37. Via Alpina 2022 – es geht wieder los

Sonnabend 30.07.2022, von München – Feldkirch

von Ole

Via Alpina, es geht wieder los. Endlich. 

In den letzten beiden Jahren hat uns Corona ausgebremst. Im Jahr 2020 blieben diverse Hütten geschlossen. Im Jahr 2021 durften viele Hütten wegen der Abstandsregeln nicht alle Betten bzw. Matratzen vergeben, die vorhanden waren. Da gab es für uns wenig Hoffnung auf freie Schlafplätze unterwegs, wenn wir nicht über Wochen alles vorab reservieren wollten. Und wir hätten für viele Hütten ein Bettlaken und einen Kopfkissenbezug mitbringen müssen. Damit wären die Rücksäcke noch voller (und schwerer) gewesen.

So waren wir in beiden Jahren für jeweils etwa 3 Wochen mit unserem Camping-Bus in den Alpen zum Klettern und Wandern unterwegs gewesen. War auch total schön, da gab es nichts zu meckern.

Im letzten Jahr im September war es allerdings etwas zu viel Klettern gewesen, zumindest für Andreas rechte Schulter. Eine lange Leidenszeit ohne Bouldern und Klettern begann. Eine zunächst scheinbar harmlose Schleimbeutelentzündung entwickelte sich zu einer Frozen Shoulder. Damit konnte ich den Schokoladenkuchen oben im Kühlschrank vor Andrea in Sicherheit bringen, denn dort kam Andrea für mehrere Monate mit ihrer rechten Hand nicht mehr hin, das war zu weit oben. Auch sonst ging nicht mehr viel … außer spazieren gehen. Fahrradfahren war tabu und selbst Autofahren war an einigen Tagen schwierig. Von Krafttraining, Pilates oder Yoga ganz zu schweigen. Wofür man eine Schulter alles braucht, merkt man erst, wenn selbige streikt.

Es folgten viele Arzttermine bei verschiedensten Orthopäden, Physio bei ähnlich vielen verschiedenen Therapeuten, immer wieder Spritzen und Tabletten. Für Andrea ein monatelanges Tal der Tränen. Der Entzug vom Klettern und Bouldern über so lange Zeit sorgte dafür, dass Andrea innerlich die Wände hoch ging, was dann für uns beide nicht immer einfach war. Seit Juni wird es nun endlich ganz, ganz langsam besser. Im Schneckentempo und gespickt von Rückschlägen, aber immerhin zum ersten Mal seit vielen Monaten eine Verbesserung.

So sahen wir für diesen Sommer für die Fortsetzung der Via Alpina eine Chance, was die Hütten und was unsere jeweiligen beruflichen Kalender anging, hatten nun aber die große Unsicherheit, ob Andreas Schulter durchhalten würde. (Nach einzelnen Tagestouren in den Alpen war die Schulter abends jeweils ziemlich maulig gewesen.) Keine guten Voraussetzungen für wochenlanges Wandern mit schwerem Rucksack. Aber wir mochten uns beide nicht vorstellen, was mit Andreas Stimmung passieren würde, wenn wir nun wegen ihrer Schulter auf die Fortsetzung der Via Alpina verzichteten.

So optimierten wir in der Vorbereitung, wo es nur ging. Ein neuer, leichterer Rucksack für Andrea machte den Anfang. Kleiner und fast ein Kilo leichter, was in Summe ein deutlich geringeres Packvolumen bedeutete. Dann folgte eine leichtere Kamera (etwa 800 Gramm leichter), keine Spiegelreflex mehr, aber die ersten Fotos haben uns schon gut gefallen. Braucht dafür mehr Strom und ist etwas empfindlicher. Wir werden sehen. 

Auch bei den Details haben wir diesmal deutlich mehr auf das Gewicht geachtet. Der Biwaksack blieb zu Hause, zur Sicherheit wurde ein Windsack eingepackt (200 Gramm weniger). Neben Kniebandagen, Verbandsmaterial und Medikamenten, die natürlich immer dabei sind, hoffentlich das einzige, was wir nicht brauchen werden. 

