54. Vom Aletschgletscher nach Gampel-Steg … und weiter nach Hause

Tag 42, Teil 1 von Etappe 96, von der Riederalp bzw. Bettmeralp zur Belalp

von Andrea

Aufbruch aus unserem schönen Hotel auf der Bettmeralp. Nach zwei Tagen am Aletschgletscher sollte es nun auf der Via Alpina weitergehen. Eine Woche Zeit hatten wir noch und das Wetter war auch noch gut. Allerdings waren unsere Beine, Knie und Füße müde, das ließen sie uns spüren. Vielleicht nur noch einige wenige Etappen, nichts zu Anstrengendes mehr?

Gleich die nächsten beiden Etappen gehörten aber eher in die Schublade „anstrengend“. Erst etwa 20 Kilometer bei knapp 1.000 Höhenmeter Aufstieg und knapp 1.700 Höhenmeter Abstieg und dann etwa 27 Kilometer, immerhin mit etwas weniger Auf- und Abstieg. Uff. Gemütlich war anders. Wir beschlossen, uns nicht verrückt zu machen. Erstmal losgehen, vorerst keine Unterkunft buchen. Irgendeine Lösung würde sich schon finden, wenn es zu viel wurde.

Nach einem sehr leckeren Frühstück nahmen wir wieder den Elektrobus von der Bettmeralp zur Riederalp, wir mussten die Etappe nicht noch länger machen. Dann ging es wieder hoch zur Riederfurka. Dieses Mal mit dem vollen Gepäck. Das war zwei Tage zuvor mit Tagesgepäck irgendwie fluffiger gewesen. Wir machten ganz kleine Schritte, gingen ganz langsam (danke an unseren Bergführer für die Erinnerung an die kleinen Schritte) und damit ging es besser als gedacht.

Dann ging es gleich wieder abwärts Richtung Aletschwald. Der Aletschwald ist ein oberhalb des unteren Aletschgletschers gelegener alter Zirben- und Lärchenwald. Er wurde seit seiner Unterschutzstellung im Jahre 1933 nicht mehr forstlich genutzt und verwandelt sich langsam in einen Urwald zurück. Auf diesen Wald hatten wir uns schon gefreut – meine beiden Lieblingsbäume! Vor allem die Zirben faszinierten uns. Mit ihrer ausgesprochenen Widerstandsfähigkeit und ihrem langsamen Wuchs trotzen Zirben Trockenheit und Stürmen und können bis zu 1.000 Jahre alt werden. Und sie sehen toll aus.

Der Wald zog uns in seinen Bann. Er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Die knorrigen, alten und mit Flechten behängten Zirben wirkten wie aus der Zeit gefallen. Die Vogelstimmen waren fremd für uns. Den Zirbengratsch hörten wir zwar immer wieder und konnten ihn zuordnen, aber die übrigen Vogelstimmen waren neu für uns. Wir trafen auf eine Gämse, tatsächlich die erste dieses Jahr auf der Via Alpina. Sie schaute uns kurz an und fraß dann in Ruhe weiter. Sie strahlte dieselbe Gelassenheit aus wie der Wald. Es war nicht ein einzelner besonderer Baum, der die Magie dieses alten Waldes ausmachte, es war die Atmosphäre in Summe. Fast wie in einer anderen Welt.

Nach einem Abstieg von etwa 600 Höhenmetern durch diesen Wald – mit gelegentlichen Blicken auf den unteren Aletschgletscher – erreichten wir die Hängebrücke über die Massaschlucht. Seit 2008 besteht diese 124 Meter lange Hängebrücke, die über die Massaschlucht führt, in der 80 Meter tiefer das Schmelzwasser des Aletschgletschers abfließt. Vor vielen Jahren hat man wohl einfach die Gletscherzunge überquert, um von der Riederalp zur Belalp zu kommen. Heute ist dort keine Gletscherzunge mehr, sondern nur noch ein reißender Gletscherfluss, was eine Brücke notwendig machte. Bei dem Gedanken an eine so lange und so hohe – und vermutlich wackelige – Hängebrücke war uns beiden etwas mulmig. Ausnahmsweise Ole mal etwas mehr als mir. 

Die Hängebrücke hatte ein gutes Geländer und die Stahlseile, die die Brücke trugen, sahen sehr solide aus. Wir vertrauten in die Fähigkeiten der Schweizer Ingenieure und Monteure, warfen unsere Herzen vorweg und gingen hinterher. Die Brücke schwankte zum Glück nur leicht. Die Überquerung war kein Problem. Ole war trotzdem froh, als er drüben war. Ich machte von der Mitte der Brücke noch ein paar Fotos von der Massaschlucht mit dem reißenden trüben Gletscherfluss tief unter uns. Auf der anderen Seite der Brücke gab es auf einem Felsen die wohl verdiente Mittagspause.

