56. Zwei Welten

von Andrea

Wir haben auf längeren Touren häufig das Gefühl, dass wir es unterwegs mit zwei sehr verschiedenen Welten zu tun haben. Mit einer Berg-Welt und in einer Tal-Welt. Und dieses Jahr fanden wir den Wechsel zwischen diesen beiden Welten irgendwie besonders anstrengend. Und das sowohl während der Tour als auch danach, bei der Ankunft zu Hause. Anstrengender als sonst. Vielleicht, weil wir diesen Wechsel auf der Via Alpina dieses Jahr fast täglich hatten, da die meisten Etappen nicht auf Berghütten endeten, sondern in Hotels. Vielleicht, weil wir sensibler darauf geachtet haben, wie es uns ging. Vielleicht, weil wir einfach älter werden.

Wir haben viel darüber gesprochen, was da abläuft und wie wir damit umgehen können. Eine einfache Antwort haben wir nicht gefunden, aber immerhin ein paar Ideen gesammelt. Diese Ideen würden wir gern mit Euch teilen. Aber bevor wir das tun, erklären wir vielleicht erstmal, was wir mit den zwei Welten und dem Wechsel dazwischen überhaupt meinen.

Zunächst die Berg-Welt. Schweißtreibender Aufstieg zu einem Bergpass. Lahme Beine und Schnappatmung. Kurz vor dem Pass ein Blockfeld, dass natürlich nicht aufgeräumt ist. Volle Konzentration bei jedem Schritt. Fortbewegung im Schneckentempo. Wann sind wir endlich oben? Zwischendurch ein Blick auf das Wetter. Von unten ziehen Wolkenfetzen hoch. Droht etwa schlechte Sicht, was die Wegfindung deutlich erschwert? Oder gar Regen, was die Fortbewegung in dem Gelände noch herausfordernder macht? Am Pass eine kurze Pause im kalten Wind. Trotz Sitzkissen drückt mal wieder irgendwo ein spitzer Stein am Po. Das Picknick ist wie immer: Cracker, Käse, eine Hartwurst, ein Ei, ein wenig Gemüse, Nüsse, Trockenobst und Schokolade. Dann weiter wegen der Wolken. Steiler, schottriger Abstieg, wunderbar rutschig. Volle Konzentration bei jedem Schritt. Maulende Knie und Füße.

Manchmal dann irgendwann Ankunft auf einer Berghütte. Ein Trockenraum für die müffelnden Schuhe. Ein einfacher Waschraum mit kaltem Wasser für die müffelnden Wanderer. Ein einfacher Gastraum mit Holzbänken. Oft kein Handynetz, oft auch kaum Steckdosen zum Laden eines Handys. Aber fast immer eine kleine Auswahl an Spielen, Zeitschriften und Büchern. Etwas Warmes zu trinken, vielleicht ein Stück Kuchen. Abends zu einer festen Uhrzeit ein einfaches Abendessen, dabei meist keine Auswahl. Danach ein einfaches Bett mit einer kratzigen Wolldecke in einem Mehrbettzimmer. Am nächsten Tag zu einer festen Uhrzeit Frühstück mit Graubrot, manchmal auch mit ein wenig Müsli. Aber vor allem: Ein Dach über dem Kopf mitten in den Bergen. Und gleichgesinnte Menschen um uns herum.

In dieser Welt schnaufen und fluchen wir, wir schwitzen und frieren, wir fürchten uns, wir verpulvern unsere Kraft und unsere Konzentration, bis wir manchmal echt in den Seilen hängen. Manchmal ist es toll. Manchmal kann Spaß aber auch anders sein. Gute Laune ist dabei nicht garantiert. Was aber garantiert ist, ist ein ganz ursprüngliches Gefühl von Lebendigkeit. Und Ruhe im Kopf. Wir sind einfach. Ohne wenn und aber.

Dann die Tal-Welt. Nach dem Abstieg Ankunft in einem Hotel. Manchmal können wir für das letzte Stück Bus oder Seilbahn nutzen. Im Hotel bekommen wir ein Doppelzimmer mit Bad ganz für uns allein.

