49. von San Bernadino nach Biasca

Tag 30, Variante der Etappe 84, von San Bernadino nach Rossa im Calancatal

von Andrea

Wir waren beide zwei Tage lang im Schreib-Streik und jetzt versuche ich mich zu erinnern, was vorgestern war. Hm, gar nicht so einfach. … Also, Frühstück und Aufbruch im kleinen Ort San Bernadino, logisch. Dann los Richtung Pass. Irgendwie auch schon fast logisch, so viele Tage ohne Aufstieg zu einem Pass gab es schließlich nicht. Zum Pass di Passit war es auch gar nicht so weit. Es waren nur knappe 500 Höhenmeter Aufstieg auf knapp 4 Kilometern Strecke. Das war erstmal ganz entspannt. Und sehr schön war es auch.

Lustig ist nur bei entspannten Aufstiegen jedes Mal wieder, dass die Beinchen sich komplett darauf einstellen, wenn es mal nicht so viel ist. „Ach, sind das heute nur 500 Höhenmeter? Na, dann können wir ja ab 300 einen auf lahm machen und etwas maulen.“ Das taten sie dann auch.

Am Pass gab es einen kleinen See und eine alte Hütte mit einer provisorischen Bank, was sich wunderbar für eine entspannte Pause eignete. Es war wieder mal komplett einsam. Beim Start in San Bernadino hatten auf einem Wanderparkplatz zwar viele Autos gestanden (es war mal wieder Sonntag), aber irgendwie waren deren Insassen irgendwo anders unterwegs, am Pass di Passit waren sie jedenfalls nicht. Nur zwei Wanderer tauchten kurz auf der anderen Seite des Sees auf, dann waren wir wieder allein.

Nach der Pause begann für uns der Abstieg in das wilde und recht einsame  Calancatal. Seitdem Oliver uns von diesem Tal erzählt hatte, freuten wir uns darauf. Es sollte noch einsamer und wilder als das Verzascatal sein, dass uns im Jahr zuvor im Urlaub so gut gefallen hatte. Und nicht nur das Calancatal war wild und einsam, unser Abstieg dort hinunter war es auch! Der kleine See am Pass entwässerte Richtung Calancatal, sammelte unterwegs unzählige kleine Bäche auf, und der daraus resultierende etwas größere Bach hatte ein tief eingeschnittenes Seitental geschaffen, an dessen steilen Flanken wir abstiegen.

Es war atemberaubend. Weil es wunderschön war. Wirklich wild, rauh, steil. Und irgendwie urwüchsig. Und es war auch atemberaubend, weil die Flanke des Seitentals neben uns über weite Strecken gefühlt fast senkrecht war und der Weg nicht gerade breit wie eine Autobahn. Da hielt man irgendwie automatisch ab und zu mal die Luft an. Immerhin war der Weg durchgehend breiter als zwei Füße, wenn auch nicht viel breiter. Gegenverkehr hätte schwierig werden können, gab es aber eh nicht. Und der Weg war offensichtlich vor kurzem ausgebessert worden. Pflanzen, die den Weg überwuchert hatten, waren frisch zurückgeschnitten, in steilen Passagen gab es neu angelegte Stufen. Das war großartig. Dadurch war der Weg schon fast ein Vergnügen. Allerdings eines, dass sehr viel Konzentration erforderte. Es gab immer mal wieder Stellen, an denen man wirklich nicht stolpern sollte.

Wieviel Konzentration der Weg wirklich erforderte, merkten wir allerdings erst so richtig, als wir nach Stunden den Talboden des Calancatals erreichten. Wir machten an einem kleinen Kiesstrand unseres „Seitentalbaches“ eine späte Mittagspause, kühlten unsere glühenden Füße im Bach und konnten tatsächlich mal nirgends runterfallen. Die Chance nutzte mein Hirn und schaltete auf Leerlauf, machte schlicht Feierabend. Es ließ sich danach auch nicht wirklich wieder einschalten.