Und weitere Kleinigkeiten: Statt Zahnpastatuben nehmen wir trockene und leichte Tabletten zum Zähneputzen mit, für Andrea gibt es Flipflops als Hüttenschuhe statt Crocs (meine Sandalen als Luxus bleiben), wir nehmen beide keine Portemonnaies mit (Karten und Geld kann man auch lose in die Bauchtasche tun), und wir nehmen die leichteren Wanderstöcke.

Und so richtig mochten wir uns doch die ganze Zeit nicht auf die Tour freuen, zu unsicher waren die Zeiten. Wer wusste schon, was Corona, Andreas Schulter oder auch irgendwelchen irren Staatslenkern in Europa als nächste einfallen würde?

Also verweigerten wir auch die Vorbereitung lange erfolgreich. Erst Mitte Juli nutzten wir ein Wochenende, an dem wir zweimal mit / bei Freunden essen waren – wir also weder einkaufen noch kochen mussten – um endlich loszulegen. Hier machte sich dann unsere gesammelte Erfahrung bezahlt (schreibt er jetzt noch, bevor uns auffällt, was wir alles zu Hause vergessen haben).

Relativ schnell waren die Sachen zusammengesucht (am längsten dauerte das Wiegen, um das Gewicht optimieren zu können). Schnell waren die Rucksäcke gepackt. Ok, etwas weniger Platz war wegen des kleineren Rucksacks für Andrea schon, aber es war kein böses Erwachen. Außer für Andreas Schulter. Einen Rucksack zu tragen mag ja (hoffentlich) gehen, aber mit dem rechten Arm ständig Beutel in den Rucksack zu stopfen oder herauszuziehen, war gar nicht gut. Also neue Rolle für mich, nicht nur Muli mit dem schwereren Rucksack, sondern auch Rucksackpacker (früher wohl Kammerdiener). 

Aber das größte Kompliment geht an Andrea für die Offenheit im Umgang mit der eigenen Schwäche. Das ist wahre Stärke. (Ich hätte ihr früher nicht vorschlagen brauchen, dass ich sehr viel mehr schleppe als sie, ihr beim Auf- und Absetzen des Rucksacks helfe und sogar den Rucksack für sie packe. Da wäre ich nicht lebend aus dem Raum gekommen.)

Und wie war das noch mit den GPS-Tracks für die Via Alpina? Wie kommen die aufs GPS-Gerät und aufs Handy? Zum Glück speichern unsere Gehirne manchmal auch unnötige Informationen lange ab, um sie dann wieder bereit zu haben, wenn sie gebraucht werden. Und zum Glück machen mir manchmal stupide Aufgaben nicht viel aus, wie zum Beispiel 55 GPS-Tracks aus dem Internet einzeln herunterzuladen und in zwei Apps reinzuladen und mit zwei Handys zu replizieren und die ersten Etappen dann auf die Handys herunterzuladen. Vor allem dann nicht, wenn ich dabei zu meinem Schatz schauen kann, der immer noch ein Kleidungsstück mehr mit Waage gewichtstechnisch optimiert.

So konnten wir am Sonntag (des Vorbereitungswochenendes) sogar schon mit der Hüttenplanung anfangen. Da die letzten beiden Wochen vor dem Start der Tour vollgestopft waren und beruflich stressig werden würden, sah der Plan vor, am Sonnabend, den 30. Juli entspannt die letzten Dinge zu erledigen, am Nachmittag nach Feldkirch zu fahren (die direkte Bahnstrecke über Bregenz ist wieder offen), in einem netten Hotel zu übernachten (Andrea hätte sogar das Zimmer mit Whirlpool auf dem Dach genommen) und am Sonntag entspannt zur Gafadurahütte aufzusteigen. Also riefen wir zuversichtlich bei der Hütte an: „Wir hätten gerne zwei Schlafplätze von Sonntag auf Montag.“ „Da sind wir ausgebucht, entweder die Nacht davor oder danach ist noch was frei.“ „Äh … ups.“

Ja, wir wussten, dass das passieren würde, vor allem am Anfang, wenn noch alle Bundesländer Schulferien haben. Aber gleich am ersten Tag?!