Am Anfang machen uns die Annehmlichkeiten der Tal-Welt meistens gute Laune. Ich finde Bus und Seilbahn toll, wenn Knie und Füße müde sind. Eine warme Dusche ist jedes Mal ein Fest. Im Hotelzimmer können wir es uns in einem großen Bett mit kuscheliger Bettwäsche bequem machen. Wir können einen Fernseher einschalten, über das WLAN Videos auf dem Handy schauen, ein Eis essen gehen und noch vieles mehr. Am Abend dürfen wir aus einer Speisekarte auswählen, was wir essen möchten. Zum Frühstück am nächsten Morgen gibt es ein Buffet mit Müsli, frischen Brötchen, Croissant, Wurst, Käse, Eiern, Marmelade. Eigentlich ist das der Hammer.

Und doch schleicht sich oft von der Seite noch etwas anderes ein als gute Laune. Etwas, für das wir kein gutes Wort gefunden haben. So eine Art „innere Unleidlichkeit“ vielleicht? Es ist uns dann unangenehm, wie unsere Klamotten riechen. Es stört uns, dass wir beim Duschen das Badezimmer unter Wasser setzen, weil die Duschkabine nicht richtig schließt. Es ist irgendwie doof, dass die Steckdose zum Laden des Handys nicht direkt neben dem Bett ist. Wir grummeln, weil das WLAN zu langsam ist, um Klettervideos zu schauen. Und warum gibt es denn Essen erst ab 19:30 Uhr, das ist doch voll spät? Abends schmollen wir, weil sich auf der Speisekarte kein Rösti findet. Dann verdrehen wir die Augen, weil der Typ am Nebentisch so laut ist. Und werden total ungeduldig, weil es nach der Vorspeise so lange dauert, bis endlich die Hauptspeise kommt. Und während wir auf das Essen warten, lesen wir noch schnell den aktuellen Wetterbericht, die Etappenbeschreibungen der nächsten Tage, die neusten E-Mails und die Nachrichten im Internet. Und uns fällt ein, was wir eigentlich alles noch machen müssen. Die eine E-Mail von vor drei Tagen beantworten. Die nächsten Etappen planen. Den Bericht von gestern und heute schreiben. Fotos für den Blog heraussuchen. Diverse Geräte laden. Und wir hätten eigentlich noch die Socken waschen wollen, die riechen doch so übel. Wenn wir später im Bett liegen und die TO DOs verweigern und stattdessen „nur“ ein Buch lesen, haben wir dabei ein schlechtes Gewissen. Und das Karussell unserer Gedanken surrt vor sich hin. Wir gehen dabei irgendwie verloren.

Wir haben uns angewöhnt, den anderen nach der Ankunft im Hotel regelmäßig zu fragen: „Bist Du noch da? Wirklich noch da?“ Wir haben Witze darüber gemacht, uns mit der Bandschlinge, die wir dabei hatten, aneinander zu binden, um damit das verloren gehen zu verhindern. Es wurde für uns zur Gewohnheit, dem anderen im Hotelzimmer zwischendurch immer mal mit der Bandschlinge zu winken als Symbol für: „Bleib hier!“ Das gemeinsame Grinsen darüber hat dann tatsächlich geholfen. Wir haben die Bandschlinge im Hotel vermutlich häufiger gebraucht als am Berg.

Wir haben unsere eigene Veränderung beim Wechsel von der Berg-Welt in die Tal-Welt beobachtet und fanden sie emotional anstrengend. Was lief da ab? Objektiv ging es uns im Tal doch eigentlich besser, oder etwa nicht?

Wir wollen nichts Schönreden. Der Wechsel von der Tal-Welt zur Berg-Welt war natürlich auch anstrengend. Allerdings anders. Muss ich jetzt wirklich diese fiesen Schuhe wieder anziehen? Und den Rucksack wieder aufsetzen? Der ist ja immer noch so schwer! Und geht es jetzt echt schon wieder bergauf? Meine Beine sind so lahm. Und meine Füße tun immer noch weh. … Dieser Wechsel war körperlich anstrengend. Aber das Gemaule hörte an den meisten Tagen recht bald von selbst auf. Verflüchtigte sich einfach irgendwie.

