38. von Feldkirch nach Triesenberg

Tag 1, Etappe 56, von Feldkirch zur Gafadurahütte

von Ole

Google Maps lotste uns vom Bahnhof durch die hübsche, dank Markttag wuselige Innenstadt von Feldkirch direkt zum Glashaus Cafe. Nach so einem Kilometer darf man schon mal die erste Pause machen. Wir bekamen einen Tisch im Schatten, zwei Salatteller, zwei Gläser Zitronenwasser und einen Cappuccino.

Ziemlich überraschend bekamen wir dann auch den ersten kräftigen Regenschauer des Tages. Da hatte sich Charlie wohl geirrt. (Dr. Karl Gabl, von internationoalen Bergsteigern Charlie genannt, war unser Synonym für den Alpinwetterbericht. Er war bis vor einigen Jahren der Leiter des ZAMG in Innsbruck gewesen, welches den Wetterbericht u.a. für die Seite des DAV herausgibt). Die Sonnenschirme hielten zum Glück auch etwas Regen ab.

Nach 20 Minuten war der Spuk vorbei und wir schulterten die Rucksäcke. Es ging leicht bergauf. Jetzt führte uns die DAV App mit dem heruntergeladenen Track. Wie üblich war in der Nähe von Orten die Ausschilderung etwas dürftig. Schnell waren wir in einer aufgelockert bebauten Landschaft und schnell sahen wir auch den ersten großen Huckel auf dem Weg zur Feldkircher Hütte. Da rauf? Sah ganz schön steil aus. Wir bogen dazu noch einmal falsch ab und nahmen den Gaissweg (der Name war Programm) statt des Kuhsteigs (der allerdings auch nur unwesentlich länger war und damit ähnlich gewesen sein dürfte).

Wir keuchten ganz schön und genossen bald die erste Trinkpause. Danach war mein Rucksack um ein gutes Kilo leichter. Zwischendurch gab es immer mal wieder kleine Regenschauer, die uns im Wald aber nicht störten. Die Holzfällarbeiten waren zum Glück rechts von uns und so stiegen wir Stück für Stück höher. Ca. 300 Meter vor der Feldkircher Hütte öffnete der Himmel dann seine Schleusen. Leider war es immer noch ziemlich steil und der Hang unter unseren Füßen verwandelte sich in Schmierseife. Wir erreichten heil aber ziemlich nass die Hütte. Wir bekamen eine heiße Zitrone und eine Mangoschorle und konnten wieder ein wenig trocknen.

Als der Schauer nachließ, zogen wir uns und unseren Rucksäcken die Regenjacken an und gingen weiter. Gut, dass wir solche Situationen schon oft genug erlebt hatten, um uns nicht von dem Wetter aus der Ruhe bringen zu lassen. Ab der Hütte führte ein breiter Forstweg weiter bergauf, zum Glück deutlich weniger steil und angenehm zu gehen. Nach kurzer Zeit kam die Sonne wieder heraus und dünstete uns allmählich in unseren Regenjacken. Eine weitere Trinkpause später (wieder ein Kilo weniger in meinem Rucksack) zogen wir die Regenacken wieder aus. Es folgte ein letzter Anstieg und dann schießlich 200 Höhenmeter Abstieg zur Gafadurahütte. Am Sattel dazwischen überquerten wir die Grenze zwischen Österreich und Liechtenstein. Kurz vor 18:00 Uhr erreichten wir die Hütte, eine sportliche Halbtagestour mit 15 Kilometern und 1.200 Höhenmetern.

Wir bekamen zwei Plätze im Lager, durch dünne Holzwände von den anderen Plätzen getrennt, und breiteten uns aus. Nach kurzem Frischmachen gab es Abendessen in netter Gesellschaft. Ein junges Pärchen aus Dornbirn und ein Schweizer aus dem Berner Oberland, der vor einem Jahr seinem Job gekündigt hatte und seitdem unterwegs war. Erst von München nach Venedig, dann den Jakobsweg und jetzt seit Anfang Juni die Via Alpina. Da gab es viel auszutauschen. Beim Essen waren Salatteller und Bananensplit lecker, die Hauptspeise mit Knöpfle, Rotkohl und einem Stück Kassler fiel deutlich ab. Ich hätte lieber das Gröstl gehabt, das die Verwandschaft der Hüttenwirtin bekommen hatte.

