06. Was zu futtern?

von Andrea

Nach dem großen „ja“ für einen Trip auf dem E1 stand nun die Vorbereitung an. Brauchbare Literatur konnten wir dazu nicht auftreiben. Zum Glück findet man im Internet eine Menge Informationen zum E1. Besonders gefreut haben wir uns über diese Seite:

https://e1.hiking-europe.eu/e1/etappen/norwegen-finnland-schweden

Dank ihr wissen wir, dass es etwas über 110 Etappen von Grövelsjön bis zum Nordkap sind. Die Längen der Etappen variieren zwischen 3 und 54 (!) Kilometern. In Summe sind es gut 2.100 Kilometer. Dabei ist mit Etappe jetzt mal nur gemeint, dass es an deren Ende jeweils irgendeine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Die Betonung liegt auf „irgendeine“. Das kann mal ein Ort mit einem Hotel sein, mal eine bewirtschaftete Hütte, mal eine Selbstversorgerhütte, mal ein Notunterstand und mal auch einfach nur ein nettes Fleckchen für ein Zelt. Natürlich sind die Hotels und die bewirtschafteten Hütten deutlich in der Unterzahl.

Wir kramten eine alte Karte von Skandinavien hervor. Im Maßstab von 1:2,3 Million kann man Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland tatsächlich auf einem Stück Papier von der Größe 70 mal 100 Zentimeter unterbringen.  Auf dieser Karte suchten wir nun die Endpunkte der Etappen. Wir waren ganz zufrieden, dass wir trotz des gruseligen Maßstabs tatsächlich mehrere fanden und einzeichnen konnten. Dann lag diese Karte ausgebreitet auf unserem Esstisch und wir gingen jeden Morgen beim Frühstück auf die Reise. Das tat sehr gut und festigte die Idee in unseren Köpfen!

Der damit auf der Karte zumindest rudimentär erkennbare Weg warf sehr schnell eine entscheidende Frage auf: Wo würden wir unterwegs eigentlich etwas zu futtern herbekommen? Die Abschnitte zwischen Ortschaften mit Einkaufsmöglichkeiten waren viel zu lang!

Nach unserer Erfahrung braucht man auf einer längeren Wanderung ein gutes Kilogramm Lebensmittel pro Tag für uns beide, wenn man nicht als Gerippe ankommen will. Und zwar am besten morgens Müsli oder Porridge, unterwegs dann Trockenobst, Nüsse und Schokolade sowie gerne auch etwas Brot und abends Fertiggerichte aus der Tüte. Frisches Obst und Gemüse zu schleppen wäre illusorisch. Das Zeug hat einfach das falsche Verhältnis von Gewicht zu Kalorien. Selbst mit normalen Fertiggerichten aus dem Supermarkt wird man nicht glücklich – auch die haben nicht genug Kalorien.

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Wir haben über die Jahre diverse unterschiedliche – speziell für Trekking konzipierte – Fertiggerichte ausprobiert und haben sowohl einige Reinfälle erlebt als auch klare Favoriten gekürt. Das Zeug schmeckt erstaunlich gut … zumindest da draußen bei entsprechender körperlicher Anstrengung. Und es hat viele Kalorien, ist rucksacktauglich verpackt sowie vergleichsweise leicht. Häufig muss man nur heißes Wasser direkt in die Verpackung kippen, gut umrühren und ein paar Minuten warten. Das spart Brennstoff im Vergleich zu Nudeln oder Reis, die noch eine Weile kochen müssen. Und abwaschen muss man auch nix.

Zum Spaß ein Vergleich: Ich habe mir jeweils ein Nudelgericht von Maggi und eines von Knorr geschnappt. Die Tüten wiegen jeweils etwas über 150 Gramm. Beide enthalten angeblich zwei (!) Portionen. Für die beiden Portionen zusammen (!) hat das eine Gericht etwa 150 kcal, das andere etwa 210 kcal. Bei unserem Lieblings-Trekking-Futter wiegt die Tüte für nur eine Person zwar schon 140 Gramm, dafür enthält sie aber auch 590 kcal! Dummer Weise ist das Zeug auch etwa zehnmal so teuer wie die Tüten aus dem Supermarkt. Aber ausgerechnet beim Futter Geld zu sparen, finden wir nicht so schlau. Schließlich dürften wir auf einen Verbrauch von etwa 3.000 kcal pro Tag kommen. Da hätten wir als Futter schon gern die Trekking-Nahrung. Nur woher sollen wir die unterwegs bekommen?

Wir können für etwa zehn bis zwölf Tage Lebensmittel schleppen. Und selbst das ist in den ersten Tagen recht schmerzhaft. Und nach den zehn bis zwölf Tagen? Futternotstand? Pilze sammeln? Fische fangen? Hasen jagen? Rentiere erwürgen? Kannibalismus?

Auf den großen Weitwanderwegen der USA verschicken die Wanderer vorher Päckchen mit Proviant an Stationen auf dem Weg und holen diese dann unterwegs ab. So viel wissen wir aus Büchern. Das erscheint uns auch für den E1 eine gute Lösung zu sein. Nun ist das allerdings in den USA so etabliert, dass die Stationen inklusive der Postadressen bekannt sind und man die Päckchen ohne vorherige Abstimmung einfach abschicken kann. Bei uns sieht das etwas anders aus. Bei uns begann mit der Päckchen-Idee eine Recherche, die sich schon über Wochen hinzieht. Und die durchaus häufiger von lautem Fluchen, resigniertem Kopfschütteln, genervtem Zuklappen des Laptops und leichten Stimmungsdurchhängern gekennzeichnet ist. Denn irgendwie ist das alles komplizierter als gedacht.

Folgende Fragen stellten wir uns also: Wo ist das nächste Etappenziel, das an einer – wenn auch noch so kleinen – Straße liegt, damit es überhaupt von der Post beliefert wird? Ist dort immer jemand anwesend, der ein Päckchen für uns annehmen und dann aufbewahren kann, also ist dort ein Hotel oder zumindest eine bewirtschaftete Hütte? Und ist derjenige bereit, für zwei völlig fremde Menschen ein Päckchen anzunehmen und ein paar Monate zu lagern? Wie können wir denjenigen vorher kontaktieren und fragen? Finden wir irgendwo in den Weiten des Internets eine E-Mail Adresse? Und wie weit liegt dieses Etappenziel überhaupt von unserer letzten Päckchen-Station weg, vielleicht zu nah oder zu weit? Was machen wir, wenn die Distanzen zwischen den Päckchen-Stationen zu groß sind? …?

Und dann kamen im Laufe der Recherche noch weitere hübsche Fragen hinzu: Wie funktioniert das mit dem Zoll an der EU-Außengrenze (!) zu Norwegen? Dazu trafen wir im Internet auf diverse gruselige Geschichten über Päckchen, die am Zoll liegen bleiben und dort bis in alle Ewigkeit verrotten. Und … äh … wie verschickt man eigentlich Gaskartuschen, die ja irgendwie eigentlich Gefahrgut sind? …?

Puh … von den Antworten auf all diese Fragen sind wir immer noch ein ganzes Stück entfernt. Aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder – grmpf.

Immerhin, ein Problem werden wir nicht haben, und das ist Wasser. Das werden wir wie bisher auch da oben einfach überall direkt aus dem Bach trinken. Bisher hatten wir immer Glück. Möge das so bleiben.

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