51. vom Verzascatal zum Aletschgletscher (Bettmeralp)

Tag 36, Variante der Etappe 91, aus dem Val Bavona nach Robiei (Rifugio Basodino)

von Ole

Südstaulage. Nördlich der Alpen vermutlich Föhn, im Tessin Dauerregen. Wir hatten entschieden, das Beste daraus zu machen und stiegen nach dem Frühstück um 08:51 Uhr in den Bus von Sonogno nach Locarno. Das Verzascatal war weg. Die Wolken hingen auf Talhöhe und es regnete, mal stärker,  mal schwächer. Die Planung war goldrichtig für so ein Wetter. 

Der Bus erreichte um 10:00 Uhr Locarno. Wir setzten uns erstmal Richtung Toilette ab, die Busfahrt war lang nach so viel Tee zum Frühstück. Danach holte ich zwei Croissants. Den Croissant mit Crema gab es gleich (den mit Marmelade nach der Fahrt durch das Maggiatal bis Cavergno). Dann stiegen wir in den nächsten Bus, auf ins Maggiatal.

Nachdem es in Locarno mal zwischenzeitlich nicht geregnet hatte, setzte der Regen im Maggiatal wieder ein. Auch hier hingen die Wolken tief. Und wir hingen ein bisschen in Erinnerungen an unsere Stippvisite ins Maggiatal im September des Vorjahres. Uns fiel im direkten Vergleich auf, wieviel breiter das Maggiatal im Vergleich zum Verzascatal war.

Wir verließen Cavergno zu Fuß in strömendem Regen. Schnell fanden wir den Weg, der am Anfang dem Percorso della Transhumanza folgte. Wir waren vor einem Jahr mit leichterem Gepäck diesen beeindruckenden Weg gefolgt, der Einblicke in die Geschichte der menschlichen Besiedlung des Val Bavonas gab. Für uns erneut unvorstellbar, wie die Menschen damals mit dem wenigen Land ein Auskommen erwirtschaftet hatten. Ein großer Faktor dabei waren die vielen Esskastanienbäume.

Uns begeisterten trotz des Dauerregens die kleinen Siedlungen mit den alten Steinhäusern. Viele Häuser sind mittlerweile liebevoll renoviert. Über Fontana erreichten wir Foroglio. In dem hier liegenden Restaurant La Froda hatten wir vor einem Jahr das erste Mal Pizzocheri gegessen, auf diese freuten wir uns erneut seitdem die Planung stand.

Wir fotografierten noch den beeindruckenden Wasserfall, dann flüchteten wir vor dem Wetter ins Restaurant, wo wir noch einen Tisch bekamen. Die Pizzocheri waren sehr lecker, mit gebratenem Knoblauch und Salbei. Die lauten, viel Raum einnehmenden Leute am Nebentisch waren zum Glück irgendwann verschwunden. Und als meine etwas frierende Frau den Nachtisch einen Raum weiter am offenen Kamin mit Feuer einnehmen durfte, war die Welt wieder in Ordnung.

Angesichts der weiterhin tief hängenden Wolken und des immer wieder einsetzenden Regens entschieden wir uns, für die letzten Kilometer zur Seilbahn noch einmal den Bus zu nehmen. Und die Seilbahn zu nehmen stand bei dem Dauerregen eh fest, da mussten wir nicht 900 Höhenmeter aufsteigen. Lustig war die Nachfrage beim Ticketkauf: „Nur rauf?“ „Ja“, wir wollten ja woanders wieder runter. 

Beim Warten auf die Seilbahn beobachten wir zwei junge Männer, die wir schon im Restaurant gesehen hatten und die uns aufgefallen waren, weil sie eine aus unserer Sicht Profi-Kameraausrüstung dabei hatten. Nun packten sie weitere regendichte Rollkoffer aus ihrem Auto, sowie ein Mountainbike. Die wollten anscheinend irgendwelche ziemlich professionellen Aufnahmen machen. Gemeinsam stellten wir uns unter ein kleines Dach, um dem Regen zu entgehen.Wir bewunderten dabei noch den Matetee und die Thermoskanne. Erinnerungen an Argentinien wurden wach.