Während unserer Pause kamen zwar immer wieder mal ein paar Wanderer vorbei – und damit war es im Vergleich zu anderen Etappen der Via Alpina geradezu voll – aber in Summe war ich überrascht, dass an so einer Brücke nicht komplett der Bär steppte. Der Aufwand von über 600 Höhenmetern Ab- und Aufstieg war den meisten für ein Selfie und einen Post auf Instagram wohl doch zu groß.

Am Ende unserer Pause wurden wir quasi „überfallen“ und zwar von drei Ziegen, die anknabberten und abschleckten, was nicht niet- und nagelfest war. Wir hatten vorher schon eine Gruppe junger Männer über uns gesehen und gehört, bei denen die Ziegen für etwas Aufruhr gesorgt hatten. Als die Gruppe weiterging, suchten sich die Ziegen neue Opfer, nämlich uns. Ole hörte die Ziegen kommen (dank der Glöckchen um den Hals) und fing an, rückwärts zu zählen: fünf, vier, drei, zwei, eins. Ich hielt das ja für etwas übertrieben, drehte mich nicht mal zu den Ziegen um. Was sollte schon sein? Waren doch nur Ziegen. Aber, nun ja, etwa eine Sekunde nach „eins“ erhielt ich den ersten Schubser in den Rücken, danach hatte ich eine Ziege im Rücken, eine fast auf dem Schoß und auch die dritte Ziege versuchte, an alles Essbare heranzukommen, was ich nicht schnell genug in meinen Rucksack schob oder Ole zuwarf. Fast kletterten die Ziegen in meinen Rucksack. Wahlweise wurden mir auch einfach genussvoll beide Hände gleichzeitig abgeleckt (salzig?). Ich musste irgendwann so lachen, dass ich mich gar nicht mehr wehren konnte. Ich versuchte dann nur noch, Kamera, Handy und meine Schuhe vor den kleinen Hufen der Ziegen zu retten.

Nachdem wir uns vor den Ziegen in Sicherheit gebracht hatten – Ole fiel beim Zubinden seiner Schuhe vor Lachen fast um, weil ihm zwei Ziegen gleichzeitig die nackten Beine ableckten – begann der Aufstieg Richtung Belalp. Erst über tollen, super griffigen Fels, dann über Almwiesen, am Ende sehr steil einen gemauerten Steig hinauf bis zu einer kleinen Kirche und dann fast eben weiter zur Belalp. Den für unsere müden Beine langen Aufstieg schafften wir problemlos, weil wir wieder sehr kleine Schritte machten und sehr langsam gingen. Da kamen wir nur auf den letzten sehr steilen 50 Höhenmetern ins Schnaufen, weil dort kleine Schritte schwierig waren. Vielleicht erinnern wir uns in Zukunft ja ab und zu mal daran, wieviel entspannter man bergauf gehen kann, wenn man einfach mal seeeehr kleine Schritte macht?!

Als wir im Aufstieg auf den Almwiesen waren, sahen wir wieder einen großen Vogel. Wir dachten zunächst begeistert, wir würden den nächsten Adler sehen. Der Vogel flog ziemlich tief und als er auf eine Baumgruppe zuflog, fiel im Vergleich zu den Bäumen besonders auf, wie groß der Vogel war. Der war nicht groß, der war riesig. Davon musste mich Ole dieses Mal nicht erst überzeugen. Und irgendwie sah der Vogel anders aus als die Steinadler, die wir bisher gesehen hatten. Die langen Federn an den Flügeln sahen leicht „zerfleddert“ aus und Kopf sowie Hals sahen nicht nach einem Steinadler aus. Etwa ein Geier? Wir versuchten, den Vogel zu fotografieren, wobei aber leider kein Bild gestochen scharf wurde. Trotzdem reichte es, um hinterher beim Abgleich der Fotos mit Flugbildern aus dem Internet zu erkennen, dass wir einen Bartgeier gesehen hatten. Wow. Ja, diese riesigen Vögel gab es (wieder) in den Alpen und ihre Spannweite kann fast drei Meter betragen, während es bei einem Steinadler wohl in der Regel „nur“ gute zwei Meter sind. Wir hatten uns also nicht getäuscht, als wir gemeint hatten, der Vogel sei noch größer als groß.