Der weitere Abstieg folgte nun dem Hauptfluss im Calancatal, der Calancasca. Der Weg war jetzt lange nicht mehr so steil wie zuvor und der Hang neben uns war es auch nicht mehr. Schließlich erreichten wir das obere Ende der kleinen Straße, die das Tal hinaufführte. Dort gab es eine Party oder so, jedenfalls standen dort ein Haus und einige Autos und wir hörten Blasmusik, als wir uns dem Haus näherten. Das wirkte nach dem wilden und einsamen Abstieg so dermaßen unwirklich, dass der Gegensatz für mich echt zu groß war und mir kurz schlechte Laune machte.

Ab dem Beginn (bzw. dem oberen Ende der Straße) waren es noch einige Kilometer bis zu unserer Unterkunft in Rossa bzw. Augio, die wir mit glühenden Füßen auch noch schafften. Die hohen steilen Wände des Tales waren dabei beeindruckend und einschüchternd zugleich. Die alten, massiven Holzhäuser und die winzigen Flächen, die in dem engen Tal für Landwirtschaft genutzt werden konnten, erzählten ihre eigene Geschichte, wie schwierig das Überleben in dem Tal teilweise gewesen sein muss.

Wir erreichten unser Hotel, fühlten uns zwar nicht so richtig willkommen, bekamen aber ein Doppelzimmer mit eigenem Bad und das war wundervoll. Denn so ganz klar war uns bei der Buchung nicht gewesen, was wir da eigentlich per E-Mail gebucht hatten. Viel Auswahl hatte es nicht gegeben (kein Wunder, es war in dem Tal schlicht kein Platz für Hotels) und wir waren einfach nur froh gewesen, dass wir überhaupt einen Platz zum Schlafen gefunden hatten. 

Immerhin bekamen wir dann sogar noch Café und Eis auf der Terrasse des Hotels, wo wir einem Wasserfall und dem einsetzenden Regen zuschauten und in einem Wanderführer über das Calancatal lasen. Wir lasen auch die Beschreibung unserer nächsten Etappe zur Capanna Alpe Cava hoch über dem Calancatal. Das war ein bisschen doof. Denn dadurch wusste ich, dass die Etappe eher als „schwierig“, denn als „mittel“ (wie in der Wegbeschreibung der Via Alpina) einzustufen war und dass der Aufstieg zum ersten von zwei Pässen einige heikle Passagen haben sollte (zumindest in 2009, als der Wanderführet geschrieben worden war). Damit hatte ich dummer Weise mal wieder etwas, worüber ich mir Sorgen machen konnte. Und hätte ich gewusst, wie schwer mir die Etappe am nächsten Tag tatsächlich fallen würde, ich hätte Reißaus genommen. Zum Glück nimmt Ole es mir ab, über den nächsten Tag zu schreiben …

Wir aßen dann abends im Hotel. Eine Alternative gab es auch eh nicht. Das Essen war ok. Etwas bizzar war der Speisesaal, irgendwie aus der Zeit gefallen. Mit Weingläsern und großen Tischdecken recht aufwändig gedeckte Tische, lange Vorhänge an den Fenstern, Verzierungen an der Decke. Das passt irgendwie alles nicht zu dem ansonsten sehr einfachen Hotel.

Eine sehr gute Nachricht des Tages war, dass Olivers Knie sich so weit erholt hatte, dass er wieder „on the road“ war. Sehr schön.

Tag 31, Etappe 85, von Selma zur Capanna Alpe Cava

von Ole

Entscheidungen. Immer wieder Entscheidungen. Kleine und große, einfache und schwierige prägten diese Etappe. 

Der Anfang war einfach. Wir hatten gefragt und durften mal wieder etwas früher zum Frühstück kommen, damit wir den Bus um 08:31 Uhr Richtung Selma bekamen. Die paar Kilometer flussabwärts wollten wir uns sparen, die Etappe würde so schon anstrengend genug werden. Und die Entscheidungen beim Frühstück waren wirklich nicht schwierig, dafür war die Auswahl zu klein. Andrea trank Fencheltee, da sie keinen schwarzen Tee fand. Ich freute mich über den indischen Chai, bis ich Zimt, Ingwer und Nelken roch. Immer noch besser als Fenchel …

Mit uns im Bus waren viele Kindergartenkinder. Der Kindergarten war anscheinend nicht im Tal, das nur noch spärlich besiedelt ist.