Wir telefonierten weiter und stellten eine Planung für die erste Woche auf. Losfahren dann doch schon am Sonnabendmorgen, ab mittags dann noch 1.200 Höhenmeter Aufstieg zur Gafadurahütte (hat meinen Beinen jemand was von dem Gewicht des Rucksacks erzählt?), dafür am Montag den ersten Ruhetag in einem Hotel (das Alter…). Und die Buchungen bereits zwei Wochen vor dem Start waren nur möglich, weil wir so schnell im Planen und Packen gewesen waren, so dass wir an dem besagten Sonntag noch etwas Zeit dafür hatten. Wer weiß, ob wir später noch freie Betten für die erste Woche gefunden gefunden hätten.

Die nächsten beiden Wochen waren dann tatsächlich vollgestopft und etwas stressig. Das vor allem auch wegen der „kleinen“ Baustelle, die wir uns mit der Badrenovierung noch aufgehalst hatten. 

Finales Packen gab es am Donnerstagabend nach langen Arbeitstagen. Es gab auch nur noch zwei kleine last minute Änderungen bei dem, was so mitkommen sollte. Freitagabend dann die letzten Aufräumarbeiten (Aufessorgien), damit wir früh am Sonnabend aufbrechen konnten.

Es gab am Sonnabend morgens noch einmal in Ruhe einen Tee, bevor wir die letzten Stecker zogen (Ladekabel Handy etc.), die Wasserflaschen füllten (auch eine weniger als sonst) und die Rucksäcke aufsetzten. Um 08:30 Uhr stiegen wir in die S-Bahn. Um 08:55 Uhr fuhr der Zug der SBB pünktlich am Hauptbahnhof ab. Bei mir kam jetzt das erste mal richtige Vorfreude auf.

Die Fahrt nutzten wir für letzte Job-Mails und erste Schreibübungen. Wir stiegen fast pünktlich in Bregenz um und waren – ebenfalls fast pünktlich – 30 Minuten später in Feldkirch. Die Rucksackdichte bei den anderen Fahrgästen um uns herum nahm immer mehr zu (es waren sogar recht viele mit Helm und Eispickel unterwegs … haben wir was vergessen?). Wir fühlten uns in sehr guter Gesellschaft. Und Berge gab es auch schon viele zu sehen.

Ganz wichtig bei all den kleinen und großen Unsicherheiten war und ist es uns, achtsam auf unsere Körper zu hören und Schultern, Knie und Füße nachhaltig zu belasten. Das wird mehr Ruhetage bedeuten und vielleicht auch ein früheres Ende. Was auch immer es sein wird, wir werden gemeinsam das Beste daraus machen. Auf uns und aufeinander hören.

„Achtsam und gemeinsam“ ist unser Motto für diese Tour.

An der einen oder anderen Stelle werden uns die Ruhetage auch im Job helfen. Bei uns beiden ist gerade viel los und wir wollen unsere Kunden und Kollegen nicht wochenlang im Stich lassen. Auch das erfordert eine gute Balance, bei der wir uns gegenseitig helfen werden.

Und schließlich sind wir sehr dankbar, dass es uns in dieser Zeit – mit so viel Unsicherheit auch in unserem vermeintlich sicheren Europa – möglich ist, endlich weiterzugehen. Wieder in diese andere, soviel einfachere, auf das Wesentliche reduzierte Welt einzutauchen, die uns immer wieder so viel gegeben hat.

Via Alpina, es geht wieder los.

2 Gedanken zu “37. Via Alpina 2022 – es geht wieder los

  1. Ihr Lieben,
    Wie schön, dass es wieder losgeht!!!
    Wir drücken Euch ganz fest die Daumen, dass…
    … der Wettergott Euch hold ist
    … sämtliche Gelenke halten (ohne großes Murren und Maulen)
    … die Hütten immer ein freies Plätzchen für Euch haben (notfalls auch mit Whirlpool oder Dampfbad ☺️)
    … und die Ruhetage nicht allzuoft/-viel Arbeit verlangen und vor allem
    … dass Ihr eine wunderbare Zeit habt und gesund wiederkommt!
    Wir freuen uns schon auf den nächsten Bericht.
    Liebe Grüße Sonja und Andreas

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