In Belalp angekommen, stand die Entscheidung an, ob wir dort ins Hotel gehen oder noch zum eigentlichen Ziel der Etappe 96 weitergehen wollten, nämlich nach Mund. Wir setzten uns auf die Terasse einer noch etwas provisorischen Hütte, aßen Brownie, tranken etwas und überlegten. Bis Mund wären es noch gute drei Stunden mit guten 800 Höhenmetern Abstieg. Da es noch vor 15 Uhr war, wäre das eigentlich kein Problem. Aber irgendwie waren wir müde. Und wir hatten in Mund keine Übernachtungsmöglichkeit entdecken können. Wir müssten also mal wieder Bus fahren, um überhaupt zu einem Schlafplatz zu kommen. Der Bus in Mund fuhr aber nur alle eineinhalb Stunden. Und das ganze dann am nächsten Morgen noch wieder zurück. Und außerdem war es einfach schön auf der Belalp auf etwa 2.000 Metern Höhe. Wir fragten in einem der beiden Hotels des Ortes, die im Sommer überhaupt geöffnet hatten (war wohl eher ein Ski-Ort) und bekamen das letzte freie Doppelzimmer in diesem Hotel. Wegen einer Geburtstagsfeier war das Hotel eigentlich ausgebucht, aber es hatte jemand abgesagt. Uff, Glück gehabt. (In dem anderen Hotel hätte es laut Internet nur noch Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsbad gegeben, da war uns das Doppelzimmer doch deutlich lieber.)

Wir setzten uns noch auf die Terrasse des Hotels und futterten Apfelkuchen (noch mehr Kuchen!), während das Zimmer für uns vorbereitet wurde. Den Rest des Nachmittags genossen wir dann die Ruhe in unserem Zimmer. Abends aßen wir im Hotelrestaurant sehr lecker (Spare Ribs und Lammfilet), wenn es auch mit den vielen Geburtstagsgästen etwas laut war. Die eigentliche Geburtstagsfeier mit DJ bis tief in die Nacht und so würde aber erst am nächsten Tag steigen, wir hatten also gleich zweimal Glück gehabt.

Tag 43, Teil 2 von Etappe 96 und Teil 1 von Etappe 97, von Belalp nach Ausserberg 

von Ole 

Das Frühstück im Hotel war sehr gut. Dementsprechend kamen wir gut gesättigt, u.a. mit sechs Pfannkuchen, um 09:15 Uhr los. Draußen war mal wieder weg. Hatten wir abends noch die grandiose Aussicht genossen, war vor den Fenstern morgens alles grau. Nach zehn Minuten zogen wir im wechselnd starken Nieselregen die Regenjacken an und packten die Rucksäcke ein. Die Stimmung war trotzdem magisch, Berge sind nicht nur bei Sonne schön. Die Landschaft erinnerte ein bisschen an Heide und Dünen in Dänemark, mehr als 30 Meter rechts und links sahen wir nicht.

Dann trafen wir auf die erste Suone. Diese künstlichen Wasserwege kannten wir schon aus dem Vinschgau, wo sie Waale genannt werden (und als Levada von Madeira). Das Wallis hat viele Suonen, da es schon immer eine sehr trockene Gegend war. Interessanterweise hat es dadurch weniger mit der aktuellen Trockenheit zu kämpfen als andere Regionen, jedenfalls nach Aussage unseres Bergführers. Im Wallis ist man auf Trockenheit bereits vorbereitet, weil es halt schon immer sehr trocken war.

Leicht abwärts ging es weiter, rieselndes Rauschen in der Suone neben uns. Der Nieselregen hatte aufgehört. Alles entspannt, bis wir der Ausschilderung und nicht dem Track folgten und plötzlich bergauf gingen. Die Suone dann weit unter uns. Kurzer Check der Karte, wir würden wieder auf den Track kommen. Wir gingen weiter – jetzt auch wieder bergab – und durchquerten einen verwunschenen Lärchenwald. Immer noch in den Wolken war es eine tolle Stimmung. Fröhlich sprudelnd stieß nach einer Weile die Suone wieder zu uns. Und dann startete ein sehr großer Vogel in einem Baum kurz hinter Andrea und segelte mit breit gefächerten Schwingen in die graue Suppe hinein. Ich war ja schon auf einigen Greifvogel-Flugschauen gewesen, das war unser nächster Adler. Wow. 