In Selma ließen wir unsere Rucksäcke vor dem winzigen Lebensmittelladen stehen. Würde schon keiner mitnehmen. Im Laden selbst schaute auch keiner, ob jemand einfach etwas mitnahm, war nämlich erst einmal niemand da. Als jemand kam, erstanden wir Käse, Gurke, eine Hirschsalami und Brot. Das sollte unseren Vorrat für die nächsten beiden Tag ausreichend aufstocken. 

Dann gingen wir zur automatisch betriebenen Seilbahn nach Landerenca. Die sollte uns 300 Höhenmeter ersparen. Ich kletterte die gut einen Meter hohe Mauer zur Station hoch und tat mir dabei den Arm weh – ist doch was anderes mit dem Rucksack – Andrea entschied sich für den Umweg über den Parkplatz. Gemeinsam entschlüsselten wir den Zugang zur Seilbahn. Eine Gittertür am Automaten ließ sich gerade um die 60 Grad schwenken, die notwendig waren, um entweder dem hochfahrenden oder dem heruntergekommenen das Bezahlen zu ermöglichen. Dann wurde die Drehtür daneben auf Knopfdruck freigeschaltet. Uff. Irgendwann hatten wir beide es geschafft und gingen zur Gondel.

Leider schlossen die Türen der Gondel, als ich mit meinem Rucksack noch dazwischen steckte. Zum Glück öffneten sie sich wieder, ich stieg ein und wir konnten per Knopfdruck erst die Türen schließen und dann die Fahrt starten. Spannend.

Oben angekommen begann der Aufstieg mit 1.100 Höhenmetern zum ersten Pass, zur Bocchetta di Pianca Geneura. Die Sonne lachte vom Himmel, wir schwitzten Schritt für Schritt langsam vor uns hin. Ob die drei Liter Wasser reichen würden, bzw. ob wir entspannt Wasser finden würden? Ich war jedenfalls mit dem Gewicht meines Rucksacks zufrieden, ein weiteres Kilo hätte ich nicht gebraucht. 

Toll lag das Calancatal mit seinen Hochalmen vor uns. Es war Wahnsinn, wie die Menschen hier jeden Quadratmeter genutzt hatten und noch nutzten, der auch nur ein bisschen flacher war.

Zum Glück erreichten wir schnell den Schatten des Waldes, das war von den Temperaturen her deutlich angenehmer. Wir wunderten uns ein wenig über die vielen Fichtennadeln auf dem Boden, auch hier anscheinend zu wenig Regen im bisherigen Jahresverlauf. Eine erste Trinkpause gab es an einer Stelle, an der wir beide in dem steilen Gelände gut stehen konnten, die waren ähnlich wie am Vortag nicht so reichlich gesät. Andrea entschied sich auch, die eine oder anderen schmalere Stelle sehr vorsichtig zu gehen. Vermutlich Nachwehen des Vortages. 

An einem kleinen Bach inmitten eines felsigen Amphitheaters machten wir später eine ausgiebige Trink- und Snackpause. Die Wolken türmten sich schon etwas heftiger als vorhergesagt. Wir entschieden uns, trotzdem weiter zu gehen. 

Wir erreichten eine kleine Alpe, auf der frischer Käse verkauft wurde. Da hatten wir unten in Selma die falsche Entscheidung getroffen, jetzt brauchten wir keinen mehr.

Leider waren wir jetzt wieder in der Sonne, ist halt oberhalb der Baumgrenze so, auch wenn es hier wohl eine menschengemachte Baumgrenze war. Andrea wurde leicht übel, vermutlich die Kombination aus Anstrengung und Wärme. Wir entschieden uns, langsamer weiterzugehen, wobei ich ihr bei den etwas höheren Stufen wieder mehr half als in den vergangenen Tagen. Die Wegfindung war etwas schwieriger als zuvor, ein bisschen den vielen Ziegenpfaden geschuldet. Da half mal wieder der digitale Begleiter in Kombination mit unseren erprobten Augen in Bezug auf die nächste Wegmarkierung. 

Wir erreichten ein kleines, steiniges Flusstal, in dem der weitere Weg zum ersten Pass verlaufen sollte. Das war laut dem am Vortag konsultierten Wanderführer die schwierige Passage. Bis wir den Fluss überqueren mussten, war noch alles gut. Danach stieg der Weg am rechten Hang steil an und wurde immer schmaler. Andrea merkte ihren Kopf immer mehr, das war nicht ihr Gelände und die letzte Pause war lange her.