In der Gondel gab es für die beiden das böse Erwachen. Das Fahrrad durfte nicht mit. Vermutlich, um die Wege und die Natur zu schützen. Wer da aus eigener Kraft hoch kam, dem war es erlaubt, die Wege auch runter zu fahren, allen anderen nicht. 

Kurzentschlossen zog sich der eine der beiden Männer die Fahrradschuhe an. Dann würde er eben hochfahren. Ups. Wir waren ziemlich beeindruckt. Und wir waren gespannt, wann er im Rifugio ankommen würde. Wir waren jedenfalls sehr froh über die Seilbahn, das Wetter war einfach ungemütlich. 

Auf jeden Fall motivierte uns das, was wir durch die regennassen Fenster der Gondel sahen, den Weg irgendwann noch einmal zu gehen. Ein Grün, das uns an Island erinnerte. Eine enge Schlucht, durch die sich der Weg hochzog. Und dann verschwand die Gondel in den Wolken. Schemenhaft tauchte ein Haus auf, das Rifugio? Kurz danach war die Fahrt zu Ende. Wir boten dem anderen jungen Mann unsere Hilfe beim Gepäck an und ich durfte einen Teil der Fotoausrüstung nehmen. Glücklicherweise auf einer kleinen Straße, so dass das Rollen des Rollenkoffers funktionierte. Ich wollte schon immer mal mit einem Rollenkoffer in ein Rifugio kommen. Es stellte sich heraus, dass der Mann im Rifugio arbeitete, dass wir nach 10 Minuten erreichten. 

Dort konnten wir endlich in trockene Sachen schlüpfen. Auch wenn die Regenkleidung den Regen abhält, schwitzten wir doch etwas mehr. In der gemütlichen Gaststube lasen und schrieben wir, bis wir von der Aufforderung überrascht wurden, der Aperitivo sei angerichtet, leider könne es nicht draußen sein bei dem Wetter. So gab es frisch gebackenes Brot mit Käse, Schinken und selbst eingelegtem Gemüse. So konnte das hier weiter gehen. 

Ging es nach Lesen und Schreiben um 19:30 Uhr (italienische Verhältnisse) mit leckerem Salat, Risotto und Panna Cotta.

Vier Stunden nach unserer Abfahrt mit der Gondel erreichte dann auch der andere junge Mann mit seinem Mountain Bike das Rifugio. Wir hatten schon nicht mehr mit ihm gerechnet. 

Die Stimmung war sehr angenehm, die ca. 15 anderen Gäste waren ähnlich wie wir einfach gerne in den Bergen unterwegs. Trotz Seilbahn fehlten die typischen Seilbahntouristen. Wir vermissten sie nicht. Wir fühlten uns wohl, obwohl das Rifugio nicht wirklich schön war. Es war kalt, die Sitzbank unbequem, die Toilette war im Untergeschoss, wir schliefen im ersten Stock. Aber die entspannten Menschen um uns machten für uns den Unterschied. 

Tag 37, Etappe 92, von Robiei nach Riale

von Andrea

Wir hatten im Rifugio Basodino ein 8-Bett-Zimmer für uns alleine gehabt und entsprechend ohne nächtliche Störungen sehr gut geschlafen. (Nur dass man zur Toilette zwei Etagen über eine ziemlich steile Treppe runter und wieder rauf musste, war etwas nervig, fast eine Klettertour mitten in der Nacht.) 

