53. Die Verzweiflung meines Handys (und seiner Apps)

von Ole

„Endlich hat er uns wieder eingeschaltet.

Uff, beinahe hätte er seinen PIN vergessen, das hätte echt schiefgehen können.

Mal schauen, welche App er als erstes öffnet.

Nein!!! Nicht schon wieder den Flugmodus einschalten! Auch wenn er sagt, das verbrauche weniger Strom, der hat doch keine Ahnung. Und was ist mit uns? Wir können dann keine Daten senden. Und unser Spiel, mit dem er am meisten Zeit verbringt, funktioniert dann auch nicht!

Er schaut nur ab und zu in diese blöde Alpenvereins-App und sagt irgendwas von „wir sind noch richtig“ – meistens jedenfalls. Und manchmal nutzt er sogar dafür dieses olle GPS Gerät, was gar nichts anderes kann als anzuzeigen, wo man gerade ist. Vorsintflutlich!

Und was gar nicht geht, ist dieser verdammte Flugmodus. Ich weiß doch, dass es hier Netz gibt. Was für eine blöde Ausrede, das mit dem Stromverbrauch; für heute haben die wieder ein Hotel gebucht, da haben die abends eine Steckdose!

Und überhaupt, die könnten auch ruhig in einer Berghütte mal fragen, ob sie uns nicht mal laden könnten, das machen die anderen Besitzer ja auch für ihre Handys und ihre Apps. Immerhin haben sie uns neulich zwischendurch mal an diese Powerbank angeschlossen, die sie extra dabei haben. Das tat gut und hat Hoffnung gemacht. Aber irgendwie zog sich das nicht durch. Und so weit wie die Jugendlichen vor ein paar Tagen an der Bushaltestelle, wo die eine voll cool zwei Freundinnen an ihre Powerbank gelassen hat, sind die noch lange nicht  

Und hast Du neulich das Gespräch mitbekommen? Weniger Zeit mit uns verbringen bzw. sie bewusster mit uns verbringen?! Wir wissen doch viel besser, was gut für die beiden ist! Da sitzen doch so viele schlaue Leute dran, uns dafür zu optimieren. 

Neulich hat er kurz seine ganzen Business Apps aufgemacht. Aber irgendwie ging das ganz schnell. Komisch, sind die anderen auch alle im Urlaub? Wird er jetzt nicht mehr gebraucht? Wenn das so weitergeht, braucht der uns bald gar nicht mehr. Und dann?

Komisch ist, dass er jetzt plötzlich ganz andere Apps nutzt. So um Bücher zu lesen zum Beispiel. Voll lange Bücher. Was soll das denn? Da hat doch niemand was von.

Neulich war cool, da hat er sich ’ne neue App runter geladen. Macht er ja irgendwie voll selten. Und die benutzt er jetzt immer, wenn er im Hotel ist. Hat irgendwie was mit Bloggen zu tun. Aber sobald das erledigt ist, kommt wieder die Gerätewartung und würgt alle süßen kleinen stromfressenden (wir wollen Daten!) Hintergrund-Apps ab. Seufz.

Also, mal ehrlich, wenn das so weitergeht, suche ich mir einen anderen Besitzer. Wie lange muss ich das mit dem hier noch aushalten?

Der kleine Junge am Nebentisch ist gerade in Tränen ausgebrochen, weil er kein Netz hat. So geht das!

Und wie cool ist bitte der User, der sein Handy in wasserdichter Verpackung mit in die Therme nimmt? Der weiß, was wichtig ist.

Auch die Berghütten werden besser. Neulich war da eine, da gab es sogar oben bei den Stockbetten jeweils eine Steckdose. Oder die Frau in der einen Hütte, die vor dem eigenen Frühstück erst einmal ihr Handy an den Strom gesteckt hat. Das sind die richtigen Prioritäten.“

Entschleunigung auch technisch. Wie oft springen wir hin und her. Wie lange schaffen wir es, unsere Aufmerksamkeit auf nur ein Thema zu richten. Der Nachmittag auf der Pfälzerhütte war spannend. Mal wieder drei Stunden lang ein Buch lesen. War eh kein Empfang. Keine Störung. Haben wir dann gleich einen Tag später noch einmal gemacht. Flugmodus sei Dank.

Wir gehen achtsam mit unserer Zeit um. Wir entscheiden selbst und überlassen es nicht den kleinen Helferlein, die ständig um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Und vielleicht programmiert mal jemand ein Betriebssystem, bei dem nicht alle Benachrichtigungen, die man mühsam ausgeschaltet hat, nach jedem Update wieder eingeschaltet sind. Ach ja, da sitzen ja kluge Leute und so weiter …

Wir haben gespürt, wie ungewohnt es ist, wenn wenig Auswahl besteht. Wie wir die innere Unruhe erst einmal aushalten müssen. Und wie wir dann damit sehr gut leben können, weil das meistens gleichbedeutend mit einem bewussteren Auswählen und einem achtsameren Umgang mit unserer Zeit ist.

Öfter mal den Flugmodus einschalten oder das Handy ganz ausschalten. Lasst doch die armen Apps und Ihre Entwickler verzweifeln, wenn wir mal wieder außerhalb des kleinen Vierecks leben.

Und gleichzeitig ist vieles an der Tour, die wir machen, ohne den Zugang zu Informationen, den das Handy ermöglicht, undenkbar. So sind auch wir darauf angewiesen. Zum Beispiel beim Wetterbericht, beim Regenradar, bei der Buchung von Hütten und Hotels, bei Bus- und Zugverbindungen, bei der Suche nach ergänzenden Fakten zu einer Etappe … aber bitte in Maßen.

Ein Gedanke zu “53. Die Verzweiflung meines Handys (und seiner Apps)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s