Wir entschieden uns, noch ein wenig weiter zu gehen. Zu schauen, ob es machbar war, den ersten Pass zu erreichen. Der Weg wurde zwischendurch etwas besser, aber breit war anders. Es war anstrengend, steil, teilweise rutschig. Es war noch ungefähr ein Kilometer bis zum Pass, immer an dem steilen Hang entlang. Umkehren? Wäre vielleicht an diesem Tag die richtige Entscheidung gewesen. Wir trafen sie nicht.

An einer etwas breiteren Stelle gab es eine kurze Trinkpause. Jetzt wollten wir am Pass ankommen. War auch nicht so clever. Es zog sich. Die letzten ca. 400 Meter ging Andrea ohne Rucksack, ich würde die Strecke vom Pass zurückgehen und den zweiten Rucksack holen. Damit sie dann ab dem Pass schon weitergehen konnte, ging ich zuerst mit ihrem Rucksack zum Pass. So waren wir beide leichter bepackt und erreichten über ein längeres Blockfeld endlich die Bocchetta.

Dort entschieden wir uns, vor der nächsten Pause noch ein wenig abzusteigen. Andrea ging vor, ich holte meinen Rucksack. Die Strecke bergab zurück zu meinem Rucksack war ohne Rucksack unangenehmer als mit Rucksack bergauf. Ich war bewusst vorsichtig, in dem Gelände ging es nicht mal eben schnell. Als ich den Pass wieder erreichte, war Andrea im Abstieg schon außer Sichtweite. Der Abstieg ging gute 200 Höhenmeter über reines Blockgelände hinunter. Zwar immerhin im Zickzack statt direkt und ab dem Pass auch hervorragend markiert, aber kein Gelände, um mal dem Kopf eine Pause zu gönnen.

Ich holte Andrea ein und gemeinsam schafften wir auch die letzten 100 Höhenmeter hinab zur Alpe d’Örz (klassischer italienischer Name …). Dort gab es in einem flachen Gelände mit tollem Blick in das Tal hinunter um 14:30 Uhr endlich unsere Mittagspause. Gute zwei Stunden zu spät. Schlechte Entscheidungen. Wir entschieden uns aufgrund der Schafe und des etwas moorigen Untergrundes keinen zusätzlichen Liter Wasser einzupacken, es würden laut Karte noch zwei kleinere Bäche kommen. 

Der weitere Weg hinauf zum zweiten Pass sah von unten ok aus. War er auch, bis auf ein paar sehr schmale Passagen, die wieder viel Kraft im Kopf kosteten. Dafür gab es ein kleines Highlight, wir sahen ganz kurz eine Aspisviper – wir waren jedenfalls beide der Meinung, dass es keine Kreuzotter war.

Der Himmel über uns wurde dunkler und dunkler. Und ca. 100 Höhenmeter unter dem zweiten Pass, dem Passo del Mauro, erwischte uns der Regen. Wir tranken schnell noch etwas Wasser, zogen die Regenjacken an und verpackten die Rucksäcke. Durch die Abkühlung von oben war das recht wenige restliche Wasser in unseren Flaschen auch nicht mehr so wichtig. Steil ging es in kleinen Serpentinen den Hang hinauf. Immer wieder half ich Andrea, hier waren fast nur noch große und mittlerweile nasse Stufen.

Wir erreichten den Pass und sahen die Hütte unter uns. Laut Beschilderung waren wir bis hierhin fast in den angegebenen Gehzeiten unterwegs gewesen (abgesehen von unseren Pausen), jetzt sollten es noch 35 Minuten bis zur Hütte sein. Leider fiel die geplante Pause am Pass dem Wetter zum Opfer, da es plötzlich anfing zu hageln. Häufig ein Vorbote von Gewitter. Also schnell einen Schluck getrunken und nix wie runter. Nur, nix wie runter ging gar nicht. Aufgrund des sehr anspruchsvollen Geländes ging der Abstieg nur ganz langsam und vorsichtig.