Um besser zu verstehen, was bei dem Wechsel von Berg zu Tal ablief, haben wir uns gefragt, was die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Welten sind. Für uns sind es die folgenden Gegensatzpaare:

  • einfach vs. komplex
  • relevant vs. banal
  • jetzt vs. später

Eine Bergtour, evtl. noch mit Übernachtung auf einer Hütte, mag manchmal hart sein und macht nicht immer Spaß. Die Welt, in der ich mich dabei bewege, ist aber – im Vergleich zu unserer modernen Welt – irgendwie einfach. Ich mache in der Regel nur genau eine Sache zur Zeit, nämlich den nächsten Schritt setzen. Oder auf dem Handy nach dem Weg schauen. Oder fotografieren. Oder etwas trinken. Wenn ich mehr als eine Sache gleichzeitig mache, falle ich auf die Nase oder irgendwo herunter, also lasse ich das lieber. Und komplexe Entscheidungen gibt es eigentlich nicht. Ich entscheide, wie ich den nächsten Schritt setze. Ob ich eine Pause mache. Ob ich etwas anziehe. So etwas Komplexes wie die Planung von Etappen, das Beantworten von E-Mails und die Auseinandersetzung mit den Nachrichten der Welt gibt es da nicht.

Dabei ist gleichzeitig ein Großteil dieser vielen einfachen Entscheidungen auf einer Bergtour für mich unmittelbar relevant. Denn es geht darum, auf mich aufzupassen. Nicht um Annehmlichkeiten, Geld oder Status. In komplexem Felsgelände ist die Entscheidung, wie ich den nächsten Schritt setze, unmittelbar relevant. Wenn ich umknicke, kann ich nicht einfach in den Bus steigen. Wann ich eine Pause mache, ist unmittelbar relevant. Mache ich meine Pausen zu spät, bin ich irgendwann zu platt, um meine Schritte noch kontrolliert setzen zu können. Und ziehe ich mir in kaltem Wind nicht rechtzeitig etwas an, kann ich schnell auskühlen und habe dann auch ein Problem. Im Vergleich dazu ist es geradezu banal, was ich am Abend esse, ob ich Klettervideos schauen kann oder ob ich die stinkenden Socken wasche.

Wir haben uns überlegt, dass wir vermutlich durch die vergleichsweise einfachen Entscheidungen mit hoher unmittelbarer Relevanz einen starken Fokus auf das Hier und Jetzt bekommen. Jegliche Ablenkung davon wird zur Nebensache. Mein Kopf hat sich bitte um den nächsten Schritt zu kümmern und auch nur darum und schon gar nicht um irgendeinen Quatsch gestern oder morgen. Und das sorgt dann für die Ruhe im Kopf. Und für das Gefühl der Lebendigkeit. Vielleicht bringen uns Bergtouren irgendwie automatisch ins Hier und Jetzt?

Und wenn wir dann ins Hotel kommen? Dann gehen genau die Einfachheit und die unmittelbare Relevanz verloren. Wir sind nicht mehr fokussiert auf genau das, was wir gerade machen und nur auf das. Wir schleichen uns aus dem Hier und Jetzt langsam davon. Dann verschwindet die Ruhe im Kopf und das Gefühl der Lebendigkeit verblasst.

Klingt das irgendwie nachvollziehbar?

Das mag jetzt zwar noch keine analytische Erklärung dafür sein, warum wir dann unleidlicher werden und irgendwie verloren gehen, aber emotional ist uns das irgendwie schon klar. Das Gefühl von Lebendigkeit füllt uns in der Berg-Welt sehr aus und hinterlässt halt eine Art Leere, wenn es verblasst. Und Ruhe im Kopf ist eh schön, deutlich schöner als ein Gedankenkarussell.

Jetzt fragen wir uns natürlich, wie wir in unserer „normalen“ Welt mehr ins Hier und Jetzt kommen können. Ein steiles Blockfeld und dunkle Wolken im Wohnzimmer sind vielleicht doch etwas zu aufwändig. Meditieren hilft, das können wir bestätigen, und machen es trotzdem viel zu selten. Klettern und Bouldern hilft uns auch. Ist vielleicht ein ähnliches Prinzip wie ein Blockfeld. Was hilft noch? Wir sind noch auf der Suche …

Kennt Ihr diesen Wechsel zwischen den beiden Welten auch? Wie geht es Euch dabei? Und was hilft Euch?

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