Krankenhauskantine als wie ein Hotelrestaurant … trotz Stuck an der Decke.

Die super schlechte Nachricht des Tages war, dass Oliver sich irgendwie das Knie zerlegt hatte, Schwierigkeiten beim Gehen hatte und somit erstmal eine Zwangspause einlegen musste. So ein Mist. Es konnte so schnell gehen. Wir drückten ganz fest die Daumen, dass die Zwangspause nicht allzu lang ausfallen musste.

Aufstieg von Maloja …
… mit Blick auf Oberengadiner Seen
Piz Badile (in der Mitte)
Immer noch Auftsieg über Maloja – karge Landschaft und eisiger Wind
Blick zurück auf die Berninagruppe
Dieser See soll die Quelle des Inns sein
Kleine Menschen und kleine Inn-Quelle …
… in ziemlich großer Steinwüste
Übrigens mit smaragdgrünen Steinen, was man nur auf dem Foto leider kaum erkennt
Und am Pass ein Blick in eine einschüchternde Weite … nur Steine, Gipfel, Pässe
Oliver macht mit Hilfe alter Bretter ein kleines Feuer
Dann werden Würstchen gegrillt
Nach guter schweizer Tradition
Sehr lecker
Noch mal die Berninagruppe … gesehen von der Forcella, dem zweiten Pass dieses Tages
Pause an der Forcella vor dem Abstieg nach Juf … ganz schön anstrengend und ganz schön toll, in dieser Welt zu Gast sein zu dürfen
Im Abstieg Richtung Juf langsam wieder ein wenig mehr Grün
Dann öffnete sich vor uns das weite, im oberen Teil baumlose Averstal
Erste einzelne Bäume im Averstal auf der Etappe von Juf nach Innerferrera
Murmeltiere haben uns – außer an Ruhetagen – fast täglich mit ihren Pfiffen begleitet
Viele kleine Pausen auf der Etappe nach Innerferrera taten gut
Kleine Überraschung an einer steilen, mit Seilen gesicherten Stelle … war zum Glück nur ein kurzes Stück
Nach der weite im oberen Teil, unten im Tal dann eine enge Schlucht …
… durch die die alte Averserstraße führte

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