Der Hagel hörte zum Glück nach ein paar Minuten wieder auf und es kam auch kein Gewitter, aber zu dem Zeitpunkt war es im Abstieg für eine Pause zu spät, weil der Weg zu ausgesetzt war. An einer Stelle führte uns eine falsche Wegmarkierung (vermutlich war der markierte Felsen abgestürzt) in ein steiles loses Blockfeld, in dem bei jedem Schritt alles ins Rutschen kam. Es kostete uns wieder ein paar Nerven zuviel, dort heil wieder herauszukommen. Danach zog sich der Abstieg endlos von einem Blockfeld zum nächsten. Und wenn der Kopf Feierabend hat, sind die Dinger echt ätzend. Da will halt jeder Schritt genau gesetzt sein. 

Es dauerte am Ende zwei Stunden, bis wir vom zweiten Pass aus endlich die Hütte erreichten und erst der letzte Kilometer ließ sich wieder einigermaßen gehen. In Summe hatten wir inklusive Pausen über neun Stunden gebraucht. Aber wir hatten es heil und gesund geschafft. Alpine Erfahrungen sammelt man nicht mit Schönwettertouren, auf denen alles glatt geht, sondern genau mit solchen Erlebnissen, auch wenn insbesondere Andrea gerne darauf verzichtet hätte. 

Mit etwas Abstand betrachtet waren es insbesondere die zu späten Pausen, durch die der Kopf sich nicht ausreichend erholen konnte, und die durch ein „das geht noch“ zustande kamen. Und die Rechnung kam nicht direkt nach einer nicht oder zu spät gemachten Pause, sondern eben erst gegen Ende der Tour, dafür dann auch mit Zinseszinsen. 

Jenny und Alberto begrüßten uns auf der Hütte freundlich und versorgten uns erst einmal mit etwas zu trinken und einem Stück Käse und Brot. Sie hatten schon fast nicht mehr mit uns gerechnet. Uns taten die Momente draußen vor der Hütte mit Blick auf den Abstieg gut für ein erstes zur Ruhe kommen. Wir hätten nicht sofort zur Routine übergehen können. Das dauerte etwas. 

Wir waren die einzigen Gäste und konnten uns unseren Schlafsaal frei aussuchen. Da konnten wir keinen Fehler mehr machen. Auch beim Abendessen fiel die Wahl zwischen Gnocchi al Ragu und Gnocchi al Burro e Salvia leicht, von jedem eines. Wir schafften dann gemeinsam beide Gerichte, auch wenn Andrea noch nicht so richtig Hunger hatte.

Nach dem Essen zogen wir uns in unseren Schlafsaal zurück, wo wir gegen 21:00 Uhr bereits tief und fest schliefen.

Unser Fazit für diesen Tag fiel gemischt aus. Die Etappe war an dem Tag und unter den Umständen an der Grenze gewesen. Vielleicht wäre unterwegs umkehren besser gewesen. Solche Erlebnisse waren nicht schön und Spaß war ganz sicher etwas völlig anderes. Gleichzeitig hatten wir wieder viel gelernt. 

Wir nehmen mit, dass es selten ein einzelner Fehler, eine einzelne schlechte Entscheidung ist, die einen an die Grenze bringt, sondern oft die Summe vieler kleiner Entscheidungen und auch fehlender Informationen und falscher Annahmen. Wir hatten definitiv zu selten und zu spät Pausen gemacht. Wir hatten auf Grund der Beschreibung im Wanderführer gedacht, dass der einzige schwierige Teil des Weges der Aufstieg zum ersten Pass sei, weswegen wir dort nicht umgekehrt waren, weil wir annahmen, der weitere Weg sei technisch kein Problem mehr. Und wir hatten auf den Wetterbericht vertraut, der für das Tessin angegeben hatte, dass Schauer und Gewitter sehr unwahrscheinlich seien. Hätten wir von Anfang an alle Informationen zu der Etappe und den Begleitumständen gehabt, so hätten wir die Etappe an dem Tag vermutlich nicht angetreten.