Frühstück gab es nur „süß“, also Müsli, Brot mit Marmelade und Kuchen. Da das selbst gebackene Brot sehr lecker war, war das aber absolut ok. Während des Frühstücks erzählte der Hüttenwirt zwei anderen Wanderern, dass er die Hütte erst im letzten Sommer übernommen hatte und früher Ziegen gehalten und als Schäfer gearbeitet hatte. Da hatte er regelmäßig 40 Liter Ziegenmilch zu Fuß ins Tal gebracht. Auf die Frage, ob man mit dem Gewicht von 40 Kilogramm überhaupt noch gehen konnte, meinte er trocken, es sei schlimmer gewesen, wenn der Behälter nicht ganz voll gewesen sei, weil die Milch dann beim Gehen hin und her geschwappt sei. Was waren wir doch für Weicheier.

Kurz vor unserem Aufbruch entdeckte Ole auf einer Informationstafel zum Höhenweg des Maggiatals, dass unsere heutige Etappe mit T4- bewertet war, für uns also ziemlich schwierig. Zum Glück hatten wir das am Abend zuvor noch nicht entdeckt. Ich fing somit erst in dem Moment unseres Aufbruchs an, mir leichte Sorgen zu machen … allerdings für meine Verhältnisse tatsächlich nur leichte Sorgen. Das würde schon irgendwie gehen. Wir hatten schon so viel geschafft, hüstel.

Der Himmel war blau. Wundervoll nach dem vielen Regen des Vortages. Es war allerdings mit 9 Grad Celsius echt kalt und das Rifugio lag noch im Schatten, weswegen wir beim Aufbruch tatsächlich mal bibberten. Zunächst ging es auf der Straße zurück zur Station der Seilbahn. Ab dort hatten wir zum Glück Sonne und tauten langsam wieder auf. Und dann ging es auch gleich schon sehr steil den Hang hinauf. Zwischen frieren und schwitzen lagen nur ein paar Minuten.

„Unser“ Pass des Tages auf dem Weg nach Riale war die Bocchetta di Val Maggia, gute 2.600 Meter hoch. Nach nur wenigen Serpentinen teilte sich unser Wanderweg und die Bocchetta di Val Maggia war sowohl nach links als auch nach rechts ausgeschildert. Weitere Informationen dazu wie Gehzeiten oder Schwierigkeit des Weges gab es nicht. Wir konsultierten unseren Track. Es sah so aus, als müssten wir nach links. Außerdem ging es nach links zu einem Gletscher, den wir von unten schon gesehen hatten und auf diesem Weg vielleicht etwas mehr aus der Nähe würden sehen können. Und wenn beide Wege zum Pass führten, müsste das doch egal sein? Wir gingen nach links. Die Entscheidung war irgendwie gleichzeitig falsch, goldrichtig und möglicher Weise ein bisschen doof.

Falsch war sie, weil sich bald herausstellte, dass wir damit nicht auf dem Track der Via Alpina zum Pass unterwegs waren, sondern auf einem anderen Weg. Da hatten wir uns zuvor bei dem Blick auf Karte und Track auf dem Handy wohl geirrt. Wir hätten doch den rechten Weg nehmen müssen. Immerhin sahen beide Wege auf der Karte ungefähr gleich lang aus. Und der von uns gewählte Weg führte tatsächlich näher am Gletscher entlang. Und er war ebenfalls rot-weiß markiert und daher maximal als T4- bewertet (anderenfalls wäre die Markierung blau-weiß gewesen). Wir folgten dem Weg weiter. Würde schon irgendwie gehen.

Goldrichtig war die Entscheidung, weil die Strecke über weite Teile wunderschön war. Zunächst ging es an einem kleinen Bach entlang steil nach oben und dann gelangten wir auf eine tolle Hochebene mit Blick auf die Gletscher des Basòdino und des Kastelhorn. Es war großartig.