Im weiteren Abstieg kam die Sonne heraus und es wurde wärmer. Nachdem wir einige „Nebel-Bänke“ links liegen gelassen hatten, weil man eh keine Aussicht hatte, nutzten wir eine „Sonnen-Bank“ mit Blick über Brig und das Rhonetal für eine erste Pause.

Weiter absteigend gingen wir an Birgisch vorbei und erreichten nach einer letzten Schleife in ein Tal hinein und wieder hinaus den kleinen Ort Mund. Auf der Suche nach einem Pausenplatz fanden wir zu unserer Überraschung ein Restaurant. Das sollte es eigentlich gar nicht geben, noch nicht einmal Google wusste davon. Das nutzten wir gleich für unsere Mittagspause: ein Safranrisotto und ein großer Salatteller, beides geteilt. Mund ist nicht nur architektonisch sehenswert (viele historische Häuser), sondern auch die einzige Stadt im Alpenraum, wo Safran produziert wird.

Obwohl wir gut drei Stunden nach unserem morgendlichen Aufbruch in Mund angekommen waren, hatten wir am Tag zuvor genau die richtige Entscheidung getroffen. Wir wären zwar auch am Vorabend irgendwie noch in Mund angekommen, gut gegangen wäre es uns dabei aber nicht. 

Gegen 13:30 Uhr gingen wir weiter Richtung Ausserberg. Bis dorthin hatte Andrea die Tagesetappe geplant und dort gab es auch eine Unterkunft. Die zehn Kilometer bis dahin sollten laut Schildern gute drei Stunden Gehzeit benötigen. Und die brauchten wir auch, da es zum einen erst einmal wieder steil den Hang nach oben ging und zum anderen der Weg wieder etwas komplexer wurde und man an einigen Stellen besser mal nicht stolpern sollte.

Nach dem steilen Anstieg ging es aber zuerst flach am Hang entlang auf breiten Wegen. Wir sinnierten über das Ende unserer diesjährigen Tour auf der Via Alpina und darüber, was uns zu Hause so erwarten würde. Der Wechsel zwischen den beiden Welten war immer hart. Zwar sind wir beide froh, nach Hause zu kommen und mal wieder etwas anzuziehen, das nicht schon nach längerer Wanderung duftet. Und wir brauchen jetzt auch beide eine längere Pause, um das mit der Superkompensation noch mal zu probieren. Aber es bedeutet auch wieder deutlich weniger Zweisamkeit und mehr Fremdbestimmung. Und auch wenn im Vergleich zu unserer Tour auf der Via Alpina in 2019 die andere Welt dieses Mal nicht ganz so weit weg gewesen ist, da wir weniger auf Berghütten, mehr in Hotels und mehr online gewesen sind, ist es doch eine andere Welt, an die wir uns erst wieder gewöhnen müssen. 

Als es dann auch noch immer wärmer wurde und die Füße qualmten und quakten, wurden die letzten Kilometer lang. Wir überlegten zwischendurch sogar, direkt mit dem Bus nach Visp zu fahren und von dort schon am nächsten Tag in den Zug nach Hause zu steigen. Diese letzten Etappen fühlten sich ein wenig an, wie Kilometer abspulen. Das wir unter uns immer das Rhonetal als Verkehrsader mit immer größeren Städten sahen, half da auch nicht.

Beim Weitergehen verschwanden die trüben Gedanken dann zum Glück etwas, wir konzentrierten uns wieder auf unsere Füße und das „nicht vom Hang runterfallen“. Die Niwärch-Suone mit ihrem schwindelerregend in die Felswand gebauten Weg ließen wir aus, das war nichts für uns und die Etappe war auch so schon lang genug. So schafften wir auch die letzten Kilometer nach Ausserberg, wo wir im einzigen Hotel (am Bahnhof) am Computer Reservierung und Check-In selbst machen durften. Etwas skurril, das Hotel, schön war anders.

Die Dusche tat uns beiden sehr gut, das frühe Abendessen auch. Wenn alles klappt noch 13,7 Kilometer am nächsten Tag (hatte ich geplant) bis zum Bahnhof von Gampel-Steg, dem Ende von Etappe 97. Und von da aus schon nach Hause. In die andere Welt. 