Und wir nehmen mit, wie schwierig es sein kann, die Entscheidung zum Abbruch und zum Umkehren zu treffen. Es gab auf der Etappe nicht die eine schwierige Schlüsselstelle, an der man sagt: „Hier gehe ich nicht weiter.“ Es wurde einfach nur immer noch anspruchsvoller und anstrengender, während wir dachten, das schlimmste läge schon hinter uns. Wann und wie trifft man da die Entscheidung zum Umkehren? So richtig können wir das noch immer nicht beantworten. Auf den Bauch zu hören, gehört auf jeden Fall dazu. Andrea fühlte sich mit der Etappe von Anfang an nicht wohl. Das darf – das muss vielleicht sogar – ausreichen für eine Entscheidung umzukehren, zumindest dann, wenn dann auch noch technische Schwierigkeiten hinzukommen, die größer sind, als erwartet. Zu glauben, es würde danach schon wieder besser werden, kann schlimmstenfalls auch mal schiefgehen.

Umkehren tut weh, vor allem, wenn man schon lange unterwegs ist und die weitere Planung davon abhängt, dass man am Ziel der Etappe auch wirklich ankommt. Trotzdem ist es manchmal besser. Allerdings muss man es rechtzeitig machen. Als der erste Pass mal erreicht war, wäre es wohlmöglich gefährlicher gewesen, in dem heiklen Gelände wieder abzusteigen als weiterzugehen.

Wir werden wohl nach dieser Etappe noch eine Weile etwas nachdenklichee bleiben als sonst. Und das wird uns auf den weiteren Etappen helfen …

Tag 32, Etappe 86, von der Capanna Alpe Cava nach Biasca

von Ole

In der Nacht hatte es sehr heftig gewittert und geregnet. Als wir aufwachten, war der Himmel zum Glück wieder blau.

Wir hatten keine Eile. Das Apartment in Biasca stand erst ab 15:00 Uhr bereit. Wir hatten daher Wellness-Frühstück um 08:00 Uhr angesetzt. Ich glaube, der Wecker bei Jenny und Alberto klingelte genau wie unserer um 07:30 Uhr und sie waren auch ganz froh, dass wir etwas später losgingen. 

Wir hatten uns für den etwas einfacheren Weg nach Biasca entschieden, mit 1.861 Höhenmetern Abstieg statt 1.950 Höhenmetern. Vielleicht half das den Knien etwas. Die ersten Meter zum kleinen Pass waren einfach, im Abstieg kam schnell das erste Blockfeld. Es blieben am Ende 5 Blockfelder im Abstieg nach Biasca, keine 17 wie Andrea befürchtet hatte.

Der Abstieg verlief anfangs eher flach, so dass wir uns schon wunderten, was da noch kommen musste. Als wir auf ca. 1.800 Metern angekommen waren (die Hütte lag auf 2.069, der kleine Pass des heutigen Tages vielleicht 50 Meter höher), ging es zügig in vielen Serpentinen weitere 400 Höhenmeter nach Svall bergab. Der Weg war hervorragend zu gehen (wenn auch teilweise ziemlich glatt nach dem nächtlichen Regen), man merkte die Almwirtschaft, die für ausreichend gute Wege gesorgt hatte.

Als wir Svall, eine kleine Alm-/Ferienhaussiedlung auf einem flachen Bergrücken, erreichten, flog plötzlich ein Rettungshubschrauber ganz nah an uns heran. Es schien, als suchten die jemanden. Geistesgegenwärtig machte Andrea mit den Armen das alpine „nein“ Zeichen, eine Arm schräg nach unten, den anderen schräg nach oben. Wir brauchten keine Hilfe. Der Hubschrauber drehte daraufhin sofort ab. Es war beeindruckend, mit welcher Präzision der Pilot den Hubschrauber flog und etwas beängstigend, wie nah der vor uns stand wie ein riesiges Insekt.

Danach gab es erst einmal eine Pause. Mit der Erfahrung des Vortages gleich mit Käse, Brot und Wurst. Dabei genossen wir den Blick in das Valle di Blenio hinab. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass es noch weitere 1.000 Höhenmeter unter uns lag. Die Herausforderung auf diesem Teil der Via Alpina ist nicht die Höhe der Pässe, sondern die Tiefe der Talorte. Biasca liegt auf nur noch 300 Meter über dem Meeresspiegel. So tief waren wir seit dem Start in Triest wohl nicht mehr. 