Ein bisschen doof war die Entscheidung, weil wir irgendwann mal wieder im Schneckentempo durch sehr unsortiertes Blockgelände in einem sehr steilen Hang kraxelten. Als ich zum wiederholten Mal außen – also auf der Seite des Abhangs – um einen großen Felsblock herum musste, hoch konzentriert nach Griffen und Tritten suchend und den Abgrund halbwegs erfolgreich ignorierend, fragte ich mich schon, was ich da eigentlich tat. Ich wollte doch weit-wandern und nicht mich weit-fürchten. Warum war ich denn nun schon wieder in so einem Gelände gelandet? Und warum bitte konnten die Schweizer ihre Blockfelder nicht besser aufräumen? Grmpf. Hatten wir uns das selbst zuzuschreiben, weil wir den falschen Weg gewählt hatten? Wäre der andere Weg einfacher gewesen? 

Am Ende ging es denn doch ganz gut, die heiklen Passagen waren zum Glück nie allzu lang. Dafür wurde das Wetter deutlich schneller schlechter als angekündigt. Ja, es sollte nachmittags vermehrt Wolken geben und auch Gewitter waren denkbar. Allerdings verschwanden nun schon am späten Vormittag die Gletscher neben uns in den Wolken. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch an „unserem“ Pass die Sicht deutlich schlechter würde, die Wolken zogen bereits in Richtung des Passes. Und schlechte Sicht so weit oben kann interessant werden, wenn man nämlich keinen wirklichen Weg hat, sondern nur rot-weiße Markierungen an Felsen. Da hat man dann die spannende Frage, ob die Sichtweite noch ausreicht, um die nächste Markierung zu finden.

Wir kamen zum Glück vor den Wolken am Pass an. Zumindest vor den Wolken auf unserer Seite des Passes. Als wir oben am Pass standen, schauten wir auf der anderen Seite nur in graue Suppe. Hier waren die Wolken schneller gewesen als wir. So ein Mist. Wir wussten nicht, ob es für den Abstieg auf der anderen Seite entscheidend war, eine gute Sicht zu haben oder nicht. Wieder mal das Thema, dass es für die Etappen der Via Alpina einfach zu wenige hilfreiche Informationen gab. Aber da wir für gute Sicht im Abstieg eh zu spät waren, konnten wir auch eine kurze Pause machen, war ja egal. Wobei ich für eine entspannte Pause angesichts des Abstiegs etwas zu nervös war. Und während wir noch überlegten, was wir machen sollten, klarte es auf. Also Rucksäcke schultern und los, die gute Sicht nutzen.

Wir mussten nur etwa 300 Höhenmeter absteigen, um eine Hochebene mit diversen Seen zu erreichen, auf der die Wege von oben so klar zu erkennen waren, dass gute Sicht keine Rolle mehr spielen würde. Und der Abstieg war zwar nicht komplett banal, aber auch nicht zu schwierig. Schon bald saßen wir 300 Höhenmeter tiefer auf einem großen Stein und machten Mittagspause.

Und ich freute mich wieder mal über meine Schuhe … ja, ich weiß, ich wiederhole mich. Auf solchen Etappen waren die Dinger für mich einfach unschlagbar. Lustiger Weise hatte ich gerade am Abend zuvor in der Hütte in einer Zeitschrift eine Bewertung neuer Bergschuhmodelle gelesen. Demnach hatten meine Schuhe für komplexes Felsgelände die bestmögliche Bewertung erhalten und für einfache Wanderwege eine ziemlich schlechte. Eine Bewertung, die ich zu 100 Prozent unterschreiben konnte. Da ich auf einfachen Wanderwegen nirgends herunterfallen konnte, sondern mir lediglich irgendwann die Füße weh taten, war ich damit sehr zufrieden. Unpraktisch war nur, dass nach der Pause der Teil mit der bestmöglichen Bewertung zu ende war und der Teil mit der schlechten Bewertung begann.

Während unserer Pause hatten wir übrigens anfangs noch ein wenig Sonne und dann konnten wir zuschauen, wie sich der Wolkenvorhang schloss. Am Ende der Pause war nicht nur der Pass in den Wolken verschwunden, sondern die halbe Bergflanke noch dazu. Wir begrüßten uns zu der Entscheidung, oben am Pass keine Pause gemacht zu haben, sondern gleich abgestiegen zu sein.