Tag 44, Teil 2 von Etappe 97, von Ausserberg nach Gampel-Steg … und Heimreise nach München

von Ole 

Frühstücken konnten wir, wann wir wollten. War alles Self-Service, so wie das Einchecken am Vorabend. Dafür war die Auswahl beim Frühstück ganz ordentlich. Um 08:15 Uhr kamen wir los. Wir hatten uns entschieden, den halben Tag noch zu gehen und auch bis ins Tal abzusteigen, statt per Bus gefühlt „abzubrechen“. So lagen nach Planung 13,7 Kilometer vor uns. Um 14:38 Uhr würde es dann eine gute Verbindung von Gampel-Steg nach München über Visp und Zürich geben. 

Es begann wie erwartet mit einem steilen Aufstieg. Das Wetter war sehr gut, die Sonne versteckte sich die ersten anderthalb Stunden noch hinter einer größeren Wolke, was anfangs für angenehme Temperaturen sorgte.

Schnell trafen wir auf die erste Suone. An dieser entlang verlief der Weg. Dann folgte der gut ausgebaute Hangweg einer Trasse, die für den Bau der Lötschbergbahn im Jahr 1911 zu Versorgungszwecken angelegt worden war. Als die Sonne hinter der Wolke hervorkam, bogen wir in das steile Bietschtal ab, das uns wieder Schatten gewährte. Der Weg in das Tal hinein war breit und gut ausgebaut. Unter der großen Eisenbahnbrücke hindurch mussten wir an einem Warnschild erst einmal genau lesen, um zu verstehen, dass die Waldarbeiten nicht am Wochenende stattfanden. Wir konnten weiter gehen. Alternativ hätten wir diverse Telefonnummern wählen sollen, um einen der Arbeiter zu informieren, dass wir den Weg passieren wollten …

Wir überquerten den Bach des Bietschtals auf einer Naturbrücke weitere 500 Meter talaufwärts. Auf einer Bank aßen wir kurze Zeit später die letzten Erdnüsse und die letzten getrockneten Mangos. Der Urlaub ging zu Ende. Mein Rucksack wurde leichter. Andrea legte die Kniebandage an, der letzte Ruhetag war wohl zu lange her.

Auf dem Weg aus dem Bietschtal heraus mussten wir uns noch einmal ziemlich konzentrieren. Der Weg wurde zum Pfad, der Pfad war teilweise nur noch zwei bis drei Füße breit, er verlief hoch über dem Tal und der Abhang war sehr steil. Kein Wunder, dass beim Bau und Unterhalt der Suonen im Bietschtal über 100 Menschen gestorben waren – die Hänge waren sehr steil und es gab wohl dabei auch noch eine hohe Steinschlaggefahr. Wir schafften es sicher und mit kleinen Schritten und es blieben auch noch Zeit und Nerven für das eine oder andere Foto.

Kurz hinter dem Talausgang fanden wir ein kleines, niedliches Restaurant. Das war zwar nicht eingeplant, wir stoppten dennoch für einen kleinen Teller mit walliser Spezialitäten und zwei große Gläser Apfelschorle. Als es nach einer Weile um uns herum wuselig wurde, brachen wir wieder auf.

Bis dahin hatten wir keinen anderen Menschen auf dieser angeblich so beliebten Strecke getroffen. Auf dem schmalen Höhenweg, der nun Richtung Hohtenn folgte, änderte sich das. Da musste irgendwo ein Zug angekommen sein. Ständig wichen wir aus, um entgegenkommende Wanderer durchzulassen. Davon abgesehen kamen wir aber zügig voran.

Kurze Zeit später erreichten wir eine Abzweigung. Unten über die Hängebrücke für schwindelfreie, oben zum Bahnhof für alle anderen. Unsere Etappe ging unten entlang und wir waren wieder alleine. Kein Wunder, es ging abenteuerlich weiter. Hinter der Hängebrücke ging es ein paar Stahltreppen in eine Schlucht hinein, dann entlang einer Suone auf einem im Fels verankerten Stahlgerüst. Beeindruckend. Dann endete der Weg. Links ein dunkler Tunnel, rechts ein enger Durchgang in die Schlucht. Kurzer Blick die Schlucht hinunter, das war mal keine Option. Dann entdeckte ich den Lichtschalter an der anderen Seite des Tunneleingangs. Mit der Suone im erleuchteten Tunnel war es kein Problem.

Nach dem Tunnel wurde es wieder etwas abenteuerlich. Teilweise balancierten wir auf dem Rand der Suone, da half das Stahlseil an der Felswand dahinter nur ein wenig. Spannende Etappe. Schön, dass wir sie noch gegangen waren. Der Weg an der Suone entlang wurde dann wieder etwas breiter und wir kamen gut voran. Auch wenn die Sonne uns zum Abschluss noch einmal grillte. Es waren unten im Rhonetal 25°C.