Durch wunderschönen Buchenwald – hatten wir irgendwo in den Wochen vor Feldkirch das letzte Mal gesehen – ging es weiterhin stetig bergab. Langsam kam unser Zielort Biasca in Sicht. Viele Brombeeren erfrischen uns neben der einen oder anderen Trinkpause im Abstieg. Auch wenn die Knie etwas schmerzten, fühlten wir uns nach dem langen Abstieg noch echt gut. 

Da wir Biasca schon gegen 14:00 Uhr erreichten, machten wir in einer Grotte (Restaurant) noch eine späte Mittagspause. Wir bekamen sehr leckere, weiche Polenta mit Käse (Ole) und einem lange gegarten Stück Fleisch (Andrea). Ein erster Blick durch die E-Mails, bevor wir den letzten Kilometer in Angriff nahmen. Trotz Donner und wirklich dunklen Wolken immer noch trocken. Ein Mann vor einer Bar sprach mich an, ob ich den Regenschirm schon griffbereit hätte. 

Trocken erreichten wir auch unser Apartment. Schlüssel im Briefkasten in einem kleinen Tresor mit Zahlenschloss. Spannend. Es folgte eine kleine Waschorgie, erst uns, dann die Wäsche. Wir drehten eine Runde durch den Ort, genossen ein Eis (Waffeln nur am Wochenende) und kauften in einem Bio-Laden die erste Hälfte unseres Einkaufs ein. Die zweite gab es kurz darauf im Supermarkt eine Ecke weiter.

Wieder im Apartment schrieben wir über die letzten beiden Tage und machten uns gegen 19:00 Uhr leckeres Ofengemüse mit Büffelmozzarella. Mal wieder etwas gesünder essen.

Danach noch weiter schreiben und lesen, bis wir ins Bett gingen. 

Piz Uccello bei San Bernardino
Trinkpause im Wald – mal ohne Aussicht
Blick hinauf zum Pass di Passit
Blick zurück auf Hütte und See am Pass di Passit
Abstieg durch das Val di Passit
Weg war zum Glück teilweise neu gemacht
Von oben kamen wir, unten mussten die Füße gekühlt werden
Die letzten Meter nach Augio, das Hotel war hinter der Kirche
Automatik-Seilbahn nach Landarenca
Blick auf das idyllische Landarenca …
…und seine Almweiden
Kurz nach der Pause im steinernen Amphitheater
Ziegenpfade erschwerten die Wegfindung
Rechts in das Bachbett hinunter, dann den steilen Schutthang entlang, hinten ist schon der erste Pass zu sehen
Markierung ja, und wo ist der Weg?
Immer noch auf dem Weg zum ersten Pass, kurz nach der Trinkpause, wir hatten dafür ein kleines flaches Stück gefunden
Ganz schön steile Hänge
Abstieg von der Bocchetta di Pianca Geneura (erster Pass) durch Blockfeld, oder auch: Sucht den Ole.
Alpe d’Örz in Sicht, endlich Pause
Blick zurück im Aufstieg zum Passo del Mauro (zweiter Pass): Rechts oben die Bocchetta (erster Pass) mit dem langen Blockfeld, in der Mitte die Alpe, links unser Aufstiegsweg am Hang entlang
Ja, da sind wir tatsächlich lang gegangen, das war leider der Weg
Aufstieg zum Passo del Mauro (zweiter Pass), der dunkle Himmel verhieß nichts Gutes
Am Pass, kurz bevor der Hagel einsetzte
Der lange Abstieg zur Capanna Alpe Cava, rechts hinten schon zu erkennen. Den kleinen Rücken hinunter …
… geschafft …
… und weiter steil bergab …
… mit zu vielen Blockfeldern, der Kopf wollte nicht mehr
Kurz vor der Hütte, Blick zurück: „Da sind wir bestimmt nicht runter gekommen, sowas würden wir nie machen.“
Entspannter Aufbruch am nächsten Tag
Ein langer Abstieg nach Biasca begann flach mit einigen Blockfeldern …
… ging super entspannt weiter …
… und war auch in Serpentinen gut zu gehen
Blick von Svall ins Valle di Blenio
Biasca schon in Sichtweite

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