Dann ging es gemütlich über die Hochebene, erst zwischen zwei kleinen natürlichen Seen, dann zwischen zwei Stauseen hindurch, kurz zum Rifugio Maria Luisa, das uns aber nicht zum Bleiben einlud, und dann über einen steilen erdigen Wanderweg, der viele Serpentinen der Straße nach Riale hinunter abschnitt. Lustig war dabei mal wieder der Gegensatz. Zwischen unserem Aufbruch in Robiei und unserer Ankunft auf der Hochebene hatten wir etwa vier Stunden lang keinen einzigen Menschen getroffen. (Dabei würde ich in so schwierigem Gelände gerne mal andere Menschen treffen. Dann würde ich mich vielleicht etwas weniger fragen, was wir da eigentlich taten.) Als wir auf der Hochebene ankamen, wimmelte es dann geradezu von Menschen, will sagen: Egal in welche Richtung wir schauten, wir sahen mindestens vier Personen, also fast schon Massen. Auf dem letzten Stück nach Riale runter wurde es dann so voll, dass es tatsächlich nervig wurde. Vor allem, da wir von zwei Männern verfolgt wurden, die ihre Frauen stehen ließen, um irgendwem zu beweisen, dass sie schneller waren als wir mit unseren großen Rucksäcken … waren sie aber nicht, hihi. Sie nervten uns trotzdem.

Das Zimmer im einzigen Hotel in Riale war zwar winzig, aber niedlich eingerichtet und hatte alles, was man zum Wohlfühlen brauchte. Und im Badezimmer kam warmes Wasser aus der Wand, was wir unterwegs immer wieder grandios fanden. 

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags mit Lesen auf dem Bett. Kurz vor dem Abendessen konnten wir uns dann immerhin noch zum Dehnen aufraffen. Wir waren irgendwie mal wieder platt. So langsam beschlich uns ja der böse Verdacht, dass es ab einem gewissen Lebensalter vielleicht besser wäre, etwas mehr Ruhetage zu machen.

Tag 38, Etappe 93, von Riale nach Ulrichen 

von Ole

Um 07:15 Uhr gab es noch kein Frühstück. Wir hatten aufgrund der leicht unsicheren Wetterlage und der langen Etappe mit 20 Kilometer nach Ulrichen extra am Vorabend gefragt, ob wir früher kommen dürfen. Immerhin ab 07:30 Uhr konnten wir „bestellen“. Corona sei dank, wir bekamen vom Buffet vorgelegt: Müsli, Brot, Käse, Aufschnitt, Croissant, Saft und Tee. Das sollte etwas reichen.

Um 08:15 Uhr kamen wir los, mal wieder genau anderthalb Stunden nach dem Wecker. Locker flockig verlief der erste flache Kilometer an der Kirche vorbei zum Staudamm. Die Berggipfel um uns herum alle in den Wolken. Der Anstieg zur Staumauer weckte unsere Körper schnell auf. Zum Glück ging es danach flach am Stausee entlang weiter. Und ebenfalls zum Glück fielen die ersten Sonnenstrahlen auf einige Gipfel. So ergaben sich tolle Spiegelungen auf der glatten Wasseroberfläche. 

Auch hinter dem Stausee blieb es fast flach. So konnte es weitergehen, tat es aber nicht. Der Griesspass wollte überwunden werden. Also ging es in steilen Serpentinen ca. 400 Meter nach oben. Vor uns lag ein einsamer Talkessel. Irgendwo am Ende musste es Richtung Pass gehen, aber in den Wolken war nichts zu erkennen.

Plötzlich kamen uns viele Leute entgegen. Erst zwei, dann noch einmal zwei, dann drei und noch einmal acht. Wer hatte die denn alle rausgelassen? Andrea wollte ja entgegenkommende Wanderer, aber nicht so viele.