Gegen 20:00 Uhr fielen wir ins Bett bzw. ins Lager. Nach drei Seiten lesen machte ich das Handy aus und schlief ein.

Tag 2, Etappe 57, von der Gafadurahütte nach Triesenberg

von Andrea

Über die Etappe dieses Tages hatten wir schon einiges gelesen und mehrfach diskutiert. Man konnte ab der Gafadurahütte über die Gipfel der Drei Schwestern gehen oder drumherum. Später wartete der Fürstensteig, der sehr luftig und ausgesetzt und dabei angeblich sehr gut gesichert durch eine Felswand führen sollte. Für diesen Steig gab es eine Umgehung, falls man nicht schwindelfrei sei. Wie sollten wir diese Etappe angehen?

Die Gipfel der Drei Schwestern hatten wir am Tag zuvor gesehen. Sah für uns nach Gipfeln aus, zu denen das Wort „gehen“ irgendwie gar nicht passte, sah mehr nach „klettern“ aus. Also drumherum. Am Abend zuvor hatte ich das Pärchen aus Dornbirn gefragt, wie der Fürstensteig sei, denn die beiden waren von dort gekommen (und auch über die Gipfel der Drei Schwestern). Der Steig sei zwar ausgesetzt, aber sehr gut gesichert und daher gut machbar. Ich meinte, ich sei sehr schissig. Die Frau meinte, das sei sie auch, der Steig sei ok.

Daraus lernten wir am nächsten Tag zwei Dinge. Erstens: Es gab deutlich verschiedene Ausprägungen von „schissig“. Zweitens: Man muss schon die richtigen Fragen stellen, wenn man brauchbare Antworten haben will.

Zunächst einmal mussten wir aber nach dem Frühstück die etwa 200 Höhenmeter wieder rauf, die wir am Abend zuvor abgestiegen waren. An diesem ersten Anstieg war mit unseren Beinchen noch alles in Ordnung und wir fühlten uns großartig.

Dann ging es links um die Drei Schwestern herum (auf keinen Fall oben rüber). Dabei immer schön weiter bergauf, stetig steiler werdend. An einem älteren Steinhaus machten wir auf einer Bank eine Pause. Ole plagte seit Tagen Durchfall, was in Verbindung mit Anstrengung und dem Druck des Rucksacks nicht besser wurde. Da musste dann schnell mal eine stille Ecke gesucht werden.

Wir schauten den Hang vor uns an. Sah steil aber machbar aus. Und wir mussten doch da oben über den Sattel, oder? Und nach dem Sattel dann scharf links, oder? Komisch, sah gar nicht nach 350 Höhenmetern aus bis zum Sattel, eher so nach 200 Höhenmetern. Aber vielleicht musste ich auch meinen Blick mal wieder eichen.

Wir schnauften los. Neben uns die felsigen Gipfel der Drei Schwestern. Hinter uns weitete sich der Blick immer mehr. Es war wunderschön. Nur halt schnaufig.

Auf dem Sattel die Überraschung. Es ging auf dem Sattel links ab und direkt auf einen recht steilen Felsaufbau zu (Garsellakopf). Wir sahen Wanderer in dem steilen Gelände über uns. Da rauf? Echt jetzt? So kamen also die 350 Höhenmeter zustande.