Wir erreichten eine Straße und entschieden uns, auf den letzten Kilometer Suone zu verzichten und lieber etwas flacher auf der Straße ins Tal abzusteigen. So erreichten wir erst Hohtenn und nach einem weiteren Abstieg auf einem nett zwischen Häusern, Straßen und Felsen angelegten Wanderweg Gampel-Steg, das Ziel unserer Etappe und auch das Ende der diesjährigen Via Alpina.

Ein letztes Foto das Rhonetal hinauf, dann buchten wir das Zugticket, zunächst bis Zürich. Wir wollten lieber dort (als in Visp) etwas Wartezeit verbringen und dabei noch etwas essen. Es hätte auch noch frühere Verbindungen nach München gegeben, aber mit deutlich mehr Umsteigen und damit deutlich mehr Chancen, einen Anschlusszug zu verpassen. Dann warteten wir lieber etwas länger.

Andrea holte an der gegenüberliegenden Tankstelle noch zwei Säfte zum Strecken unseres Wassers und ein Eis. Ich zog mich derweil um. Die anderen Klamotten rochen zwar nur unwesentlich besser, aber sie waren wenigstens trocken.

In Visp, dem Bahnhof mit den Zug- und Busverbindungen nach Zermatt und Saas Fee, stiegen wir mit sehr vielen anderen Menschen in den IC nach Zürich. Wir hatten Glück, zwei nebeneinander liegende Sitzplätze zu bekommen. Die Fahrt nach Zürich nutzten wir zum Lesen, Schreiben und Podcast hören.

In Zürich im Bahnhof gab es für uns zu viele Menschen und zu wenig Natur. Man sah im Bahnhof nicht einmal den Himmel. Wir aßen in aller Ruhe zwei Reisbowls, machten zwei Toilettengänge (für jeweils zwei Franken!), kauften Kekse und einen Muffin, bevor wir uns in die letzte Etappe der Rückfahrt stürzten. Um 17:33 Uhr kam der EC nach München, die Wagen waren proppevoll, aber wir hatten zum Glück noch eine Reservierung bekommen. 

Am Bodensee sahen wir fast noch einmal den Anfang unserer diesjährigen Tour. Feldkirch, sechs Wochen zuvor. Wie viel ist in diesen sechs Wochen passiert? Wie viele Bergpässe haben wir überschritten, wie viele Landesgrenzen? 44 Tage Wandern, davon 6 Ruhetage, am Ende mindestens einer zu wenig. Viele Erinnerungen, viele Bilder im Kopf. Von hohen Bergen, anstrengenden Wegen, beeindruckenden Gletschern, tollen Tieren und freundlichen Menschen, denen wir begegnen durften. Und immer noch liegen 64 Etappen der Via Alpina vor uns, die wir mit der einen oder anderen Variante in naher Zukunft gehen wollen. 

Kurz nach 21:00 Uhr kamen wir am Münchener Hauptbahnhof an, um 21:30 Uhr waren wir wieder zu Hause. Auch München hatte zu viele Menschen, zu wenig Natur und war zu laut.

Wir räumten die Rucksäcke aus, weichen die Schmutzwäsche ein und verzehrten noch unseren eigenen walliser Teller als letztes Picknick dieser Tour in der Badewanne. 

Erste und einzige Gams im Aletschwald
Aletschwald und unterer Aletschgletscher im Hintergrund
Gletscher-Queen
Brücke über die Massaschlucht (die dünne Linie rechts)
Auch vorher schon sportlich
Zwei Schätze auf der Hängebrücke
Massaschlucht
Schlecküberfall von drei Ziegen
Bartgeier
Punk-Ziege
Letzter Blick zurück auf den Aletschgletscher
Suone in den Wolken
Herbststimmung
Lärchenwald = Märchenwald
Schnell kam die Suone wieder zu uns
Blick auf Visp, hinten links geht es nach Saas Fee, hinten rechts nach Zermatt
Suone mit Seilsicherung
Manchmal waren die Wege echt breit
Ausgehöhlte Holzstämme als Suone
Nicht runter gucken
Weg an steilem Hang
Schmaler Weg aus dem Bietschtal hinaus
Ziel in Sicht, vor uns liegt Gampel-Steg
Noch eine Hängebrücke
Kühn an den Fels gebauter Steig
Erleuchteter Tunnel
Hier bitte nicht stolpern
Und hier auch nicht
Und auch hier nicht
Letzter Blick das Rhonetal hinauf, wir kommen wieder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s