Wir machten eine kurze Pause und stiegen dann die nächsten 400 Höhenmeter auf. Anfangs mit tollem Blick zurück über den von einem Fluss durchzogenen Talkessel bis hin zum weiter unten liegenden Stausee. Dann war es mit der Sicht vorbei, wir waren in den Wolken. Erst zog Andrea ihr Fleece an, kurze Zeit später ich meine Swisswool-Jacke, es war einfach zu kalt. 

Wir erreichten den Griesspass, der eine tolle Aussicht ins Wallis bieten sollte und sahen – nichts! Alles in den Wolken. Unter uns sollte der Griessee liegen, alles weiß. Ein paar Kuhglocken waren zu hören, aber nichts zu sehen. Ich unkte, das wären Seekühe. Der Pfad verlief entspannt am Hang entlang. Plötzlich hob sich der Vorhang. Ein blauer See, ein Windrad, nein zwei, ein grauer Berg. Andrea hatte noch gemeint, wir wären noch nicht wieder über den Alpenhauptkamm gekommen, nördlich davon sollte die Sonne scheinen. Vielleicht waren wir es doch, es klarte immer mehr auf. Eine beeindruckende Stimmung. Entsprechend juchzten vor uns ein paar Mountainbiker. Uns ging es genauso.

Die kurze bergauf Passage danach machte uns wieder deutlich, dass unser Fitnesslevel irgendwie zu wünschen übrig ließ. Wir waren zwar in der angegebenen Zeit am Pass gewesen, fühlten uns aber echt unfit. Die vielen Etappen zehrten langsam an uns. Hinter den vier (es waren doch noch mehr als zwei) Windrädern fanden wir im Abstieg einen halbwegs windgeschützten Picknickplatz. Der Ausblick – nun ja, was soll ich schreiben – war beeindruckend. Vor uns erhoben sich die Walliser Alpen. Ja, Eiger, Mönch und Jungfrau waren quasi „um die Ecke“. Wir waren jetzt auch emotional in den Westalpen angekommen. 

Im Abstieg gab es eine Wegsperrung. Wegen Steinschlaggefahr führte uns der Pfad anders Richtung Straße zum Nufenenpass als unser Track. Andrea merkte ihr Knie wieder einmal stärker. Sie ging etwas langsamer, ich nutzte die Zeit zum Fotografieren und freute mich über ein paar Blaubeeren. Dummerweise – naja glücklicherweise – war das mit dem Knie nur abwärts ein Problem. Und auf Flachstücken ist meine Frau meistens schneller als ich. Als es also flach Richtung Straße ging, kam ich nicht mehr wirklich hinterher, zumal sich das Knie wieder erholte. 

Relativ gemütlich ging es die letzten knapp zwei Stunden in Hörweite der Straße nach Ulrichen. Ich hatte nur das Gefühl, immer wärmer zu werden. Die Etappe war einfach lang und im Tal zunehmend sehr warm. Trotzdem erreichten wir Ulrichen kurz nach 15:00 Uhr, ich mit einem Kopfhörer im Ohr, da ich an einer Telefonkonferenz teilnahm.

Wir checkten ein und es gab erst einmal eine weitere Flasche Wasser mit Mineralstoffen. 

Nachdem ich den Beruf wieder zur Seite gelegt hatte, gingen wir einkaufen und planten ein wenig die nächsten Etappen. Dabei waren die Rahmenbedingungen Wetter, Wegschwierigkeiten und hier zusätzlich, wie wir in vier Tagen von Fiesch aus eine individuelle Gletschertour mit Bergführer auf dem Aletschgletscher machen können. Nicht ganz einfach und mit ein bisschen Logistik verbunden, aber so oft sind wir nicht am größten Alpengletscher.

Abendessen gab es im Hotel, bloß nicht mehr so viel bewegen. Der Tag klang mit Lesen und Schreiben entspannt aus.