Ok, wir kamen da gut hoch – mit noch mehr schnaufen und mit einem leicht mulmigen Gefühl. Das Gelände war eine andere Hausnummer als bisher. Und wurde nach dem vorläufig höchsten Punkt noch wilder. Es ging noch steiler wieder runter, als es vorher rauf gegangen war, über hohe Stufen, teilweise sehr ausgesetzt, teilweise mit Drahtseilen gesichert. Ein Fehltritt an der falschen Stelle und man wäre weg gewesen. Unsere Nerven litten ziemlich. Und meine Schulter auch. Ständig musste ich mit rechts irgendwo abstützen oder festhalten. Alles Bewegungen, die eigentlich tabu waren und normaler Weise die Schmerzen verschlimmerten. Aber sich nicht festzuhalten war so absolut gar keine Option.

Der abenteuerliche Abstieg schien kein Ende zu nehmen. Dabei war er gar nicht so lang, keine 100 Höhenmeter, für die wir aber eine gefühlte Ewigkeit brauchten. Als die Schwierigkeiten endlich zu Ende gingen, kam uns eine Horde gut gelaunter junger Männer entgegen. Etwas entgeistert ob der Schwierigkeiten fragte ich, ob das schon der Fürstensteig sei. Nein, der komme viel später. Und sei auch viel einfacher.

Ok, und was fragen wir beim nächsten Mal jemanden beim Abendessen, der den Weg gerade gegangen ist? Können wir bitte fragen, ob es unterwegs irgendwelche heiklen Stellen gibt und nicht bloß, ob ein kurzer Teil darin heikel ist? Wobei, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nur schlecht geschlafen und es eh nicht ändern können. Dieser Abschnitt hätte sich nicht einfach umgehen lassen.

Nach dem sehr steilen Abstieg folgte noch mal ein super steiler Aufstieg – immer noch sportlich, aber deutlich einfacher – dann saßen wir mit unseren etwas zerfledderten Nerven unter einem Gipfelkreuz des Kuegrats und durften durchatmen. Wir hatten beide die Panik im Zaum halten können und darauf durften wir stolz sein. Vor allem, wenn wir uns den Weg anschauten, den wir gerade gegangen waren. Ich bekam bei dem Anblick schon feuchte Hände. Und Ole durfte besonders stolz sein, dass er so schwierige Passagen mit einem so schweren Rucksack gemeistert hatte.

Nach einer Pause – wir waren beide so angespannt, dass wir kaum essen mochten – ging es weiter. Zum Glück jetzt deutlich einfacher und mit einer genialen Aussicht auf eine wirklich wunderschöne Bergwelt. Das waren sehr beeindruckende Wände und Gipfel um uns herum. Da waren wir wieder sehr zufrieden. Aber es sollte ja noch der Fürstensteig kommen …

Als wir uns der Gabelung zwischen Fürstensteig und Umgehung desselben näherten, starrte ich völlig entgeistert auf den steilen Zickzack-Anstieg der Umgehung. Ich hatte beim Blick auf die Karte vorher die Zickzack-Linie gesehen und gedacht, sie führte bergab. Liebe Andrea, vielleicht lernen wir irgendwann mal, beim Kartenlesen auf die Zahlen an den Höhenlinien zu achten?

Da noch rauf? Mit meinen mittlerweile völlig lahmen Wackelpudding-Beinen? Hoffnungsfroh fragte ich ein älteres Paar, das uns in Halbschuhen (!) aus Richtung des Fürstensteigs entgegen kam, ob sie mir den Steig beschreiben könnten. Der sei schon heftig, meinte die Frau. Der Mann veranschaulichte die Breite des in den Fels geschlagenen Steigs mit seinen Händen. Ich sah auf seine Hände. Ich sah runter auf die Breite meiner Füße. Ich beschloss, dass meine Wackelpudding-Beine den Anstieg schaffen würden. Ich hatte an dem Tag schon genug die Hosen voll gehabt.

Als wir endlich oben waren, waren wir beide völlig platt. Uff. Warum macht man sowas doch gleich nochmal?