Tag 39, Variante der Etappe 94, Rottenweg im Tal von Ulrichen nach Ernen und dann zur Bettmeralp

von Ole

Wir hatten uns für die entspannte, aber trotzdem lange Taletappe (statt dem Höhenweg) entschieden, das prägte anfangs den Tag. Wir waren im Bummelstreik. „Ist ja ganz entspannt, geht ja fast nur bergab, können ja keine schwierigen Wege sein, da müssen wir ja nicht gleich los …“

Um 09:40 Uhr (!) war es soweit, wir gingen über die Rotten, die nach dem Genfer See zur Rhone wird und legten entspannt los. Es flutschte. Temperatur ok, teilweise noch Schatten, da die Sonne gerade mal über die Bergspitzen lugte, der Weg schotterig und flach. Das Tal war breit, richtig breit und vor uns lag in der Ferne traumhaft schön das Weisshorn und machte seinem Namen alle Ehre. 

Nach ca. 6 Kilometern machten wir die erste Pause. Was waren wir doch zügig unterwegs! Zur Sicherheit gab es nicht nur Snacks. Es sollten zwar laut Wegbeschreibung Restaurants in der Nähe des Weges liegen, aber man weiß ja nie so genau.

Andrea entdeckte etwas später eine Fischzucht mit Restaurant, das steuerten wir nach gut 11 Kilometern an. Vorher ärgerten wir uns ein wenig über unnötige Höhenmeter (da wollte wohl ein Landwirt keine Wanderer auf seinem Gelände). Dabei wurde aus dem breiten Weg auch noch ein schmaler Pfad, an dem es teilweise ziemlich weit rechts nach unten ging. Dafür gab es an der Fischzucht Saibling ganz mit Bratkartoffeln und Saibling filetiert mit Salat, beides sehr lecker und vor allem im Schatten.

Parallel zum Mittagessen buchten wir noch ein Hotel auf der Bettmeralp. Mir hatten die Hotels in Fiesch irgendwie nicht gefallen und die Bettmeralp lag für unsere Varianten der nächsten Tage ein bisschen mittendrin und das Hotel klang einfach nett. Der Anruf war ebenfalls sehr nett und wir könnten eventuell auch 3 statt 2 Tage bleiben, am dritten Tag war ja die Tour auf den Aletschgletscher geplant. 

Derart gestärkt und jetzt auch mit einem klaren Ziel vor Augen gingen wir weiter. Andrea behielt immer mal wieder das Handy im Auge, sowohl das Bergführerbüro als auch das Hotel wollten noch eine Bestätigung senden. Beide kamen einige Kilometer später fast parallel. Nur, dass die Gletschertour jetzt einen Tag früher sein sollte. So war das nicht geplant, wir mussten dann ja an dem Morgen noch von der Bettmeralp nach Fiesch zurück. Wir bestätigten das Hotel trotzdem und ließen die Antwort bezüglich der Tour noch einen Kilometer sacken. Dann bestätigten wir auch die Tour, irgendwie würden wir die Logistik lösen. Wir telefonierten dann noch mit dem Bergführerbüro und erfuhren, dass wir auch eine halbe Stunde später vor Ort sein könnten, damit hatten wir vielleicht eine Chance auf Frühstück vorher. Da in der Nacht eine Kaltfront durchziehen sollte, war es auch ganz sinnvoll, etwas später zu starten. 

Es wurde wieder wärmer und wärmer. Andrea wünschte sich etwas rascher aufziehende Quellwolken. Die bekam sie auch, leider mit einigen Regentropfen verbunden, es blieben aber wenige. 

Eine letzte Trinkpause, dann lag Ernen vor uns, gegenüber von Fiesch gelegen (auf der anderen Talseite). Aufgrund der Temperatur schenkten wir uns die letzten Kilometer bis zur Bahnstrecke im Tal und fuhren mit dem Bus zur Bahn, unsere gut 20 Kilometer Tagwerk waren getan. 