Dann wackelten wir langsam runter Richtung Gaflei. Jetzt waren endlich alle Schwierigkeiten vorbei. Dass Ole dann auf einer breiten Schotterstraße wegrutschte und der schwere Rucksack ihn dabei so aus dem Gleichgewicht brachte, dass er fast seitlich in einen Wiesenhang geflogen wäre, hat uns wieder gezeigt, dass man sich bis zum Ende konzentrieren muss. Und dass viele Unfälle dann passieren, wenn man die schwierigen Passagen hinter sich hat.

Der erhoffte Bus in Gaflei fuhr nicht bzw. erst in über einer Stunde. Nee, oder? Noch 5 Kilometer unter mittlerweile sengender Sonne und über Asphaltstraßen zum Hotel. Übel. Da half es, uns daran zu erinnern, dass wir solche Touren machten, um uns eben immer wieder überraschen zu lassen und damit dann irgendwie sinnvoll umzugehen. Diese Überraschung wurde sehr, sehr zäh. Zum Glück kamen wir nach etwa 3 Kilometern an eine Abzweigung, ab der es eine zweite Buslinie gab. Wir nutzten unsere Chance und ließen uns den Rest fahren.

Ein Wahnsinns-Tag (und das schon an Tag 2!), der eigentlich wunderschön war, nur ein kleines bisschen zu heftig, und der mit einer Dusche und einem Abendessen im Hotel sehr entspannt endete.

Tag 3, Ruhetag in Triesenberg

von Ole

Die Nacht war nur von häufigen Toilettengängen unterbrochen, wir hatten unseren Flüssigkeitspegel abends wieder aufgestockt. Entspanntes Aufstehen und Frühstück so gegen 08:00 Uhr. Dann Lesen und Schreiben und Bloggen. Mir ging es nicht so gut, ich war einfach platt und der Kopf leer. So ließen wir unser Muskeln ihre Superkompensation machen und sorgten dafür, sie dabei nicht zu sehr zu stören. Am späten Vormittag ein kleiner Einkauf im Laden gegenüber vom Hotel. Mittag gab es nicht im Gasthaus Edelweiß 100 Meter entfernt, die hatten Betriebsurlaub, sondern im Hotel. So gab es noch einmal die überbackene Zucchini und einmal gebratenen Lachs. Dann Mittagsschlaf, Andrea plante etwas voraus und reservierte die nächste Hütte nach unserem nächsten Ruhetag. Wir schafften es, uns über unterschiedliche Beschreibungen der Schwierigkeitsgrade der nächsten Etappen (von blau über rot bis schwarz) nicht aufzuregen. Ich arbeitete ein bisschen als es dem Kopf langsam besser ging.

Obwohl ich keinen Hunger hatte, gab es noch Abendessen, tatsächlich mit leicht veränderter Tageskarte, so dass es nicht dreimal Zucchini gab. Und der Appetit kam beim Essen, Treibstoff für morgen, Reparaturhilfe für die Muskeln.

Kurz vor dem Café in Feldkirch
Wir brauchten die Regensachen schon am ersten Tag
Aber zum Glück nicht lange, die Sonne lachte bald wieder
Im Hintergrund der Felsaufbau der Drei Schwestern
Abendstimmung an der Gafadurahütte
Schon auf dem Weg Richtung Drei Schwestern gab es …
… die eine oder andere interessante Stelle auf dem Weg
Pause … uff. Rechts im Hintergrund der Sattel, für den irgendwie die Höhenmeter nicht passten.
Was daran lag, dass es auf dem Sattel scharf nach links ging und dann weiter rauf.
Blick zurück auf die Drei Schwestern
Sportliche Wegpassagen im steilen Abstieg
Fehler waren in diesem Gelände Tabu
Schön die Nerven behalten
Hier war es dann wieder entspannt
Der Blick zurück auf den (sportlichen) Weg, den wir zurückgelegt hatten
Ein letzter steiler Anstieg zur Umgehung des Fürstensteigs
Zum Glück gab es oben eine Bank zum Durchschnaufen
Der lange Weg zum Hotel auf der Straße …
… war dann zum Abschluss etwas zäh

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