Ich telefonierte beruflich, wir bekamen den Anschluss in Fiesch und verpassten aufgrund der Verspätung des Zuges die Seilbahn zur Bettmeralp. 30 Minuten warten. Grmpf! Andrea nervte es mehr, mein Telefonat dauerte eh etwas länger…

Das nächste „grmpf“ gab es, als wir im Hotel niemanden erreichten. Die hatten doch extra geschrieben, wir sollten anrufen, sie würden uns an der Seilbahn abholen kommen. Immer besetzt. Wir lernten später, dass irgendwie der Auslandsanruf und die Rufumleitung aufs Handy im Hotel nicht miteinander wollten.

Also noch einmal ein guter Kilometer zu Fuß. Wir wollten nur noch ankommen, zu viel Wärme und zu viel Logistik. Zum Glück war die Temperatur auf der Bettmeralp gut 1.000 Meter höher deutlich angenehmer. Und der Empfang im Hozel durch den Eigentümer war super freundlich und nett. Und das Zimmer gefiel uns sehr, mit tollem Blick auf das etwas wolkenverhangene Weisshorn. Wir verlängerten gleich noch um einen Tag. So wissen wir zumindest, wo wir nach der Gletschertour übernachten. Und von der Bettmeralp geht auch die Via Alpina weiter (genauer von der Riederalp, das ist eine kurze Tour mit dem Elektrobus).

Wir gönnten uns noch einen Besuch in der Sauna und vertilgten beim Abendessen nach den Vorspeisen Bruschetta und Tartar noch zwei Bowls. Beide sehr lecker. Bei mir war die Menge an sättigenden Linsen, Quinoa und Couscous ungefähr doppelt so groß wie bei Andrea. Vielleicht hatten die unseren Blog gelesen und wollten sicher gehen, dass wir beide satt wurden. Wurden wir. Ein Nachtisch passte beim besten Willen nicht mehr rein. Ein bisschen Schreiben schafften wir gerade noch, bevor wir ins Bett fielen.

Steine, Steinhäuser und Regen im Val Bavona
Toll restaurierte kleine Dörfer
Die Mittagspause nahte
Restaurant La Froda in Foroglio, gleich links
Tolle Stimmung, aber unsicheres und nasses Wetter, wir nahmen von hier den Bus …
… und die Seilbahn nach Robiei.
Am nächsten Tag auf dem Weg nach Riale anfangs viel Menschenwerk – wirkte in der Landschaft irgendwie winzig
Steiler Aufstieg an einem kleinen Bach entlang
Gletscher des Monte Basodino
Tolles Hochtal
Irgendwo muss es hier zum Pass gehen
Gletscherflüsse unter uns
Pause im Blockfeld, der Kopf musste lüften
Reichlich unsortiert hier
Der Pass schon fast in Sichtweite. Gewinnen die Wolken oder wir?
Knappe Entscheidung, wir waren schneller
Sind aber lieber auch schnell wieder abgestiegen
Zumindest zu den Seen 300 Höhenmeter tiefer
Und das war gut so, kurze Zeit später lag alles hinter uns in den Wolken
Aber hier unten waren die Weg gut ausgetreten, da war schlechte Sicht kein Problem
Serpentinen der Straße hinunter nach Riale
Dorf und Kirche von Riale lagen im Schutz eines kleinen Hügels
Die Sonne kam kurz heraus auf dem Weg von Riale nach Ulrichen
Irgendwo da hinten muss es doch rüber gehen. Aber wo?
Blick zurück, einfach nur schön
Tolle Aussicht am Griesspass
Ist da etwas?
Da ist etwas!
Blick in die Walliser Alpen
Runter zur Straße, die rechts vom Nufenenpass kommt
Und gemütlich nach Ulrichen
Das Weisshorn begleitete uns den ganzen nächsten Tag
Immer an der Rhone (hier noch Rotten) entlang

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